HoR Logo kl

Konzertbericht:

Kraftwerk

Köln, Palladium, 27.03.2004 (1st Show)

Logo Home-of-Rock
Startseite > Konzertberichte > Kraftwerk > Köln, Palladium, 27.03.2004

Köln, Palladium, 27.03.2004

Ja, lang ist's her, dass ich die Band 1971 und 1972 zweimal (in unterschiedlicher Besetzung) gesehen habe. Die LPs mit dem roten/grünen Hütchen waren auf dem Markt und spalteten die Musikhörer in 2 Lager: Entweder totale Begeisterung ("wow, noch nie gehört, zukunftsweisend, innovativ") oder totale Ablehnung ("Rattenfängerei, Unsinn, aufgeblasenes Gedöns").
Ich als Anhänger der erstgenannten Fraktion war damals und auch 1975, als ich die Band im Kölner WDR-Sendesaal im Rahmen der "Autobahn"-Tour das dritte Mal sah, schlichtweg begeistert.
Der Rest ist Geschichte: Es folgten weitere Erfolgsalben (ich empfehle, "Radioaktivität", "Trans-Europa-Express" und "Menschmaschine" mit englischen Texten zu hören!).
Nach der Tournee 1981 wurde es dann ruhig und die Veröffentlichungen konnte man an einer Hand abzählen. Überragend fand ich die Maxi-CD mit dem ersten "Tour de France"-Soundtrack und die Remixe zu "EXPO 2000". In 2003 dann ein (moderner, aber fader) Remake von "our de France" und wieder ein Album.
Sogar der SPIEGEL interviewte Schneider-Esleben und der war ganz erstaunt, als man der Band quasi Faulheit vorwarf. Er lehnte dies ganz entrüstet ab und meinte, bei Kraftwerk dauere halt alles etwas länger. In 2003 sah man die Band in Edinburgh bei den MTV Music Awards und das war ein tolles Spektakel.

Nun aber zum Konzert im Kölner Palladium: Eine alte, umgebaute Maschinenhalle, die ca. 4000 Leute fassen soll, war für den 19.30 Uhr-Termin schon lange ausverkauft. Auf jeden Fall paßte das Ambiente!! Was nicht paßte, war das Publikum: Selten solch ein "merkwürdiges" Volk gesehen. Die meisten kamen wohl nur dahin, um auf den nächsten Partys mitreden zu können ("Ach ja, Kraftwerk habe ich natürlich auch gesehen").
Was passierte in den 2 Stunden? Viele schön (aber wahllos) zusammengestellte Songs, alt und neu, ein Multimediaspektakel, sehr gute Soundqualität.
Und im Detail? Bei geschlossenem Vorhang wurde "die Mensch-Maschine:Kraftwerk" vorgestellt und genau das war auch der Opener. Auf der Videoleinwand sah man insbesondere in den ersten 75 Minuten (= 1. Show-Block) bei Autobahn, Neon lights, bei beiden (!) Tour de France-Versionen, Trans-Europa-Express und Das Modell tolle Filmchen.
Für ihre Light-Show (wenn man das so nennen darf) hatte die Band 3 Projektoren, 4 Vari-lights und 'ne Handvoll Strobo-lights installiert, mehr nicht. Wir hörten/sahen u.a. noch Vitamin und Radioaktivität mit neuen Texten ('Harrisburg, Sellafield, Tschernobyl') und 2 neuere Stücke.

Nach einer 3-minütigen Pause dann der 2. Block ausschließlich mit "Computerwelt"-Songs, u.a. Numbers, Computerwelt und Pocket calculator, insgesamt 20 Minuten.
Im 3. Block glänzten die 4 Bandmitglieder gänzlich durch Abwesenheit: 4 Roboter hatten deren Plätze eingenommen, ein Tonband spulte Wir sind die Roboter ab und das zeigte das ganze Dilemma des Abends: Was war LIVE und was kam vom Tonband? War alles eine Riesenverarsche oder ein phantastisches Konzert? Gut, die Songs unterschieden sich erheblich von den Studioaufnahmen und hatten insbesondere in den Mittelteilen lange experimentelle Stellen. Aber null Spontanität, nix war dem Zufall überlassen: Das konnte man schon daran sehen, dass die Filme voll synchron mit der Musik abliefen.
Ich weiß es bis jetzt nicht und das stellt mich nicht zufrieden: Reduziert man das Ganze auf den Showeffekt, war's wirklich klasse. Zerlegt man das Konzert, so fragt man sich schon: Was soll das? 4 ältere Herren stehen vor Pulten, man ahnt, dass sich dort mindesten ein Keyboard befindet, man sieht einen Monitor.
Die oben genannten Konzerte Anfang der 70er waren "handmade": Gitarre, Schlagzeug, Flöte, Synthesizer, e-Piano. Da wußte man, was man hörte, war auch LIVE!

Ach ja, für den letzten knapp 20-minütigen Zugabenblock hatten sich die Jungs umgezogen (bei Cher abgeschaut) und hatten nun den Outfit an, den man voriges Jahr in Edinburgh bewundern durfte (grünschimmernde Quer- und Längslinien von oben bis unten), ich fand's peinlich.
Neben Elektrokardiogramm (?) dann noch die neue Single Aerodynamik im superlangen Format und zum Schluß Music Non Stop, bei dem die 4 Künstler nach und nach die Bühne verließen (auch das hatten wir schon bei Konzerten anderer Bands vor vielen vielen Jahren: Wer erinnert sich noch an die EARTH, WIND & FIRE-Show von 1977, bei der die Band nach und nach die Bühne verließ und nachher - Zauberei! - doch wieder da war!).

Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass an dem Abend mehr "Schein als Sein" verkauft wurde und wenn man die Einnahmen betrachtet (2 Konzerte an einem Abend mit sagen wir mal insgesamt 7000 Leuten a 35 Eu macht: 245.000 Euro), kann man erahnen, was die 4 Herren als Gage bekommen.

Jürgen Preuß, (Artikelliste), 29.03.2004

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:
Startseite > Konzertberichte > Kraftwerk > Köln, Palladium, 27.03.2004

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum