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Georgie Fame & The Blue Flames

London, Ronnie Scott's Jazz Club, 10. & 11.09.2004

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London, Ronnie Scott's Jazz Club, 10. & 11.09.2004

Ein neues Jahr, ein neuer Herbst: mit drei Soho-Wochen für Clive Powell alias Georgie Fame mit seinen sagenumwobenen Famous BLUE FLAMES. (Oder Moment mal - in diesem Jahr wurde während der dritten Woche die GEORGIE FAME BIG BAND präsentiert. Seine Swing und Rhythm & Blues Armee, mit der er sein lang erwartetes und exzellentes "Birthday Big Band" Doppelalbum promoten möchte, das bereits im Jahre 1998 aufgenommen wurde - und auf dieser Webseite ebenfalls vorgestellt wird).

Du betrittst das dunkle Interieur des seit den fünfziger Jahren bestehenden Ronnie Scott's Clubs in Sohos Frith Street und wartest, bis die Umrisse sichtbar werden. Du kommst kaum umhin, die alte Hammondorgel auf der Bühne zu bemerken, mit seinen zahllosen Stickern, die zwischen dem 'Old Flamingo' - damals um die Ecke in der Wardour Street - und New York im Jahr 2000. Klar, das kann eigentlich nur Georgies altes Schlachtross sein.

Die BLUE FLAMES also. In exakt der gleichen Besetzung wie 2003, umfassen sie wieder den 'Maschinenraum' mit James und Tristan Powell am Schlagzeug und an der Gitarre: die beiden Söhne Georgies bilden mit ihrem Dad auch das THREE LINE WHIP-Trio, das jenseits der Blue Flames Engagements im Kleinkunst-Rahmen annimmt. Alex Dankworth spielt Contrabass, stellt wie die Junior-Powells auch einen Jazzer in zweiter Generation dar - sein Vater war die Sax-Legende Johnny Dankworth.
Ein weiterer, noch immer junger Meister ist Anthony Kerr: sein Vibraphon liefert die sanften Klänge, die "mellow tones", welche die abenteuerlustigeren Ausflüge dieser Band ausgleichen und eine willkommene weitere Nuance liefern.
Trompeter Guy Barker ist schon seit vielen Jahren eine junge Hoffnung Großbritanniens. Wie zahlreiche Jazztalente stammt er aus dem NYJO, dem National Youth Jazz Orchestra. Nach seinen hoch profilierten Verve-Jahren sind sowohl sein reiner Ton als auch seine mit Humor gewürzte Virtuosität eine reine Freude.
Alan Skidmore sandte keinen Sohn: der Saxophon-Veteran kam einfach selbst - schließlich hat er Georgie Fame und seinen Bands, einschließlich SHORTY, seit mehr als dreißig Jahren einfallsreiche Dienste geleistet.

Das so beschriebene Sixpack fiel zu Beginn in einen lässigen Swing, zu dem Georgie groß und kirmesmäßig angekündigt wurde. Ganz in weiß schlenderte er herein, quatschte ein wenig mit dem Club-Talk-Master. Als er dann so etwas wie "Time is passing on..." ins Mikro croonte, fragte man sich schon, um welche Nummer es sich handeln mochte. Dann sein "I'm about ready!" und, ba-baba-bang: je, genau: Get On The Right Track, Baby, mit echtem Pfiff ausgeführt und in den Applaus hinein mit Fames unermüdlichem Tribut an seinen einstigen Freund Eddie Cochran kommentiert. Die beiden waren auf jener tragischen 1960er England-Tour, während der Cochran einem Autounfall zum Opfer fiel, aber vorher noch "die Musik von Ray Charles zu den britischen Massen brachte".
Viele Künstler verfassen Laudatien auf ihre Idole. Aber es passiert nicht so oft, dass man ein Tribute an jemandes eigene Begleitband hört, hier folgte jedoch eines: In Anthem For A Band, vom 2003 erschienenen "Charlestons"-Album, goss Fame Flammen in seine Flames in einer schmeichelhaften, aber verdienten Form: "it's like a family (die Brüder Tristan und James) that you extend, it stays together right until the end".

Im Herbst des Vorjahres bot Georgie demjenigen im Sohoer Publikum seine verbriefte (und sicherlich üppige) 'Equity Pension'-Versicherung an, der ihm die rare Vinyl-Single The Point Of No Return von Louis Jordan besorgen könnte. Dessen A-Seite hatte er in den Sixties längst selbst im Set und im Studio eingespielt, heute ging es um die B-Seite. Da er die Single (dank seines portugiesischen, aber selbst versicherten Freundes Antonio, im Publikum) inzwischen besitzt, kann er sie zu Hause an der Jukebox ebenso genießen wie hier mit seinen Flames-Jungs.

Er intonierte Don't Send Me Flowers, nachdem er trocken erklärte "Don't send me flowers, cause baby, I can't smell a thing - in the grave!" Aus der Leichenhalle ging es dann noch eindeutiger auf die Comedy-Bühne. Fame porträtierte die Fünfziger, "als die Big Bands von Dizzy Gillespie und Lionel Hampton auch Rock'n'Roll spielten", mit Birdie Birdie Birdie, einer Art Kinderreim-Swing. Gelegenheit zum Fingerschnippen. Da hätte man gleich bei Yeh Yeh weiterschnippen können, wäre da nicht die lange, aber gutgelaunte Anekdote zur Entstehung der berühmten Nummer vorgeschaltet gewesen: Der Vocalese-Gottvater Jon Hendricks war ohne Schlaf 500 Meilen zum Newport Festival gefahren und hatte ganz zehn Minuten gebraucht, um den Text dieses Mongo-Santamaria-Instrumentals zu schreiben, Bingo für Fame: No. 1 im Dezember '64.

Die B-Seite von Yeh Yeh stand als nächstes auf dem Show-Programm. Die rhythmisch clevere kleine Nummer Preach'n'Teach, sozusagen ein Take Six zu Dave Brubecks Take Five, hatte Fame im Vorjahr für sein Album "Charlestons" reaktiviert.
Nach einem kleinen Monitorfiepen - das bei dem normalerweise gutmütigen Maestro gar nicht gut ankam - erlebte der Zuhörer unerwartet ein Stück Autobiographie: Georgie hatte im Sommer stundenlang in der Londoner US-Botschaft gesessen, um sein Visum zu erneuern - und um seine Ungeduld zu zähmen, schrieb er einen Song darüber: das ironische Guantanamo-By-The Sea, letztlich eher lakonisch als bitter, also ein echter Fame.

Wichtigere Song-Memoiren enthielt da schon die Vertonung des alten Soho-Schuppens: The Old Flamingo. Ebenfalls auf "Charlestons" enthalten, entsinnt sich Georgie hier seiner Karriereanfänge: "When I was a young man, back in '62, London was buzzin' , and I was buzzin', too". Diese ellenlange, dabei aber immer kurzweilig swingende Ballade verewigt inzwischen längst unübliche Verdächtige wie Fame-Partner Prince Buster, Skandalnudel Christine Keeler und Kollege Zoot Money. Der Song erwähnt "good ganja" und schließt musikalisch das berühmte "I.E.O.K.O."-Thema von Paul Robesons Canoe Song aus den vierziger Jahren ein. Es wurde ein Medley draus - durch dramatisches Gasgeben für Red Top, den alten Standard, der von Lionel Hampton und Louis Jordan so gerne abzogen wurde.

Als der zweite Teil der Show begann, war es inzwischen ein Uhr morgens. Mit dem THREE LINE WHIP-Trio ging es los: Fame & Sons lieferten noch mehr Oden an ihre Helden: Der gerade im Mai von uns gegangene Ray Charles wurde mit I Got A Woman geehrt, und Fame-Vorbild Mose Allison mit Days Like This. Der junge Georgie hatte deren Platten seinerzeit sich bei "Ray's Record Store" im Londoner Westend gekauft - "wo sie heute Reizwäsche verkaufen". Er widmete seinen Song Vinyl Rays Laden und damit jenen romantischen Prä-CD-Tagen, als er noch nicht den "little hiss" auf seinen Scheiben "vermisste".
Mit seinem eigenen 12-Bar-Blues How Blue, dem Werbe-Block dieses zweiten Sets für "Charlestons", gab Fame dem so zurückhaltenden wie subtilen Team-Spieler Tristan Powell eine Chance, mit seinen inspirierten R&B-Gitarreneinlagen einmal ins Rampenlicht zu treten, was der Sohn lässig nutzte, und führte in Kansas City. Der Spot ging hinüber zu Alan Skidmore. Altmeister "El Skid" hatte ein westafrikanisches Stück adaptiert und umgearbeitet, Doo Me Sar Key - einen Calypso, der uns alle daran erinnerte, dass sowohl der Saxmann als auch Georgie selbst neugierige Liebhaber jeglicher World Music bleiben, und geradezu nach süchtig machenden Rhythmen lechzen. Mit Oscar Browns Jeannine folgte jedoch die Kurve zurück zum Swing - ein zartes kleines Ding, das Georgie schon seit einer ganzen Weile präsentiert, aber bisher noch nicht eingespielt hat.

Danach bat Fame seinen Sohn James Powell, eine Professor-Longhair-typische "second line"-Synkopierung am Schlagzeug einzutrommeln. Eine Bitte, die sein Sohn so ansteckend wie mühelos erfüllte: Freddie Cannons Way Down Yonder In New Orleans wurde auf diesem Rhythmusteppich mit Ray Charles' Roll With My Baby kombiniert, das Georgie auf "The Blues And Me" eingesungen hatte, "begleitet von meinem guten Freund Doctor John".
Auf jenem Album hatte Bobby Malach für die feinen Sax-Einlagen gesorgt, und nun musste auch dieser "unsung hero" mit einem Song Fames bedacht werden, in Singing Horn.
Wie in der ersten Serie brachte nun auch hier Red Top die Show zum Abschluss, aber nicht, bevor der Chef noch weitere 'Namechecks' munter eingebaut hatte: "Anthony Kerr", "Guy Barker" und "El Skid" wurden in typischer Fame-Manier jeweils einen Durchgang lang abgefeiert - die Endlos-Schleife zum Abschied. Man kennt das, und man liebt das: warum diese alte Leier so vergnüglich ist, das hat Eric Clapton mal "die Sucht nach Ritualen" genannt.

Zwei Mal eine Stunde hatte Georgie nun gespielt - wenn der Hauptakt erst um elf Uhr abends beginnt, ist das eigentlich eine Geduldsprobe. Hier etwa nicht? Die Zeit flog, weil dauernd was passierte! Immer dann, wenn Fame seine vielen Anekdoten unterbrach, konnten seine Solisten die Stories mühelos weitererzählen. Und umgekehrt. Das fließt, weil alle zu ihrem Teamgeist eine eigene musikalische Sprache sprechen. Magische Momente ereignen sich stets, wenn Skidmore & Barker das Tenorsax und die Trompete unisono spielen, oder wenn Fame & Kerr an Hammond und Vibraphon harmonisieren. Die Zeit bleibt nicht stehen, sie wird transzendiert: Abheben ohne Drogen, wenn man von kleinen Bieren mal absieht.
All das stand in bemerkenswertem Kontrast zum einheizenden und Intermezzo bietenden STAN SULZMAN QUINTETT - wo zwar jedermanns Virtuosität außer Frage stand, man sich ihres Genies aber rational versichern musste, statt emporgeliftet zu werden. Sulzman war übrigens vor drei Jahrzehnten ein Blue Flame. Verlernt hat er an seiner Kanne nichts, aber als Jazz-Entertainer hat Georgie Fame es eben. Wahrscheinlich ist er der letzte Kaiser dieser oft allzu leicht in den Klamauk abdriftenden Zunft.

Uli Twelker, (Artikelliste), 30.10.2004

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