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Ray LaMontagne

"... als hätten die Kritiker zu viel Zeit"

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Unser Disclaimer

Im Zuge eines London-Aufenthaltes Ende April 2005 setzte unsere geschätzte Leserin Edith Hallberg ihre Idee eines Künstler-Interviews in die Tat um und befragte den aufstrebenden amerikanischen Singer-Songwriter Ray LaMontagne, dessen Album im HoR durchaus wohlwollend besprochen wurde, zu seinem Leben und seiner Musik.
Der allgemein als distanziert und emotionslos eingeschätzte Künstler gab der von den Reisestrapazen aufgeriebenen Frau Hallberg ein makelloses Interview zwischen Soundcheck und Gig im altehrwürdigen Sheperds Bush im Londoner West End.
Edith Hallberg, die sich in unserem Blindflug #2 schon die Ehre gab und uns dort wortgewandt ihre Liebe zur Musik dokumentierte, bewies mit diesem Gespräch erneut, dass mit ihr als willkommene Gastautorin des HoR auch zukünftig ganz stark zu rechnen sein wird.
Danke, Edith.

Home of Rock: Ray, erzähl mal, wie hat alles für Dich angefangen? Es heißt, Du bist an der Ostküste aufgetreten, als Opening Act für andere Bands, meistens lokale Folkies. Wo begann Deine Karriere?

Ray LaMontagne: In Neuengland. Ich machte meine erste Aufnahme, eine Demo CD, 1999. Das waren ungefähr zehn Songs. Und dann habe ich einfach angefangen aufzutreten, mal hier, mal da, meistens am Wochenende. Zu der Zeit hatte ich einen Vollzeitjob als Schreiner und arbeitete gleichzeitig an meinem eigenen Haus, für das ich zuerst ein Stück Land roden musste. Ich hatte sehr viel zu tun, fing aber trotzdem an aufzutreten; anfangs zusammen mit anderen Bands, dann hatte ich auch meine eigenen Shows quer durch Neuengland, also in Vermont, Massachusetts, Maine.

HoR: Sind einige Deiner ersten zehn Songs von der Demo CD jetzt auch auf "Trouble" [erschienen September 2004]?

Ray: Nein. Ich arbeitete gerade an meinem vierten Song, als ich einen Vertrag mit Chrysalis unterzeichnete. Ungefähr sechs Monate, nachdem mich Chrysalis unter Vertrag genommen hatte, begannen wir mit der Arbeit an "Trouble". Da ist nur einer meiner ersten Songs drauf. Der restlichen Songs kamen neu dazu.

HoR: Wie entstehen die Songs: komponierst und schreibst Du sie alleine, oder zusammen mit der Band?

Ray: Nein, ich schreibe die Songs alleine. Und dann arbeite ich zusammen mit Ethan [Ethan Johns, Ray's Produzent] an den Arrangements. Von Ethan stammen die String Arrangements. Aber die Songs schrieb alle ich.

HoR: Und die Band, mit der Du hier auftreten wirst, sind das Deine eigenen Leute?

Ray: Ja. Chris [Thomas], der Bassist, ist seit vorigem September bei mir und Larry [Ciancia], der Drummer, kam im Januar dazu.

HoR: Was sind Deine Ziele; was möchtest Du gern mit Deiner Arbeit erreichen?

Ray: Ich versuche, von der Musik zu leben, was ich mir eigentlich nicht zugetraut hätte. Ich dachte, ich würde immer ein Schreiner sein, der ab und zu mal für eine Gage von 25 Dollar auftritt und das war's. Und ich war zufrieden damit. Aber jetzt sieht es beinahe so aus, als könnte ich vielleicht meinen Lebensunterhalt damit verdienen.

HoR: Ja, meinst Du?

Ray: Na ja, schwer zu sagen. Momentan kann ich gut davon leben, aber wie gesagt, ich weiß nicht, für wie lange. Ich muss mir erst eine Fan-Gemeinde aufbauen. Um von der Musik leben zu können, brauchst du Fans, die dich sehen wollen.

HoR: In diesem Sinne viel Erfolg! Wann kommst Du mal nach Deutschland?

Ray: Ich habe da erst einmal gespielt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr genau, wie dieses Konzert zustande gekommen ist. Die Agenten kümmern sich um solche Dinge. Die arbeiten meine Tourneen aus und sagen mir, wo ich auftrete und für wie lang.

HoR: Mich würde auch interessieren, was Dich inspiriert? Was motiviert Dich, wenn Du Songs schreibst? Sind es bestimmte Begebenheiten, Menschen, Erinnerungen...

Ray: Ja, all das. Das Leben; das ist schon genug.

HoR: Bist Du in einer religiösen Umgebung aufgewachsen?

Ray: Oh nein. Im Gegenteil. Meine Familie war überhaupt nicht religiös.

HoR: Deine Musik hat etwas Spirituelles...

Ray: Ja, aber das ist etwas Anderes. Vielleicht. Ich halte mich für spirituell, aber nicht für religiös.

HoR: Spielt der Begriff "shelter" für Dich eine zentrale Rolle? "Shelter" kann etwas ganz Konkretes sein wie etwa ein Haus; oder auch eine Person, bei der man Geborgenheit erfährt...

Ray: Eine Bedeutung herauszufinden, bleibt ganz dem Zuhörer überlassen. Ich schreibe nur die Texte.

HoR: Gab es während Deiner rastlosen Kindheit und Jugend irgend etwas, das für Dich Halt oder Sicherheit bedeutete?

Ray: Während meiner Kindheit, wollte ich einfach nur ein Zuhause, das wir aber nie hatten. Als ich dann ungefähr 25 Jahre alt war, kaufte ich mir ein Stück Land und fing an, mein eigenes Haus zu bauen. In dem Moment hatte ich die Stabilität, die ich mir immer gewünscht hatte. Natürlich ist das jetzt alles vorbei und ich fange wieder von vorne an. Aber ich hatte sechs glückliche Jahre zusammen mit meiner Frau und unseren beiden Söhnen mit 60 Ackern Land und einem Holzhaus. Diese Zeit war für mich sehr wertvoll. Jetzt ist alles beim Teufel.

HoR: Lag es an Deiner neuen Karriere?

Ray: Ja, klar. Mein ganzes Leben lang wünschte ich mir Stabilität. Schon als kleiner Junge von sieben oder acht Jahren sagte ich, dass ich mir ein Haus bauen würde. Ich wünschte mir ein Holzhaus und redete die ganze Zeit davon. Ich hatte auch Sehnsucht nach einem ganz besonderen Menschen in meinem Leben, das war meine Mutter. Aber ich hatte nie etwas von ihr. Immer kamen Leute zu uns, es war ein ständiges Kommen und Gehen. Alkohol und Gewalt waren unser Alltag. Und deswegen gab es immer wieder Probleme. Deshalb wünschte ich mir immer die einfachsten Dinge wie Ruhe und Stabilität. Und als ich das für kurze Zeit hatte, war es wunderschön.

HoR: Wie bist Du denn mit Deinen Geschwistern ausgekommen?

Ray: Meine jüngere Schwester Codie und ich sind uns sehr nahe. Ich habe vier Schwestern und einen Bruder, und wir alle stammen aus unterschiedlichen Beziehungen meiner Mutter. Nur Codie und ich haben den selben Vater, und wir stehen uns sehr nahe. Der Rest der Familie ist weit verstreut und hat sich auseinandergelebt.

HoR: Und was sagt Deine Familie zu Deinem Erfolg? Verfolgen sie Deine Karriere?

Ray: Sie mochten mich nie besonders gern. Das änderte sich, als ich bekannt wurde. Jetzt tun sie so, als würden sie besser mit mir auskommen, aber ich durchschaue das.

HoR: Was machst Du während einer langen Tournee, wenn mal zwischendurch ein Tag frei ist?

Ray: Ich lese. Ich gehe in Zigarrenläden. Ja, ich bin gern in einem Zigarrenladen und schaue mir die unterschiedlichen Pfeifen an. Eigentlich tue ich nicht viel. Lesen, an Songs schreiben, rauchen.

HoR: Einer Deiner Songs wurde im Film "A Lot Like Love" [USA, 2005; Regie: Nigel Cole. Soundtrack mit dem Song Trouble von Ray LaMontagne erschienen im April 2005 bei Sony] verwendet. Denkst Du daran, einmal Filmmusik zu schreiben?

Ray: Ja, das würde ich liebend gern tun, wenn sich eine Gelegenheit dafür ergibt. Mit diesem einen Song auf dem Soundtrack ist es etwas anderes. Es ist eine gute Gelegenheit, bei einem größeren Publikum gehört zu werden, ähnlich wie wenn dein Song im Radio gespielt wird. Ja, ich würde gern Filmmusik schreiben, besonders wenn es für jemand ist, dessen Arbeit ich bewundere. Aber solche Dinge kann man nicht vorherplanen. Sie passieren einfach.

HoR: Wie würdest Du Deine Musik nennen? Rock? Country?

Ray: Keine Ahnung, ich habe das gleiche Problem. Ich weiß es wirklich nicht. Es sind einfach Songs.

HoR: Was hältst Du von politischer oder engagierter Musik? Soll sich ein Musiker einmischen, Stellung beziehen?

Ray:Nein, ich denke... Ich glaube, ich habe keine bestimmte Meinung dazu. Für mich persönlich ist es so: wenn ich Ideen für einen Song habe, schreibe ich sie auf. Ich versuche nichts zu ändern. Ich setze mich nicht hin und überlege mir ein Thema oder einen aktuellen Anlass, den ich verarbeiten könnte. Wenn ein Impuls da ist, schreibe ich. Dann folge ich nur meiner Inspiration. Ich versuche nicht, mit einem Song die Welt zu verändern.

HoR: Auf Deiner Homepage [www.raylamontagne.com] steht, Dein zweiter Vorname sollte "serendipity" [heißt so viel wie jemand, der "Glück" hat] lauten. Was hältst Du davon?

Ray: Ich weiß nicht so recht. Ich habe hart gearbeitet, um an diesen Punkt zu gelangen. Ich sehe meinen derzeitigen Stand als das Ergebnis von harter Arbeit, nicht von glücklichen Begebenheiten oder sonst etwas. Ich habe die letzten zehn Jahre sehr intensiv an meiner Musik und am Auftreten gearbeitet. Aber andererseits habe ich viele wunderbare Menschen dabei kennengelernt. Wenn ich jemals Glück hatte, dann vielleicht in dem Sinn, dass ich viele gute Menschen in diesem Business getroffen habe und dass ich smart genug bin zu erkennen, wenn jemand "echt" oder wirklich gut ist. Vielleicht hatte ich Glück, dass mir so viele wundervolle Menschen begegnet sind. Aber selbst dann musst du dich immer noch auf dein Gefühl verlassen können, denn in diesem Geschäft laufen dir alle möglichen Leuten über den Weg.

HoR: In einer Konzertbesprechung im Evening Standard beschreibt Dich der Verfasser wie eine wilde, unheimliche Erscheinung im Nebel im schottischen Hochmoor, und ausgerechnet in den Worten, mit denen die Hexen Shakespeares "Macbeth" begrüßen. Was hältst Du davon?

Ray: Ich weiß nicht recht. Mir erscheint es, als hätten die Kritiker zu viel Zeit. Aber ich halte hier besser den Mund. Kritiker schreiben nun mal gerne, es ist ihr Job, und sie verwenden gerne Bilder und Anspielungen. Ich brauche sie nicht.

Edith Hallberg, (Artikelliste), 28.04.2005

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