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Alvin Lee Band:

Rother Blues-Tage 2001, Roth, Kulturfabrik, 07.04.2001

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Fotos:
Adelina Schmidtlein
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Alvin Lee #1
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Alvin Lee #6
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Roth, Kulturfabrik, 07.04.2001Bildergalerie

Lieber Alvin,

Ich habe Dich 1978 zum ersten mal gesehen. Im Rockpalast. Zusammen mit Tom Compton am Schlagzeug und Mick Hawksworth am Bass. Du hast die Band Ten Years Later genannt.
Extra wegen Dir habe ich das alte Tape jetzt noch mal rausgeholt. Wow. Das hat ganz schön gerockt damals.
Weil ich Dich ja vorher nie gesehen hatte, war die Setlist irre spannend für mich. Ich zitiere die noch mal. Weil's so schön war.

Gonna Turn You On
Help Me
Ain't Nothing Shakin'
Bass-Solo (mit dem Thema aus dem Rosaroten Panter)
Hey Joe
I'm Going Home
Choo Choo Mama
Rip It Up
Sweet Little Sixteen
Roll Over Beethoven

Naja, im nachhinein betrachtet waren da ja auch schon einige olle Kamellen dabei. Aber Du hast wirklich ganz heftig gerockt, damals im Rockpalast. Und die beiden LP's mit Ten Years Later waren auch ziemlich gut. Hart und kernig.

Seitdem habe ich Dich mit verschiedenen Bands immer wieder gesehen. Im Laufe der Jahre bestimmt 20 mal. Und sogar die Reunion mit Deinen alten Kumpels von Ten Years After war ziemlich klasse. 1989 war das. Dein Bassist, der Leo Lyons, hatte damals richtig Spaß. Und ich auch. Und Ihr habt sogar einige Lieder aus der damals neuen CD "About Time" gespielt. War toll.

Und dann bist Du wieder solo auf Tour gegangen. Und alle paar Jahre kam eine neue LP raus. So vor ca. 15, 20 Jahren waren da richtig tolle Platten dabei. "RX5" und "Detroit Diesel" sind auch heute noch feine Rock & Roll-Scheiben. OK, die letzten Platten von Dir (die allerletzte Studioplatte ist auch schon 7 Jahre alt) waren nicht sooo toll. Aber das kann ja mal passieren. Ich bin Dir nicht mehr böse deswegen.

Aber irgendwie waren Deine Konzerte nicht mehr so spannend. Komisch gell? Wo Du doch "I'm Going Home" immer so schön flott spielst. Und fast jedesmal änderst Du eine oder zwei Noten. Ich versteh das eigentlich nicht. Du bist doch der schnellste Gitarrist des Westens.

Ach, es liegt wahrscheinlich an mir. Bin halt jetzt alt geworden. Mach Dir nichts draus. Solange Du immer wieder einen brandneuen Schlager vom guten alten Chuck Berry spielst, kann nichts schiefgehen. "Johnny B. Goode" und "Sweet Little Sixteen" (auch wenn's nicht von Chuck ist) oder die gute alte "Lucille" sind doch echt innovativer Rock & Roll.

Vor 2 Jahren warst Du wieder unterwegs. Mit Deinen alten Kumpels von Ten Years After. Obwohl's doch jetzt schon 30 Jahre später war. Ich war natürlich auch wieder dort. Und weißt Du was? Ich hab da tatsächlich die ganzen alten Jungs wiedergetroffen.
Du, die haben sich ganz schön gefreut, daß sie mal wieder "Good Morning Little Schoolgirl" und "I Woke Up This Morning" und "Love Like A Man" hören konnten. Weil eigentlich hören die ja inzwischen nicht mehr so wilde Rockmusik. Mehr Chris DeBurgh. Ganz leise, damit die Kinder nicht aufwachen.

Nur mir war's recht langweilig. Hab ja nun die alten Songs schon ziemlich oft gehört. Und irgendwie kommt es mir vor, als ob Du auch nicht mehr ganz so flink wie früher bist. Aber da täusch ich mich bestimmt. Ich höre halt nicht mehr so schnell. Dass bei TYA endgültig das Feuer raus wäre, kann ich mir nicht vorstellen. Ist doch nicht so, oder Alvin?

Jetzt hab ich mich ganz schön gefreut, daß Du wieder auf Tournee gehst. Ein bisserl komisch ist der Tourplan zwar, Du spielst ja nur in kleinen Städtchen, aber wir fahren gern auch mal ein paar Kilometer um Dich zu sehen. Mein Gott, Woodstock kann doch überall sein.

Die Leute vom Rother Blues-Festival haben sich bestimmt auch gefreut, daß Deine Tour grade jetzt im April stattfindet. Mensch, da engagieren die Dich doch gleich. Und für die Leute in Franken ist das endlich mal eine Abwechslung von ihrem eintönigen Leben zwischen Bratwürstl und dem Club. Find ich toll von Dir, daß Du auch an die Fans draußen in der Provinz denkst.

Jetzt muß ich Dich aber mal was fragen.
Warum spielst Du eigentlich nur noch so ganz alte Lieder?

Lies mal, was Du am Samstag in Roth gespielt hast:

Rock & Roll Music To The World
Keep On Rockin'
Hear Me Calling
I'm Coming On
Good Morning Little Schoolgirl
I Woke Up This Morning
Everytime I Get The Blues
I Don't Give A Damn
Johnny B. Goode
Love Like A Man
I'm Going Home
Choo Choo Mama
Rip It Up

Das jüngste dieser Lieder ist "I Don't Give A Damn". Und das spielst Du auch schon seit mindestens 15 Jahren. Ist das eigentlich von Dir selber? Und ansonsten sind alle Deine Songs aus den Jahren 1968 bis 1972. Vom guten Johnny mal abgesehen. Das haben schon die Römer auf ihren Galeeren als Einpeitschernummer gespielt.

Und noch eine Frage.
Hast Du dem neuen Trommler (Alvin ,Steve' Schrempf aus Österreich) eigentlich nicht gesagt, daß man so schöne alte Lieder nicht mit der Basstrommel hinrichten darf? Das tut doch den alten Schlagern weh.

Du, wo wir grade beim plaudern sind. Dein Bassist, der Steve Gould, ist doch ein Guter. Der hat ja auch viele Lieder für Deine Platten geschrieben. Kann er das jetzt nicht mehr? Ich meine, hat er das Lieder schreiben verlernt? Oder spielst Du die einfach nicht, weil er so modernes Zeug schreibt?

Oder war das alles Absicht. Und Deine neue CD (soll ja angeblich im Mai oder so erscheinen) ist sowas von schlecht, daß Du die Songs gar nicht live spielen möchtest? Oder wolltest Du uns nur nicht überfordern. Weil die CD so furchtbar innovativ sein wird?
Wenn das so ist, dann bedanke ich mich ganz herzlich.

Andernfalls muß ich einfach annehmen, daß Du Deine Fans verarscht. Ich fühle mich jedenfalls so.

Weißt Du, der Unfug von wegen "schnellster Gitarrist" und so, interessiert eh keinen. Aber was Du am Samstag gespielt hast, war doch recht fad und langweilig. Deine Lieder waren ja nie besonders kompliziert und vertrackt, muß Rock & Roll und Blues und Boogie gar nicht sein, aber Du hast sie schon sehr einfach runtergenudelt. Klar, der lustige Gag mit dem Drumstick ist immer wieder nett. Auch wenn ich ihn schon so oft gesehen habe. Und wenn Du die Gitarre am Mikroständer reibst, das hat schon was ganz gemeines. So verrucht irgendwie. Nur, wir haben inzwischen das Jahr 2001. Nicht mehr 1968.

Alles Gute weiterhin. Und nix für Ungut. Ich glaube, wir zwei werden uns nicht mehr sehen. Ich geh nämlich nicht so gern zu Oldie-Shows. Dort spielen oft Leute wie Smokie, die Rubettes und Suzi Quattro. Und demnächst auch Du?

Fred Schmidtlein (Impressum, Artikelliste), 09.04.2001
Bilder: Adelina Schmidtlein (Impressum, Artikelliste), 07.04.2001

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Ich sehe zwei Marshal-Türme, einen mit einem roten, einen mit einem weißen Amp on top. Vor den unteren Boxen stehen die obligatorischen Mikes, aber nur der rechte Marshal ist auf Standby, der weiße ist tot. Das muss ihm der Neid lassen: Schaut schon geil aus, zwei Türme nebeneinander. Auf jeden Fall bin ich sicher, dass ich heute keine Fender-Overdose bekommen werde. Gibson über Marshal, das sollte es sein.

Alvin Lee hat natürlich immer noch das selbe Modell, Halbresonanz, wie zu Woodstock-Zeiten. Ist ein neues Teil, klar und auch der Sticker darf nicht fehlen.

Dann kommt der erste Schlag der Bassdrum und das Konzert ist gelaufen. Ich spüre meinen Herzschlag nicht mehr, mein Zwerchfell und alle Inneren Organe schwingen mit den Schlägen und mir wird richtig mulmig. Das darf doch nicht wahr sein! Und wenn Mr. Lee jetzt die Gitarre seines Lebens spielte, es wäre umsonst. Allzu lang werde ich das nicht aushalten. Auch wenn Gitarre und Bass die richtige Lautstärke haben. Aber die Bassdrum ist mörderisch. Ich beginne auch um die Herzschrittmacherträger zu fürchten. Da sind sicher mehr als drei Dutzend im Saal. Im Foyer, gleich am ersten Tisch lehnt die Sanitäterin. Ist das geplant?

Ich habe Mr. Lee niemals live gesehen und bin schon gespannt, was er so auf seiner Gibson treibt. Sein Spiel scheint ziemlich locker, aber dann, als Fred meint, "der Song ist von 1969", denke ich mir, "na ja, beim 2.732 Mal kann ich das auch so gut". Dann folgt ein zweiminütiges Mundharmonikasolo, gefolgt von einer Slideeinlage mit der Harmonika und das Trommeln der Saiten mit dem Stick. Tolle Show, findet der Saal. "Macht er seit Christi Geburt" kommt von Fred. Alles klar.

Mir wird deutlich vor Augen geführt, wie anspruchslos wir doch damals waren, als wir "Cricklewood Green" kauften und es eine tolle Scheibe fanden. "Love like a man" war ein Killersong. War, ich betone, war. Heute - nein. Kann es sein, dass man 35 Jahre lang Musik macht und dies, mit nicht mehr als drei Akkorden? Ich kann es kaum glauben. Beim Essen vorher beim Italiener stand eine Büste Giuseppe Verdis neben uns auf dem Fensterbrett. Hat der Mann ein Glück, dass er sowas nicht mehr erleben musste.

Ich bin geheilt. Den Spruch des "schnellsten Gitarristen des Westens" habe ich ja nie ernst genommen. Und die unsinnigen Läufchen locken keinen Amateur hinter dem Ofen raus. Die fragen sich höchstens "was soll denn das?" Keine richtige Linie im Solo, null Spannung - eine einzige Enttäuschung.

Steve Gould spielt seinen Part am Bass perfekt. Da hat dieser Mann mit Rare Bird Musikgeschichte geschrieben und hampelt seit Jahren auf dieser Oldie-Tour mit. Okay, festes Gehalt, kaum ein Risiko. Würde er wieder etwas Eigenes machen wie z. B. die umwerfende Runner-Scheibe von 1979, die halt nicht über einen Achtungserfolg beim Publikum (und Höhepunkt für die Fans) hinauskam, müsste er halt in der Pension für 40 Mark die Nacht absteigen. Und nicht per "was weiß ich" einfliegen. Nach all den langen Jahren ist es ihm wahrscheinlich sch...egal, solange nur der Rubel rollt. Ich trauere.

Nach etwa 20 Minuten werden die Nachrichten "Herz an Kleinhirn: Ich will hier raus" immer lauter und sind nicht mehr zu ignorieren. Im Foyer prüfe ich sofort meinen Puls: Leicht erhöht durch den Ärger, Gott sei' Dank keine bleibenden Schäden. Nichts was eine Lucky und eine Cola (ich bin der Chauffeur) nicht in ein paar Minuten wieder hinbiegen. Das Ende des "Konzerts" (es sträuben sich meine Finger beim Tippen des Wortes) erleben wir nicht mehr. Und das ist gut so.

Werner Saumweber (Impressum, Artikelliste) 09.04.2001

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