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Reichenbach/Vgtl., Bergkeller, 16.05.2004

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Fotos: Ingolf Schmock
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Setlist
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Krude Endzeitoutfits? Niemals!
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Reichenbach/Vgtl., Bergkeller, 16.05.2004Bildergalerie

Was sich an diesem denkwürdigen Sonntagabend in dem beschaulichen vogtländischen Provinzstädtchen abspielte, ist wohl für ein Prog-Event dieser Rangordnung einmalig.
Der "Bergkeller" als Austragungsort zählt schon zu den Novitäten dieser Art eines kulturellen Anliegens. Mittlerweile mauserte er sich zur Pilgerstätte für namhafte bzw. gestandene Progacts und deren Anhänger. In der Lokalität mit den Ausmaßen eines großzügigen Wohnzimmers, d.h. etwa 50 qm, beansprucht das Equipment schon fast die Hälfte des Raumes. Auffällig auch die warmherzige und familiäre Stimmung, die dem Gast beim Betreten dieser Begegnungsstätte entgegengebracht wird. Die gute Seele des Hauses Uwe Treitinger ist ein wahrer Proggie, schwelgt dabei in Glückseligkeit und ist ebenso auch der Behüter seiner Jünger, wie Jesus bei der Bergpredigt.
Eine gewisse Vertrautheit unter den anwesenden Fans ist bezeichnend für Liebhaber dieser Musikrichtung, die sich auch nicht in krude Endzeitoutfits zwängen bzw. sich mit alkoholischen Getränken zuballern müssen, um ein Rock'n Roll Feeling zu bekommen. Hier zählen wirklich alleine die Musik und deren Emotionalität als Labsal für das eigene Bewusstsein.
In dieser Wohnstubenatmosphäre sollte nun eine der qualitativ beständigsten Neoprog-Bands der letzten 23 Jahre, IQ,aufspielen.

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Nach der euphorischen Ansage durch den Hausherrn, beschreiten Punkt 21 Uhr Peter Nicholls und seine Freunde die teppichgroße Stage.
Vorweg schon soviel: Trotz der minimalistischen Verhältnisse wurden bei dem Auftritt keinerlei Abstriche beim Bandequipment oder der Setlist gemacht.
Der Sound ist von den ersten Tönen an exzellent, was das Vorurteil, dieser winzige Raum würde kein bestechendes akustisches Erlebnis hergeben widerlegte. Uns wehte ein druckvoller und glasklarer Sound um die Ohren. Alle Instrumente waren präzise aufeinander abgestimmt. Unglaublich was der Toningenieur unter solchen Bedingungen ableistete. Man kam in Versuchung, nach dem dazugehörigen Playback zu suchen, um eben diese hochgradige 1 zu 1 Liveperformance zu begreifen.

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Mit dem Einstiegssong Sacred Sound wurde gleich Material vom brandneuen kommenden Album "Dark Matter" präsentiert. Dessen gesamter Inhalt wurde im Verlauf des Abends im vollen Umfange meisterhaft dargeboten. Ein wirklich gelungenes Werk, das mit Sicherheit an die alten Meisterstücke von IQ nahtlos anknüpft (Anm. d. V.: Album-Rezension, bald an dieser Stelle).
So hautnah an den Mannen, bemerkt bzw. spürt man ein echtes freundschaftliches Verhältnis untereinander, so dass ihre Maxime nicht nur ein Job ist, sondern der Lebensinhalt. Mit welcher Leichtigkeit sie sich dann auch durch die - zum Teil recht kunstvoll durcharrangierten - Stücke manövrieren, bestärkt den Eindruck, die Künstler würden ihre Instrumente selbst im Schlaf nicht aus den Händen geben, was man sich bei Herrn Orford als ein schwieriges Unterfangen vorstellen müsste. Die Jungs leben einfach inbrünstig ihre Musik und reflektieren sie an die Zuhörer bzw. Konsumenten.

Das Geburtsjahr der in Southampton gegründeten Band wird mit 1981 datiert. Gitarrist Michael Holmes und Tastenmann Martin Orford, die seit den 70ern bei THE LENS zusammenspielten, beschlossen einen alten Bekannten, Peter Nicholls, der zuvor bei DELFIN, THE SAME CURTAIN seine Brötchen verdiente, den Sängerjob anzutragen. Vervollständigt wurde das damalige Line-Up durch den Bassisten Tim Esau (ex-ECLIPSE) und am Schlagzeug Mark Ridout, der aber kurz danach durch Paul Cook ausgetauscht wurde.
Inspiriert von den großen Vorbildern GENESIS, unternahmen diese ihre ersten musikalischen Gehversuche im Fahrwasser von MARILION & Co. D.h., sie mussten sich auch Vergleiche zu anderen Neo-Progacts gefallen lassen. So schielten IQ dann doch nicht so zielstrebig nach der kommerziellen Ausrichtung, wie ihre Nebenbuhler, was sich im Klangkosmos der Briten verankerte und bis heute bewahrte.
Die erste Album-Kassette "Seven Stories" wurde im Oktober 1982 noch im Eigenvertrieb veröffentlicht. Ein Jahr später wurde der erste Studio-Output "Tales From Lush Attic" auf einem Independent-Label unters Volk gebracht. Das bescherte der Band noch im gleichen Zeitraum einen Auftritt bei der BBC-Radio Friday Rock Show.
1985 erscheint "The Wake", ein Klassiker unter den Prog-Alben der 80er. IQ geben über 200 Auftritte innerhalb eines Jahres, u.a. als Support für WISBONE ASH.
Ihr legendärer Auftritt im Londoner Hammersmith-Odeon wurde für das Live-Album "Living Proof" mitgeschnitten. Kurz danach verlies Peter Nicholls die Band und formierte die kurzlebigen NIADEM'S GHOST. Als neuer Shouter wurde Paul Menel rekrutiert, dessen erste Live-Performance 1986 im Picadilly Theatre, London, der ganzen Mannschaft einen lukrativen Deal bei der Phonogram einbrachte. Dies bedeutete aber auch mehr mainstreamige Anteile bei den kommenden Produktionen, wie "Nomzamo", das in Europa erfolgreiche Resonanzen auslöste.
Das von Erfolgsproduzent Terry Brown geschaffene 89er Album "Are You Sitting Comfortably?" wurde ausgiebig bei einer Europa-Tournee mit MIKE AND THE MECHANICS promotet.
Nach personellen Differenzen und dem Split mit der Plattenfirma verlassen Mendel und Esau die Band. Die übrigen verpflichten daraufhin Les "Ledge" Marshall (ex-THE LENS) am Bass und ihren alten Gesangskameraden Peter Nicholls. Diesem Line-Up waren leider nur zwei Auftritte im Marquee-Club, London, und im La Cigale, Paris, beschieden, bevor der tragische Tod von Les Marshall im August '90 diese Bandkonstellation beendete.
1991 erscheint zunächst eine Raritäten-Kompilation, "Jai Pollette d'Arnur", auf dem neuen Giant Electric Pea-Label. Es kommt Bassist John Jowitt von ARK dazu, der gleich umjubelte Konzerte im Amsterdamer Paradiso mit absolvierte. Sie werden 1991 zum Best Act im SI Magazin gewählt.
Im Mai 1993 geben IQ ihr USA-Debüt beim Progfest in LA, wobei sie schon das neue Album "Ever" vorstellen.
Die Show in der Stadthalle Kleve wird für ein zukünftiges Release gefilmt bzw. mitgeschnitten. Das Ergebnis wird letztendlich im April 1996 als Live-Box "Forever Live" inkl. Video veröffentlicht.
1993 "Bestes Album" im SI Magazin und UK's Classic Rock Society. Es folgt eine dreiwöchige Tour durch Deutschland und Holland, bis die Gruppe 1994 wieder amerikanischen Boden betrat.
Das bandeigene Label GEP wird gegründet und somit auch der gesamte Back-Katalog gesichert. Im September 1997 wird das Doppel-Konzept-Album "Subterranea" auf den Markt gebracht. Es heimst mehrere Auszeichnungen als "Bestes Album", "Beste Band" und diversen anderen musikalischen Kategorien ein. Dieses theatralische Showkonzept wurde dann auch live beim Tourstart 1998 in Shepherds Bush Empire, London, umgesetzt.
Die Konzerte in Holland, Italien, Malta und USA geraten zu wahren Triumphzügen. Der finale Gig in Holland wird für einen Live-Output recorded ("Subterranea:The Concert").
Das nächste Studio-Album, "The Seventh House" (Februar 2001), schließt an diese Konzeptionen, nur etwas melodiöser, nahtlos an. Es gab ein paar wenige Konzerte zum 20-jährigen Bandjubiläum, bevor sich die Bandmitglieder zum Schreiben neuer Songs wieder zurückzogen.
Das Endergebnis wird die Öffentlichkeit am 21.Juni 2004 erfahren, wir bekamen es schon an diesem Abend als Liveschmankerl dargeboten.

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Die Herren waren in Top-Verfassung und zelebrierten meisterliches Handwerk. Die Stimmung war am Kochen, nicht zuletzt wohl auch wegen der Nähe zur Band. Man merkte den Protagonisten den Spaß bei der Performance an, selbst der sonst eher zurückhaltende Peter Nicholls lies sich zu manchem Flachs animieren. Der charismatische Sänger bot wie gewohnt eine tadelose Leistung. Auch Martin Orford ist momentan in der Form seines Lebens und zauberte einen atmosphärischen, dichten Synthieteppich über jeden einzelnen Song. Die sakralen Orgelpassagen jagten den Anwesenden (Verf. inbegriffen) wohlige Gänsehautkaskaden über ihre Körper.
In den gut zwei Stunden wurden natürlich auch die Klassiker wie It All Stops Here (ein Track von der ersten Kassette!), das theatralische Failsafe von "Subterranea" oder Headlong vom wegbereitendem Longplayer "The Wake", berücksichtigt.
Ein Höhepunkt an diesem Abend war sicherlich das neue 24-minütige Epos Harvest Of Souls, wobei das Gitarrensolo so traumhaft gespielt wurde, dass man den Kloß im Hals nicht mehr herausbekam.
(Weiter oben spricht der Kollege aber davon, dass Proggies nichts trinken... Red., auch abstinent)

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Die Jungs wurden während der Show von Uwe himself sehr umsichtig betreut. Jeder Getränkewunsch wurde berücksichtigt, selbst ein überdimensionaler, mit Eiswasser gefüllter Kelch für den Shouter wurde direkt serviert. Aber kein Wunder bei den Temperaturen, die teilweise saunaartige Zustände annahmen, was der Stimmung aber keinen Abbruch bereitete.
Nach dem regulären Teil, den IQ mit The Seventh House (v. gleichnamigen Album) ausklingen ließen, war das Publikum dann endgültig aus dem Häuschen. Die gutgelaunten Musiker ließen sich auch nicht lange bitten, den Zugabenblock auszurollen.
Ein bombastisches Awake And Nervous ("Tales From Lush Attic") sorgt noch einmal für sehr emotionale Momente an diesem Abend.
Selbst am Rande ihrer Kraftreserven verlor die Band zu keinem Zeitpunkt den Spaß am musizieren. Gitarrist Michael Holmes versuchte sogar die restliche Crew zu einem STATUS QUO (!) Cover zu bewegen, wurde dann aber doch nicht dabei unterstützt.
Mit einem gekürztem The Last Human Getaway, ebenfalls vom legendären "Tales..."-Output fand dieses unvergleichliche Ereignis einen würdigen Abschluss und die Hauptakteure verließen nach 130 Minuten erschöpft, aber sichtlich zufrieden die "Bühne".
Das Publikum war sich zu diesem Zeitpunkt endgültig bewusst, bzw. um die Erfahrung reicher, bei einem grandiosen Auftritt dabei gewesen zu sein.

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Natürlich war mit dem Konzert noch nicht das Grande Finale angesagt, die After-Party gab den Anwesenden Gelegenheiten mit den Musikern locker zu plaudern, zu fotografieren oder einfach Fun zu haben. Michael Holmes übte sich z.B. im Luftgitarrespielen bei einem WINGS-Klassiker.
So mancher Tonträgerjunkie hatte seine alten IQ Vinyls mitgebracht und ließ diese mit den Unterschriften jedes Einzelnen veredeln. So gab es an diesem Abend weit und breit nur glückliche Menschen zu sehen, die für einige Stunden in dieses Universum eingetaucht waren.
Die besondere Faszination dieser Veranstaltung wurde keinesfalls von Profitdenken gelenkt, sondern ist völlig dem unumstößlichen Idealismus des Veranstalters und Hausherrn Uwe Treitinger zuzuschreiben. Ich hoffe, dass er sich dieses Lebensgefühl noch recht lange bewahren kann, um noch vielen Musikern der besonderen Art den Weg ins vogtländische Reichenbach zu ebnen. Jeder Fan anspruchsvoller Rockmusik sollte wenigstens einmal ein Event im "Wohnzimmer des Progrocks" besuchen, um den Geist dieser Stätte selbst zu verspüren.
Rock'n Roll will never die!

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 23.05.2004

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