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Traditionell am letzten Juni-Wochenende stand wieder einmal das Bang Your Head-Festival auf dem Programm, mittlerweile
bereits zum neunten Mal und insgesamt bereits zum sechsten Mal als zweitägige Open Air-Veranstaltung in Balingen.
Das offizielle Programm startete pünktlich um zehn Uhr mit CAGE. Obwohl die Passausgabe schnell und professionell wie immer von statten ging, war das für uns mal wieder ein paar wenige Minuten zu früh. Schade, aber nicht zu ändern. Aber zum zweiten Auftritt von RUFFIANS auf einer europäischen Bühne standen wir glücklicherweise pünktlich auf der Matte.
Es wäre zu wünschen, dass RUFFIANS sich ihr programmatisches Do or die zu Herzen nehmen, und noch einmal einen ernsthaften Comeback-Versuch mit neuem Material starten. Mit Rich Wilde verfügt die Band über einen hervorragenden Sänger und hat auch heute noch weit mehr zu bieten, als den Ruf Mitte der Achtziger die Band gewesen zu sein, bei der der mittlerweile verstorbene VICIOUS RUMORS-Sänger Carl Albert seine ersten musikalischen Gehversuche absolvierte. Weiter ging es gleich mit der nächsten Kult-Band aus den Achtzigern, die sich bisher auf europäischen Bühnen mehr als rar gemacht hatte: SHOK PARIS.
Man mag über Sinn und Zweck solcher Reunion-Shows geteilter Meinung sein, denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass die meisten Bands genauso schnell wieder verschwunden sind, wie sie noch einmal für einen Tag auftauchten, aber zumindest wird einem nachdrücklich in Erinnerung gerufen, welch großartige Alben man in der Plattensammlung stehen und womöglich seit vielen Jahren nicht mehr aufgelegt hat. Nach zwei recht forsch agierenden Acts brachten KINGDOM COME Emotionalität nach Balingen.
Akzeptiert. Musikalisch war der Auftritt auch über alle Zweifel erhaben und die Band konnte mit ihrem melancholisch angehauchten Hardrock überzeugen. Natürlich kamen Erinnerungen an LED ZEPPELIN auf, sobald Lenny seine Stimme erhob, aber der gebürtige Hamburger klingt nun einfach nach Robert Plant. KINGDOM COME nutzten den Umständen entsprechend mit leichten Abstrichen ihre Chance Werbung für das Herbst erscheinende neue Album und die dazugehörige Tour zu machen, bei der wir dann Lenny hoffentlich in Topform erleben können. Allerdings hätte das Programm ruhig den einen oder anderen Klassiker mehr vertragen können. Nur Living out of touch war mir persönlich etwas zu wenig aus den frühen Alben der Band. Setlist: Alive, Kill and destroy, Silicon messiah, Ten seconds, Blood and belief, Man on the edge Ich mag Blaze Bailey irgendwie... zumindest so lange er nicht bei IRON MAIDEN singt. Da hat er für mich nie richtig hingepasst, aber spätestens mit seiner eigenen Band BLAZE konnte er mich sowohl live als auch im Studio vollkommen überzeugen.
So konnten BLAZE gerade mal sechs Stücke zum Besten geben, die es aber in sich hatten. Die Band beeindruckte mit einem mörderischen Bass- und Schlagzeugsound und überdeckte damit, dass der Gesang an diesem Tag nicht hundertprozentig perfekt saß. Trotzdem ein guter Auftritt, mit dem BLAZE sicher den einen oder anderen Zweifler mehr auf ihre Seite bringen konnten. Setlist: Angel in black, Chainbreaker, Suicide and mania, Running in the dust, Heart of the brave, Nuclear fire, Under the spell, Metal is forever, The final embrace PRIMAL FEAR konnten den BLAZE-Auftritt stimmungsmäßig noch toppen. Eigentlich keine Überraschung. Das schwermetallische Aushängeschild des Schwabenlandes hatte auch in Balingen ein Heimspiel, selbst, wenn die Band von der anderen Seite von Stuttgart kommt.
Als echter Höhepunkt entpuppte sich Heart of the brave, vor allem in den Passagen in denen der Schwaben-Halford Ralf Scheepers sehr melodisch singt. Einfach großartig. Da kann man dann auch großzügig darüber hinweg sehen, dass der Refrain von Metal is forever teilweise von Band kam. Insgesamt ein starker Auftritt. Hüpfalarm auf dem Bang Your Head! ANTHRAX eroberten Balingen im Sturm.
Die Band, die Baggy-Pants in der Metal-Szene salonfähig machte, zieht konsequent seit über zwanzig Jahren ihr eigenes Ding durch, und der Erfolg gibt ihnen einfach Recht. In Balingen setzten ANTHRAX vor allem auf älteres Material, wie das programmatische Caught in a mosh, NFL oder Got the time. Nach sechzig Minuten bildete Indians einen würdigen Abschluss und hinterließ eine ausgepowerte Meute. Auch wenn ich einen Auftritt von John Bushs anderer Band ARMORED SAINT definitiv bevorzugt hätte, in dieser Form machen ANTHRAX Spaß. Setlist: u.a. Silent night Bodom night, Sixpounder, Angels don't kill, Bodom beach terror, Every time I die, Needled 247, Hate crew deathroll CHILDREN OF BODOM waren eine der Bands, auf die ich mich am meisten freute. Ich stehe einfach auf diese hochenergetische Mischung aus traditionellem Power Metal, schneidenden Gitarrenriffs, die sich durch ultramelodische Keyboardteppiche fräsen und Death-Metal-Gesang. Das hat zwar inzwischen einige Nachahmer auf den Plan gerufen, doch das Original ist immer noch unerreicht.
Musikalisch ein hervorragender Auftritt, der voll und ganz überzeugte. Wirklich nervig war allerdings die ewige Spuckerei von - im wahrsten Sinne des Wortes - Frontsau Alexi. Mal entlud er seine hervorgewürgten Körpersäfte in den Fotograben oder ins Publikum, mal zielten seine Spuckattacken auf seine Bandkollegen. Drei Auftritte Sperre für jedes Mal Spucken - remember Totti - und die Band würde mehr als nur ein paar Monate von der Livefront verschwinden. Bleibt zu hoffen, dass der junge Rotzer - auch im wahrsten Sinne des Wortes - schnell erwachsen wird oder ihm jemand etwas Stil und Benimm beibringt. Mit solch vorpubertärem Auftreten verspielt er jedenfalls sehr viel von dem Kredit, den er sich durch seine musikalischen Leistungen erarbeitet. Setlist: u.a. Firedance, Make my day, Human zoo, Top of the world, Let it be, Sister Moon, Hush Den schweizer Hardrockern GOTTHARD konnte man nur wünschen, dass irgend jemand die Bühne vor ihrem Auftritt gut desinfizierte, oder wenigstens Schilder mit 'Achtung! Rutschgefahr!' aufstellte.
Ich war sicher nicht alleine mit solchen Gedanken und Bedenken. Tja, und dann legten die Schweizer einen harten(!), erfrischenden(!!) und äußerst unterhaltsamen(!!!) Auftritt hin, der Zweiflern wie mir ganz schnell den Wind aus den Segeln nahm. Steve Lee erwies sich als sehr versierter Entertainer internationalen Zuschnitts und mit GOTTHARD wogte eine satte Brise amerikanischen Stadionrocks über das beschauliche Balingen. Das war stark, Jungs. Auch wenn mir andere Bands musikalisch mehr zusagten, so gehörten GOTTHARD zu den positivsten Überraschungen beider Tage. Setlist: I remember now, Anarchy-X, Revolution calling, Operation: Mindcrime, Speak, Spreading the disease, The mission, Suite sister Mary, The needle lies, Electric requiem, Breaking the silence, I don't believe in love, Waiting for 22, My empty room, Eyes of a stranger, Take hold of the flame Lest die Setlist! Und? Noch irgendwelche Fragen? Eigentlich müsste das als Konzertreview voll und ganz genügen.
Jetzt sollte man natürlich in Begeisterungsstürme ausbrechen, vom Konzert des Jahres oder gleich des Jahrzehnts sprechen, aber dafür war Geoff Tate stimmlich einfach nicht gut genug in Form. Vor allem bei den hohen Tönen wackelte er doch einige Mal sehr bedenklich und so machte es durchaus Sinn, dass er sich nicht nur bei Suite sister Mary von seiner Gastsängerin unter die Stimmbänder greifen ließ. Ansonsten gab es musikalisch keinen Grund zur Kritik. Selbst das Fehlen von Originalgitarrist Chris de Garmo fiel nicht weiter ins Gewicht. Irgendwie blieb trotzdem ein fahler Nachgeschmack, auch weil die Band sich in gewisser Weise dem Druck der Altfans in Punkto Songauswahl gebeugt hatte. QUEENSRYCHE konnten eigentlich nur verlieren. Hätten sie ihr normales Programm mit Songs aus den letzten Alben gebracht, wären sie mit fliegenden Fahnen untergegangen. So aber konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Band nur noch bedingt hinter ihrer eigenen Darbietung stand. Setlist: Hello hooray, No more Mr. Nice Guy, Man of the year, Billion dollar babies, Between high school and old school, Muscle of love, Be my lover, What do you want from me, I'm eighteen, Desperado, Halo of flies, Drum solo, Guitar solos, Sick things, Gutter cats vs. the jets, Backyard brawl, Cold Ethyl, Only women bleed, The ballad of Dwight Fry, School's out, Brutal planet, Poison, Under my wheels Alex, der Alice Cooper bereits bei einem Hallenkonzert der aktuellen Tour in Rastatt gesehen hatte, warnte mich vor: 'Dir wird es wahrscheinlich nicht gefallen. Kaum Show und nur ganz neue oder ganz alte Titel'.
Diese 'Back to the roots'-Attitüde, die schon das aktuelle Album prägte, setzte sich nun auch bei den Livekonzerten fort. Die drei, vier Nummern der aktuellen Scheibe, die sich im Set verirrten passten sich stilistisch hervorragend den Klassikern aus den Siebzigern an. Das war nicht immer so, wenn man an Tourneen wie "Brutal planet" oder "Trashes the world" denkt, wo das aktuelle Material allein wegen seines zeitgemäßen Sounds einen starken Kontrast zu den Klassikern darstellte. Showmäßig 'back to the roots' bedeutete, dass vor allem technisch aufwändige Effekte durch einfachere Showelemente und Illusionen ersetzt wurden. Meister Cooper verfügt ja über ein ganzes Arsenal an Showeffekten, aus denen er auswählen und seine Performance konzipieren kann, und wenn man seine Tourneen regelmäßig verfolgt, so stellt man fest, dass einige Effekte mal dabei sind, dann wieder ein paar Jahre eingemottet werden um dann ein erneutes Comeback zu feiern. Dieses Mal waren das 'Alice mit Schlagstock', 'Alice mit Säbel', 'Alice schneidet Mädel (in dem Fall seiner Tochter) die Gurgel durch' (wobei die Kunstblutfontäne um einiges mächtiger ausfiel als bei den Hallenkonzerten), der Gangfight, 'Alice in Zwangsjacke',... vor allem also Showelemente die auch auf weitere Entfernung auf einer großen Bühne Wirkung zeigten. Doch der Schwerpunkt lag dieses Mal eindeutig auf der Musik und wieder einmal wurden einige Songs aus dem reichhaltigen Repertoire wieder zum Leben erweckt, die man schon lange nicht mehr live von Alice Cooper gehört hatte. Dazu gab es natürlich auch die fünf, sechs unverzichtbaren Klassiker, die immer mit an Bord sind.
Was soll man noch groß sagen? Seit Dee Snider war das mit Abstand der überzeugendste Headliner-Auftritt in Balingen, wenngleich es im Publikum auch einige enttäuschte Stimmen gab, die vor allem in Punkto Show Spektakuläreres erwartet hatten. Trotzdem: Ein würdiger Abschluss eines tollen ersten Festivaltages, wobei besonders darauf hingewiesen werden sollte, dass keine, aber wirklich keine Band als Ausfall bezeichnet werden konnte.
Ganz Unerschrockene konnten sich noch mit OMEN und DOOMSWORD die Nacht im W.O.M. um die Ohren schlagen, oder im Party-Zelt weiter feiern. Zu unheidnisch früher Stunde ging es am Samstag um zehn Uhr mit MAJESTY auf der Festivalbühne weiter. Wir schafften es immerhin aus dem sechzig Kilometer entfernten Freudenstadt pünktlich zu BALLISTIC wieder auf unsere Posten.
Auch wenn Tom aus gesundheitlichen Gründen das Mikro an TWISTED TOWER DIRE-Fronter Tony Taylor, eine optische Mischung aus Hardcore-Brüllwürfel und Rob Halford, abgegeben hat, ließ er es sich nicht nehmen, wenigstens den alten TENSION-Song Wrecking crew selbst zu intonieren. Dann waren mit ANGEL für mich einer der interessantesten Acts des Festivals an der Reihe. Es ist einfach immer wieder spannend zu erleben, wie sich eine Band aus der Affäre zieht, die weder in Europa zu den ganz großen Abräumern gehörte, und deren großen Zeiten in USA und Japan zudem noch mehr als fünfundzwanzig Jahre zurückliegen.
Ein guter Auftritt, der Band und Publikum gleichermaßen Spaß machte, aber man braucht kein Prophet zu sein um vorherzusagen, dass dies wohl der letzte ANGEL-Auftritt auf einer deutschen Bühne gewesen sein dürfte, wenn es der Band nicht demnächst gelingt mit neuem Material aufzuwarten. OMEN dagegen sind irgendwie nicht unter zu kriegen, wenngleich der gute Ruf der Vergangenheit durch zahlreiche Sängerwechsel und für 'Die-hard-Fans' enttäuschende Alben mittlerweile etwas angekratzt ist.
Was OMEN live bieten hat wirklich Hand und Fuß. Zudem gebührt der Band eine Auszeichnung für den kultigsten Bass des Festivals. Wer allerdings mit OMEN an diesem Tag das erste Mal in Berührung kam - Ja, so etwas soll es geben! - der wird sich mit Sicherheit schwer tun den Kultstatus den diese Band immer noch genießt nachvollziehen zu können. Da sind LILLIAN AXE schon von einem ganz anderen Kaliber. Die Amerikaner beeindrucken in erster Linie durch ihre Vielseitigkeit mit der sie sich deutlich vom Gros der anderen Bands auf dem Bang Your Head abheben.
Sänger Ron Taylor der mit diesem Auftritt seine Abschiedsvorstellung bei den Lilienäxten gab, ist sicherlich ein guter Sänger, aber kein Unersetzlicher. Von daher darf man durchaus noch einiges von der Band erwarten, wenn sie ihre derzeit unglückliche Personalsituation ins Reine gebracht hat. Was auf OMEN zutrifft, hat in gewisser Weise auch für DEATH ANGEL seine Gültigkeit. Außer für eingefleischte Fans ist der Kultstatus der Band nur sehr schwer nachvollziehbar.
Nichtsdestotrotz kommt die Band hervorragend bei einem Großteil des Publikums an, und so zwischendurch auf einem Festival stellt die Band durchaus eine stilistische Bereicherung dar. Setlist: All England eyes, Wild swan, Brand new morning, Backstreet kid, Les morts dansant, We all run, How far Jerusalem, Vigilante, Kingdom of madness
Sie konnten! Und nicht nur das: MAGNUM lieferten den besten Auftritt des gesamten Festivals ab. Bei dieser Band stimmte an diesem Nachmittag einfach alles. Ihre Songs, die in den vergangenen Jahren kaum noch den Weg in meinen CD-Player fanden, trafen in dem Moment genau meinen Geschmack. Bob Catley war von der alten Sängergarde mit Abstand in der besten stimmlichen Verfassung. Da war kein Verschleiß wie bei den meisten anderen älteren Kollegen zu hören.
Die Songauswahl bot die eine oder andere Überraschung. Rocking chair hätte ich eher erwartet als beispielsweise Backstreet kid, und ich hätte auch jede Wette gemacht, dass On a storyteller's night auf jeden Fall im Programm auftauchen würde. Egal. Die Band bewies Geschmack bei der Zusammenstellung des Sets, und sorgte für einen dramaturgisch genial gewählten Showablauf mit einem grandiosen Finale, dass schon durch das epochale How far Jerusalem frühzeitig eingeleitet wurde und in den harten Rockern Vigilante und Kingdom of madness gipfelte. Zuvor hatte mir die Band mit einer emotionalen Version von Les morts dansant eine Gänsehaut trotz brütender Hitze verschafft. Mit dem Titelsong Brave new morning und We all run gab die Band noch einen Ausblick auf das im August erscheinende neue Studioalbum und wenn diese Songs halbwegs repräsentativ sind, dann könnte uns da ein ganz großes Werk ins Haus flattern. Brave new morning erinnerte an majestätische Bombastepen, wie Don't wake the lion, allerdings wesentlich spannender, während We all run in bester Days of no trust-Manier eher straight daher kam. MAGNUM meldeten sich eindrucksvoll zurück und ich bin nach dieser Show wirklich guter Dinge, dass die Band qualitativ da weiter machen wird, wo sie 1988 mit "Wings of heaven" inne hielten und die eher durchschnittlichen Studioalben der Neunziger locker übertreffen werden. Setlist: Mother Mary, Let it roll, Freeway (?), I'm a loser, This kids, Only you can rock me, Love to love, Too hot to handle, Lights out, Rock bottom, Doctor doctor UFO gehören zu den Bands, die seit mehr als fünfundzwanzig Jahren Abend für Abend aus den gleichen fünfzehn Songs ihr Programm zusammen stellen und höchstens noch alibimäßig ein, zwei aktuelle Stücke hinzufügen. Die Formel lautet ganz einfach: Man nehme das Live-Album "Strangers in the night" plus irgendwas und fertig.
In Balingen war es mal wieder so weit und bis auf einen Alibisong erfüllten UFO alle Erwartungen, beziehungsweise Befürchtungen, aber das war schon okay. Erstens geht so eine vermeintliche Best-of-Setlist auf einem Festival in Ordnung und macht durchaus Sinn. Zweitens sind das alles durchweg brauchbare Songs. Drittens (siehe oben) hatte ich schon länger nicht mehr das Vergnügen die Band live zu sehen und viertens ist das aktuelle Line-up wohl eins der stärksten der Bandgeschichte. Jason Bonham ist ein fähiger Drummer, aber viel wichtiger ist, das neben den Originalmitgliedern Phil Moog, Pete Way und Paul Raymond mit Vinnie Moore ein herausragender Gitarrist an Bord ist. Vinnie Moore interpretierte die Schenker-Klassiker für mein Verständnis noch exzessiver auf der Gitarre als sein Vorgänger und hauchte ihnen damit neue Frische ein.
Kaum zu glauben, aber die Spezies der 'L.A. Poser' ist tatsächlich noch nicht ausgestorben. In Balingen strömten sie zum Auftritt von Sebastian Bach in unerwarteten Massen vor die Bühne. Hach, was waren sie schön gestylt, Männlein von Weiblein kaum zu unterscheiden, zugekleistert mit Tonnen von Haarspray und Kajal. Kreischende Mädchen, als ob gleich Sascha oder OVERGROUND auf der Bühne erscheinen würden, Kerle die aussahen als wären sie auf dem Weg zum Casting für einen Job bei TWISTED SISTER oder TUFF. Dann stand ihr Held auf der Bühne, braungebrannt, ein typischer California Dream Boy und es gab für die Meute kein halten mehr.
SKID ROW gehörten schon immer zu den härtesten Poser-Bands und dieser Tradition fühlte sich Sebastian Bach verpflichtet. Seine Ansagen bestanden öfter aus 'fuck' als 'I love you all' und roh und ungezügelt rockte sich die ständig in Bewegung befindliche Diva sich durch den erwarteten Katalog von SKID ROW-Klassikern. Slave to the grind, Big guns, Monkey business und Youth gone wild fehlten genauso wenig wie die Single-Hits 18 & life und I remember you, mit dem das Publikum sich schon minutenlang vor der Show warm gesungen hatte. Das auch der Spaßfaktor nicht zu kurz kam, dafür sorgten die kurz angespielten ACCEPT-Songs Balls to the wall und London leather boys, sowie als Reminszenz an seine Broadway-Engagements das in Monkey business integrierte Time warp aus der 'Rocky horror picture show'. 'Sebastian Bach Superstar' kam, sah und siegte und entpuppte sich als der heimliche Headliner des zweiten Tages. Warum TESTAMENT in die Rolle des Co-Headliners gepresst wurden, verstehe wer will. Wenn man schon unbedingt meint eine extremere Metal- oder eine Thrash-Band im Billing an exponierter Position platzieren zu müssen, dann wäre für mich nur ANTHRAX dafür in Frage gekommen.
Zuvor machte das Wort von technischen Problemen die Runde, ich hatte allerdings eher den Eindruck, dass man mit dem Sound einfach nicht zufrieden war. Vielleicht war das Ganze auch einfach Taktik. Zu spät dran war man ohnehin, mit jeder Minute wurde es dunkler so dass bei TESTAMENT als sie endlich mit Practice what you preach durchstarteten die Lightshow schon sehr effektiv eingesetzt werden konnte. Die Band gab mächtig Gas. Chuck Billy stürmte voller unbändiger Energie über die Bühnenbretter, und feierte nach seiner überwundenen Krebserkrankung seine zweite Chance in diesem Leben. Um es auf einen Nenner zu bringen: Thrash with class.
Das Ende der Show kam dann allerdings recht abrupt. TESTAMENT wurde mitten in einem Song einfach der Strom abgedreht. Unbeeindruckt spielte die Band über die Bühnen-PA weiter. Zu hören war zwar nichts mehr, aber das war einfach TESTAMENTs Form des Protestes gegen das erzwungene vorzeitige Ende der Show. Ein unbefriedigender Abschluss eines mitreißenden Auftritts, aber Zeitpläne sind dazu da eingehalten zu werden. Fragt mal den Kollegen Blaze Bailey. Der kann davon auch ein Lied singen. Jedenfalls hinkte man weiter nur fünfzehn Minuten dem Zeitplan hinterher, was wohl innerhalb der einkalkulierten Toleranz lag. Der Auftritt von ICED EARTH wurde mit Spannung erwartet und diese durch eine relativ lange Umbaupause noch angeheizt. Am Bühnenrand wurden Kanonen aufgefahren und das sah doch sehr vielversprechend aus.
ICED EARTH überzeugten musikalisch auf ganzer Linie und doch war ein Kommentar eines Bekannten nach etwa einer halben Stunde symptomatisch und beschrieb den Auftritt ganz gut: 'Das ist ja ganz nett, aber ich warte immer noch auf den Headliner'. Kurze aber treffende Analyse. Was ICED EARTH boten war musikalisch stark, aber von einem Festivalheadliner muss einfach mehr kommen. Nun hat die Band natürlich das Problem, anders als beispielsweise TWISTED SISTER, dass sich ihr anspruchsvolles Songmaterial wenig zum mitgröhlen eignet. Man muss auch ganz einfach attestieren, dass die meisten ICED EARTH-Songs zwar Klasse haben, aber (noch) keine Klassiker sind. Das gößte Manko war aber, dass die Show nicht headlinerwürdig war. Gut, hinsichtlich des Lichts gab es wenig auszusetzen, aber das alleine war zu wenig.
Für eine Hallenshow wäre es okay gewesen, bei einem Festival sollte da schon etwas mehr kommen. Es müssen ja nicht gleich dreitausend Statisten aufmarschieren und die Schlacht um Gettysburg nachstellen. Trotzdem haben ICED EARTH bewiesen, dass sie mittlerweile zu den heißesten Eisen der Metal-Szene gehören und das mit der Show kriegen wir auch noch hin. Insgesamt war das Bang Your Head 2004 ein sehr gelungenes Festival, wobei besonders hervorzuheben ist, dass keine Band in diesem Jahr einen wirklich schlechten Auftritt hinlegte. Man muss nicht alle Bands in gleichem Maße mögen, aber höchsten Respekt, dass es keine echte Enttäuschung gab. Freuen wir uns auf das Jubiläumsfestival im nächsten Jahr, wenn unter anderem TWISTED SISTER, MOTÖRHEAD, DORO, GAMMA RAY, NEVERMORE, AXEL RUDI PELL, KROKUS, JAG PANZER, DESTRUCTION; AMON AMARTH, TANKARD und DEMON unter dem Motto 'The best of 10 years Bang Your Head' versuchen werden, die diesjährige Veranstaltung noch zu toppen. Martin Schneider, (Impressum,
Artikelliste), 03.07.2004
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