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Die Doppel-CD "The History" war vor ein paar Tagen unsere "History" Empfehlung und wir haben es uns auch nicht entgehen lassen, Sänger Mat-Rein Jaehnke zu diesem recht ungewöhnlichen Comeback zu befragen.
Wir hatten selbstverständlich einen bis an die Zähne bewaffneten und in Denim & leather gewandeten Bösewicht erwartet und waren schwer enttäuscht, dass da ein ganz normaler Typ mit uns ein Bier getrunken hat und über CANNON und den Rest des Heavy Metal Universums plauderte... :-)
Home of Rock: Mat, erzähl doch mal wie es zu der Reunion kam.
Mat-Rein Jaehnke: Also dass es uns wieder gibt... da waren wir selber platt. Geplant war das nicht. Ich war letztes Jahr in Hannover bei WHITESNAKE und in der Pause nach BONFIRE haut mir einer auf die Schulter und das war Steve [Carrington, Bassist - Red.], den hatte ich 7 Jahre nicht gesehen. 1994 stieg unser Drummer Mats aus, wir haben dann noch mit anderen versucht, aber das war nicht so richtig gut und '96 war Schluss. Die Perspektive war nicht mehr da, der Aufwand zu groß, ich hatte ja damals auch meinen Job, und das war's dann. Wir hatten seit damals absolut keinen Kontakt mehr, nicht zerstritten oder so, einfach keinen Kontakt mehr.
Steve hatte ein paar deutschsprachige Songs die er zuhause aufgenommen hatte und fragte mich direkt in Hannover, ob ich nicht Lust hätte bisschen zu singen. Wir haben dann Mailadressen ausgetauscht und zwischenzeitlich hat sich noch unser alter Produzent gemeldet, er hätte gern unsere alte Scheibe wiederveröffentlicht und so ist das entstanden. Walter [Müller, Gitarre - Red.] und Oliver [Krueger, Gitarre - Red.] hatten auch Lust, nur Mats hat völlig aufgehört.
Wir waren damals 10 Jahre lang im Prinzip jeden Tag zusammen und hatten auch lange Zeit, bis in die Neunziger hinein, den Anspruch, so richtig professionell zu sein. Teilweise haben wir fünfmal die Woche geprobt. Die Scheibe hatte damals bombige Kritiken und diesen Level konnten wir ab '96 aus den genannten Gründen einfach nicht mehr halten. Da war es besser direkt Schluss zu machen.
HoR: Aber so richtig aus dem Quark gekommen seid Ihr damals auch nicht.
M-R.J.: Wie es halt im Musikbusiness ist... Du hast eine Menge Leute die was für dich tun, sagen wir mal so, die reden darüber, tun tun sie dann doch nichts. Was uns alles versprochen wurde... Und wir waren im Prinzip ungefähr zwei Jahre zu spät dran. Hätten wir sie '84 rausgebracht, wäre das alles vielleicht alles anders gelaufen. Für die zweite Scheibe sind wir im Herbst 1987 losgegangen und haben direkt bei Majors angefragt. Mit der Ariola hier in München hatten wir sogar einen Vorvertrag. Und einen Tag vor Unterschrift haben die ihren A&R gekickt. Der Grund war die Band VICE, die mit ihrem zweiten Album völlig gefloppt sind und irgendwas eine Million Miese gemacht hatten.
Ungefähr 1990 haben wir dann gesagt, dass wir die neuen Scheibe selber machen, so wie die erste auch, also selber aufnehmen, produzieren, Cover machen, dann Label wegen Vertriebsdeal suchen etc. Bass, Schlagzeug und Rhythmusgitarre waren aufgenommen und zwei Stücke waren auch schon gesungen, dann hat jemand in das Studio eingebrochen, das Equipment durch die Dachluke ausgeräumt und unsere Bänder auch gleich mitgenommen. Und wir hatten keine vernünftigen Sicherungskopien. Das war der Punkt, wo wir gesagt haben, das mit der Plattenproduktion können wir vergessen, wir machen Demos für uns selber und vielleicht zum verkaufen bei Konzerten und das war es dann.
Und dann kamen Unglücke wie Grunge über uns... Mat erzählt eine Menge witziger Anekdoten und es überrascht, dass CANNON damals durchaus richtig angesagt waren und es trotzdem nicht geklappt hat. Bemerkenswert ist übrigens der von einem Bekannten remasterte Sound auf "The History" und lohnt eine Neu- oder auch Erstanschaffung völlig. Gleiches gilt für das Artwork, ebenfalls von einem befreundeten Grafiker sehr ordentlich gemacht.
Home of Rock: Unbedingt zeitgemäß seid Ihr ja nicht.
M-R.J.: Hahaha, das ist sowieso geil, weil letztens hat mich einer bei einem Interview gefragt: "Ihr seid doch voll auf der 80er Jahre Schiene?", sag ich "ja sicher, volle Kanne und das bleiben wir auch". Ich meine, das ist doch so, wir kommen aus den Achtzigern...
HoR: So lange die Klamotten nicht mehr aus der Zeit kommen...
M-R.J.: Na gut, die sind natürlich ein bisschen anders. Ich würde auch irgendwie nicht mehr so gut reinpassen in die alten.
Wir kennen dieses Problem nur zu gut! Das liegt an der seinerzeit verwendeten mangelhaften Waschmaschinentechnologie! Nicht nur Lochfraß war damals ein Problem, auch viel zu brutal eingesetzte Vollwaschgänge setzten den Kleidungsstücken erbarmungslos zu und schrumpften die Shirts und Hosen auf Größen, dass man heute meint, magersüchtige Zwerge hätten sie 1988 getragen. Der Rocker selbst lebte und lebt nach dem Motto "Ich will so bleiben wie ich bin" und hat sich nicht verändert!
M-R.J.: Wir stehen zu der Mucke, ich hör das gleiche Zeug wie vor 20 Jahren und warum sollen wir heute was anderes spielen als damals? Sicherlich, wir nehmen ja grade die neue Scheibe auf und da werden schon Sachen drauf sein die etwas moderner klingen als normaler 80er Hardrock, aber wir werden sicher keine "Slang" wie DEF LEPPARD machen.
HoR: Ihr wollt die Leute also nicht verarschen...
M-R.J.: Haha, die redeten immer von Selbstverwirklichung und so. Das ist doch Blödsinn, weil selbstverwirklichen tut man sich doch mit Musik die einem erstens selbst gefällt und zweitens von den Leuten auch gehört werden will.
Obwohl, ich hab LEPPARD letztes Jahr in Hamburg gesehen und das war richtig geil, kein Schnickschnack, nur volles Rohr. Die waren wieder wie 1981 im Vorprogramm von RAINBOW.
Also wir werden auf jeden Fall nix anderes machen. 7 Stücke sind schon fertig, drei davon komplett aufgenommen und da ist im Prinzip von der Doublebass-Nummer über eine Bryan Adams Nummer bis zum AC/DC-Stampfer alles vertreten. Also alles was auf "The History" auch ist: Metal, AOR, Rock'n'Roll, härteste Abteilung und so weiter.
HoR: Funktionieren tun Eure alten Nummern nach wie vor. Hab ich bei "The History" bemerkt. Man wird quasi gezwungen, dauernd zum Kühlschrank zu laufen und neues Bier zu holen.
M-R.J.: Klar funktionieren die noch. Im Prinzip ist das zeitlose Musik, die kannst du immer wieder anhören. Das kriegen wir auch bei den Reaktionen mit. Erst neulich kam eine aus Kiel, da hat einer damals bei einem Radiointerview Battlefield mitgeschnitten und wollte das immer auf LP, aber das gab es ja nie auf einem Album, weil wir das zweite nie veröffentlicht haben. Der fand die Nummer so was von geil und war natürlich tierisch begeistert, dass er es jetzt endlich auf CD bekommen hat.
Es kam bisher wirklich noch keine einzige negative Reaktion auf die CD. Entweder die haben alle was an den Lauschern oder es gefällt ihnen wirklich, hähähä. Mit so positiven Reaktionen hab ich echt nie gerechnet.
HoR: Vielleicht stehen die Leute grade mal wieder auf handgemachte Musik? Ob sich das kommerziell auszahlen wird, na ja...
M-R.J.: Das liegt vielleicht auch am Alter. Melodischer Hardrock hat im Moment einen Vorteil, es ist nämlich eine echte Undergroundszene und die Leute sind alle über 40 oder um die 40. Und die haben auch noch ein bisschen Kohle um sich das Zeug zu kaufen. Also, wir werden jetzt sicher keine Millionen verkaufen, aber...
Ich bin ja selber Sammler und weiß, dass es diese Spezialläden wie zum Beispiel AOR Heaven gibt, und die machen damit gute Umsätze, weil in den normalen Läden wie Saturn etc. kriegst du solche Musik natürlich nicht. Diese Leute halten im Moment unsere Musik hoch.
Vor zwei Wochen war ich in Urlaub in Kalifornien. Eigentlich nur wegen Konzerten. Und da hab ich DOKKEN, VAN HALEN, L.A. GUNS, Melissa Etheridge, LOVERBOY gesehen, in 6 Tagen 4 Konzerte. Und da stellst du fest: DOKKEN mit den L.A. GUNS und PRETTY BOY FLOYD als Vorgruppe, House of Blues, komplett ausverkauft, Stimmung wie in den Achtzigern. Die haben das nur abgefeiert.
Und dann macht er mir die Zähne mit Konzertberichten lang. Leider werden wir solche Packages in Europa wohl nie sehen. VAN HALEN mit Sammy Hagar in Anaheim vor 20.000 Leuten... schon recht.
M-R.J.: Es wird natürlich nicht mehr so werden wie in den Achtzigern. Aber du hast wenigstens wieder die Möglichkeit eine CD aufzunehmen. Wir werden es ja mit der neuen Scheibe merken, spätestens wenn wir eine Firma suchen. Ob das jetzt unsere alte Plattenfirma oder wieder Point Music machen wird... keine Ahnung.
HoR: Wo nehmt Ihr denn auf?
M-R.J.: Bei Steve zuhause. Der hat ein Heimstudio und das reicht heutzutage dicke hin. Was du da alles mit der modernen Technologie machen kannst, Wahnsinn. Früher hab ich eine eigene Bandmaschine für die Chöre gebraucht und heute hast du da gar kein Problem mehr.
HoR: Und live?
M-R.J.: Wir spielen wohl nicht mehr live. Es sei denn, es kommt das Hammerangebot für irgend einen Support oder so was. Aber das wird wohl eher nicht passieren.
Wir haben ja keinen festen Schlagzeuger mehr, dementsprechend müssten wir erst einen neuen suchen und einspielen, ne, wir wollen Stücke machen, kreativ sein, die auf CD haben und wenn sie anderen Leuten gefallen, um so schöner.
HoR: Wo liegt das Hauptaugenmerk: Auf der Technik - schneller, höher, weiter - oder auf dem Songwriting?
M-R.J.: Wie eigentlich schon immer, auf dem Songwriting. Das hört man auch relativ extrem bei der "Thunder And Lightning" [das erste Album - Red]. Da gibt's Gitarrenspuren, die sind eigentlich unspielbar, die könntest du live nie umsetzen und Walter ist nunmal einer der besten Rhythmusgitarristen die ich kenne. Wir müssen den teilweise richtig einbremsen. Ansonsten ist das Songwriting unser Ding. Wir wollen, dass der Refrain wiedererkennbar ist und zwar nach dem ersten Hören. Du musst den Refrain hören und den Chor - ich bin Chor-Fetischist - und du musst direkt mitsingen können. So simpel und eingängig muss das sein.
Und dann sind natürlich auch paar Sachen dabei, die wir mal ausprobieren wollen. Zum Beispiel ein Stück namens Total Control, das haben wir früher schon mal live gespielt, da ist jetzt ein Rap Teil mit drinnen. Klingt richtig geil. Ist nur die Frage wie andere Leute das sehen. Andererseits machen wir die Musik natürlich für uns selber. Wir brauchen nicht davon leben, uns muss das gefallen und groß verdienen werden wir eh nichts dran und wenn, dann setzen wir die Kohle in ein neues Mikro oder so was um. Wir sind also im Prinzip total locker was das betrifft.
HoR: Was habt Ihr eigentlich von der "Thunder And Lightning" damals verkauft?
M-R.J.: So ungefähr Fünfeinhalbtausend, also LP und CD zusammen. Eine richtige Abrechnung haben wir ja nie bekommen...
Wenn ich die Reaktionen auf die "History" sehe, wo die sich überall rumtreibt... wir haben Feedback aus Argentinien und U.S.A. bekommen, wir haben sogar einen Kontakt nach drüben, vielleicht bringen die das Ding dort sogar raus, dann kam was aus Israel und so weiter. Mir war wirklich nicht bewusste, dass CANNON als Bandname doch noch so bekannt ist.
Auch unsere nationalen Medien haben in großer Zahl und ausschließlich positiv über "The History" berichtet. Einerseits verblüffend, andererseits ein Zeichen, dass richtiger Hardrock/Metal einfach nicht totzukriegen ist. Das gilt für all diese Bands, ob es nun KROKUS (von denen Mat übrigens großer Fan ist) oder eben CANNON ist.
Wenn jetzt noch ein paar Radiostationen auf diesen Zug aufspringen würden... Auch dieses Thema haben wir ausgiebig besprochen und wir sind einer Meinung: Radio sucks!
Wir wünschen CANNON viel Erfolg und Spaß und danken Mat für die Zeit und das Bier und Birgitt von GerMusica für den Kontakt.
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