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Memphis, TN (USA), Mud Island Amphitheatre, 26.08.2006

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Fotos: Marco Weiden
Memphis, TN (USA), Mud Island Amphitheatre, 26.08.2006

Enttäuschend, einfach enttäuschend. Da nimmt man sich die Zeit für die haarigsten aller Hairbands und was passiert? Nicht ein einziger Poser ist anwesend! Das wäre in der Batschkapp niemals passiert und in München schon gar nicht.
Die meisten der Anwesenden sahen so aus, wie es bei uns in der Provinz aussehen würde - man geht halt hin weil mal wieder was in der Nähe ist. Und danach geht's zurück auf die Farm... oder in die Disco, denn einige der rhythmisch mitklatschenden Schönheiten (mit umhängenden Handtäschchen) werden wohl anschließend eher den Weg dorthin (anstatt in BB Kings Blues Club) gefunden haben.

Cinderella Die Enttäuschung wich aber recht schnell als CINDERELLA die Bühne betraten. Aus meiner (aus deutscher?) Sicht hätte ich ja CINDERELLA als Headliner gesehen, in den USA ist das aber extrem verschoben. Los gings an diesem schwülen Sommerabend mit Fallin Apart At The Seams vom "Long Cold Winter" Album, das gleich für die richtige Stimmung sorgte. Zum Glück ist das Amphitheater nicht zu groß, denn aus größerer Entfernung wäre ich überzeugt gewesen, dass Steven Tyler auf der Bühne stand und nicht Tom Keifer - Tücher, Frisur, Bewegungen wenn er nicht Gitarre spielt - all das ähnelt schon sehr dem berühmten Vorbild (davon kann ich mich dann in gut einem Monat in Nashville selbst überzeugen - Bericht folgt).
Noch weiter zurück ging das nächste Stück, Push Push vom Debütalbum "Night Songs". Allzu viel wird sich daran nicht mehr ändern, denn es wurden tatsächlich ausschließlich Songs der ersten drei Alben berücksichtigt. Obwohl "Still Climbing" aus den 90ern ja nicht übel war.
Sei's drum, was anderes will ja eigentlich auch keiner hören. Anschließend kam der Titelsong des eben genannten Albums, das erste mal kam die Double-Neck beim Solo zum Vorschein, Heartbreak Station wurde als Akustikversion ohne Jeff LaBar intoniert, er kam nur zum Slidesolo auf die Bühne. Höhepunkt des folgenden Coming Home, wieder von "Long Cold Winter", war ein THIN LIZZY-artiges Gitarrensolo mit Jeff LaBar und Tom Keifer in den Hauptrollen. Sehr schön!
Anders als das völlig unnötige Schlagzeugsolo von Fred Coury, das wohl einfallsloser nicht möglich war. Da wäre mir fast ein Basssolo von Eric Brittingham lieber gewesen. Zeit zum Bier holen.
Bei Shelter Me, wieder von der "Heartbreak Station" Scheibe, kam mit einem Saxophoneinsatz von Tom Keifer auch etwas positivere Abwechslung in den Gig, die folgende Powerballade Nobody's Fool wurde erwartungsgemäß frenetisch gefeiert, bevor Gypsy Road den regulären Set beendete. Diesen aber mit Schmackes, für mich das beste Stück an diesem Abend, Tom Keifer mit seiner Strat auf dem Drumriser feuerte die Leute an, die auch bereitwillig beim Mitsingteil mitspielten.
Hierzu muss man sowieso sagen, dass die Amis uns Europäern um Längen überlegen sind. Kein betretenes Schweigen, sondern inbrünstiges Mitsingen ist jedes Mal angesagt wenn es heißt: "I wanna hear you scream...".
Nach 40 Minuten war also erstmal Schluss, die erste Zugabe bestritten unsere Helden auf Barhockern - na ja, sie sind ja auch nicht jünger geworden (aber anders als manch andere, z.B. englische Band dieser Generation, setzt sich bei den Jungs von CINDERELLA kein Fett um die Hüften an), Don't Know What You Got wurde erstmal alleine von Tom Keifer angestimmt, bevor die anderen mithalfen. Ach ja, Tom Keifer. Ich hätte fast vergessen zu erwähnen, dass dieser stimmlich stark gehandicapt war, wofür er sich nun auch artig entschuldigte. Überhaupt war dieser Abend eher ein Invalidenkonzert, wie wir später noch sehen werden. Jedenfalls haben sich CINDERELLA nach eigener Aussage dafür entschieden, lieber mit angeschlagener Stimme ein bisschen "ass zu kicken", was das Publikum nach ihrer Meinung auch tat. Zur 20-Jahre-Jubiläums-Tour ist das ja auch angemessen und das nächste Mal ist die Stimme dann auch wieder in Ordnung. Versprochen.
Nach einem krachenden Shake Me war dann nach 55 Minuten endgültig Schluss, Tom Keifer bedankte sich noch mal für 20 Jahre währenden Support - ,"that really means a lot to us" - und verschwand, gestützt von zwei Männern, in den Backstage Bereich.

Übrigens waren im Mud Island Amphitheater ca. 3.000 Leute erschienen, damit müsste es fast ausverkauft gewesen sein. Das Amphitheater liegt auf einer Halbinsel mitten im Mississippi, hinter einem Ufer beginnt Arkansas, auf der anderen Seite (hinter der Bühne) hat man die Skyline von Memphis und die meiste Zeit kreisen Helicopter in der Luft und fliegen FedEx Flugzeuge (die haben hier ihren Hauptsitz) ihre Päckchen nachhause. Eine wirklich tolle Kulisse. Im Juli spielte hier Sammy Hagar mit den WABOS (und Michael Anthony!), hier waren nur 1.500 Leute erschienen, was der Stimmung aber keinen Abbruch tat. Sorry, hiervon hatte ich keinen Bericht geschrieben - in jedem Fall war es ein sehr gut rockendes Konzert mit sehr viel Spielfreude, die erste Hälfte mit Sammy- und MONTROSE-Songs, die zweite, eingeleitet von einem fürchterlichen Basssolo Anthonys, waren VAN HALEN-Lieder. Ich hätte nie gedacht, dass hier weniger Leute erscheinen als beim Auftritt der jüngeren Generation. Genug der Abschweifungen.

Poison POISON fingen an - und die Menge tobte noch mehr. Sie sind hier also definitiv größer als Zuenderella. Kleine Fußnote am Rande: Beim Auftritt am Abend vorher müssen sich Bret Michaels und Bobby Dall 'geprügelt' haben, wobei Dall seinen Bass nach Michaels geworfen haben soll. In Memphis ist in dieser Richtung nichts geschehen, allerdings, im nachhinein betrachtet, hatten die beiden wirklich keinen Berührungspunkt auf der Bühne, ganz im Gegenteil zu C.C. DeVille und Bret Michaels, dessen ständige Aufforderungen an C.C. loszurocken mit der Zeit auf die Nerven gingen.
Wie schon angedeutet - ein Invalidenkonzert. Bret Michaels humpelte mit einer Schiene am linken Bein über die Bühne. Aber ganz ehrlich, er hat wirklich gekämpft und sich doch sehr viel bewegt und versucht, es so gut wie möglich vergessen zu machen. Und nicht den Auftritt abgesagt.
Der erste Song vom gleichnamigen 86'er Album "Look What The Cat Dragged In" gab gleich die Richtung des Gigs an - es war recht rockig. Dazu passte auch C.C. DeVilles Flying V, die er (abgesehen von einer Akustikeinlage) den ganzen Abend in verschiedenen Ausführungen spielte (Gibson, die hier eine ihrer Fabriken haben - in der allerdings "Lucille" produziert wird - werden sich gefreut haben).
Ohne viel Brimborium ging es sofort weiter mit I Want Action, ebenfalls vom Debütalbum. Auch POISON ließen den gleichen Trend wie CINDERELLA erkennen und gaben eigentlich nur Songs der ersten drei Alben zum Besten. Irgendwie ja auch verständlich und mit einer 20 Jahre-Tour erklärbar.
Die erste der zwei Abweichungen vom soeben Gesagten war American Band von der kürzlich erschienen Jubiläumsplatte, das gut ins Programm passte aber nicht unbedingt ein Reißer ist, es folgte mit I Won't Forget You vom Erstlingswerk aber sofort wieder ein alter Song.
Poison Die Show selbst wurde häufig von Feuerwerfern hinter der Backline begleitet, was hier ganz gut kam und zur Atmosphäre passte, so wurde auch Ride The Wind aus "Flesh & Blood", das mein Lieblingsalbum der Band ist, mich durch den Sommer von 1990 begleitete und mir die ein- oder andere Nachtschicht im Freien eines Zementwerks versüßt hat, mit einem Flammenmeer eröffnet. Hier konnte nicht wirklich viel Feuer fangen. Alles Beton.
Nun war es auch schon Zeit für ein weiteres Solo. C.C. DeVille zeigte allen was er kann. Na ja, muss nicht unbedingt sein und ist schon vergessen. Allerdings gefiel C.C. wirklich sehr gut, er fegte die ganze Zeit über die Bühne, hatte Spaß und feuerte die Leute an. Solos hin oder her, bei 75 Minuten Spielzeit könnte man komplett drauf verzichten. Sein Solo ging über ins etwas, na ja, dümmliche I Hate Every Bone In Your Body But Mine vom 1990er Album "Power To The People". Diesen Song durfte C.C. auch singen, während Bret Michaels sich schonte.
Unvermeidlich scheint heutzutage der Gruß an die amerikanischen Troops wo-auch-immer-in-der-Welt zu sein, auf die hier alle sehr stolz sind (was auch sehr oft auf Pkws mit Bumper-Stickern wie 'Proud Mother of a Troop' oder ähnlichem zu sehen ist). Something To Believe In, wieder von "Flesh And Blood", wurde "all denen da draußen" gewidmet und auch frenetisch vom Publikum gefeiert und begleitet.
Poison Endlich kam auch ein 3er Block aus "Open Up And Say Aah", das 1988 ja auch mit seinem Cover, zumindest in den USA, für Aufsehen sorgte. Bei Your Mama Don't Dance durfte Bret Michaels seine Harmonica auspacken, Fallen Angel und das unvermeidliche Every Rose Has It's Thorn wurden unterbrochen von Rikki Rokkets Drumsolo und um gleich noch einen Riesenhit rauszuhauen kam anschließend Unskinny Bop (wieder "Flesh And Blood").

Damit waren 60 Minuten vorbei und die Band verließ die Bühne, das Publikum tobte natürlich und verlangte mehr. POISON ließen sich nicht lange bitten und intonierten Nuthin' But A Good Time, das eine Zuschauerin so begeisterte, dass sie ihren BH spendete. Nuthin'... wurde auch noch gewürzt von einer Rap-Einlage, praktisch die Rap-Version des Songs. Ob diese gut war oder nicht kann ich nicht beurteilen, jedenfalls gefiel es der Menge unglaublich. Was soll man dazu sagen?
Poison Zum Ende schloss sich dann der Kreis und mit einem Song der ersten Platte, Talk Dirty To Me, fand das Konzert einen würdigen Abschluss. Auch Bret Michaels hielt, wie zuvor schon Tom Keifer, noch eine kleine Abschlussrede mit dem entsprechenden Dank, dem Versprechen wieder zu kommen (und zwar gesund!) und mit der Versicherung, dass diese Tour und das Konzert sehr viele schöne Erinnerungen zurückbrachte. Wie wohl vielen der Anwesenden auch, da schließe ich mich nicht aus.

Enttäuschend? Nein, wirklich nicht. Es war ein solides Konzert, evtl. mit den falschen Höhepunkten, an die ein- oder andere Eigenart amerikanischer Bands/Konzerte muss ich mich eben noch gewöhnen.
Das nächste Konzert kommt bestimmt (im Oktober schon mit AEROSMITH/MÖTLEY CRUE, B.B. KING in dem nach ihm benannten Club, SUPAGROUP (wenn die jemand kennt) und 38 SPECIAL. Ich möchte niemandem die Nase lang machen. Ehrlich...

Marco Weiden, (Artikelliste), 16.09.2006

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