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Kaum hatte das Jahr 2004 begonnen, stellte sich die erste Enttäuschung ein, als der einstige musikalische Hoffnungsträger Ryan Adams, den ich in den Jahren zuvor zeitweilig zu meinen persönlichen Favoriten zählte, sich erdreistete in Grossbritannien die Showbühne aus der Horizontalen zu betrachten, um sich dabei sein Handgelenk zu brechen. Meine teuer erstandenen Konzerttickets für die anschliessend geplante kurze Deutschlandtour lösten sich zwangsläufig in Bedeutungslosigkeit auf. Denn Adams zog es vor, sämtliche Termine zu canceln. Seitdem herrscht Ruhe beim einst so Vielgerühmten.
Was konnte nun meinen Schmerz lindern? Die angestrengt bemühten Versuche der deutschen RTL-Superstars, sich in die Herzen der Zuhörer zu singen sicherlich nicht. Wobei die spätere Siegerin Elli noch über genügend gesangstechnische Fertigkeiten verfügte, sich aber im Angesicht des glorreichen Sieges ausser Stande sah, der ihr aufgedrückten stromlinienförmigen 08/15-Albumproduktion zu entziehen.
Was nutzte da noch die im späteren Verlauf des Jahres vieldiskutierte deutsche Radioquote, wenn sich aus dem Äther doch nur stets das immergleiche konformistische Gesülze ergiesst. Macht es einen Unterschied, ob ich hochgelobtes "eins, zwei, tralala" aus Deutschland, Benelux, Grossbritannien oder Skandinavien höre? Die GEMA-Radiotantiemen seien unseren deutschen Popsternchen ja gegönnt, aber besser wäre es doch, sie lernten singen und beherrschten ein Instrument, um sich auf einer trunkenen Tournee quer durch die Bundesländer ihren Brotaufstrich zu erspielen.
Wie reaktionär...
Und manchmal wirkte ein frech hingerotztes Lalala, wie das der LIBERTINES beim schnoddrigen "The man who would be king" ja auch Wunder. Das Zweitwerk der LIBERTINES beeindruckte mich zwar wenig, weil ich mit so einem schludrig gespielten Kram nicht wirklich warm werde. Aber die Leserschaft des altehrwürdigen "Rolling Stone", den ich tatsächlich auch schon seit der ersten deutschen Ausgabe lese, wählte die Rotzlöffel in die obersten Ränge.
Okay, wenn schon Lausebengel, dann die messerscharfen KINGS OF LEON, die mich mit ihrem Zweitling "Aha shake heartbreak" zunächst auch irritierten, aber anschliessend um so nachhaltiger beeindruckten. Die Frischlinge rasierten sich sogar die Bärte ab, damit man ihnen ins Gesicht blicken kann. Nette Geste. Vor allem grooven sie wie der Teufel, fahren den richtigen Gitarrensound, sind für Überraschungen gut und verfügen über einen einzigartigen Sänger, dessen Stimme Glas schneidet.
Einzigartig auch das Album des leider vom Massengeschmack immer noch zu wenig goutierten Ron Sexsmith. Wenn die Leute wüssten... "Retriever" liess mich zum ersten Male schwelgen. Passend zum aufbegehrenden Frühling bescherte uns Sexsmith ein weiteres Juwel aus seiner lichtumkränzten Songwriter-Schatulle und strahlte mit seinen diesmal viel optimistischeren Texten um die Wette. Ganz weit vorne, der Gute.
Ein anderer, bislang von mir verkannter Songwriter schob sich im Frühjahr in mein enges Blickfeld, um mir die Augen ganz weit zu öffnen. Bonnie Prince Billy, der knorrige Einsiedler, kam wie ein Pfingstochse behängt auf die sattgrünen Wiesen, um mit lautem Getöse die Verfechter seiner einst so knochig-asketischen Songstrukturen mit grosszügig ausgestatteten Ornament zu erschrecken. Wundervoll. Für mich eine wohltuende Oase im sonst so kargen Ouevre dieses Könners.
Wer löste sonst noch seine Bestimmung als Vorbote des Sommers ein? KEANE zweifellos. Gitarrenloser Pop. Pathetische Reminiszenzen, zauberhafte Melodien mit einer Stimme, die Steine erweicht.
Im Sommer dann, mangels qualitativen Inputs der Plattenindustrie, eine mehrwöchige Rückbesinnung auf selige Teenagertage: "The return of the giant Prog-Rock". Plötzlich umzingelten alte CDs und noch ältere Vinylscheiben meine Hörgewohnheiten, liessen mich einen verqueren "Foxtrot" tanzen (GENESIS), drängten mich unnachgiebig "Close to the edge" (YES) und liessen mich am "Point of know return" (KANSAS) erschöpft zurück. Welch ein Trip.
Im Sommer ebenfalls, mangels qualitativen Inputs der Nationalspielerschaft, der enttäuschende, ernüchternde Reinfall bei der Fussball-Europameisterschaft. Ja gibt's denn sowas? Deutschland scheidet in der Vorrunde schon aus...
Eine völlig unbekannte englische Roots-Rock Combo zog mich schliesslich mit unbekümmerter Spielfreude aus den Untiefen der Trübseligkeit. Die REDLANDS PALOMINO CO. aus Wales zitierten unverblümt aus dem Back-Katalog der Country-Rock-Ahnen und bestachen mit charmanten Double-Lead-Vocals und knarzenden bis seidigen Gitarrenklängen. Nichts Neues zwar, aber trotzdem erfrischend.
Tja, bis dann der alte Fahrensmann Paul Weller im September mit einem Covers-only-Album ("Studio 150") aufwartete, um die Herrschaft der Altvorderen zu untermauern. Schickte sich der Paule doch tatsächlich an, seine Schreibblockade mittels wenig berechenbarer Klassiker einzureissen.
Gil Scott-Heron, Sister Sledge, Gordon Lightfoot und das zärtliche Close to you von Burt Bacharach wurden u.a. vom Modfather derart in die Mangel genommen, einer Soul- und Jazz-Frischzellenkur unterzogen und mit einem lässigen Handstreich von Spinnweben und Staub befreit, so dass man sich ohne Zaudern über ein neues und in gewisser Weise auch innovatives Weller-Album freuen durfte.
Und seine All-Time-Greats-Show im Kölner E-Werk Ende Oktober untermauerte seine Ausnahmestellung aufs Eindrücklichste. Platte und Gig landen somit ganz weit vorne. Eine Herzensangelegenheit.
Anrührend, betörend, zauberhaft und lehrreich in verschiedenster Hinsicht auch die 7-DVD-Box
"Martin Scorcese presents the Blues". Ein derartig berauschendes Spektakel habe ich schon lange nicht mehr gesehen (wenn überhaupt) und wenn ich eine Empfehlung an den Musik-Freak als solches aussprechen darf, dann diese: Löst ein Ticket für diesen wundervollen Blues-Trip.
Viel konnte danach nicht mehr kommen... einzig ein paar wenige Alben trotzten dem Glanz dieser Blues-Rennaissance. Die traditionsbewussten ROSAVELT aus Cleveland rockten bis die Schwarte krachte, Nathaniel Mayer präsentierte quasi 'out of the blue' eine scharfkantige und raubeinige Version seines blühenden Soul- und Blues-Konzeptes, David Ogilvy zeichnete glitzernde Winterlandschaften hinter knackendem Kaminfeuer und Kasey Chambers erfreute mit einem ausgeklügelten Songreigen aus australischer gefärbter Roots-Empfindsamkeit.
Aus musikalischer Sicht nicht unbedingt ein grosses Jahr, aber dennoch eines was man nicht missen möchte. Denn solange uns solche Musik als Fluchthelfer aus dem tristen Einerlei die Hand reicht, werden wir dem Irrsinn des Alltags irgendwie widerstehen.
Mit optimistischem Gruss,
Euer
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