HoR Logo kl Konzertbericht:

Mitch Ryder

feat. Engerling & Steve Hunter

Erfurt, HsD Gewerkschaftshaus, 04.03.2005

Logo Home-of-Rock
Startseite > Konzertberichte > Mitch Ryder > Engerling > Erfurt, HsD Gewerkschaftshaus, 04.03.200

Link Homepage:
Offizielle Mitch Ryder Homepage
Link Homepage:
Offizielle Engerling Homepage
Link Kaufen:
www.amazon.de
Link Plattenfirma & Kaufen:
BuschFunk
Mehr Info:
All Music Guide (englisch)

Unser Disclaimer
Fotos: Ingolf Schmock

Der Klick auf ein Bildchen zeigt es in voller Größe in einem neuen Browserfenster.

Mitch Ryder Poster
Mitch Ryder
Mitch Ryder
Mitch Ryder
Mitch Ryder
Mitch Ryder
Mitch Ryder
Mitch Ryder
Erfurt, HsD Gewerkschaftshaus, 04.03.2005

Nachdem der Support, Martin Gerschwitz (Keyboarder von Eric Burdon) und Band, mit ihrem belanglosen Mainstreamrock a la REO SPEEDWAGON versus SURVIVOR ein recht ermüdendes Vorspiel beendeten (verwursteten sogar Kulturgüter wie J.S. Bach), warteten die etwa 200 Anwesenden gespannt auf den eigentlichen Hauptakteur des Abends.
Im Gegensatz zum vorangegangenen Auftritt in München bekam der "Godfather Of Motor City Rock'n Roll" an diesem Abend, mit den ehrwürdigen Bühnenbrettern des Erfurter HsD, die allerbesten Voraussetzungen dargeboten.

Mitch Ryder William Levise Jr. alias Mitch Ryder, durfte gerade erst am 26. Februar seinen 60. Geburtstag feiern, fällt es erst gar nicht ein, in den Ruhestand zu treten und ist zum wiederholten Male unterwegs, um den Menschen seinen sehr eigenen "old fashioned blues" zu predigen. Trotz physischem Handicap (er hatte kürzlich erst eine Hüftgelenksprothese bekommen und eine nächste Operation steht ihm noch bevor) und ebenso auch stark gezeichnet von einem recht exzessiven Musikerleben in der Vergangenheit, mit den bekannten negativen Begleiterscheinungen wie maßlosen Drogen- und Alkoholkonsum, hat somit wohl die beste Therapie für sich gewählt.
Der "Veteran mit der gutturalen, emotional aufgeheizten Rhythm & Raureif-Stimme" (Rock-Lexikon/B.Graves, Schmidt-Joos, Halbscheffel), der in seinem bisherigen Musikerleben schon arg vom Schicksal gebeutelt wurde und einige Tiefschläge einstecken mußte, hat sich wie ein Stehaufmännchen immer wieder aufgerappelt um dem so genannten Big-Business die Zähne zu zeigen.

Mitch Ryder Geprägt von seiner Geburts- und Wirkungsstätte, dem Industrieschmelztiegel Detroit, gelang es ihm schon damals, seinem gefühlskalten Lebensraum mit dem ureigenen, schweißgetränkten Rhythm & Blues und Rock'n Roll Seele einzuhauchen.
Einst, in den frühen 60ern, ein viel beachteter Hit-Lieferant, geriet er sehr bald unter die Räder von skrupellosen Marketingstrategien, nebst einem vernichtenden Schuldenberg. Nach einigen gescheiterten Comeback-Versuchen und Gelegenheitsjobs gelang ihm erst 1978 eine Rückkehr in die Rock-Arena. Unvergessen bleibt sein Jack Daniels-geschwängerter Auftritt in der Rockpalast-Eurovisions-Nacht vom 7. Oktober 1979, wobei er mit der hochenergetischen Performance die Kritiker schalt und in Deutschland zum Kult erhoben wurde.

Mitch Ryder Er hat sich immer gegen eine kapitalistischen Zwängen unterlegene Klassengesellschaft glaubhaft aufgelehnt und erhebt heute noch seine Stimme gegen Opportunismus und das Dogma des Kapitals. Er, der selbst einmal Spielball dieses ihm verhaßten Systems war, bringt seine zynischen, nicht unpolitischen Standpunkte, verpackt in musikalische Botschaften nun schon vier Jahrzehnte (!) mit Unterbrechungen an das Volk.

Der alte Knabe ist nun schon zum siebten Mal mit den vier examinierten Vollblutmusikern der Ostberliner Band ENGERLING, die selbst schon in der ehemaligen DDR Blues-Geschichte schrieben, in Deutschland und angrenzenden Ländern unterwegs.
Wolfram Bodag gründete die Truppe schon 1979, die im Laufe der Zeit unter den wachsamen Augen des Stasi-Regimes drei Langspielplatten veröffentlichen durften (es wurden hier nur die Releases in der ehem. DDR berücksichtigt). Seitdem sind sie einfach ein viertel Jahrhundert Blues und haben in Ostdeutschland Kultstatus schon lange erreicht.
Schon im Herbst '89, kurz vor dem Mauerfall, während eines "West-Gastspieles", knüpfte man erste Kontakte zu Ryder's deutschem Booking-Agenten Karsten Schölermann.
Mitch Ryder Die Ur-Engerlinge, Tastenvirtuose Wolfram "Bodi" Bodag und Gitarrist Heiner Witte nebst den Spätzugängen, Bassmann Manfred Ponkrandt (seit 1986) und Schlagzeuger Vincent Briesach (seit 1990), sind de facto eingefleischte Fans des Altmeisters, mutierten seit dem schicksalhaften Zusammentreffen 1993 mit der US-Musikerlegende bzw. der daraus erwachsenen Freundschaft zur Mitch-Ryder-Band. Seitdem stehen sie dem Urgestein beim Arbeiten im Studio oder auf der Bühne inspirierend und unterstützend zur Seite.

Der Shouter mit der "besten weißen Soulstimme" ist unumstritten ein Mann fürs Konzert und nicht fürs Studio, in dem er sich nicht wirklich entfalten kann. Daß seine Bühnenpräsenz über all die Jahre nichts an Intensität verloren hat, konnte man an diesem Abend abermals wohlwollend feststellen.
Mitch Ryder Als Gastgitarristen für diese Tour hat der Meister zum wiederholten Male seinen ehemaligen Mitstreiter und langjährigen Musikerkumpel Steve Hunter engagiert. Dieser arbeitete schon in Mitch's Band DETROIT (produzierten 1971 für die Paramount ein Album) bzw. profilierte sich als Studiomusiker für Rockgrößen wie Peter Gabriel, Lou Reed etc. Nach einem kurzen Warm-Up der Band schlich der Veteran, gestützt von einer Gehhilfe, die Augen mit einer schwarzen Sonnenbrille verdeckt, zu seinem Arbeitsplatz am Bühnenrand, um gleich mit Bare Your Soul und The Jon, zwei Krachern aus seiner kreativen Comeback-Phase, das Revier zu markieren.
Überhaupt griff Mr. Levise Jr. gern auf Material von seinen kantigsten und bis dato zu recht hochgelobten Alben "How I Spent My Vacation" (1979) und "Got Change For A Million?"(1981) zurück. So wurde überraschend kein bloßes Plagiat der letzten Tour reproduziert, sondern auch einige Songperlen die live selten berücksichtigt wurden, zum Vortrage gebracht.

Ohne wirklich neuen musikalischen Zündstoff, immer noch mit dem "A Dark Caucasian Blue"-Output vom letzten Jahr im Gepäck, betrieb das rüstige Urgestein ausgiebig Roots-Pflege.
Mitch Ryder Dem musikalischen Ray Charles Zitat Ain't Nobody White (Can sing the Blues) vom Album "Naked But Not Dead" (1980) kann man angesichts der schwarzen Interpretation durch Ryder keinerlei ernsthafter Bedeutung mehr beimessen. Beim anschließenden Freezin' In Hell benützte er seine markerschütternden Schreie, um geradewegs die Untiefen des Fegefeuers heraufzubeschwören. Überhaupt erweckte es manchmal den Eindruck, als müßte er sich zwischendurch die Schmerzen vehement wegbrüllen.
Ansonsten machte der - sonst als recht aufsässig und anarchistisch geltende und sich konsequent gegen die US-Regierung auflehnende - Barde, einen gezügelten , fast schon gezähmten Eindruck (das schmerzlich vermißte Er ist nicht mein President von 1983 hätte doch wirklich wieder gut in die Gegenwart gepaßt). Es schien aber so, als sei ihm das Philosophieren über das Rauchen wichtiger geworden.

Mitch Ryder Gastgitarrist Hunter durfte einige Male mit seinen Solo-Eskapaden brillieren und sorgte des öfteren für Szenenapplaus. Eigentlich funktionierte das kooperative Zusammenspiel der beiden Gitarreros ganz gut, wobei Herr Witte mit seiner Fender-Strat doch mehr den lyrischen, untermalenden Part übernahm.
Die ostdeutschen Blueser bereiteten einen passablen Background, selbstbewußt und souverän unterstützten sie Ryder's Intensionen angemessen, verkommen wahrscheinlich aber immer mehr zur puren Begleitkapelle mit angezogener Handbremse. Dabei wäre es langsam an der Zeit, daß sich die Band mit diesem handwerklichen Niveau, auf ihre eigene Identität rückbesinnt.

So agierte Mr. Levise Jr., das Mikro zwischen den Fingern, immer eine Anekdote zwischen den Songs auf den Lippen, durch das dampfende Set. Spätestens bei der Jagger/Richards-Hymne Gimme Shelter erzitterte und brodelte das Haus unter der tonnenschweren, intensiven Ryder-Adaption, das selbst die STONES vor Neid platzen müßten.
Mitch Ryder Bodi klimperte lächelnd was das Zeug hielt, Manne zupfte fett an seinem Bass, Heiner bearbeitete verliebt seine Saiten, der Franzose bietet einen soliden Beat und Mister Hunter explodierte in Abschnitten förmlich. Was für eine Band! Sie halten die schwere Lok unter Dampf, deren Endstation vielleicht Detroit oder Memphis lautet, aber dann doch eher im Rock'n Roll Nirwana einfährt.

Der Spannungsbogen wurde bis zum Schluß kontinuierlich beibehalten, majestätische Stücke wie Red Scar Eyes oder die Prince-Komposition When You Were Mine wurden so unglaublich frisch und mit großem Gestus ins Volk posaunt, daß man von Gefühl übermannt wurde, und diesen Augenblick für immer festhalten wollte.
Erlebt man Ryder's Performance, erlebt man eine seelenvolle knallharte Rockschlacht und wird unaufhaltsam mit geballter Kraft von den Elementen des Gospel, Rock'n'Roll, R&B und Soul durchdrungen.
Mitch Ryder Der erschöpfte Rebell mobilisierte seine Ressourcen, um noch zweimal zu den vom Publikum frenetisch verlangten Zugaben anzutreten. Nach Bodags georgeltem Intro bretterte er noch göttliche Versionen von True Love und Do Yo Feel Alright in die aufgeheizte, gierige Meute.
Mit einem entspannten Future Looks Bright endete ein knapp 130 Minuten langer Gig voller Dynamik, Kraft, mit dem nötigen Bluesfeeling und einem sichtlich erlösten, zeitlich gealterten Künstler, der am Stock vom Schlachtfeld humpelte.

Es gibt nur noch wenige von seinem Schlage, deshalb bewahren und ehren wir seine Musik, so lange es noch geht!
Ich erlaube mir zu behaupten, die Zuschauer waren insgesamt mit dem Abend zufrieden, wobei neben Akteuren und Lokalität auch der hervorragende Sound zum Erfolg mit beitrug.
Übrigens arbeiten Mitch Ryder sowie auch ENGERLING jeweils an einem neuen Studioalbum.
Rock'n Roll will never die!

Setlist:
Bare You Soul ("Got Change For A Million?", 1981)
The Jon ("How I Spent My Vacation", 1979)
Ain't Nobody White (Can Sing The Blues) ("Naked But Not Dead", 1980)
Freezin' In Hell ("How I Spent My Vacation",1979)
Devil With A Blue Dress On (Single, 1966)
Everybody Loses ("In The China Shop", 1986)
Liberty ("The Detroit Memphis Experiment", 1969)
It Ain't Easy ("Detroit", 1971)
Red Scar Eyes ("Got Change For A Million?", 1981)
Betty's Too Tight ("Got Change.", 1981)
Talkin' All I Can Get (Single, 1966)
Yeah, You Right ("A Dark Caucasian Blue", 2004)
Nice And Easy ("How I Spent My Vacation", 1978)
Gimme Shelter (Jagger/Richards, 1969)
Passion Wheels ("How I Spent.", 1979)
When You Were Mine ("Never Kick A Sleeping Dog", 1983)
Mercy ("Rite Of Passage", 1994)
Heart Of Stone (Jagger/Richards, 1965)
Zugabe:
True Love ("Naked But Not Dead", 1980)
Do You Feel Alright? (Maxi, 1992)
Future Looks Bright ("Naked But Not Dead", 1980)

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 08.03.2004

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:
Startseite > Konzertberichte > Mitch Ryder > Engerling > Erfurt, HsD Gewerkschaftshaus, 04.03.200

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum