|
Kurz vor dem Gig in Oberhausen stand mir DRAGONFORCE Gitarrist Herman Li Rede und Antwort. Als erstes machte ich ihm klar, dass ich eigentlich keine langen Gitarrensoli mag, und Keybords erst recht nicht. Nach einem skeptischen Blick war er dann aber froh, dass ich mich als Fan outete, der die DRAGONFORCE CDs kaum noch aus seinem Player bekommt.
Home of Rock: Ich sagte ja schon, dass ich eigentlich keine langen Soli mag, bei Euch ist es aber etwas anderes, da passiert immer was und Ihr seid unglaublich schnell. Wie haltet Ihr das auf der Bühne durch?
Herman Li: Wir spielen einfach! Das ist für uns jetzt die natürliche Geschwindigkeit. Wir machen das jetzt seit so vielen Jahren, das ist wie Läufer oder Boxer, die müssen das auch durchhalten. We just do what we do!
HoR: Was macht Euch den mehr Spaß: Songs schreiben und Studioarbeit oder live zu spielen?
HL: Live spielen macht natürlich mehr Spaß. Wenn wir live spielen, brauchen wir uns nicht mehr soviel Mühe geben. Wenn du die Songs schreibst, dann denkst du natürlich viel nach, wenn wir live spielen, dann spielen wir nur. Wir denken nicht mehr über die Songs nach. Das geht dann alles automatisch. Und zu touren macht immer mehr Spaß. Die Studioarbeit ist sozusagen Hausaufgabe.
HoR: Wie nehmt Ihr auf? Ihr könnt die Songs ja nicht in einem Take machen, nimmt jeder seinen Track separat auf?
HL: Ja, das hört sich auch besser an. Und wir verändern auch andauernd die Songs. Während wir aufnehmen, verändern wir die Songs, schreiben an ihnen rum. Sie entwickeln sich ständig weiter. Grade die Gitarren ändern wir sehr häufig noch mal.
Prinzipiell schreiben wir die Songs während wir aufnehmen.
HoR: Also geht Ihr nur mit einer Grundidee ins Studio und von da an geht's dann mit allen Musikern eingebunden weiter?
HL: Ja, wir haben eine Grund-Songstruktur, die Melodie, Lyrics. einige Lyrics zumindest. Und dann gehen wir das zusammen durch. Und manchmal wenn du die Songs anhörst, sagst du "Der Song ist aber nicht so gut wie der!". Und dann muss man den vermeintlich schlechteren Song verbessern. Wir glauben nicht daran, dass der erste Song des Albums nicht so gut sein muss wie zum Beispiel der zweite Song, oder so.
Es gibt ja diese Theorie, dass wenn du einen schwachen Song in der Mitte des Albums hast, hört sich der nächste Song gleich besser an. Ich denke, das ist eine Lüge. Deswegen wollen wir sicher sein, dass jeder Song so gut wie der andere ist. Deswegen sagen auch viele Leute, dass es bei uns keinen einzigartigen Song gibt. Das liegt daran, dass wir alle Songs auf den gleichen Level bringen.
HoR: Ja, viele fragen, wann Ihr denn mal einen anderen Song spielt. Habt Ihr keine Angst, dass Euch das den Erfolg kosten könnte?
HL: Wir machen das, was wir meinen, dass es der ultimative und beste Weg ist, jetzt in 2006 ein Metal Album zu produzieren. Ich höre seit 15 Jahren Metal, von Thrash über Death über Hardrock, BON JOVI. whatever. Und wir glauben, dass das was wir machen das Beste ist was wir gerne hören würden und andere Bands nicht machen!
Anstatt sich über andere Bands zu beschweren, in den Internetforen und so: "Warum spielt Ihr keine Ballade?", "Warum macht Ihr nicht das und das?", haben wir eine eigene Band gegründet und machen das was wir hören wollen. Also, prinzipiell ist es uns egal!
HoR: Das ist die richtige Einstellung!
HL: Und der Erfolg den wir jetzt haben ist: Wenn die Leute DRAGONFORCE hören wollen, müssen sie sich auch DRAGONFORCE Alben kaufen. Wenn du HAMMERFALL hören willst, dann kannst du auch andere Bands kaufen, die natürlich nicht genau wie HAMMERFALL klingen aber doch sehr ähnlich. Niemand spielt ähnlich wie wir!
HoR: Auf dem Album zieht die Doublebassdrum ja konsequent durch. Habt Ihr die als Sample oder macht der Drummer das live!?
HL: Natürlich live. Wenn du dir Death oder Thrash Metal anhörst, Dave Lombardo von SLAYER zum Beispiel, da ist das normal. Nur weil wir in Power Metal eingereiht werden, denken die Leute, es wäre eine ungeheuerliche Leistung. Frag Gene Hoglan von DEATH, für ihn wäre es normal. Das sind unsere Einflüsse, DEATH oder Steve Vai, die Solos. Eigentlich ist es nur der Gesang, der uns als Power Metal klassifiziert.
HoR: Wie lang dürft Ihr spielen?
HL: Wir haben 45 Minuten. Wir stoppen nicht ein Mal! Wir reden noch nicht mal zwischen den Songs.
HoR: Kürzt Ihr die Songs? Jeder Song ist zwischen 7 und 8 Minuten.
HL: Wir spielen schneller! [Lachen]
Nein, wir kürzen keine Songs. Das kann man auch nicht wirklich. Wir spielen alle Soli, wie auf dem Album.
HoR: 45 Minuten ist dann ja eine ganz gute Zeit. Viele Opener haben nur knapp 30 Minuten.
HL: Wir hätten bei 30 Minuten die Tour gar nicht gemacht. 2 Songs oder so!? [grinst]
HoR: "Inhuman Rampage" ist wesentlich komplizierter als "Sonic Firestorm", verliert dadurch aber auch an Straightness, ist nicht sofort so eingängig.
HL: Erstmal war "Sonic Firestorm" wesentlich komplizierter als unser Erstling "Valley Of The Damned". Auf dem neuen Album konnten wir nicht wieder das gleiche machen wie auf "Sonic Firestorm". Das haben wir ja schon gemacht! Deswegen wollten wir das Album noch vielschichtiger machen, den Hörer verwirren. Beim ersten anhören merkt man das nicht gleich, aber auf Dauer gibt es wesentlich mehr zu entdecken.
Wenn eine Band erfolgreich werden möchte, dann macht sie einen sogenannten "Single Song", einen Opener, straight forward, 3 Minuten. Unser erster Song ist 8 Minuten.
Das interessiert uns überhaupt nicht. Du musst dir ja auch mal die Realität anschauen, wir spielen ja nicht für ein Pop-Publikum, unser Publikum ist Metal/Rock. Leute mögen uns wegen der Gitarrensoli. Wenn wir versuchen würden kommerziell zu werden, müssten wir alles ändern für was wir stehen, müssten 4-Minuten-Songs für die imaginären Chart-Käufer machen und würden stehend sterben. Außerdem wäre es für uns eh langweilig so was zu spielen.
HoR: Der letzte Song auf dem neuen Album ist eine Ballade, sind Euch die Noten ausgegangen? [BRÜLL! Red.]
HL: Wir wollten eine Ballade auf dem Album haben, und die ans Ende zu setzen, half dem Fluss besser. Sie als vierten Song zu machen wäre zu offensichtlich gewesen und diese Ballade ist anders als die auf den Vorgängern. Schwer zu erklären aber ist so.
HoR: Lebt Ihr jetzt von der Musik, oder geht Ihr noch arbeiten?
HL: Wir haben gar keine Zeit mehr zum arbeiten, wir leben "on the road now". Ich habe, als wir für "Sonic Firestorm" getourt sind aufgehört zu arbeiten. Wir gehen jetzt für ein paar Wochen heim, dann geht's nach America [zeigt auf einen Plan an der Bustür], bis April, Mai, sind im Juni wieder hier, danach direkt nach Japan. Da gibt's kein Stoppen.
HoR: Kein Stoppen und keine Familie!
HL: Wir haben keine Frauen oder Kids, das ist sicher.
HoR: Was waren Deine Haupteinflüsse als Du anfingst Gitarre zu spielen. Du hast Dir das Spiel selbst beigebracht, oder?
HL: Ja. Ich habe viel Hardrock, Melodic Rock gehört, auch METALLICA, MEGADETH, Thrash Metal. Instrumentalisten wie Steve Vai oder Joe Satriani, Tony MacAlpine. All so was.
HoR: Und Du hattest nie einen Lehrer?
HL: Nein, noch nie. Ich meine, es ist schön einen Lehrer zu haben, aber du kannst es selbst lernen. Ich habe es von Videos gelernt und vom reinen zuhören. Heutzutage ist es für die jüngeren ja noch einfacher, mit dem Internet. Sie sollten noch schneller lernen können.
HoR: Was hältst Du vom Internet? Informationen über die Bands bekommt man jetzt ruckzuck, auf Fansites und Foren.
HL: Ich denke es ist toll... für die hart arbeitenden Bands.
Wenn du seit 2 Jahren die gleiche Setlist spielst. Sicher, die Bands können das machen, aber dann wird auch gepostet, dass die Band seit 3 Jahren nicht einen Song geändert hat, noch nicht mal die Ansagen. Auch wenn ein schlechtes Album rauskommt, Leute haben es gehört, geben die Eindrücke weiter. Die Information ist da, natürlich steckt da auch der Teufel drin, aber für uns funktioniert es gut. Weil wir nichts zu verstecken haben, weißt Du.
HoR: Und was ist, wenn Euer neues Album plötzlich vor Release im Internet ist?
HL: Das ist immer im Internet. Jedes Album. Vor Release. Rough mixes. Ich erinnere mich an ein Ereignis: Wir waren noch nicht fertig mit dem Mix, mussten aber ein paar Songs an die Presse geben, 20 Stück. Und anschließend waren die im Internet. Also hat einer der 20 die rausgegeben. Mir ist es auch egal, solange sich die Leute auch die Endfassung anhören.
HoR: Ich finde, grade für neue Bands ist das Netz eine gute Möglichkeit sich vorzustellen. Und wenn du ein Fan der Band bist, kaufst du dir das Album sowieso.
HL: Absolutely! Und wenn du das Album nicht magst und es downloadest, hörst du es dir trotzdem nicht an. Was ich nicht mag sind diese Livebootlegs, die hören sich scheiße an, und wenn du wie wir eine sehr aktive Band auf der Bühne bist, hörst du oft Geräusche die man nicht zuordnen kann. Wenn wir springen, dann müssen wir ja auch noch Akkorde spielen und das klappt nicht immer. Leute könnten da den falschen Eindruck bekommen.
HoR: Ihr seid ja eine Mulitkulti Truppe. Euer neuer Bassist Fred spricht 5 Sprachen habe ich gehört?
HL: Französisch, Deutsch und English, und Schimpfworte kann er in jeder anderen Sprache.
HoR: In der Band sprecht Ihr aber englisch?
HL: Ja, aber wir schnappen alle möglichen Sprachen auf, wir können Englisch, Deutsch, Kantonesisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Ukrainisch, Afrikaans. Wir schnappen 'ne Menge auf in dieser Band.
HoR: Dein Vorname ist typisch deutsch!
HL: [lacht] Nee, ich bin 100% Chinese! Ich heiße nur einfach so.
HoR: Ihr lebt in einer Stadt, London, die die Metal Szene ja nicht sonderlich mag.
HL: Nicht mehr! Die ganze Welt hat sich verändert! Viele Leute meinen immer noch, dass Metal in London tot wäre. Vor fünf Jahren war das vielleicht so, aber so seit zwei Jahren hat es wieder einen Durchbruch gegeben. Wir bekommen jede Menge Shows. Wir haben fast die ganze UK-Tour ausverkauft. Ein oder zwei Shows waren es nicht, in London haben wir eine Halle mit 2.000 Leuten ausverkauft. Das Astoria! In Glasgow haben wir in der Carling Academy gespielt, die ist riesig.
HoR: Ward Ihr Headliner?
HL: Ja natürlich, wir waren am Anfang der Tour Headliner, EDGUY waren unsere Vorgruppe.
HoR: Vor 7 Jahren oder so, als ich das letzte Mal in London war, ging metalmäßig da gar nix mehr. War sehr enttäuschend.
HL: It is definitely back in town now.
HoR: Was hörst Du momentan privat?
HL: Alles mögliche, von neuem Zeug wie TRIVIUM oder BULLET FOR MY VALENTINE oder Progressive wie DREAM THEATER, oder die neue BON JOVI. No Limits!
HoR: Bon Jovi. na ja.es ist gut, einen weiten Horizont, viele Einflüsse zu haben, wenn man zu engstirnig wird, macht man hinterher nur noch die gleiche Platte.
HL: Absolut. Wir müssen keine Band kopieren. Wir mögen so viele Bands, wenn wir kopierten, müssten wir alle kopieren. Und sich beeinflussen lassen ist ja nicht kopieren.
HoR: Ihr habt einen sehr eigenen Stil, behaltet den bei. Ich bin sehr gespannt Euch gleich live zu sehen.
HL: OK, da bin ich gespannt. Auf dieser Tour gibt's viele Leute, die die Show geliebt haben, und sehr viele, die es einfach nicht verstanden haben. Die fragen sich: Warum ist es immer nur schnell? Warum diese Black Metal Backing Vocals? Das dauert, bis die das verstehen.
HoR: Außerdem kommen die meisten hier wohl für EDGUY. Viele werden Euch nicht kennen.
HL: Ja, die machen eher so traditionellen Powermetal.
HoR: Ja, eigentlich haben die in den letzten Jahren mehr oder weniger immer die gleiche Platte aufgenommen.
HL: Ja! Die neue Platte ist anders, das ist mehr Hardrock, der sich am Power Metal orientiert. Die Doppel-Leads sind weg. Ich mag Hardrock, ich meine nur, dass sich der Stil verändert hat. Sie wurden softer und andere Bands werden extremer. Es ist schwer zu sagen was nun funktioniert. Wir nehmen das Risiko auf uns und spielen 100 Gitarrensoli am Stück.
HoR: Danke fürs Gespräch!
HL: Dank Dir!
Special Thanks an Herman Li von DRAGONFORCE, deren Toumanager Pete Dempsey, sowie Yvonne Zymolka von Sanctuary Records!
Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

|