|
Fotos: Adelina Schmidtlein
|
60 Minuten vorher
|
... mittendrin
|
|
|
|
|
| München, Olympiahalle, 12.03.2005 |
 |
Es ist kalt in diesem Land. Normalerweise entledigt man sich bei anhaltender Kälte auf keinen Fall wichtiger, weil wärmender, Kleidungsstücke. Weil wir aber die Weltmeister im Benchmarking, Restrukturieren und Synergien schaffen sind, haben wir auf dem Weg in eine weit bessere Zukunft einige unnötige Ressourcenverbraucher wie Kultur und Spaß am Spaß einfach irgendwo hinter dem letzten Reform-Eisberg entsorgt. Weg damit und Konzentration auf die relevanten Dinge des Lebens!
Sollen wir noch ein bißchen Bullshit-Bingo spielen und mit saudummen Anglizismen herumwerfen, oder ist klar, auf was der Rock & Roll-Controller hinaus will?
Die Musikindustrie ist ziemlich mausetot. Das Kulturgut Musik wird nicht mehr geachtet, meist gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Daß die Industrie an dieser Situation selbst schuld ist... ach ja, entlockt das noch jemand ein Gähnen? Daß aber der Niedergang einer über wenigstens 50 Jahre gewachsenen Kulturform auch etwas mit der Wechselwirkung zwischen dem einzelnen Individuum und gruppendynamisch-menschlichem Verhalten zu tun hat, wäre eine gedankliche Weiterführung. Einfaches Beispiel: Auf einer großen Bühne einer großen Halle steht eine Frau und skandiert "We will rock you!". Knapp 5.000 Menschen brüllen und stampfen begeistert mit. Warum? Weil sie es im Bierzelt auch tun würden? Weil We Will Rock You ein gigantischer Hit war? Weil We Will Rock You zum Hit wurde, weil es ein gigantischer Song ist?
Lösung: Es ist eine Schnittmenge aus allen drei Komponenten!
Schlußfolgerung: 1. Die Menschen würden auch brüllen und stampfen, wenn die Frau auf der Bühne die Geschichte von Schnappi erzählen würde. 2. Die Industrie kann gigantische Hits aus ALLEM machen. 3. Sie tut es leider auch. 4. Wäre das Leben nicht schöner und wärmer, wenn es künftig nur noch gigantische Hits geben würde, die gleichzeitig auch gigantische Songs sind?
|
|
|
|
Die Süddeutsche Zeitung hat Barbara Clear in einem Jahresrückblick 2004 einen Eintrag spendiert, gleichzeitig aber die "vielen" Coversongs ihres letztjährigen Konzerts in der Münchner Olympiahalle moniert. Mit Verlaub, aber das war unsinnig. Was ist falsch daran, den Leuten zu geben was sie wollen und das auch noch gut (im Gegensatz zu den Unmengen schlechter Coverbands). Daß Barbara Clear keine Probleme hat, ein Konzert ausschließlich mit eigenen Kompositionen zu bestreiten weiß, wer ihre CDs kennt.
Barbara Clear hatte den Mut, nach dem Triumph im letzten Jahr die Olympiahalle noch einmal zu buchen. Die Angebote der Musikindustrie hat sie ausgeschlagen und ihren Status als unabhängiger Künstler bewahrt. Zum - bewußt als Fortsetzung und nicht als Wiederholung angekündigten - 2005er Konzert kamen nicht ganz so viele Fans und Neugierige, die anwesenden hatten allerdings wieder einen wunderbaren Abend, viel Spaß und zur Belohnung ein Konzert, das sich vom ersten deutlich unterschied.
Gleich blieb allerdings die spartanische Bühne, der hervorragende Sound, die Unterstützung durch zwei Videowände, das geschmackvolle Licht und das sichtliche Vergnügen der Sängerin an dieser gigantischen Location.
Zum Einstieg gab es wieder zwei, drei relativ ruhige Nummern, normalerweise showtechnisch völlig falsch, aber Barbara Clear bringt ihr Publikum damit zum Zuhören und zeigt den Musikkritikern, daß sie nicht nur glänzend singen kann, sondern auch superb an der Gitarre agiert.
Die soeben erschienene CD "Precious" kam fast komplett zum Vortrag, darunter die - gemäß erstem Eindruck - bisher besten eigenen Songs wie Love Is A Healer oder Part Of It All und einen lustigen Rock & Roll, dessen Titel wegen Unaufmerksamkeit des Berichterstatters unterging, alte Songperlen wie Ode To Billy Joe von Bobby Gentrie (dieses Kleinod war wohl in den letzten Jahrzehnten völlig vergessen), Chrome Plated Heart von Melissa Etheridge oder Walkin' Back To Georgia von Jim Croce. Meisterhafte Darbietungen.
|
|
|
|
|
Der Mensch ist ein Massentier. Ist die Masse nicht so groß, steigt die Hemmschwelle, sich extrovertiert zu benehmen. Wenn eine Halle "nur" halb voll ist, ist die Gefahr bei ausgelassenem Treiben beobachtet zu werden größer. Also verhält man sich zuerst einmal etwas zurückhaltend, klatscht und schreit nur mit halber Kraft und beobachtet seinen Nachbarn. Wenn der dann bei Locomotive Breath hingebungsvoll falsch den Refrain grölt, geht der Gaul auch mit dem leicht verklemmten Gelegenheitskonzertbesucher durch und er bejubelt im Anschluß das grandiose Willin' von Lowell George um so lauter.
Nach der Pause vorwiegend Party. Janis Joplin, etwas DEEP PURPLE (When A Blind Man Cries), Venus von SHOCKING BLUE und und und. Kleine Geschichten, viel Entertainment, das fürchterlich traurige Lied vom überfahrenen Stinktier - warum haben die Leute da nur gelacht? - und einen traumhaften Desert-Blues über Australien. Ähnlichkeiten zum australischen Voodoo-Blueser Steve Tallis sind mit Sicherheit zufällig aber emotional betrachtet vorhanden. Das Publikum ist gegen Ende wieder völlig aus dem Häuschen, macht die Welle und besteht auf weitere Bespaßung. Kriegen sie auch und nach 2 ½ Stunden sieht man nur strahlende Gesichter. Vielleicht überdenkt der ein oder andere Besucher seine künftige Konzertstrategie und gibt anstatt 80 Euro für Unterhaltungsmaschinen wie Rod Stewart oder U2 lieber 15 für einen Clubbesuch oder das nächste Konzert von Barbara Clear aus.
|
|
|
|
|
Apropos nächstes Konzert. Wem bis Ende 2006 Plakate mit der Aufschrift "Zwergenaufstand" auffallen, muß mitnichten auf die kommende Tour von Peter Maffay tippen. Barbara Clear geht auf eine Konzertreise, die sie durch die größten Hallen Deutschlands und Österreichs führt. Offenbar machen solche Venues süchtig. Hingehen und auch süchtig werden!
|
Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

|