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Central Park

München, Theatron, 01.08.2006

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Theatron, München

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Fotos: Adelina Schmidtlein
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München, Theatron, 01.08.2006

Was ist nun der Unterschied zwischen Robbie Williams und CENTRAL PARK?
Wie zu lesen war, fiel bei Robbie beim Konzert im Münchner Olympiastadion gleich zu Beginn das Mikro aus. Bei CENTRAL PARK im benachbarten Münchner Theatron am Olympiasee war anfangs die Gitarre kaum zu hören und es gab ein paar Rückkopplungen. 1:1. Bei Robbie kreischten wildgewordene Hausfrauen und wollten ein Kind von ihm, bei CENTRAL PARK benahmen sich die Hausmänner und -frauen wesentlich gesitteter und applaudierten. Klarer Erfolg für C.P., 1:2. Paarungswillige und zahlungskräftige Hysteriebomben gibt es offensichtlich deutlich mehr als freundliche Zuhörer (ca. 200.000 bei drei Konzerten des immer leicht debil wirkenden Briten, gegenüber wohlwollend geschätzten 2.000 beim kostenlosen Gig nebenan), gibt insgesamt ein für den Superstar schmeichelhaftes Unentschieden, da auch in der Optik kaum ein Unterschied auszumachen war. Hier ein primatenhafter Engländer mit hängenden Armen, da fünf beinahe noch jugendliche Bayern mit fast ohne oder langen gräulichen Härchen. Kaum zu verstehen, dass der eine dauernd im Radio dudelt und die anderen eher selten.

CENTRAL PARK waren etwa zur Mitte der Achtziger in und um München eine recht populäre Band. Erstens bestanden sie aus schlachterprobten Musikern, hatten zweitens einen gutaussehenden jungen Sänger (man möge bitte bedenken, dass die damalige Haarmode heute eine sofortige Einweisung zur Folge hätte), hielten außerdem dem banalen Mainstream mit ausgefeilter und komplexer Musik locker stand und konnten viertens eine Lücke ausfüllen, die sich in der deutschen Musik seit dem weitgehenden Verschwinden der alten Krautrock-Bands aufgetan hatte: Prog Rock, damals noch gerne "Konzertante Rockmusik" genannt. In England hatte sich längst der so genannte Neo-Prog bemerkbar gemacht und etabliert, Deutschland war zum Grauen aller Rocker tief in der NDW verstrickt.
In den Jahren 1985 und '86 gaben C.P. die meisten Konzerte, bis auf wenige Ausnahmen alle in München und alle in längst nicht mehr existenten Clubs und Hallen - der Einheimische kommt bei Namen wie Rigan Club, Alabamahalle, Theaterfabrik, Vogue, Manege oder Mollhalle ins Träumen. Zum Durchbruch oder wenigstens einer Platte hat es trotz vorhandener Aufnahmen nicht gereicht. Eigentlich verwunderlich, denn seinerzeit brachte so ziemlich jede Münchner Band irgendwie eine LP zustande. CENTRAL PARK hatten Anspruch und wurden prompt von keiner der großen Plattenfirmen verpflichtet. Nette Idee, die zwanzig Jahre alten Ablehnungsschreiben heute im Booklet der "neuen" CD abzudrucken.

Theatron Doch zurück zu Robbie Williams. Der arme Kerl musste im Olympiastadion auftreten, das zwar architektonisch Weltkulturerbe darstellt, tontechnisch aber eine einzige Katastrophe ist. CENTRAL PARK konnten ihre Show auf Münchens schönster Bühne, dem Theatron, bestreiten. Ein Amphitheater mit in den See ragender Bühne und wunderbarem Ausblick für die Zuschauer. Für die Bands übrigens auch, die können dem Publikum im Rund direkt ins Auge blicken.
Für CENTRAL PARK war der diesjährige Auftritt der insgesamt vierte, nach 1985, '87 und '89.

An dieser Stelle sei ein nostalgischer Ausflug und eine persönliche und München-bezogene Meinung zum Theatron 2006 gestattet.
Seit 1973 spielen dort Sommer für Sommer Dutzende Bands. Zuerst von Mai bis Ende September immer Sonntags drei, seit vielen Jahren im Rahmen eines Sommerfestes ca. 4 Wochen lang täglich zwei bis drei Kapellen.
Ich habe dort über die Jahre so viele Nachmittage und Abende verbracht, dass längst eine Betonstufe meinen Namen tragen und ein persönlicher Caterer Bier herbeitragen müsste. Nichts dergleichen ist passiert, im Gegenteil, seit einigen Jahren wird das Programm ganz offensichtlich mutwillig an mir und dem restlichen Publikum über 35 vorbeigeplant. Wo man früher Bands wie GURU GURU, die SCORPIONS (zugegeben, damals war noch Uli Jon Roth dabei, die Berühmtheit hielt sich in Grenzen und ich war vielleicht 15), PASSPORT, HÖLDERLIN, Willy Michl und und und bejubeln, bestaunen oder schnurstracks zu den Karpfen in den See wünschen konnte, wo sich Kraut, Metal, Hard Rock, Southern Rock, Blues und Boogie, völlig schräges Zeug, kompletter Mist und späterer Megaerfolg am Rande des Sees die Gitarren in die Hand drückten, gibt es im Jahr 2006 folgende Stil-Auswahl: Ska, Punk-Chansons, Reggae, Bienenrock (???), Indie in verschiedenster Ausprägung, Gitarren-Pathos (übrigens mit der von uns gelobten Band k.leze), French Pop, Emo-Schlager, HipHop, Elektro, Klangwelten, Rock'n'Turntable, Upfront-Pop, Hip-Funk-Blues-Hop und das alles meistens noch vermischt. Dem mit DEEP PURPLE aufgewachsenen Fan wird's schwindelig.
Shenaniganz Okay, einmal gibt's eine lustige Schülerband (!) mit Punk'n'Roll (dieses Bild), einmal Rock (da fielen den Machern wohl keine absurden Bezeichnungen ein - mir angesichts des schlappen Sounds dieser jungen Kerle auch nicht), zweimal Progressive Rock (eben CENTRAL PARK und tags darauf die Superoldies SAHARA mit Nick Woodland, gegründet 1966, über Jahrzehnte aufgelöst und nun wieder reformiert) und einmal Metal-Fusion für die Extremies. Noch nicht mal eine einzige sterbenslangweilige Bluesband hat es dieses Jahr ins Programm geschafft.
Insgesamt 67 Konzerte und davon vielleicht 4 für einen Rockfan, der sich a.) seit Jahrzehnten von allen nur erdenklichen Tönen malträtieren lässt, b.) sich trotz eindeutiger persönlicher Vorlieben als tolerant bezeichnet und c.) gerne neue Töne entdeckt, aber beim allerbesten Willen keinerlei Interesse an Bienenrock oder Emo-Schlager hat.
Der veranstaltenden "Arbeitsgemeinschaft Theatron" sei gesagt, dass der unmerklich gealterte Altfan (alt plus alt ergibt jung...) mitnichten darauf besteht, heute noch ausschließlich die Gestalten von vor 30 Jahren zu sehen - bewahre, die sind ja alle noch älter als der Altfan. Aber es gibt im musikalischen Universum nicht nur eine Zielgruppe der 14- bis 25-jährigen MTV-Gucker, sondern all die vielen Menschen, die richtige Gitarren und richtige Keyboards und richtige Sänger bevorzugen. Wie wäre es, liebes Kulturreferat, liebes Feierwerk, liebes Rockhouse e.V., denen zwischen 67 Bands ein klein bisschen mehr als zwei, drei Almosen zu gönnen? Die kommen auch und trinken Bier und schreien ganz laut vor Begeisterung.

Vielfalt tut Not, hier wird leider eine gesamte, gewachsene und in Resten noch funktionierende Kultur inklusive der zugehörigen Altersgruppe (plus durchaus existierende junge Fans) einfach negiert. Wenn im nächsten Jahr via Lokalzeitungen das Mitleid heischende Gejammer wegen fehlender Sponsoren- und öffentlicher Gelder wieder losgeht und mit Wegfall von Konzerttagen gedroht wird, denkt lieber drüber nach, warum vernünftige Durchführungsvorschläge ignoriert wurden, warum großartige ROCKbands selbst für kleines Geld heute nicht mehr auftreten dürfen (bloß weil sie einem offensichtlichen Jugendlichkeitswahn nicht entsprechen vielleicht?) und steckt Euch das vermutlich teure und dennoch miserabel redigierte Programmheft an den Hut. "Kultur hat viele Gesichter. Besonders in München. Wir sorgen dafür, dass es so bleibt" steht hinten drauf. Ein Treppenwitz. Und einen schönen Gruß an den Schirmherrn, Oberbürgermeister Ude.

Central Park

Zurück zu Robbie Williams, sorry, CENTRAL PARK.
17 Jahre nach ihrem letzten Auftritt an diesem Ort sind sie wieder da. 1989 gab es noch keine Bühne auf der Seebühne, kein Zeltdach drüber, keine Luxus-P.A. und keinen Turm für den Soundmann, da stand man ebenerdig, wuchtete den Lärm über einen kleinen Boxenstapel ins Publikum (und hatte bei passendem Wetter herrliche Störgeräusche vom nahen Fernsehturm im Ohr) und bei Regen zog man Plastikplanen übers Equipment. Das war natürlich auch charmant, heute ist der Spaß deutlich perfekter organisiert, hindert die mächtige Lichtanlage aber auch nicht daran teilweise auszufallen. Juckt nicht, es zählt das gute Gefühl, eine alte Band wiederzusehen und zusammen mit doch erstaunlich vielen Ohrenzeugen von früher knapp 90 Minuten Rockmusik zu hören.
Central Park Von den oben erwähnten kleinen Anfangsschwierigkeiten abgesehen sind CENTRAL PARK heute eine mindestens so gute Band wie damals. Bei dieser Musik von Lockerheit zu sprechen wäre zwar übertrieben, aber der Spaß an der Reunion ist allen Fünfen anzumerken und der Wandel der Haar- und Bekleidungsmode wirkt sich wohltuend aus. Kein Minipli und Vokuhila, keine Streifenhose und kein Ringelshirt mehr. Rory Gallagher war gut beraten, Zeit seines Lebens mit Jeansjacke, Holzfällerhemd und langen Haaren herumzulaufen, gerade die Achtziger boten so manche Möglichkeit für ultimativen Modegrusel. Man kann das auf der witzigen DVD-Beilage der "Unexpected"-CD begutachten.

Central Park Anno 2006 steigen CENTRAL PARK frohgemut in den Gig ein und spielen die Songs ihrer CD von 1986. Von 2006. Die Erläuterung gibt's in der CD-Besprechung.
Bei einem Opener wie Face The Space ist es auch vollkommen unwichtig, aus welcher der letzten drei Dekaden er stammt, es ist einfach opulenter, fetziger Rock mit herrlichem Piano, turmhohen Drums, satten Gitarrenlicks und dem supereingängigen Gesang Heiko Möckels. Man kann so einen Song live auch gerne etwas breittreten, das Bein stampft auf jeden Fall automatisch mit und hilft beim breittreten bis der Achilles schmerzt.
Für ein geraumes Weilchen und etliche Songs geht das auch so dahin, bis irgendwann die progressiven Wurzeln im sprichwörtlichen Sinne durchschlagen und Keyboarder Jochen Scheffter beim Kolossalwerk Don't Look Back auf Keith-Emerson-Gedächtnistour geht. Man wartet nur noch auf den Dolch, den Emerson seiner Orgel regelmäßig in die Eingeweide rammte, und ächzt ansonsten im Sturm der "seltsamen" Tastentöne. Zweifellos virtuos, für den einfach gestrickten Zuhörer auf jeden Fall äußerst anstrengend.
Central Park Immer wenn Hans Ochs mit seiner Gitarre in den Vordergrund tritt, weht ein Hauch YES durch den Abend, immer wenn Schlagwerker Artur Silber sein mächtiges Instrumentarium bemüht - was er oft tut und leider dabei vom Dunst der Nebelmaschine verhüllt bleibt - fragt man sich, warum ein gewisser Herr Collins irgendwann gemeint hat ein guter Sänger zu sein und nicht mehr trommeln wollte. Wer Drums als mehr als ein reines Rhythmusgerät wahrnimmt, bekommt bei CENTRAL PARK genug Gelegenheit, seine eigenen motorischen Fähigkeiten zu verachten.

Spektakulär ist das Acting auf der Bühne nicht. Wenig Bewegung, überhaupt keine Explosionen oder Blutfontänen, nicht einmal eine Wunderkerze kommt zum Einsatz, nur der Nebel nebelt. Dafür bietet die Band einen konzentrierten Auftritt, der vom Publikum konzentriertes Zuhören fordert, denn kaum wähnt man sich in der Sicherheit eines vermeintlich mainstreamigen A.O.R.-Songs, wofür vor allem Möckel mit seiner hervorragenden Radiostimme verantwortlich ist, setzt ein weiterer expressiver Kreuzzug durch die progressiven Welten der Rockmusik ein. Zugegeben, dafür muss man Verständnis aufbringen, Einfachheitsfanatiker sind, wie bereits gesagt, schnell überfordert.
Central Park Dass allerdings die samt und sonders deutlich betagten Nummern (jaaa, wir wissen, außer dem neu entstandenen Silent Garden) so frisch und lebendig tönen, erscheint überraschend. Ist es letztendlich aber nicht, denn Prog mit Melodic-Anteilen war schon immer so zeitgemäß wie angestaubt, ergo zeitlos - und Herr Silber gibt auch die eine und andere aufschlussreiche Erklärung zum nächstfolgenden Stück ab.
Frisch und lebendig also, und dies vor allem, weil in den Arrangements keine Überzuckerung für toxische Schocks sorgt - CENTRAL PARK haben trotz aller Komplexität immer eine wohltuende Schlichtheit in ihren Kompositionen und prahlen nicht mit kuschelweichen Synthetikorgien. Down to earth anspruchsvoll also.
Der Name der schönen Sirene zum Schluss des Auftritts ging unter. Mann ist nicht multitaskingfähig und mit Gucken, Hören und Merken deutlich überfordert. Singen konnte sie jedenfalls.

Tolles Konzert. Und eine Band, die man eigentlich längst vergessen hatte, die nun aber hoffentlich dort weitermacht, wo sie vor langer Zeit aufgehört hat. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif.

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Noch ein persönlicher Eindruck: Ich weiß nicht mehr, ob ich C.P. nun vor 21, 19 oder 17 Jahren gesehen habe. Vielleicht sogar zweimal. Sicher ist allerdings, dass mich damals dieser Neo-Kraut-Prog an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Kaum Rock & Roll, wenn schon mal harsche Gitarren, kam unmittelbar darauf die Retourkutsche in Form eines Keyboardsolos - viel zu viele Noten und Synkopen für den Boogieman. So ändern sich die Zeiten.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 05.08.2006

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