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Sting

Supp.: Nellie McKay

Köln, Tanzbrunnen, 16.06.2004

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Köln, Tanzbrunnen, 16.06.2004

Das champagnerschlürfende Publikum hatte beim sommerlichen Open-Air am Rhein diesmal nicht viel Chancen sich in Pose zu setzen, dazu eignet sich die Lokation einfach nicht. Aber im Publikum sah man dennoch die üblichen Verdächtigen: Schickis, Mickis und solche, die auf der nächsten Party sagen konnten "Ich war dabei".
Was Sting dazu bewogen hat, 2004 im deutschsprachigen Raum solch Orte wie Schloß Schönbrunn in Wien, Kurpark in Wiesbaden und Königsplatz in München buchen zu lassen, bleibt rätselhaft.

Wer mag Sting nicht? Von den ersten Auftritten mit Eberhard Schoener 1977 (Alfred Biolek präsentierte ihn damals dem deutschen Publikum) über die Erfolge von POLICE (habe ihn 1979 in Düsseldorf gesehen und da kam noch kein Synthesizergedudele vom Tonband wie schon ein Jahr später) bis hin zu seiner Solokarriere hat er uns schon sehr viel schöne und interessante Musik mit meist sehr guten Musikern (Branford Marsalis, Omar Hakim, David Sancious) geboten. Das Jazzige von 85/86 wich sehr schnell dem hitparadenlastigen Kuschelsound, ab und zu unterbrochen von langsamen, düsteren Titeln (Soul cages z.B.). Der Sound der letzten "Brand new day"-Tour war für meine Begriffe zu sehr weichgespült und live verhunzte der mitgebrachte Trompeter die schönsten Passagen.
In punkto variierende Setlist sind mir ganze 2 Songs im Zeitraum von 1999-2001 aufgefallen, die gewechselt haben: Das ist einfach zu dürftig (hier zeigen Künstler wie z.B. Springsteen, Björk, U2 und Bowie, wie man das besser macht) und mit seinem gesammelten Liedgut wäre da mehr herauszuholen. In 2003 erschien eine neue CD ("Sacred love") und die schloß für meine Begriffe nahtlos an die "All this time"-Live-CD an, die auf seinem Grundstück in der Toskana am 11./12.September 2001 aufgenommen (und im Studio intensivst nachgebessert) wurde.
Aber ich will mir später nicht nachsagen lassen, ein tolles Konzert verpaßt zu haben und so machte ich mich, nachdem ich also in etlichen Punkten vorgewarnt war, auf in den Tanzbrunnen. Ein primär beim Kölner Senioren- und Karnevalspublikum beliebtes Terrain, wo in den 60er Jahren tatsächlich eine separate Bühne über einer Wasserfläche zwecks Tanz gebaut wurde. Parkmöglichkeiten für die vielen tausend Fans? Fehlanzeige, lediglich im Messebereich gibt's ein paar Hundert. Seit Anfang der 70er Jahre finden aber immer wieder mal Rockkonzerte u.ä. statt (erinnere mich z.B. an ATLANTIS, TRIUMVIRAT, Neil Young, Alanis Morissette, Chris Rea, Van Morrison).
Wenn man einen trockenen, sonnigen Sommerabend erwischt, ist die Stimmung sehr gut. Erwischt man jedoch einen kalten, nassen, windigen Abend, dann schützen auch die 5 kleinen Schirme als Dachkonstruktion vor der Bühne nicht sonderlich viel. Der Haken ist auch, dass laut Lärmverordnung kein Konzert länger als 22 Uhr dauern darf. Fürs Sting-Konzert bedeutete das, dass man die Lightshow getrost vergessen konnte.

Überraschung war groß, als ich auf dem Gelände die große Stadionbühne aufgebaut sah: Die kleine, kuschelige Tanzbrunnenbühne wäre eindeutig zu klein gewesen und Abstriche wollte Sting wohl nicht machen. Soviele Menschen (12.000, 14.000??) hatte ich dort noch nie gesehen und da ich 2 Stunden nach Einlaß erst dort war, stand ich auch ca. 30-40 Meter von der Bühne weg.
Der Sound war insgesamt prima, nach links und rechts außen hin hätten die Boxen etwas mehr hindröhnen können.

Um 19 Uhr kam Nellie McKay für (glücklicherweise) nur 20 Minuten auf die Bühne. Setzte sich ans Klavier und klimperte und trällerte los: Anders kann man das nicht bezeichnen (sie muß einen großen Gönner bei der Plattenfirma haben...).

5 vor 8 ging's mit Sting los, er startete direkt mit Send your love, glücklicherweise nicht in der lahmen Albumversion, sondern ganz schön abgeändert. Es folgte Inside und Dead man's rope (beide von "Sacred love").
Der erste Höhepunkt danach war We'll be together, kaum wiederzuerkennen im Vergleich zum Original. Und wieder folgte was vom neuen Album (Whenever I say your name: Mary Blige konnte natürlich nicht durch seine 2 Background-Sängerinnen ersetzt werden), leider insgesamt 8 von 10 Songs insgesamt. Dann was aus den 90ern, Born in my senses, und ein wiederum sehr langes und zum Vorteil verändertes This war ("Sacred love"). Seine Band hat das sehr gut drauf: Bekannte Songs abzuändern und damit interessant zu machen.
Das ansonsten seit Jahren als letzter Song präsentierte Fragile folgte jetzt schon: Wie immer voll gepflegter Langeweile. Apropos Langeweile: Lag es daran, daß Dominic Miller im Anschluß an das Sting-Konzert im Kölner Stadtgarten seinen eigenen Set vortrug, oder warum spielte er für meine Begriffe mit angezogener Handbremse?
Langsam ging's mit Fields of gold weiter, nur ja keine Hektik. Das Titellied der neuen CD "Sacred love" folgte: Auch sehr verändert und extrem ausgedehnt. Stolen car empfand ich danach als albern und überflüssig - warum nur steht das in der Setlist?

Englishman in NY brachte die üblichen Beifallsstürme, die dann nahtlos in ein fast 10-minütiges Roxanne übergingen: Mir gefiel's nicht. POLICE-Songs müssen hart, rau und in 3-4 Minuten abgehandelt sein.
Der Abschluß des regulären Sets war The book of love ("Sacred love"), mit einem sehr langen, aber auch sehr guten Piano-Solo.

Was sollte nach den 90 Minuten noch kommen? Richtig, das schönste Lied der "Brand new day"-CD: Desert rose (für mich das Highlight des Abends). If I ever lose my faith in you und Every breath you take folgten (im Übrigen analog der 2001er-Tour). Nach 2 Minuten kam die Band nochmal und spielte ein sehr schönes A thousand years, auch vom "Brand new day"-Album.
Alles in allem 115 schöne Minuten, klar, auch mit Tiefen. Aber insgesamt war die Zusammenstellung der Songs interessanter als vor 3 Jahren, die Band druckvoller. Sting war gut gelaunt, das Publikum auch: Also, was will man mehr?

Ein Wort zur Bühnenshow: Viele Scheinwerfer und mehrere Leinwände, die sich alle hektisch rauf- und runter bewegten. Aber meist ohne Bezug zu den Songs. Hier ein Statement: Immer noch setzt die 1987/1988er-Bühnenshow von PINK FLOYD den Standard; ich habe danach nichts Besseres gesehen.

Hörtipp: Die BBC hat das Londoner Konzert vom 5.11.2001 mitgeschnitten, diese Aufnahme wurde nicht im Studio nachpoliert. Von den Tourneen 1991 und 1994 gibt's tolle amerikanische Radiokonzerte (LA Hollywood Bowl und NJ Brendan Byrne). Schade, daß A&M diese Aufnahmen nicht veröffentlicht.

Jürgen Preuß, (Artikelliste), 17.06.2004

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