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Das Jahr 2004

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Gute Vorsätze fürs neue Jahr? Ich habe es mir schon lange abgewöhnt, dem Alkohol abzuschwören nur weil ein weiteres Jahr eingeläutet wird. Mit den Jahren setzt vielleicht mehr oder weniger der Verstand ein und lässt das eine oder andere Glas Bier im Fass verweilen. Das Rauchen war mir immer zu teuer, älteren Herrschaften habe ich stets meinen Sitzplatz im Bus überlassen und überhaupt versuchte ich ständig hilfsbereit, freundlich und tolerant zu sein. Belassen wir's dabei und blicken lieber zurück... halt, laute Musik, verdorbene Musik, überhaupt Musik vor der in manchen Kreisen immer noch gewarnt wird... yes Sir, That's The Way I Wanna Rock'n'Roll!!!!
Das wird bleiben, da bedarf es keiner Vorsätze, das ist Lebenseinstellung.

Das abgelaufene Jahr hat ernüchternd gezeigt, wie hilflos der Mensch den Naturgewalten gegenübersteht und zuletzt zigtausende elendig ertrinken lassen. Mit Spendengeldern kann man zumindest versuchen die finanzielle Not zu lindern, dem menschlichen Leid steht man im Grunde hilflos gegenüber. Ein paar Euro kann sich gewiss jeder abzwacken... und sei es mit dem Einsparen des Glas Sekt, das man in der Umbaupause eines Westernhagen-Konzertes in sich reinschüttet, anstatt die Kohle vorher lieber zur Finanzierung einer Trinkwasseraufbereitungsanlage gespendet zu haben.
Ja, das ist die letzte musikalische Enttäuschung der abgelaufenen zwölf Monate. Hieß es nicht dereinst, der Armani-Rocker gebe keine Liveauftritte mehr? Habe ich mich so geirrt? Sei es wie es sei, die einsetzende Werbekampagne Ende 2004 wird wohl vorab schon wieder soviel Kohle in die Kassen spülen, dass alleine von den Zinsen gewiss allerlei Hilfreiches bezahlt werden könnte. Gönnen wir ihnen also ihren Sekt, letztendlich wird ja keiner gezwungen sich dort zu verlustigen. Hauptsache es geht allen gut...

Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten haben Spuren hinterlassen. Da wo man sich früher mal das eine oder andere Album nebenbei gegönnt hat, zuckt man heute nur noch die Schultern oder leistet sich eventuell die Single. Und weil Neues ja unbekannt ist und man Altbekanntes schätzt und weiß woran man ist (oder es glaubt zu wissen...), wird den Neuveröffentlichungen alter Recken manchmal zuviel Aufmerksamkeit geschenkt.
Das kann zu richtigen Enttäuschungen führen, ehrlich. Nun gut, bei den SCORPIONS konnte ich mir das Heulen noch verkneifen, ein paar akzeptable Songs gab's ja und ich wünschte mir die Zeit der EPs und Minialben zurück.
Thorogood live? Schon wieder? So sehr ich das letzte Album mag, aber das dritte Livewerk in neun Jahren konnte mich nicht zu weiteren Überstunden bewegen. Oder bin ich faul geworden?
Halford wieder zurück bei PRIEST, die nächste Enttäuschung. Klar, da rühme ich mich tolerant zu sein und dann verzeihe ich ihm seine Sprüche und schwachen Veröffentlichungen nicht? Wie soll das passen? Lasst Euch nicht verarschen... auch wenn gewisse Schreiber anerkannter Hard Rock Magazine dem ehemals exzellenten Shouter vom allerersten Tag seines Ausstiegs an nachgeweint haben, der Ripper überzeugte von der ersten 98er Tour an und musste als Sündenbock für gar nicht mal so üble, aber sich schlechtverkaufende, Alben herhalten. Trotzdem, give Priest a chance und hört's Euch an, das neue Album (wenn es dann mal erscheint...).

STATUS QUO begleiten mich mit ihrer Musik seit über 30 Jahren und ich sie bei vielen ihrer Konzerte. So abermals bei derer zwei im Oktober des vergangenen Jahres. Doch wenn nicht allmählich wieder ein akzeptables Album das Licht der Welt erblickt, glaube ich zu wissen, dass dem bei der x-ten Tour zum x-ten Sampler nicht mehr so sein wird. Vorfreude ist die schönste aller Freuden (sagt man), doch selbst bei dreikommanull Promille wäre meinereiner nach den letzten Gigs wieder nüchtern gewesen.

Das Gegenteil, nämlich unglaubliche (und unerwartete) Freude bereiteten mir MOTÖRHEAD. Nicht nur live, wo sie ja derweilen schwankend in der Form sind, nein, auch "Inferno" ließ mich selig an vergangene Zeiten zurückdenken. Eine Rock'n'Roll-Harke vom Feinsten, mit Groove ohne Ende.
Das Gleiche gilt für die Geschwister Wilson, auch unter dem Namen HEART bekannt. Erst liefern sie ein überragendes Konzert und kurz darauf ein absolut überzeugendes und modernes Album ab. Da wird nicht in den alten Gewässern gefischt sondern zu neuen Ufern aufgebrochen. "Jupiter's Darling" ist für mich das Album des Jahres geworden!!

Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch... nun ja, so ganz frisch war das nicht was RAMMSTEIN da abgeliefert haben. Lange hat's gedauert bis es heraus war, aber erst mal auf der musikalischen "Reise, Reise" lässt sich feststellen, dass gut Ding zuweilen Weile hat. Eine reife Leistung, musikalisch wie auch textlich. Und trotzdem war ich enttäuscht... weil ich keine Karte mehr für Dortmund bekam. Schnief.
Wer mag wohl der "American Idiot" sein, den GREEN DAY besingen? Vielleicht verstehen wir als Eingeborene des alten Kontinents die neue Welt nicht. Verstanden habe ich jedoch, dass aus dem Trio mit Kinderpunkvergangenheit eine ernstzunehmende Rockband geworden ist, die ihre bis dato reifste und überzeugendste Leistung abgeliefert hat. Congratulations!
Eine weitere Band aus den US of A, wenn auch betagteren Kalibers, haute mich endlich auch wieder vom vielzitierten Hocker. AEROSMITH sorgten mit "Honkin' On Bobo" nicht überall für Begeisterungsausbrüche, in meiner kleinen Hütte wackeln jedoch regelmäßig die Wände wenn's mit Road Runner losgeht.
Warum TESLA mit "Into The Now" ziemlich untergingen, weiß ich mir nicht so recht zu erklären, denn an der Qualität kann's nicht gelegen haben. Vielleicht am zwischenzeitlichen Ausstieg Tommy Skeochs der erneute Drogenprobleme zu haben schien. In Europa ohnehin nur immer Geheimtipp, wird's wohl auch weiterhin dabei bleiben.
Rock'n'Roll is back? Nö, der war schon immer irgendwie da, aber wenn man so eine geballte Ladung wie bei GLUECIFERs "Automatic Thrill" um die Lauscher gepfeffert bekommt, verliert man den Glauben ganz gewiss nicht. Das Konzert Mitte Dezember in der Bochumer Zeche darf sicher als ein Highlight des Jahres angesehen werden.

Tour des Jahres geht an RUSH, die zudem mit dem Cover-Album "Feedback" zum wiederholten Male ihre außergewöhnliche Klasse bewiesen. Die drei Stunden Liveerlebnis konnten einem auch durch die Begleitumstände der Tour nicht vermiest werden. Für mehrere Stunden gab es Musik und eine Show von einem andern (Rock-)Planeten.
Schrieb ich "Tour des Jahres" denn nicht auch bei Dan Baird? Ja doch, eigentlich schon. Das Konzert in der Zeche Carl zu Essen-Altenessen gefiel mir noch einen Zacken besser, aber RUSH waren sooo lange nicht mehr da. Also sagen wir, der erste Platz wird zweimal besetzt. Und nächstes Jahr kann Dan Baird mit seinen Jungs hoffentlich wieder um die Pole Position spielen (sofern er so schnell wiederkommt), denn bei den Herren Lee, Lifeson und Peart habe ich aufgrund der finanziellen Bedingungen doch arge Bedenken bezüglich eines jemaligen Wiedersehens.

Der gute alte Rockpalast lebt wieder, zumindest ein bisschen. Lang zurückliegende Auftritte Rory Gallaghers und THIN LIZZYs wurden löblicherweise auf DVD herausgebracht und ließen so manche wehmütige Erinnerung aufkommen. Ansonsten kam zwar massig Masse, aber mangels derer im Portemonnaie blieb der Kaufrausch aus. Die Jahre zuvor hatten zudem einiges aufs Regal gehievt, sodass für die Gestaltung regenverhangener Sonntagnachmittage ausreichend Material bereit lag.

Boah ey, ich hasse Sandalen. Ich wurde schon in Turnschuhen geboren (oder waren's Boots?). Und trotzdem gefiel mir "Troja". So gut, dass ich mir einen Konzertmitschnitt von weiß-nicht-wem kniff und demnächst wieder mit den tausend Schiffen übers Meer gen Troja segle.
"Alexander" hätte allerdings auch mit Turnschuhen nix bei mir gerissen. Oliver Stone soll daran fünfzehn Jahre gebastelt haben, aber wer in Geschichte aufgepasst hat, weiß Spannenderes zu berichten.

Das Radio kam 2004 wieder zum verstärkten Einsatz. Wir sind Helden, Sportfreunde Stiller, Anastacia, Nelly Furtado, Norah Jones, Avril Lavigne, Robbie Williams... es macht wieder Spaß, richtig gute Singles zu hören oder ab & an sogar mal bei MTViva einen Lichtblick auszumachen.

Über die Fohlen vom Bökelberg verliere ich kein Wort mehr. Nicht, weil es das legendäre Stadion als Heimspielort der Borussia mit Beginn dieser Saison nicht mehr gibt, aber...
Und jetzt hat auch noch meine Lieblingspommesbude seit Wochen dicht und draußen hängt ein Schild "vorläufig geschlossen".

Somit zur letzten erfreulichen Feststellung des Jahres 2004 in diesem Rückblick: Oettinger Export mundet immer noch köstlich. Prost!!!

Jürgen Ruland, (Artikelliste), 07.01.2005

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