|
Editorial:
Angie & Die Nebelwerfer |
![]() |
|
|
Leere. Unendliche Leere hat uns überfallen. Es liegt am Merkel. Auch. Die Zukunft erscheint freudlos und trist und die Mundwinkel der ganzen Republik schleifen über den Fußboden. Poldi und Schweini sind in der Kreativkrise und schaffen nicht mal mehr zusammen den IQ eines Normalmenschen. Münte und Lederlaptop-Ede sind im Machtrausch (trübsinnigerweise ganz ohne Alkohol und Drogen). Fünf Millionen Menschen und mehr würden gerne für Geld arbeiten, werden aber von den tatsächlichen Machthabern ausgebremst (Schlachtruf: "Alles für den Aktionär!"). Harald Schmidt hat resigniert und kalauert nur noch und sogar Big Brother wird vom Unterschichtenpublikum nicht mehr geschaut. Dazu kommt, dass meine Nachbarin schlimm hustet. Hat vermutlich Vogelgrippe, das dürre Huhn. Wo führt das alles hin? Doch da kam neulich die Erfolgsmeldung des Jahres: Die Musikindustrie verkauft mehr Klingeltöne als Singles! Hurra. Ach so, mit Single ist kein alleinstehender Mensch gemeint, sondern ein Tonträger mit nur 2 oder 3 Liedern drauf. Nur mal so, als Anmerkung für die jüngere Generation. Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass bei meiner Beerdigung mal eine richtige Band spielen soll und ich gern zu Highway To Hell in die Urne rieseln würde? Eine Seebestattung zu Sailor von MOLLY HATCHET scheidet wegen latenter Seekrankheit aus. Hach ja, wir sind schon ein Volk von Jammerlappen. Einen depressiveren Einstieg in einen Artikel hätte höchstens noch ein norwegischer Düsterdichter oder Blackmetaller finden können. Nehmen wir uns doch mal ein Beispiel an unseren amerikanischen Freunden. Jedenfalls sind sie bald wieder unsere Freunde, weil wir jetzt dann wieder zur Koalition der Willigen gehören werden, dank Angie. Da geht New Orleans unter und Condoleca Schreckenstein geht derweil fröhlich pfeifend shoppen. Prince braucht ne neue Hüfte, verweigert aber die Bluttransfusion, weil er ein Unfallzeuge Jehovas ist, und dennoch singt er bestens gelaunt weiterhin Purple Rain (und ich sag noch, hätten die Amis den Umweltvertrag unterschrieben, würde es da drüben nicht in seltsamen Farben regnen). Und George W. hat im Rahmen der großen Bildungsoffensive soeben sein drittes und viertes Wort buchstabieren gelernt. Leathal und Weapon. Es geht voran. 2005 ist ein seltsames Musikjahr. 2004 war das auch schon. Und 2003 war auch nicht besser. Die Trends werden immer noch immer kurzlebiger und die wirklich zündenden Ideen fehlen seit Jahren. Das macht mir Angst. Andererseits, vor lauter Betriebsblindheit erkennt man manchmal die echten Perlen nicht. Neulich hörte ich eine 94er CD von SOUNDGARDEN und war recht beeindruckt. Damals steckte ich die Band direkt in die Mülltonne. Dumm, das. Möglicherweise haben wir also längst den ultimativen Trend zur Rettung der Rockmusik, nur ich krieg mal wieder nix mit? Ist das ein Zeichen von altersbedingter Verstocktheit? Aus schreiberischen Gründen musste ich mich kürzlich verstärkt mit den deutschen Bands TOCOTRONIC und ELEMENT OF CRIME beschäftigen. Wow, die haben aber mit ihrer Musik und in Interviews was zu sagen, dachte ich mir tief beeindruckt. Und tatsächlich, diese Leute sondern inhaltsvolles Zeug ab. Kein Wischiwaschi, keine Plattitüden, alles durchdacht und mit Hirn. Aber: Spaß hat es mir keinen gemacht! Nicht, dass ich diese Menschen nicht mag, im Gegenteil, mir ist das nur alles zu verkopft und ernsthaft. All diese Reflexionen und Umsetzungen des Seins in die Musik haben mich müde gemacht. Und traurig. Weil die armen Kerle alle irdische Last auf ihren schmalen Philosophenschultern tragen müssen. Schaffen die das? Ich kann ihnen nicht helfen, mit meiner Allergie gegen körperliche Arbeit. Die Boogie-Urväter STATUS QUO scheinen tatsächlich langsam an ihre (körperlichen) Grenzen zu stoßen. Jedenfalls sind die Berichte von den jüngsten Konzerten nicht besonders enthusiastisch. Das will beim Kollegen Ruland durchaus etwas heißen. Lemmy ist 60 und dürfte inzwischen nicht mehr zum hoffnungsvollen Nachwuchs zu rechnen sein. Johnny Winter ist krank und LYNYRD SKYNYRD, die ALLMAN BROTHERS und die anderen südstaatlichen Helden zelebrieren sich, wenn überhaupt, nur noch selbst. Schaut also nicht besonders gut aus, bei den alten Göttern. SUGAR MOUNTAIN, BOOZED, WHITE COWBELL OKLAHOMA (die nur stellvertretend für die vielen geilen Neuen genannt sind) laufen quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit! Manchmal scheint es gar, als ob die nur noch für mich und die dreiundzwanzig anderen Spinner auf dem Planeten ihre Show veranstalten. Herrschaften, das ist nicht fair. So kann man nicht mit dem Erbe der goldenen Vergangenheit umgehen. Zurück zum Thema. Es wäre also durchaus möglich, dass die Menschheit heute gar keine Musik mehr will, die sich anhört wie die von vor 30 Jahren und die Zuhörer zum Schwitzen bringt. Aber das glaube ich eigentlich nicht. Zwingt man nämlich einen jungen Menschen mit Waffengewalt zu einem Konzert einer solchen Band, wird er durchaus freudig erregt das Angebot annehmen und laut schreiend nach Zugaben fordern und mit fliegenden Haaren, oder wenigstens flatternder Hose, den nächsten Boogie begrüßen. Ob er allerdings den leicht senilen Erzählungen der Altvorderen zum Thema "Rockmusik in den Siebzigern" folgen will, ist eher zweifelhaft. Uns hat Opas Kriegsberichterstattung auch immer genervt. Und so geschah es, dass aus dem einstigen Millionenheer wild entschlossener Musikhörer ein kleines, heterogenes (um nicht zu sagen inzestuöses) Häuflein unentwegter Irrer geworden ist, das sich um keinen Trend, keine Mode und keine Angie und ihre Nebelwerfer schert, sondern eisern das Banner des Rock & Roll hoch hält. Diesen Leuten sollte man das Handy in der Hosentasche verbieten. Zwecks der Fortpflanzung. Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 15.10.2005
|
|
|