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Über die italienische Band W.I.N.D. haben wir im Home of Rock bereits mehrmals gesprochen. Im Prinzip ein klassisches Bluesrock-Power-Trio, das aber im Gegensatz zu vielen anderen vergleichbaren Bands einen unnachahmlichen Hang zu Jamrock und/oder Southernrock aufweist und auf CD und live mit grandiosen technischen Leistungen und mit richtigen Songs aufwarten kann.
Am Rande der European Bike Week hatten wir ausgiebig Gelegenheit, mit den Jungs abzuhängen und dieses Gespräch mit Fabio Drusin, dem Sänger, Bassist und Bandchef, zu führen. Außerdem hatte ich, als wohl erster Deutscher, die Gelegenheit drei neue Nummer zu hören, die W.I.N.D. zusammen mit Johnny Neel aufgenommen haben und bei denen über 30 Minuten gradezu unfassbar gejammt wird.
Home of Rock: Fabio, wie kommt's, dass Ihr als Band aus Italien ausgerechnet solche Musik macht? Müsstet Ihr nicht eher beim Schlagerfestival in San Remo auftreten?
Fabio Drusin: Nein nein, wir haben schon eine ganz gute Szene für Blues und Rock - also Classic Rock - bei uns in Italien. Klar, so richtig groß ist die nicht und wir werden sicher nicht reich damit, aber die Fanbase ist da und vor allem treu. Wir haben unser Label [Artesuono] und unseren Produzenten Stefano Amerio natürlich in Italien, davon abgesehen versuchen wir unsere Musik auch im Ausland, also in Europa und Amerika, ein bisschen zu verbreiten.
Und das funktioniert auch gar nicht schlecht, denn Mailorder-Spezialisten wie Bärchen Records in Deutschland oder die musikalische Connection zu Johnny Neel machen sich bezahlt. Die Band ist über den Status "völlig unbekannter Geheimtipp" längst hinaus.
HoR: Wie hat sich Eure Musik über die Jahre entwickelt, oder ist das noch das gleiche wie 1989?
F.D.: Oh, das hat sich schon stark geändert. Wenn Du heute unser erstes Album "W.I.N.D." anhörst, bemerkst Du sofort, dass es mehr straight ahead, mehr Rock & Roll ist. Wir waren damals noch ein Quartett und erst als der Keyboarder ging hat sich die Musik verändert. Es ist heute viel mehr eine Mischung aus Rock, Blues, Jazz und Improvisation. Also harter Blues und viel mehr, irgendwie wie die alten "historischen" Trios.
HoR: Haben sich da auch die Einflüsse geändert oder nur der Sound?
F.D.: Die Einflüsse sind natürlich die selben geblieben. Das kann sich ja gar nicht ändern, wir reden schließlich von Blues und Rock. Wir sind nur offener geworden, auch gezwungenermaßen, als Trio musst du vielfältiger sein, sonst wird's langweilig. Wir beginnen einen Song und wissen im Prinzip nie, wie er enden wird.
Was man voll und ganz bestätigen kann, die Songs klingen nie gleich, immer wird etwas anders gespielt, Songs wie Spoonful oder Boogie Man habe ich jetzt drei Mal live gehört und immer völlig unterschiedlich. Es ist auch unmöglich zu entscheiden, welche Version nun spannender ist.
HoR: Die gleiche Vorgehensweise auf der Bühne und im Studio?
F.D.: Absolut! Wir spielen im Studio auch live. Ich meine, wir haben unseren spezifischen Sound gefunden und wir können im Studio live spielen.
HoR: Jetzt habt Ihr ja diese Verbindung zu Johnny Neel. Den kennt man von GOV'T MULE und den ALLMAN BROTHERS. Wie kam das zustande?
F.D.: Ich habe Johnny vor vier Jahren in New York getroffen, da hat er mit GOV'T MULE gespielt, ich habe ihm dann unsere Promo von "Hypnotic Dream" gegeben und es hat ihm gefallen. Dann waren wir mit ihm zusammen in Nashville im Studio um ein paar Songs für "Hypnotic Dream" mit ihm einzuspielen.
Das sind die Hammersongs "Can You Feel Me", "Boogie Man", "Dance With The Devil", "Hypnotic Dream" und der Bonus-Jam "Jammin' With Johnny", bei denen Neel an der Hammond zu hören ist.
F.D.: Ich habe Johnny damals drei Mal mit GOV'T MULE und einmal mit den ALLMAN BROTHERS im Beacon Theatre gesehen. Mann, der ist so groß. Und unkompliziert. Wir haben nur ein paar Emails hin und her geschrieben, dann hat er gemeint, kommt her, ich will mit Euch spielen. Wir haben die Songs in nur zwei Tagen völlig live eingespielt. So muss Musik doch sein, einfach den Moment einfangen, auf die Lyrics kannst du verzichten, Hauptsache die Melodie passt. Das ist unser "Geheimnis".
Fabio meint damit nicht, dass man auch völligen Unfug daherbrabbeln kann, er meint, dass das Zusammenspiel zwischen Song und Lyrics in einer guten Melodie münden muss, als Beispiel nennt er "Going Lazy", das auf der CD eigentlich mein Favorit ist.
F.D.: Wir haben mit Johnny dann auch in Nashville im "Blues Hideaway" gespielt, am gleichen Abend als wir im Studio fertig waren. Also vom Aufnahmeraum direkt auf die Bühne.
Vor zwei Jahren haben wir mit Johnny dann in Italien getourt. Und im November dieses Jahr kommt er wieder und wir spielen auch bei Euch! Und in Italien, Österreich und der Schweiz.

Und hier die Tourdaten von W.I.N.D. zusammen mit Johnny Neel im November 2004:
21/11/04 - Udine (Italy) - Auditorium Zanon (Presentation of new CDs with W.I.N.D. & Johnny Neel who will play with a jazz trio featuring U.T. Ghandi, Giovanni Maier, Michele Succi and an archs section)
23/11/04 - Bologna (Italy) - Blueinn Cafè
25/11/04 - Velden (Austria) - Bluesiana Rock Cafè
26/11/04 - Schwarzenbach (Germany) - Rock Keller
27/11/04 - Hannover (Germany) - Blues Garage
01/12/04 - Somma Lombarda (Varese, Italy) - Joe's Cafè with Same Old Blues
02/12/04 - Turin (Italy) - Gilgamesh - with Voodoo Lake
03/12/04 - Gordono Ticino (Switzerland) - Pasinetti
04/12/04 - Sondrio (Italy) - Teatro Frascati

HoR: Gibt es schon Pläne für ein neues Album?
F.D.: Logisch! Wir mischen grade ein Livealbum von der letzten Tour ab. Da ist Johnny auch dabei. Es wird wohl ein Doppelalbum, die eine CD live, die andere mit neuen Studioaufnahmen.
Darunter sind die drei oben genannten Nummern mit Johnny Neel, zwei Instrumentals und eines röhrte er höchstselbst ein. Die von mir gehörten Tracks sind Rohfassungen gewesen, nicht abgemischt und trotzdem von einer Qualität, dass man sagen kann: Produzent, mach da bloß nichts mehr dran!
F.D.: Das Album wird richtig "strange". Irgendwas zwischen Rock, Blues, Jazz, Fusion und Progressive Rock.
HoR: Macht ein Doppelalbum in der heutigen Zeit überhaupt einen Sinn?
F.D.: Na ja, gute Frage. Wir haben darüber auch mit unserem Produzenten gesprochen. Aber für uns ist es wichtig, diesen ganz speziellen Moment auf CD zu haben. Wir mögen auch die Idee, ein Live- und ein Studioalbum gleichzeitig zu machen. Schau, der Liveteil füllt eine CD locker, wir spielen halt die Songs recht lang, da müssen wir quasi eine Doppel-CD machen.
Die Problematik, so was zu verkaufen kennen wir natürlich. Aber... was sollen wir tun? Wir haben einen Haufen Material, das stammt alles aus der gleichen Zeit, sollen wir es auf 5 Jahre verteilen? Dann ist ein Teil davon nicht mehr aktuell. Über den kommerziellen Aspekt denken wir nicht nach.
HoR: Entwickelt sich Eure Musik nach wie vor, oder habt Ihr jetzt einen Stand erreicht, der Euch mehr oder weniger zufrieden stellt? Ich meine, für mich als Konsument scheint es schwer, noch eine Steigerung zu finden.
Diese Frage ist absolut ernst gemeint und keineswegs Bauchpinselei. Grade auf der Bühne haben W.I.N.D. ein Format, das im Trio-Bereich seinesgleichen sucht.
F.D.: Das ist ein Scherz, oder? Wir fühlen uns musikalisch absolut frei, wir spielen und schreiben was wir fühlen. Klar, ein paar von den neuen Sachen, Du hast gestern auch einige davon gehört, sind von der Stimmung her vergleichbar mit "Hypnotic Dream", aber grade die Livestücke sind voll mit Improvisationen. Also ist da natürlich nach wie vor Entwicklung, die sollte auch nie aufhören, sonst kann man es gleich bleiben lassen.
Wir haben zum Beispiel eine Fassung von Whipping Post von den ALLMAN BROTHERS mit Johnny zusammen gespielt. Sehr lang, viele Ups und Downs, letztlich also anders als das Original.
Von dem es bekanntlich auch die unterschiedlichsten Versionen gibt. W.I.N.D. geben diesem Stück allerdings live eine Intensität, die mir persönlich bei den Allman Brothers seit langem fehlt.
HoR: Wie geht Ihr an Stücke wie Whipping Post heran: Orientiert Ihr Euch am Original und kommt dann mehr oder weniger zufällig der eigene Stil/Geschmack dazu oder nehmt Ihr das Original, "zerbrecht" es und macht Euren eigenen Song daraus?
F.D.: Na ja, Whipping Post ist natürlich perfekt als Cover. Du kannst den ersten Teil sehr originalgetreu spielen und im Mittelteil und am Ende kannst du tun und lassen was du willst. Rumimprovisieren, solieren und so weiter. Grade als Trio ist der Song völlig offen, du kannst dich je nach Laune abwechseln, mal steht Jimmi mit der Gitarre im Mittelpunkt, mal Sandro am Schlagzeug. Das gilt aber für die meisten unserer Songs. Wir wollen keine Limitierung! Gestern zum Beispiel haben wir einen völlig neuen Mittelteil bei Whipping Post gespielt.
HoR: Wir haben gestern (bei der akribischen Vorbereitung auf dieses Interview bei Wasser und Brot!) über Trios gesprochen. Du hast gemerkt, dass ich nicht immer Deiner Meinung war, speziell weil viele Trios heutzutage völlig austauschbar klingen.
F.D.: Ich liebe Trios! Für unsere Art Musik ist es doch perfekt. Wir können improvisieren, wir können neue Sachen, neue Sounds ausprobieren. Wir haben einen guten Drummer, dem man blind folgen kann, wir haben einen guten Gitarristen, der nicht limitiert ist, also können wir als Trio absolut uneingeschränkt jammen. Ich halte es mit Gregg Allman: "We are not a jam band, we are a band that jams".
Ich glaube auch, dass das Trioformat für uns das endgültige ist und bleibt. Wir jammen natürlich öfter mal mit anderen Bands, zum Beispiel mit VOODOO LAKE aus Turin oder mit BULLFROG aus Verona und auf Tour mit anderen Bands. Das macht unheimlich Spaß, Jam eben. Aber für uns als Band und für unsere Musik ist ein Trio perfekt. Mal eine Hammond oder ein Piano, so wie mit Johnny, das ist was anderes, das machen wir gerne, aber nicht immer und bei allen Songs.
HoR: Lass uns mal über Sandro (Bencich), Euren Drummer, und Jimi (Barbiani), den Gitarristen, reden.
Sandro und Jimi sprechen nicht besonders gerne Englisch, beteiligten sich also mehr im Sinne von "in vino veritas" an unserem Gespräch.
F.D.: Sandro und ich spielen jetzt seit 1989 zusammen. Wir kennen uns entsprechend gut und das ist auch total wichtig für unsere Musik. Er weiß wenn ich was ausprobiere und wie er darauf reagieren muss und andersrum. Jimi ist seit dem ersten Album dabei.
Sandro liebt John Bonham, Matt Abts, Ian Paice, also all die großen Schlagzeuger, die jammen können und trotzdem rocken.
HoR: Und Du?
F.D.: Jack Bruce natürlich. Barry Oakley, Paul McCartney. Ich mag die melodischen Bassisten und die Melodien und Songs von McCartney. Dieses stupide Dum-Dum-Dum-Dum-Dum mag ich nicht.
HoR: Ich dachte immer, dass ich der einzige bin, der in manchen Eurer Songs Einflüsse von den BEATLES entdeckt...
F.D.: Wer ist denn von den BEATLES nicht beeinflusst? Oder von den ROLLING STONES. Das sind einfach große Songs, große Melodien.
HoR: Du singst recht kräftig (an anderer Stelle habe ich das Wort "giftig" verwendet). Was sind Deine Einflüsse und Helden?
F.D.: Grundsätzlich die alten Blues- und Soulsänger. Howlin' Wolf, Sam & Dave, ganz viele. In erster Linie geht es darum, dass man die Musik fühlt, nicht körperlich, mit dem Herzen. Jeder Sänger mit Feeling ist gut, Gregg Allman natürlich, der mischt Soul und Blues und Rock. Genau wie Warren Haynes. Nur singen alleine reicht nicht, du musst es spüren, die Persönlichkeit ist wichtig. Die Leute müssen merken, dass du an das glaubst was du tust.
HoR: Und was ist, wenn Dir jemand eine Menge Geld für einen dämlichen Werbespot bietet?
F.D.: Ich würde es wahrscheinlich nicht tun. Musik ist das wichtigste in meinem Leben. Also die Musik die ich mag. Da ist mir doch Geld ziemlich egal. Ich kann auch gar nicht irgendwas anderes spielen und singen. Hören tu ich natürlich viele Sachen, nicht nur Blues und Rock, auch indianische Musik, Klassik, Jazz, aber selber machen... nein.
Wie oft hat man das schon gehört? Aber eigenartig, ich glaube es Fabio aufs Wort, dass er sich niemals für einen Werbespot verkaufen würde oder bei verschiedenen Bands mitmischen könnte. Daran sollte sich eventuell mancher Sänger ein Beispiel nehmen und nicht pro Jahr auf 7 verschiedenen Produktionen auftauchen. Gell, Herr Soto...
HoR: Ihr macht ja nun nicht grade die modernste aller Musiken. Denkst Du, dass sich Bluesrock, so wie Ihr ihn empfindet, in den letzten 20, 30 Jahren weiterentwickelt hat?
F.D.: Wir sind sozusagen ein typisches Trio, so wie es sie in den Siebzigern und Sechzigern gab. Aber - auch wenn wir nichts offensichtlich neues machen - wir machen etwas, das nicht unbedingt typisch für Trios ist. Weißt Du, ich meine das Songformat. Nimm zum Beispiel Hendrix und seine EXPERIENCE. Da sind viele und lange Instrumentalteile drin, ohne Gesang, der Song selber stand oftmals im Hintergrund. Für uns ist der Song wichtig und, wie ich schon sagte, die Melodien. Natürlich basiert das auf dem Blues, ist also keine echte Entwicklung, natürlich haben wir Soli und Improvisationen, aber wir kommen doch immer wieder auf den Song zurück.
Das ist eine Antwort, die wir ähnlich auch schon von Don Swensen von REBEL STORM gehört haben: "Wir entscheiden was modern, zeitgemäß und weiterentwickelt ist!"
HoR: Unbestritten sind die ALLMAN BROTHERS ein ganz großes Vorbild für Euch. Was denkst Du über deren Entwicklung, oder haben die sich in den letzten 20 Jahren überhaupt nicht bewegt?
F.D.: Doch, die haben sich sogar ziemlich entwickelt. "Hittin' The Note" zum Beispiel ist sehr songorientiert, sehr melodisch...
HoR: Du magst die Platte?
F.D.: Sehr! Ein großes Album. Instrumental Illness ist irre. Die haben sich schon geändert, klingen nicht mehr wie vor 30 Jahren und ich mag es.
HoR: Wie nehmt Ihr denn auf? Analog oder digital?
F.D.: In Nashville, mit Johnny, haben wir analog aufgenommen. Zuhause machen wir das digital. Für uns macht es eigentlich keinen großen Unterschied, wir haben unseren Sound und der klingt analog und digital gleich. Wir gehen ins Studio und spielen.
Natürlich ist es ein technischer Unterschied. Wir spielen mit einem Haufen altmodischen Equipment, die Gitarren, die Amps und Mikros und alles eigentlich. Am liebsten nehmen wir zusammen in einem Raum auf. Insofern ist es egal ob digital oder analog.
Stefano, unser Produzent und Freund, ist eigentlich ein Jazz-Produzent. Wir sind seine einzige Rockband. Er sieht unsere Musik entsprechend aus einem anderen Blickwinkel und produziert uns dementsprechend.
HoR: Wie schaut die Zukunft von W.I.N.D. aus?
F.D.: Ich sehe eine glückliche Zukunft...
(Das sagt er mit einem Seitenblick auf seine überaus nette und hübsche Freundin...)
Wir haben die neue CD bald, wir haben die Tour mit Johnny im November, eine handvoll Labels sind an einem Vertriebsdeal mit uns interessiert. Was soll noch schief gehen?
Wir wollen einfach eine Menge Gigs spielen, ein paar Millionen Platten verkaufen (nein, wir haben an diesem schönen Spätsommertag nichts getrunken!). Wir fühlen uns gut mit unserer Musik, haben Spaß, haben keine Probleme. Gestern war halt Pech. Nur diese paar Leute in dem riesigen Zelt. Aber wir hatten großen Spaß auf der Bühne, ist doch egal wie viele Leute da sind, wir können ja nichts dafür.
Das Desaster bei der EBW haben wir entsprechend gewürdigt. Trotz allem lieferten W.I.N.D. und auch DOC HOLLIDAY (für mich erstmals in Triobesetzung) bockstarke Auftritte. Von den Rahmenbedingungen abgesehen sicher zwei Highlights in diesem Jahr.
Und um es noch mal zu sagen: Ich kann es kaum abwarten, die neue CD in die Finger zu kriegen, denn die bisher gehörten drei Songs mit Johnny Neel gehören zum feinsten das ich in den letzten Jahren im Bereich Blues- und Jamrock gehört habe. It smokes!
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