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Konzertbericht:
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Vor dem Vergnügen erst die Wasserstandsmeldung. Daran hat sich der Konzertberichtleser bei mir zu gewöhnen. Diesmal auf dem Programm: "München, die Stadt der unbegrenzten Eintrittspreise". So, jetzt aber zur Arbeit. Die Vorband THE LIZARDS hat ein recht bekanntes Printmagazin mit Zielgruppe 60ies bis 80ies vor einiger Zeit als "Southern Rock..." bezeichnet und damit einen netten Bock geschossen, denn die von denen gemeinten schreiben sich ohne "The" am Anfang und ohne "s" am Schluss und sind im Home of Rock hier zu finden.
Brüllend laut, trotzdem toller Sound (wie immer im Backstage - allerfeinste Anlage!), brettharte Drums, fette Gitarre, Bass mit sechs Saiten und Extra-Druck und dazu Garner als zu klein für sein Gewicht geratener Hochtöner, der mich intonationstechnisch immer mal wieder an Leslie West erinnerte. Nicht der begnadete Shouter, aber ein guter Performer und ausdrucksstarker sympathischer Sänger. In den frühen 70ern hat er mit den New Yorker Ur-Metallern SIR LORD BALTIMORE ein Album eingesungen. Und irgendwie klingt die Musik der LIZARDS auch nach Ur-Metal: langsam, hart, schwerfällig dahinkriechend, eindringlich, bluesig, manchmal leicht funky, hypnotisierend. Na, dämmert es? Von was reden wir denn hier? Klingt doch wie der derzeit von x-Hundert Jungspunden versuchte Stoner Rock. Ja ja, meine Damen und Herren, man könnte auch Stoner Rock zu dieser Musik sagen. Ich nenne es auch weiterhin guten alten Heavy Rock. Wenn's genehm ist.
Drei CDs hat die Band in den letzten Jahren gemacht und sie sind trotzdem eigentlich eine Liveband. Auf der Bühne kommt diese Art von Musik nunmal bedeutend besser als im Studio. Und auf der Bühne tauchen in der guten Stunde Programm denn auch alle Geister der Vergangenheit der Reihe nach auf. Von Hendrix über CREAM, SABBATH, PURPLE und immer wieder URIAH HEEP. Gut, über die Kleidungs-, Schuh- und Frisurenfrage könnte man durchaus diskutieren, aber mir sind gestandene Rocker in 70ies Verkleidungen lieber, als nölende britische Mamasöhnchen, die zwanghaft versuchen wie die Beatniks der Sechziger auszusehen und dazu Pipimusik (auch Brit-Pop genannt) machen.
Ich denke, den meisten Konzertbesuchern ging es wie mir, sie kannten den Großteil des Sets nicht. Und dennoch war die Resonanz ausnehmend positiv. Mir hat es auch bestens gefallen, nur ein klein wenig zu slow war es mir. Ein, zwei nette Fetz-Rock'n'Roller täten zwischendurch gut. Trotzdem, THE LIZARDS sind eine echte Bereicherung im modernen Retro-Zirkus, haben über jeden Zweifel erhabene Musiker (Patrick Klein hat das Zeug zum echten "Guitarhero") und nerven trotz aller Vergangenheitszitate nicht mit altbackenem ich-walze-jetzt-noch-den-letzten-Clapton-Ton-bis-zum-Erbrechen-aus Getue. Stellt Euch einfach die oben genannten Bands in moderner Version plus ein paar Zutaten von beispielsweise den BLUES TRAVELLERS vor und Ihr habt eine ungefähre Beschreibung dieser Band.
Höhepunkt war natürlich das Schlagzeugsolo von Vinnie, bei dem zum Überfluss noch Brother Carmine hinter sein eigenes Set kletterte. Oh Mann, das hat aber auch so was von gerummst bei den beiden. Interessanterweise klang Carmine vom Tuning her nicht so brachial wie Vinnie, aber in Punkto Schlagkraft geben sie sich überhaupt nichts. Zwei wahre Tiere. Der eine (Vinnie) mehr oder weniger reduziert auf Metal-Drumming mit Megagroove, der andere groovt mega und macht aus seinem Metal-Getrommel einen Showcase für angehende Zirkusartisten und gleichzeitig Berufsberatung für Jung-Mucker: Üben üben, üben! Und wenn es dann nix wird, lasst es besser bleiben. Grandios! Nun aber zu VANILLA FUDGE. Um es gleich und unmissverständlich zu sagen, dieses Konzert war einfach nur geil! Zu meiner Überraschung war der Sound zu Beginn sogar leiser (und leider nicht ganz so sauber) wie bei THE LIZARDS, das hat sich aber ganz schnell reguliert und nach dem bösen Anwärmer Good Good Lovin' kam die Walze zum dampfen. Liebe Güte, so druckvollen Hardrock hat man aus dieser Altersklasse seit mindestens 20 Jahren nicht gehört (und damals waren die Protagonisten alle noch viel jünger).
Bill Pascali übernahm einen Großteil des Gesangs, wurde aber von den drei anderen des öfteren abgelöst und fast immer unterstützt. Klar, manchmal kam man um ein leichtes Grinsen nicht herum, hin und wieder klingt der Gesang mehr nach augenzwinkernder Persiflage (People Get Ready) als nach todernstem "American Idol"-Superstarcasting, aber das spielt keinerlei Rolle, denn wenn Bill sein Soul-Organ auspackt und dazu mit allen Händen (und wahlweise Füßen) in die Hammond greift, oder wenn Tim Bogert seine CACTUS-bewährten Brüller ablässt, dann hat der Spaß ein Loch und man erstarrt vor Ehrfurcht in demütiger Headbang-Pose. Nur einmal, bei Appice's Da Ya Think I'm Sexy wäre ein kleiner Roddy am Mikro nett gewesen. Wohingegen die gemeinschaftliche Gesangsleistung bei Tearin' Up My Heart von *NSYNC so grandios kam, dass man sich fragt, warum gewisse Firmen nach wie vor auf solche Vollspacken setzen, wo die doch eh nicht singen können. Äußerst humorig auch die Ansage von Carmine, und dazu mein Statement: Ja, Ihr habt diesen Affensong vom Boygroup- zum Mangroup-Titel gemacht. Und wie!
Reden wir doch mal von den Musikern. Bei Carmine Appice erübrigt sich jedes weitere Wort und oben ist er schon gewürdigt. Ein Monster. Und dann natürlich Mister Tim Bogert. Ja, ich stehe auf ihn seit meiner ersten CACTUS-LP und es ist mir eine persönliche Ehre, ihn endlich live zu sehen. Ich hatte in der Review zu "The Return" geschrieben, Bogert sei der Typ "freundlicher älterer Herr, der dir so nebenbei die Eier mit seinen 4 Saiten feinsäuberlich in Streifen schneidet". Stimmt! Fast, denn er spielt einen fünfsaitigen Bass. Und er ist so freundlich, dass er sich sogar höflich verbeugt, wenn er mal wieder ein paar gemeingefährliche Läufe ablässt. Sowas hab ich ja noch nie gesehen. Der Mann knallt in 3 Sekunden Dinger raus, für die andere Stunden bräuchten, dann grinst er, verneigt sich und bollert "geruhsam" seinen Pflichtpart weiter. Graue Haare hat er, dünn werden sie auch, aber dieser Mensch ist so 100%ig Rocker wie Stoiber ekelhaft ist. Dickes Thank you! für diesen Genuss. Der erste Hardcore-Boogie: Shotgun. Oh ja, oh ja, oh ja! Das brettert dermaßen, dass es mir alle Härchen aufstellt. Nach all dem "seichten" Psychedelic-Getue (harharhar) ein Prachtstück, das eigentlich nur vom folgenden Ticket To Ride - genau, das von Lennon und dem anderen Kerl - übertroffen werden kann. Sacklzement, die verboogieisieren das Teil aber so, dass die Haare noch mal 7 Minuten stehen müssen.
Es gab nur 11 oder 12 Nummern zu hören, ich bin sicher, dass da noch Tonnen Material im Köcher wären, aber das Konzert dauerte inklusive Zugaben fast zwei Stunden und es war wunderbar. Toll. Einzigartig. Alleine Stevie Wonder's Superstition rechtfertigte den Besuch. Allerdings nicht den Preis dafür, Herr K.! VANILLA FUDGE sind die beste lebende Coverband und dazu sind sie eine ausgemacht fidele Legende, die nicht nur von vergangenem Ruhm zehrt, sondern den Spaß am Musizieren auch spür- und hörbar ans Publikum vermittelt. Bitte macht jetzt einen Fehler nicht: Alle 9 Monate auf Tour kommen, weil es grad so lukrativ ist. Danke!
Nachtrag vom 06.04.2004: Wir haben zu diesem Konzertbericht eine Menge Zuschriften erhalten. Einerseits ging es natürlich um das individuell "gefühlte" und erlebte Konzerterlebnis (Zustimmung und Ablehnung halten sich, wie fast immer, die Waage und das ist völlig okay), andererseits haben sich viele Leser zu den von mir angeprangerten "unmoralischen" Preisen geäußert. Ich möchte meine Meinung dazu nochmal öffentlich äußern: Man darf Kultur (und dazu gehört nunmal Rockmusik) nicht verschleudern und verschenken. Aber 30 Euro sind aus meiner Sicht schlichtweg unverschämt und Veranstalter die solche Preise verlangen, betätigen sich als Totengräber der - eh schon kleinen - Szene. Es ist ein Irrglaube anzunehmen, dass das Publikum das bereit ist für Mega-Events (alleine das Wort erregt Würgen) ein Dreifaches zu zahlen identisch ist mit dem, das in einem normalen Club ein normales Konzert erleben will. Egal von wem auch immer. Auch wenn viele Besucher durchaus das Kleingeld dafür besitzen: Sie werden es nur einmal ausgeben und sich das nächste Konzert womöglich sparen. Nur ein Drittel weniger verlangt und es wäre noch Budget für andere übrig. Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 31.03.2004
Bilder: Adelina Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 30.03.2004
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