Wie im nachfolgenden Artikel bereits angedroht, können wir nunmehr mit der Set-List vom Zeltinger-Gig in Jüchen (Redhot) dienen. Unseres Erachtens ist sie sehr ausgewogen ausgefallen. Die Band bot mit ihrem Mix aus purem Rock'n'Roll, trittgewaltigen Heimatliedern und melancholischen Shanties Unterhaltung für die ganze Familie.
Wie wir aus geheimer aber absolut zuverlässiger Quelle wissen, ist der Tuntensong wegen der "Sprachbarriere" zwischen Jüchen und Köln vorsichtshalber aus dem Programm geflogen. Das ist nachzuvollziehen, denn was uns Rheinländer am meisten voneinander unterscheidet, ist eben doch die gemeinsame Sprache.
Für die Ewiggestrigen: Auch und gerade die neueren Stücke entpuppten sich live als echte Killer. Irgendwann kapiert ihr das auch, denn morgen ist heute schon gestern.
Setlist:
1. Mallorca, 2. Panzerfahrer, 3. Loui Loui, 4. Schleimig, 5. Politoxologie, 6. Junge komm bald wieder, 7. Straßenstrich, 8. Sozialamt, 9. Ich bin ne Schlampe, 10. Leck mich, 11. Asi mit Niwoh, 12. Frittebud, 13. 18 Jahr, 14. Bekloppt, 15. Knochen, 16. Nie Diät, 17. Entzoch, 18. Exibitionist
Zugabe: 19. Wandersmann, 20. Müngersdorfer Stadion
2. Zugabe: 21. Styverhof
Weil wir es nicht auf die Kette bekommen haben, zur Show einen anständigen Fotoapparat mitzunehmen und außerdem zu feige waren uns bis in die ersten Reihen vorzuwagen, stellt uns Sten Rüdrich aus Mitleid einige seiner brillanten Fotos zur Verfügung. Weil er die kaum hinbekommen konnte, ohne sich mitten in die tobende Menge zu begeben, wird er seinen mutigen Einsatz mit einem schönen Ensemble an Hämatomen und Prellungen bezahlt haben. An dieser Stelle, gute Besserung und danke für die Unterstützung Sten.
Woran ist auszumachen, wenn sich Zeltinger irgendwo einfindet? An den massenhypnotischen "Jürgen! Jürgen! Jürgen!"-Rufen, beispielsweise. Die erklangen bereits kurz nach 21:00 Uhr in Jüchen, dem allseits bekannten Städtchen im Rheinkreis Neuss, direkt neben einem der größten Löcher der Welt.
Zuerst war zweifelhaft, ob es gelingen sollte, in dem ungemütlichen Club mit seiner schauderhaften Bistroatmosphäre wenigstens so etwas Ähnliches wie Stimmung zu generieren. Aber schließlich kam ER, so gegen 22:00 Uhr, leibhaftig in voller Kleinheit, aber mit unglaublichem Körpervolumen, der ungekrönte König des Westdeutschen Schmuddelrocks, die Kölner-Subszenen-Schlampe, niemand geringeres als Jürgen Zeltinger persönlich. Mit seinen locker 30 Jahren Bühnenerfahrung und bestimmt 3,5 Zentnern Lebendgewicht verwandelte ER das verschlafene Nest für eine Nacht in das Mekka des intellektuellen, niederrheinischen Prekariats.
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Zeltingers Musik war immer von zwei verschiedenen Sounds bestimmt. Einerseits feierte ER seine größten Erfolge mit klassischen Rockstücken wie Müngersdorfer Stadion oder Asi mit Niwoh. Aber es gab auch einen anderen Zeltinger. Nämlich den, der mit knallhartem Heavysound derbe Songs wie Das Virus oder Overkill in die Ionosphäre ballerte. An diesem Abend wurden alle Unterschiede egalisiert. Die Gitarren lärmten so brachial wie Schneidbrenner der "Rheinbraun AG". Aus welcher Epoche das Stück auch immer stammte - waschechter Heavy-Rock, so vehement wie ein Erdbeben, donnerte aus der PA, mit einem BMI der gegen den Endpunkt der Richterskala strebte.
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Jürgen selbst thronte über weite Strecken des Gigs mit der Bräsigkeit eines Jabba des Hutten auf einem Hocker im Mittelpunkt der Bühne. Von dort dirigierte ER gekonnt seine Band. Immer wieder griff ER dabei zur Luftgitarre, die ER virtuos direkt auf seinem Bauch bediente. Voller Inbrunst besang ER so die inneren Konflikte des stadtbekannten Exhibitionisten, die Leiden des Bittstellers beim Sozialamt und die Vorfreude des Turbotrinkers auf die feucht-fröhliche Zeit nach dem Entzug. ER erzählte keuchend die beklemmende Geschichte des Panzerfahrers von der größten deutschen Division, definierte den psychotischen Zustand "Bekloppt" und referierte über seine Erfahrungen als "Asi Mit Niwoh". Einem Goldkehlchen gleich intonierte ER zwischendurch zart und im zitternden Schwuchtelfalsett das gesellschaftskritische Schleimig.
Immer wieder ging ER während der Show mit verblüffendem Einfühlungsvermögen auf die Zuschauer ein: "Jetzt halt doch mal endlich dinge Fresse!"
"Watt? Du biss ene Asi! Ich ben och ene Asi, aber ene mit Niveau!"
Ganz ehrlich, der Besuch der Show hätte sich bereits alleine wegen der "Ansagen" gelohnt. Auch wenn Jürgen nur erzählt hätte, wäre der Abend ein voller Erfolg gewesen.
Klar pöbelte Jürgen Zeltinger rüde herum. Aber ER war nie böse dabei. Im Gegenteil! Augenzwinkernd brillierte ER in seiner Rolle als die Ikone des schlechten Geschmacks.
Wie sehr ER das Publikum in der Hand hatte, zeigte sich als Schlagzeuger Robbie Vondenhoff alleine auf weiter Flur damit begann, die Bassdrum zu bedienen. Spontan johlten alle Mein Vater war ein Wandersmann. Bestimmt sieben Mal hintereinander. Im Gegensatz zum Deutschlandlied konzentrierte man sich in Jüchen allerdings nur auf die erste Strophe des Volksliedes. Natürlich wussten alle, was nun drohte: Der Zeltinger-Song schlechthin, Müngersdorfer Stadion, schlachtete alle vielleicht immer noch vorhandenen Zweifel dahin.
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Nach knapp 105 Minuten war ihm der Abgang zu gönnen. Jürgen konnte nicht mehr. Seine Band auch nicht und das Publikum auch nicht. Mag man anderen Truppen Drückebergertum vorwerfen können, Zeltinger nicht. ER war an seine Grenzen gelangt. Es hatte ihm mächtig Spaß bereitet und allen anderen auch. Wie sehr würden wohl die Herren Niedecken oder Westernhagen von dem Besuch einer Zeltinger-Show profitieren. Dann wüssten sie, was so alles gehen kann!
PS: Ursprünglich war dieser Artikel nicht geplant. Allerdings war Jürgen samt Band so überzeugend, dass dieser Abend im HoR erwähnt werden muss. Entschuldigt deshalb bitte die mäßig improvisierten Fotos. Wir haben den Webmaster der Bandseite per Mail um die Setliste gebeten. Dieser Knilch hat bisher aber noch nicht geantwortet. Falls wir sie noch bekommen sollten, schieben wir sie in einem Update natürlich nach.
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Was uns sonst noch aufgefallen ist: Gitarrist Stephan Neumeyer glich am Ende der Show dem Hitman Bret Hart nach einem Handicap-Match gleichzeitig gegen Hogan, Goldberg und Big Van Vader. Zeltingers Ode an den 1. FC. Köln fand keine Resonanz. Hätte Jürgen das verkohlte Jüchen nicht mit dem verstrahlten Jülich verwechselt, hätte er gewusste, dass er sich in VFL-Mönchengladbach-Country befindet.
Einige Irre sind bei neueren Stücken regelmäßig verschwunden, um noch dichter als zuvor bei den Balladen aus ihrer Jungend vor die Bühne zu schwanken und mit grobmotorischen Fehlleistungen zur allgemeinen Belustigung beizutragen. Basser T.S. Crusoe war an diesem Tag nicht ganz Sattelfest. Weder in der Tonlage noch im Text. Jürgen verbrauchte in Wahrheit an diesem Abend zwei Hocker. Der erst ist unter der Last der Verantwortung zusammengebrochen.
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