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Toxic Smile & Orchester

Schloß Waldenburg, 05.03.2005

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Fotos: Ingolf Schmock

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Setlist
Setlist
Stageplan
Stageplan
Toxic Smile
Marek Arnold & Antonius Grützner
Toxic Smile
Andy Horn/Famous Kitchen
Toxic Smile
Toxic Smile
Toxic Smile
Toxic Smile
Toxic Smile
Schloß Waldenburg, 05.03.2005
Toxic Extension Orchestra:
Sylvia George - vl 1Stefanie Norbey - vl 1
Philipp Reinhold - vl 1Christina Weschta - vl 1
Antje Gruneberg - vl 2Christoph Hackmüller - vl 2
Andrea Peschke - vl 2Ildiko Ludwig - vla
Stefanie Anders - vlaLouise Denis-Nesprias - vla
Friederike Engelhardt - vlaFlorian Bischof - vc
Sebastian Keppler - vcStefan Skupin - vc
Jörg Riedel - vcSteven Tailor - fl, bassclar
Hille Weig - flSyvia Horn - ob
Matthias Dietze - hornBertram Schulz - perc
Matthias Hirth - pFriedemann Hoyer - Leader choir
Dorothea Wagner - vocGeorg Finger - voc
Philipp Unger - voc
Paul Momberger - Dirigent
Toxic Smile:
Larry B. - Gesang, GitarreUwe Reinholz - Konzert- & Akustik-Gitarre
Marek Arnold - Flügel, Klarinette, Alt- & SopransaxophonRobert Brenner - Kontrabass
Antonius Grützner - Schlagzeug

Toxic Smile Hocherfreut über die Einladung, und dementsprechend erwartungsvoll, fuhren wir an diesem Winterabend ins sächsische Waldenburg, um einer nicht alltäglichen und außergewöhnlichen DVD-Produktion beizuwohnen.
Die verschlafene 4800-Seelen Gemeinde und Töpferstadt, inmitten des Städtedreiecks Chemnitz-Zwickau-Altenburg gelegen, empfing uns bei klirrender Kälte und winterlichem Ambiente mit einem in weiß getünchten Schlafrock. Die Austragungsstätte des musikalischen Lokaltermins, das historisch-prägnante Schloß war auch sehr schnell ausgemacht und augenscheinlich erobert.
Für Geschichtstouristen hat der kleine Ort einiges zu bieten, aber so gar nicht viel für Konsum- und Vergnügungsjunkies, was aber ein herrlich erfrischendes Novum darstellt. Gastfreundschaft wird aber noch mit ehrlichem Herzen praktiziert und wiegt das Ganze damit gehörig auf.
Schloß Waldenburg kann auf eine sehr dramatische und bewegte Geschichte, die bis ins 11. Jahrhundert reicht, zurückblicken. Die einstige Burg wurde damals als Stützpunkt für die Kolonialisierung des Pleißenlandes benutzt und verwandelte sich über die Jahrhunderte, begleitet von Feuer und sonstigen Zerstörungen, zur Residenz für das Adelsgeschlecht. 1909-1912 erhielt es dann endgültig seine heutige Gestalt und diente Fürst Otto Viktor II von Schönburg Waldenburg (1882-1914) und seiner Gattin Eleonore von Sayn-Wittgenstein-Beuleburg (1880-1965) als ständiger Wohnsitz.
Der Blau Saal, ehemaliger Festsaal, wurde unter Fürst Günther Schönburg-Waldenburg (1887-1960) schon zu Konzerten genutzt, und hat an diesem Abend wiederum seine Weihe mit einem solchen Ereignis bekommen.
Die aus einer leichten Holzkonstruktion bestehende, tonnengewölbte Decke, schafft und begünstigt eine hervorragende Akustik. Die opulente und sehr prachtvolle Ausstattung bietet einen dankbaren atmosphärischen Support für die anberaumte musikalische Inszenierung mit klassischem Instrumentarium und das richtige Portfolio für einen Videodreh.

Die Leipziger Formation TOXIC SMILE will mit diesem Unterfangen den Spagat wagen, komplexen Rock, Metal mit retro-progressiven Elementen, als lupenreine und völlig umarrangierte Klassik-Kammerstücke, live und vor geladenem Publikum aufzuspielen.
Die Band wurde ursprünglich Anfang 1996 von Marek Arnold (Tasteninstrumente, Sax) und Daniel Zehe (Schlagzeug) ins Leben gerufen. Nach diversen Besetzungswechseln und einem Demo veröffentlichte man in Eigenregie im Oktober 2000 das Debütalbum "Madness And Despair" (F.act-Records), das aber nur bei Metal-Insidern Beachtung fand.
Glückliche Umstände und Kontakte brachte überraschend eine Zusammenarbeit und einen Major-Deal bei BMG-Korea ein. So erschien "M.A.D." im August 2001 zum zweiten Mal, mit einem neuen Mix und mit zwei zusätzlichen Tracks versehen, diesmal in Südkorea und wurde dort schon in der ersten Woche über 4000-fach verkauft. Eine Plazierung in den dortigen Charts (!) führte die Musiker auf eine Promotiontour durchs fernöstliche Ländle, wo sie auch den Support für SLAYER & SEPULTURA in großen Arenen bestreiten durften.
Der süße Traum zerplatzte ebenso schnell wieder, als der zuständige Labelpromoter die Firma verließ, deshalb die angedachte Asien-Tour nicht mehr zustande kam und der Vertrag daraufhin aufgelöst wurde.
Mittlerweile ist es den "Giftlächlern" gelungen, in Deutschland beim kleinen aber feinen Label Famous Kitchen unterzukommen, dessen Inhaber Andy Horn jedem Progfan von seinem eigenen Projekt ZHORN (mit dem ex-LANFEAR Sänger Stefan Zoerner) bekannt sein dürfte.
Seit März 2004 ist der aktuelle Tonträger "Retrotox Forte" (Famous Kitchen) auf den Markt und hat bei den Musikkritikern durchgehend für positive Reaktionen gesorgt. Aufgrund dieses akzeptablen Feedbacks stellte sich für alle Beteiligten nun die Frage entweder nach einer neuen Studioproduktion oder nach einem, in den Köpfen schon länger herumspukenden Projekt, das in dieser Art noch nicht so oft im deutschen Musikbusiness vollzogen wurde.
Es wurde sich letztendlich für dieses Prestigevorhaben entschieden und unter Mithilfe des Labels mit Optimismus angegangen. Die nicht immer formgerechten und teilweise sperrigen Kompositionen der Band wurden nach klassischem Prinzip völlig umarrangiert und in ein rein klassisches Korsett eingepaßt. Dabei konnte auf sonst störende Samples, diverse Geräuschkulissen, sowie andere elektronische Spielereien gänzlich verzichtet werden.
Die Austragungsstätte wurde durch Mareks familiäre Kontakte zum Schloß Waldenburg auch recht schnell gefunden.

Um dieses penibel vorbereitete Vorhaben explizit in die Tat umzusetzen, hatte sich das Quintett kompetente musikalische Verstärkung dazugebeten. Ein 30 Musiker umfassendes, klassisches Orchester mit Studenten und Absolventen der Musikhochschule "Franz Liszt" in Weimar, den 6-köpfigen Chor "Conde" (ehemalige Kreuzchormitglieder) und alles unter die musikalische Leitung des Dirigenten der Neuen Philharmonie Frankfurt am Main, Paul Momberger, gestellt.
Der Abend lief dann auch fast wie ein klassisches Kammerkonzert ab. Nachdem sich die Anwesenden auf ihren Plätzen eingefunden und das Kamerateam und die Tonmeister ihre Positionen bezogen hatten, betraten die Musiker samt Chor, in feierlicher Abendrobe - wie beim Einmarsch der Gladiatoren, das prunkvolle Areal. Nach ein paar einleitenden Worten des Dirigenten zum geplanten technischen Ablauf des Filmdrehs, ging es recht schnell an die szenarische und musikalische Klausur.

Toxic Smile Der a cappella von der Vokalgruppe "Conde" vorgetragene Opener Voix Du Passe verbreitete sogleich eine sakrale Atmosphäre und verpaßte dem Raum eine samtig-feierliche Stimmung. Dieses tönende Gebilde wurde auch zunächst mit einer sich anschließenden Bläsersektion erhalten, bis schließlich mit Fall Down endgültig die stilfremden, komplexen Songstrukturen durchbrochen wurden.
Hier bewies es sich, daß erstklassiges Songmaterial mit verschiedenen Einflüssen, wie Kunstrock, Rock, Klassik, Pop, Jazz, bis zu eingängigen Melodien, von hervorragenden Musikern, die ihr Fach auch wirklich studiert haben, solistisch und songdienlich erarbeitet wurde, um es dann in dichte, stimmige Kunstwerke zu verwandeln. Dabei kamen die sängerischen Fähigkeiten von Larry B. (ex-KARUSSELL, seit 1998 dabei) mit seiner warmen, charismatischen, variablen Stimme zu vollendeter Entfaltung. Seine transparente Artikulatione waren immer auf der Höhe und homogen innerhalb der jeweiligen instrumentalen Partien.
Dem standen die restlichen Giftlächler - mit Uwe Reinholz an der Gitarre, Robert Brenner am Bass (seit Januar 2000 dabei), Antonius Grützner am Schlagzeug (seit Sept. 2004 dabei) und Bandleiter Marek Arnold an diversen Tasteninstrumenten - in Nichts nach, um ein bodenständiges, wirklich natürliches Miteinander zu zelebrieren.

Das Epos Confidence In Deception, dessen Stilvielfalt, mit skurrilen musikalischen Zwischeneinlagen, schon beim letzten Studiowerk für zwiespältige Eindrücke sorgte, bewegte sich in seiner zeitlich beschnittenen Version in symphonische Dimensionen, mit orchestraler Phrasierung und mit einer Agogik forcierter Differenziertheit.
[Agogik: Kunst der Tempoveränderung im Rahmen eines musikalischen Vortrags. Gut, immer ein Lexikon zur Hand zu haben... Red.]
Herr Momberger warf seine Ausführungen ungehemmt und spritzig in die Musikergefolgschaft und bewies seine Dirigierfähigkeiten beeindruckend immer wieder aufs Neue. Das Orchester, Chor und die Band gingen eine phantastische Symbiose ein und bewiesen Exaktheit in der Phrasierung bzw. Souveränität in der Beherrschung der technischen Mittel.

Toxic Smile Das wunderbar getragene Escape versprühte eine schmeichelnde, smoothige Aura. Zu seiner Exkursion in jazzige Sphären offerierten die Rhythmussektion, Marek am Flügel nebst einer lyrisch verspielten Flöte, sehr viel Feingefühl und Konsonanz in der Instrumentierung. Ein guter Wechsel von Spannung und Entspannung, aufgehängt an harmonischen Gegebenheiten, führte zu packenden Interpretationen. So sprangen dem Publikum beim Frickel-Instrumentalstück O.T. intensiv gespielte Linien und rhythmische Präzision aller Musiker ins Ohr.
Wohltuend gestalteten sich Fusion-artige Passagen und komplexe Unisono-Themen mit Sopransaxophon, wie beim musikalischen Intermezzo J.B.. Es versüßte das Konzert mit einer teilweise expressionistisch wirkenden Ästhetik.
Das akribische musikalische Umsetzen der einzelnen Stücke ließ die ganze Klasse des jungen Orchesters und seines Dirigenten erkennen; die große Bandbreite an Klangnuancen, die dynamischen Feinheiten und die bis ins Detail homogene Spielkultur. Cellos und Streicher bewegten sich hingebungsvoll und konträr in den einzelnen Kompositionen. Alle Musiker verfügen über die wichtigen Tugenden im ausreichenden Maße; Virtuosität und Fingerfertigkeit, die jedoch sparsam und wirkungsvoll eingesetzt werden, vornehme Zurückhaltung bei der Wahl der Tempi, und eine gesangliche, enorm farbenreiche Artikulation, führten zu einem neuartigen Klangbild.
Die Musik erweckte tausenderlei Assoziationen, fügte sich zu einem collagenartigen Gemälde zusammen. Diese rundum gelungenen Interpretationen beweisen, daß die TOXIC SMILE-Werkschau neben Streichern und sonstigen Klassika mühelos bestehen kann.

Zwischen den einzelnen Takes wurden jeweils kurze Drehpausen eingelegt, wobei die knisternde Anspannung durch so manchen Scherz aufgelöst wurde, um per se wichtige Checks für das weitere Aufzeichnen von Ton und Bild vorzunehmen.
So wurden einige Passagen und Musikstücke an diesem Abend, wegen kleiner Intonationsfehler oder technischen Fauxpas, zur Freude der Anwesenden wiederholt und noch einmal zum Vortrag gebracht, um ein Optimum für die DVD-Produktion erreichen zu können.
Ein bombastisches Medley bot dann noch ein lebhaftes Finale für ein einzigartiges und kontrastreiches Konzertwagnis.

Toxic Smile Ich halte das Experiment, eine Melange aus Progmetal und Klassik miteinander zu fusionieren, mit dieser speziellen Produktion für gelungen.
Der Beweis, und große Schritt in diese Richtung, ist allen beteiligten Künstlern an diesem niveauvollen Abend anzuerkennen. Es war ein grandioses Konzert von allen Beteiligten, samt einem ergreifenden Plädoyer für mehr Toleranz in der E- und U-Musik. Diese (Beteiligten) werden dafür sorgen, daß die faszinierende und spannende Musik in den Chefetagen der Musikindustrie und bei einer weit gefächerten Hörerklientel mehr Beachtung findet. Mir ist sowieso ein Rätsel, warum solche Musiker, mit diesem Potential, in ihrem Verwandeln von Ideen, musikalischer Virtuosität und dem nötigen Gespür, noch keinen größeren Deal in Deutschland an Land ziehen konnten. Vielleicht sollten sich einige vertriebsstarke Label für progressive Musik einmal den aktuellen Studiooutput "Retrotox Forte" intensiv zu Gemüte führen, werden sich aber spätestens bei Erscheinen der "Toxic Extension"-DVD im Winter (?) warm anziehen müssen.

Neben der besprochenen Klassik-Konzertaufzeichnung (natürlich im angemessenen Soundformat) wird voraussichtlich (laut Produzent) noch einiges, interessantes Bonusmaterial darauf zu finden sein, so z.B. filmische Impressionen von der Südkorea-Tour 2001, Konzertmitschnitte von 2004 im Leipziger Anker, Interviews und diverse Features (diese Angaben sind jedoch ohne Gewähr).
Für Freunde der anspruchsvollen Rockmusik dürfte diese DVD-Veröffentlichung zum Pflichtteil werden!

"Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie." (L. van Beethoven, Komponist)
Rock'n Roll will never die! (I. Schmock, Dichter & Denker)

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 10.04.2005

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