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Juhu, es ist fast vorbei

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Unser Disclaimer

Ich mag sie, die stillen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Man hat viel Zeit, den Bauch ständig voll und ein großartiges Fernsehprogramm mit den immer gleichen Verblödungsfilmen - Energiesparen leicht gemacht. Und weil es überall so still ist, hört man auch das Gebrüll des Alkoholikers vom Haus gegenüber in aller Prächtigkeit. Der ist ansonsten ein eher ruhiger Zecher, aber immer zu Weihnachten kommt seine Ex aus dem Frauenhaus zu Besuch, und es dauert nur Stunden, dann fliegen die Gläser tief und die Fäuste schnell. Warum diese Frau sich das wohl Jahr für Jahr wieder antut?
Es ist auch schön zu beobachten, wenn sich die vom vorweihnachtlichen Einkaufsterror verzerrten Gesichter über die Feiertage nach und nach entspannen, wenn überall Stillstand eintritt, na ja, bis auf die völlig gelangweilten Kids, die manisch mit ihren neuen Skistiefeln durch die Wohnung trampeln und im ganzen Haus erdbebenartige Eruptionen auslösen oder wahlweise ihre lethargischen Erzeuger mit der Playstation in den endgültigen Gehirntod treiben.
Man selbst nimmt sich die Muße für einen Rückblick, blättert im Tagebuch des vergangenen Jahres, oder wenigstens in den spärlichen Erinnerungen, wer weiß schließlich noch genau, warum man im letzten März panisch seine zwanzig VW-Aktien verkauft hat - um ein paar Monate später staunend zu sehen, dass sie plötzlich den zehnfachen Wert haben, wo doch alles andere gerade in Trümmer geht. Wie war das gleich noch mal? Hatten wir etwa schon vor neun Monaten Angst vor der Rezession? Was für ein Weitblick… Könnte bitte jemand schlüssig erklären, warum in Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise der Handel Rekordumsätze macht.
Die Kanzlerin* spricht seit Wochen von den Einschnitten, die im nächsten Jahr auf uns zukommen werden, nur präzise wird sie nicht. Wer oder was wird uns schneiden? Wird es nächsten April vielleicht die Deutsche Bank nicht mehr geben? Oder verhökert der FC Bayern Poldi aufgrund eines betrüblichen Schreibfehlers im Vertrag für 0,4 Millionen an Fortuna Köln anstatt an den FC, und löst sich anschließend aus Scham selbst auf? Konvertiert Uli Hoeness zu den Sechzigern und verlässt leise weinend die Allianzarena um fürderhin in den Ruinen des Grünwalder Stadions die Spiele gegen Koblenz und Ahlen auszutragen? Es ist alles ungeklärt, keiner weiß Bescheid, und die es tun verraten nichts.
*: Die K. hat sich übrigens in diesem Jahr endgültig einen Spitzenplatz in den Top 10 der politischen Dampfplauderer erarbeitet, auf Augenhöhe mit Seehofer, Beck, Koch und dem kleinen Mann aus dem Saarland.

Nehmen wir als Beispiel die Band AIRBOURNE. Wer die Australier dieser Tage bei ihrer Deutschlandtour oder gar im Vorprogramm der TOTEN HOSEN erleben konnte, dürfte zwei Thesen im Kopf haben. These 1: Gut gemachter Hype um eine Band, die unglaublich geil unglaublich altmodische Musik macht und bald wieder verschwunden sein wird, oder, These 2, wir haben soeben den bemerkenswertesten Aufstieg einer Hard Rock Band seit AC/DC 1976-'79 gesehen, und es war die letzte Chance AIRBOURNE in kleineren Clubs bis 1.000 Zuschauer bejubeln zu können, weil sie nämlich bald nur noch in den Stadien auftreten werden. So unwahrscheinlich letzteres klingt, möglich ist alles, denn der junge Vierer reißt in der Tat zu 97% exakt so mit wie seinerzeit die Großmeister bei ihren ersten Tourneen in den Siebzigern - es fehlen nur die drei Prozent Angus-Wahnsinn, Bon-Charisma und dessen selbstzerstörerische Energie, die ihm zwar das Leben kostete, ihn aber unsterblich machte. Vielleicht haben wir im Dezember 2008 wirklich die Zukunft des Heavyboogie gesehen, wer weiß es schon. In 30 Jahren wird vielleicht ein verrückter Musikjournalist über sein Jugenderlebnis mit den Superstars AIRBOURNE zu deren Anfängen berichten.

Völlig im Hier und Jetzt und ganz und gar ohne Selbstzerstörung treibt eine ähnlich gestrickte Band aus Hamburg St. Pauli seit etlichen Jahren etwas voran, das jetzt nicht ganz überraschend zu beachtlichen Erfolgen geführt hat. Die Rede ist natürlich von OHRENFEINDT, die allerorten und sogar am anderen Ende der Republik plötzlich 800 und mehr Leute zum Tanz bitten. Dauereinsatz und Durchhalten zahlen sich also doch aus.
OHRENFEINDT ist auch der Bogen zurück zu Weihnachten. Erstens kann man sich sozusagen als nachträgliche Selbstbescherung zwei bzw. bald drei Konzerte des Trios als sehr limitiertes Tonträgerchen in den Schrank stellen (Bremen, München, Heilbronn), Mail an die Band genügt, und zweitens ist beim lustigen Einkaufsbummel durch den Konsumtempelirrsinn vermutlich dem einen oder anderen Leser die aktuelle CD der halbwegs bekannten und in diesem Brief schon erwähnten TOTEN HOSEN ins Auge gestochen. "In aller Stille" heißt sie, regt wie immer die Feuilletonisten des Landes zu tiefsinnigen Kommentaren an und … hat eine optische Auffälligkeit, seht selbst:

Ohrenfeindt - Schmutzige Liebe
Die Toten Hosen - In aller Stille
Als neugieriger Mensch und der Wahrheit verpflichteter Berichterstatter ging direkt eine Anfrage an die Düsseldorfer bzw. deren Plattenfirma JKP, wie denn so eine Zufälligkeit passieren kann. Eine Antwort kam leider bisher nicht, die Herrschaften sind sicher auch im Weihnachtsstress und außerdem auf Hallentournee; mit AIRBOURNE.
Wir sollten endlich über den Zufall an sich philosophieren. Immanuel Kant wäre dabei möglicherweise hilfreich ("Zufällig im reinen Sinne der Kategorie ist das, dessen kontradiktorisches Gegenteil möglich ist."), oder Nietzsche ("Kein Sieger glaubt an den Zufall."), jedoch versteht Kant keine Sau und Nietzsche klingt verdammt nach Uli Hoeness - sicher wieder ein Zufall, deterministisch vermutlich.

Richtige Jahresrückblicke gibt es bei uns nicht mehr, es ist so langweilig, immer die gleichen Floskeln von sich geben zu müssen. Trotzdem gab es natürlich noch ein paar Begebenheiten, die erwähnenswert sind. Zum Beispiel waren die Altmeister von Bobby Ingrams MOLLY HATCHET kürzlich in unseren Clubs zugange, sogar mit dem Gründungsmitglied Dave Hlubek an Bord. Was soll man darüber sagen, wenn einem außer Floskeln kaum etwas einfällt? Vielleicht, dass ein Song auf der Setlist gefehlt hat: Time To Say Goodbye.
Der lokalpatriotische Ausblick auf das Münchner Konzertgeschehen in 2009 ist leider auch nicht so viel versprechend. Bob Dylan und ZZ TOP treten für jeweils gut 50 Euro in der denkbar grausamsten Halle der süddeutschen Hemisphäre auf, dem knapp 100 Jahre alten ehemaligen Lokschuppen "Zenith". Das Unikum trägt zwar im Namen den Untertitel "Die Kulturhalle", ist aber für Konzerte etwa so brauchbar wie ein Kühlhaus im Schlachthof. Diese unsägliche Geschäftemacherei mit Legenden der Vergangenheit zu Lasten der Fans (und auch der Künstler) hat sich längst überall etabliert, man bekommt für viel Geld fürchterlichen Sound, fürchterliches Ambiente und alte Männer ohne Grund geboten. FLEETWOOD MAC drohen ebenfalls mit einer Tournee, aber da ist wenigstens eine mehr oder weniger grundlose Frau dabei. Und die EAGLES machen mit Ticketpreisen zwischen 76 und 150 Euro gleich richtig einen drauf.
Manchmal könnte man angesichts dieses Musikbusiness wirklich in tiefe Depression verfallen, aber wir haben zum Glück noch immer unsere Favoriten, denen man den kleinen Eintrittspreis gerne zahlt, denn die sind "the real deal", nehmen ihre Fans und die Medien ernst, kämpfen weiter und geben alles. Das wird sich auch nicht ändern, solange es noch eine spielbare Note auf der Welt gibt.
Wir gehen also freudig ins nächste Jahr, komme was da will, wir wissen bisher von nichts, glauben aber an den Zufall, der uns ganz bestimmt wieder tolle neue Bands zukommen lassen wird.

PS: Ein trauriger Verlust ist noch zu vermelden. Das Southern Rock Archiv gibt es ab dem Jahreswechsel unter diesem Link nicht mehr. Nach 10 Jahren verschwindet die wohl weltweit beste Internetressource zum Thema "Southern Rock". Es ist vielleicht ein Abbild des Zustandes dieser Musik, die trotz gelegentlicher Höhepunkte (HELLSINGLAND UNDERGROUND!) im täglichen Bewusstsein der meisten Menschen keine Rolle mehr spielt. Einen kleinen Ersatz bietet der Gründer Michael Knippschild immerhin mit seinem Blog 58Rock.de.

PPS: Danksagungen erspare ich mir an dieser Stelle. Es sind sowieso nur die Leser, Bands, kooperierenden Firmen und meine Kollegen (über die ich mich sehr freue) gemeint, der ganze Rest kann uns nämlich mal gepflegt den Buckel herabgleiten.
Danke für die Aufmerksamkeit, schöne Restweihnacht, guten Rutsch, frohe Ostern und vor allem eine tolle Juhu-vorbei-Party am Ende der Festtagsorgie.

Euer

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 25.12.2008

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