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Als im letzten Herbst die (übrigens sehr empfehlenswerte) Ian Hunter-Retrospektive "Once Bitten Twice Shy"
als Doppel-CD auf den Markt kam, fiel mir bereits beim ersten Hören ein mir bis dahin unbekanntes Lied auf.
"Junkman" mit einer gewissen Genya Ravan. Eine wunderschöne Ballade mit leicht gerapptem Gesang. Und was
für ein Gesang. Der Name war mir unbekannt, also ran ans Rock Lexikon und gesucht. Tatsächlich, da steht
was. 1962, 1964, 1971, 1978 und 1980. Sehr interessant, aber ich weiss immer noch nicht, was das nun für Musik ist.
Also Anfrage im Internet und schon ein paar Tage später habe ich zwei Scheiben von der Frau im Briefkasten
(Danke Joachim). Wow, die sieht ja auch noch gut aus.
Rein in den Player und...mir zieht's die Schuhe aus.
Das ist Rock & Roll vom feinsten. Druckvoll, hart, kurz, mich reisst es vom Schaukelstuhl. Mehr darüber bei den
CD-Reviews.
Nach dem 85ten Durchlauf und einigen Mails mit Eingeweihten habe ich mich entschlossen die Lady anzuschreiben.
Ohne besonders viel Hoffnung auf Reaktionen, ehrlich gesagt. Aber bereits nach knapp 4 Stunden kam eine sehr nette
Antwort aus New York. Aus diesem ersten Mail haben sich mittlerweile viele entwickelt. Genya hat sich als
ausgesprochen nette und hilfsbereite Frau erwiesen, die trotz ihrer inzwischen knapp 60 Jahre voll im Geschehen steht.
Im folgenden könnt Ihr die Geschichte von Genya Ravan in ihren eigenen Worten lesen:
Home of Rock: Genya, Du bist in Polen geboren, aber in New York aufgewachsen. Hatte Deine Auswanderung
(bzw. die Deiner Eltern) etwas mit dem Naziregime zu tun?
Genya Ravan: Ja. Ausser meinen Eltern, meiner Schwester und mir war meine gesamte Familie in
Konzentrationslagern. Ich habe 2 Brüder, meine Grosseltern, alle Tanten und etliche Cousins verloren.
HoR:: Gibt es noch Kontakte nach Polen und bist Du generell an europäischer Politik interessiert?
G.R.: Nein, alle Verwandten sind tot. Und mit Politik beschäftige ich mich nur am Rande. Ich kenne mich nicht
wirklich damit aus.
HoR:: Freundlicheres Thema. Deine ersten Erfahrungen im Recording-Business machtest Du mit der Band The Escorts
1962. Was waren die musikalischen Einflüsse dieser Band und wie kann man die Musik beschreiben?
G.R.: Wir waren natürlich vom Rhythm & Blues beeinflusst. Mir persönlich aber viel zu wenig. Es sind
nunmal meine Wurzeln. R&B und 50ies Music.
HoR:: 1964 hast Du Goldie & The Gingerbreads gegründet. "Archäologen" sagen, dass Goldie & The
Gingerbreads die erste echte Girlgroup war. Also alle Instrumente von den Mädels selbstgespielt. Wie kommt
man denn Anfang der 60er Jahre auf die Idee eine solche Band zu gründen? Ich meine, das Business war ja
wohl von Männern beherrscht.
G.R.: Es war die Zeit der Chauvinisten und ich habe die Herausforderung genossen. Ich habe Ginger (Bianco), die
Schlagzeugerin, in einer Bar in Greenwich Village kennengelernt und wir hatten die Idee.
Es gab ja die Frauen-Orchester in den 40er-Jahren, aber keine Rock Bands nur mit Frauen und schon gar nicht in
den Charts. Und, es hat geklappt. Und letztlich war es auch noch ein Vorteil Frau zu sein. Wir wurden besser bezahlt,
wurden besser und vorsichtiger behandelt als die Kerle. Eigentlich haben wir oft über die Club-Besitzer gelacht
weil sie so vorsichtig mit uns umgegangen sind.
HoR:: Mit den Gingerbreads habt ihr oft in Europa gespielt. Es gab einen Hit in Grossbritannien (»Can't You
Hear My Heartbeat«, Platz 30 in GB) und ihr habt im Vorprogramm von Bands wie den Kinks, Yardbirds und
Stones gespielt. Unter anderem habt ihr 4 Wochen im Star Club in Hamburg gespielt. War das das einzige Gastspiel
in Deutschland?
G.R.: Der Star Club war grossartig. Wir hatten eine gute Zeit dort. sberhaupt waren wir lange Zeit in Deutschland.
Mit Chubby Checker und Tony Sheridan haben wir so ziemlich überall gespielt. (HoR:: Ganz ausdrücklich
erwähnt Genya übrigens das schöne München! »I know Munich well, I toured there in the
60's, opening for Chubby Checker. Good town, I remember it being so clean and the people where such lovely.».
Jaja meine Herrschaften. So sind wir Münchner.)
HoR:: 1969 hast Du dann mit Michael Zager die Band Ten Wheel Drive gegründet. Das war komplett andere
Musik als mit den Gingerbreads. Sowas wie ein Jazz-Rock-Psychedelic-Blues-Gemisch. Was hattet ihr bei diesem
Projekt für Einflüsse?
G.R.: Eigentlich war das die beste Zeit überhaupt. Die musikalische Freiheit, einen Song auf 15 Minuten
auszudehnen und zu wissen, die Leute werden es lieben. Es war toll, so was nach all den 3 Minuten Songs zu machen.
Es war das Jahr des Undergrounds, wir hatten jede Menge Spass. Du weißt schon, Peace, Love, let's make Pot
legal... All diese Dinge. Wir kämpften für Freiheit (oder besser gesagt, Freizügigkeit), wir sangen
dafür und alle hatten eine tolle Zeit. Die beiden Jungs mit denen ich Ten Wheel Drive gemacht habe kamen aus
einem völlig anderen Millieu und hatten einen anderen Background. Und darum hat das auch gut funktioniert.
Sie waren die »Steven Sondheim«-Typen (Lyriker und Komponist, HoR), ich die Aretha Franklin.
Sie hatten den klassischen Background und ich den von der Strasse. Sie haben Wörter verwendet, die ich nicht
verstanden habe »and I said fuck alot«.
HoR:: Michael Zager machte nach Ten Wheel Drive völlig andere Dinge. Er wurde bekannt als Produzent
von Disco Music und solchen »Obskuritäten«. Gingen die Interessen bei Dir auch in diese Richtung?
G.R.: Nein, ich hab mich nie für Disco interessiert. Es gab wohl Möglichkeiten...aber es war nie mein Ding.
HoR:: Von 1972 bis 1974 hast Du die Alben. »Genya Ravan«, »They Love Me« und
«Goldie Zelkowitz» (übrigens Genyas Geburtsname) aufgenommen. Beschreib sie uns doch bitte.
G.R.: Ich hasste die ersten beiden Aufnahmen. Ich hatte zwei Produzenten, die man eigentlich erschiessen hätte
sollen. Sie hatten keine Ahnung was sie für meine Musik tun sollten. Das war ja die Zeit, in der die Produzenten
jede Menge zu sagen hatten (wenn nicht alles) und der Künstler gar nichts. Ich war total unglücklich mit
den Platten.
Es waren unheimlich viele Drogen im Spiel, einer der Produzenten erwischte eine sberdosis und starb. Schlechte
Erinnerungen...y
Eigentlich dachte ich, der eine der Produzenten wäre ok. Er hatte mit den Stones gearbeitet. Aber es stellte
sich als Trugschluss heraus.
Die »Goldie Zelkowitz«-LP hat eine andere Geschichte. Als wir die Aufnahmen machten wurde
mein Vater krank und starb. Ich wollte etwas zu seinem Andenken hinterlassen und habe deswegen seinen
Nachnamen benutzt.
Selbstverständlich wurde die Platte ein Hit. Haha. Sie konnte kein Hit werden. Ich mochte die Produktion
auch nicht. Ich habe vorgeschlagen, den Song »You're No Good« zu covern und sie sagten, »Oh,
wir werden Dir einen viel besseren Song schreiben«. Dann hat eben Linda Ronstadt die Nummer aufgenommen
und hatte prompt ein grosses Comeback. Du kannst dir vorstellen, wie ich mich fühlte... Wieder ein Produzent
der es vermasselt hat.
HoR:: 1978 und 1979 hast Du dann die Alben »Urban Desire« und »And I Mean It!« gemacht.
Als ich sie erstmals gehört habe hat es mich .... (s.o.). All die grossen Bands wie Led Zeppelin, Foghat, Mott
The Hoople, T. Rex usw. kamen mir in den Sinn. Dazu ein bischen 60ies-Sound (hört euch mal die Backings an).
Wie beschreibst Du die Platten?
G.R.: Die beiden waren - und sind immer noch - meine Lieblingsplatten. Du siehst ja, ich hab sie selbst produziert,
ich hab mir die Musiker selbst gesucht, ich habe alles selbst arrangiert und geschrieben. Das war kein Egotrip, ich habe
einfach gewusst was ich wollte und es hat sich rausgestellt, dass die beiden die besten Platten meiner Karriere waren.
Ich war damit in den Charts.
Und dann hat die Company beschlossen, die Plattenabteilung bei 20th Century Fox zu schliessen. Das hat mich total
verletzt und geärgert. Ich war kurz vor dem Durchbruch als Solokünstler. Die Jungs von der Industrie
riefen mich an, trösteten mich, aber es war vorbei.
Das war der Moment, in dem ich als Sängerin aufgehört habe und Produzentin wurde.
HoR:: Auf »And I Mean It!« war eine Zusammenarbeit mit Ian Hunter und Mick Ronson
(«Junkman», s.o.). Auf »Urban Desire« sang Lou Reed als Gast und Du selbst warst auf
mehreren Platten als Gast vertreten (»Mirrors« von Blue Öyster Cult, »Gamma« von Ronnie
Montrose). Gibt es da noch mehr Stoff in irgendwelchen Schubladen?
G.R.: Nein, das müsste alles sein. Schade...
HoR:: Als Produzent hast Du mehrere Punk Bands betreut. Nicht nur als Produzent, auch als Mentor. Wie kam's?
G.R.: Eines Abends kam ich ins CBGB (legendärer Punkclub in New York und Plattenlabel, HoR) und traf Hilly
Krystal (Du solltest ihn ebenfalls interviewen. Der kennt Geschichten...). Wir wurden Freunde. Er kannte meine
Arbeiten als Produzent und meine eigenen Platten und fragte mich, ob ich einige seiner Bands produzieren wollte.
So kam es, dass ich The Shirts, The Miamis, Manster und schliesslich The Dead Boys produziert habe.
HoR:: Das sind allesamt legendäre Punk Bands an der Ostküste. Arbeitest Du noch mit Hilly und dem CBGB?
G.R.: Es war eine lustige Zeit, ich war sozusagen der Kopf von CBGB-Records. Hilly konnte keinen vernünftigen
Vertrieb für das Label finden und so beendeten wir das Kapitel nach 2 Jahren. Wieder schade. Der Mann hat
Ohren...
HoR:: 20 Jahre sind seit Deiner letzten Platte vergangen. Was tust Du jetzt?
G.R.: Ich schreibe ein Buch das auch verfilmt wird. Das beansprucht mich zur Zeit total. Ausserdem mache ich
Ölgemälde. Ich liebe es.
Und ich arbeite mit Freunden, die die Awards für NARAS designen (NARAS = The Recording Academy.
Verantwortlich für die Grammy-Verleihungen. HoR).
HoR:: Langsam zum Ende. 1998 hast Du im Bottom Line Club (genialer Club in NY) eine Liveaufnahme gemacht.
Wird es diesen Auftritt jemals zu kaufen geben? Und wird es die Sängerin Genya Ravan nochmals geben?
G.R.: Nein. Ich habe mir die Aufnahmen angehört und beschlossen, dass sie einfach nicht gut genug sind. Ich
will keine halben Sachen veröffentlichen. Der Bottom Line ist allerdings wirklich ein grossartiger Club.
Aber eins sage ich Dir. Ich würde gern wieder eine Platte machen. Aber ich brauche natürlich eine
Company die an meine Tür klopft und sagt, let's do another recording Genya.
If you find me a record company... (lacht)
HoR:: Thank you Genya. That was a lot stuff.
G.R.:Regards from hells kitchen New York
Fred (Impressum, Artikelliste), Dezember 2000 & Februar 2001
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