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München, Georg Elser Halle, 15.05.2007

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Fotos: Adelina Schmidtlein


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Russ Ballard
Russ Ballard
Russ Ballard
Russ Ballard
Russ Ballard
Russ Ballard
Russ Ballard Setlist
München, Georg Elser Halle, 15.05.2007

Sozusagen die Erfüllung eines Jugendtraums. Dass dies ausgerechnet in der knallvollen Georg Elser Halle bei einer Ü40-Party passiert, erscheint etwas bizarr, lässt aber die Hoffnung auf eine weiterhin existierende Rockszene in München am Leben.
Was war gleich noch mal der Jugendtraum? Ah ja, genau, Russ Ballard in der Rock'n'Roll-Roughmix-Version live zu erleben. Und was das für ein Rock'n'Roll-Mix war, rough und überaus freundlich dazu.

Russ Ballard
Russ Ballard

Ausverkauftes Haus, viele viele Menschen aus einem früheren Leben in Lokalitäten wie dem Sugar Shack und anderen einschlägigen Haarspray-Discos und eine Band um Ballard, die mit dem straighten Rocker Rene Didn't Do It vom 79er "Barnet Dogs"-Album einen mehr als knackigen Einstand liefert. Dazu sei gesagt, dass "Barnet Dogs" eine Platte ist, die in gar keiner Sammlung fehlen darf.

Russ Ballard
Chris Childs
Russ Ballard
Bon Henrit
Die Band: Bob Henrit am Schlagzeug, seit 40 Jahren mit Russ Ballard auf LPs zugange, bei ARGENT dabei, lange Zeit für die KINKS tätig, eine Rhythmusmaschine. Am Bass Chris Childs, im Hauptberuf bei THUNDER, und extrem gut aufgelegt. Tanzeinlagen und ein paar Soli zum gewohnt massiven Bassdruck machen aus dem langen Vogel einen funky Flamingo. Chris Winter, von Ballard als "begnadeter Songwriter" vorgestellt, an der zweiten Gitarre und ein paar Tasten. Dass der nicht mehr ganz junge Herr wirklich ein Guter ist, beweist er im Verlauf mit einer eigenen Roots-Ballade. Und zuletzt Steve Smith an den Keyboards. Eine Wohltat, dieser Mann verklebt nicht einen einzigen der in Einzelfällen durchaus des übertriebenen Pathos verdächtigen Ballard-Songs. Im Gegenteil, er setzt sogar etliche Akzente aus den Bereichen Honky Tonk, Boogie und Classic Rock.
Klingt nach Rock & Roll Show? Ist eine Rock & Roll Show!
Russ Ballard
Chris Winter
Russ Ballard
Steve Smith
Denn Russ Ballard ist mitnichten der eiskalte Hitproduzent, als den man ihn angesichts seiner Erfolge erwarten könnte, er geht einfach her und rockt das Haus mit, selbstredend, massenkompatiblen Krachern, überschreitet niemals die Schwelle zum Schwulst, gibt im Gegenteil den "stripped to the bone" Entertainer. Und er hat, ganz im Unterschied zu vergleichbaren Kollegen, exakt erfasst, dass die Achtziger endgültig und Gott sei Dank vorbei sind. All die alten Songs klingen heute entschlackt, ohne diesen großteils unerträglichen 80ies-Breitwandsound und demzufolge genau wie sie eigentlich schon damals hätten klingen müssen. Wie gesagt, ein Jugendtraum, denn dass er ein überragender Songwriter ist, konnte man schon immer hören (und in den Charts nachlesen). Nur die Umsetzung trieb seinerzeit oft jedem A.O.R.-Verächter die Zornesröte ins Gesicht.
Das Paradoxon ist, dass es fraglos Mainstream ist, in jedem Moment Melodien für Millionen, aber eben heute nicht mehr (nur) für extra cool dreinblickende Poser, sondern Grund zur Freude für alles und jeden, der jemals einen Hang zu eingängiger und dennoch zupackender Rockmusik hatte. Man darf Russ Ballard in der Jetztzeit als Melodic-Roots-Rocker bezeichnen.

Russ Ballard
Russ Ballard

Also geht der sympathische und introvertierte Denker her und rifft auf seiner Gitarre ganz unbeeindruckt von den Erwartungen der bedenklich altersstarrsinnigen Friseurinnen in der ersten Reihe einen Hit nach dem anderen ins Auditorium. Und was für ein Sound, absolut perfekt, jeder Chor, jede Feinheit ein Genuss. Wie viele heute aktuelle Bands greifen für solche Arrangements der Einfachheit halber zu Samples?
Russ Ballard ist kein klassischer Guitarhero, ein Glück, ergo gerät die Performance, zumal von störenden Bombast-Keyboards verschont, zu einer von allen Kinkerlitzchen entbundenen Tanz- und Hüpfveranstaltung. Was sich auf der aktuellen CD "Book Of Love" angekündigt hat, wird bereits beim zweiten Song des Abends, It's My Life, zur Realität: Russ Ballard ist endgültig zurück und zwar diesmal ganz er selbst, zurückgenommen und angekommen auf der Basis all seiner Musik, befreit vom Zwang nach einer weiteren #1, strikt spaßorientiert. Dass er nebenbei auch einige höchst wagemutige und bedrohlich lässige Soli herausschleudert, ist Zugabe.

Russ Ballard
Russ Ballard

Die Setlist ist erwartungsgemäß gespickt mit Ohrwürmern, auch wenn zwangsläufig einige fehlen müssen. Nicht fehlen: I Can't Hear You No More, The Fire Still Burns, der Über-Song Hold Your Head Up (Chris Childs kommt direkt nach Philip Lynott und Roger Glover), It's Too Late, Voices, On The Rebound mit heftigen Boogie-Zitaten und wiederum einem überragenden Chris Childs. Dazu noch ein, zwei Nummern vom neuen Album und eine Ansammlung von Klassikern, die Ballard für andere geschrieben hat. Darunter die Geschenke God Gave Rock & Roll To You und Since You Been Gone. Irgendein Gott muss es wohl gewesen sein, der dem Komponisten diese Eingebungen geschickt hat, anders sind solche für immer gültigen Statements nicht zu erklären. Natürlich klingen die Versionen Ballards nicht so aufgeblasen wie damals die von KISS respektive RAINBOW, aber dafür ehrlicher, authentischer, direkter.
In einem langen Medley werden noch weitere Chartbreaker gespielt, u.a. So You Win Again, einer der besten Discosongs ever, von HOT CHOCOLATE 1977 zu einem Megahit gemacht, New York Groove, das für die grässlich unterbewerteten und falsch vermarkteten HELLO der größte Erfolg wurde, und I Know There's Something Going On, mit dem Anni-Frid Lyngstad Fredriksson Andersson von ABBA 1982 bei allen Altersklassen landen konnte.

Russ Ballard Zwischendurch ein Highlight für Russ. Seine Tochter, die an Flugangst leidet, kommt erstmalig zu einem Konzert ihres Dads. Wenn sich ein 61jähriger Superstar so offensichtlich und mit einem Tränchen hinter der Brille freut, muss es ein besonderes Ereignis sein.
Ganz speziell und ganz besonders war auch für die Fans dieses Konzert. Es war nämlich großartiger und besser als man es sich jemals erträumt hatte. Da bleibt die Frage, ob nun die Jugend zurück ist, oder einfach nur der Jugendtraum weitergeht.

Russ Ballard

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 16.05.2007

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