|
|
Die Überschrift dieses Editorials sagt es, die Zeiten und Dinge ändern sich, Herr Dylan hat das schon vor langer Zeit erkannt. Das Internet ändert sich noch schneller. Und mit ihm die Menschen, obwohl sie leider oftmals intellektuell mit all den Änderungen nicht mithalten können. Nun hat es auch das Home of Rock erwischt, Änderungen stehen an, aber am Schluss - das ist die gute Nachricht - wird eines bleiben: We love Rock & Roll!
Ein Onlinemagazin bewegt sich in einer virtuellen Welt. Musik ist aber alles andere als virtuell, und wenn man über Rockmusik spricht, ist man von Virtualität grundsätzlich Lichtjahre entfernt, denn Rockmusik ist einer Zeit entsprungen, die Datenmengen noch in der Zahl kleiner schwarzer Rillen gemessen hat und einen Festplattencrash schlimmstenfalls für eine Gehirnerschütterung gehalten hätte. Ein solches Magazin braucht also Menschen, die nicht in einer nachgebildeten Welt leben, sondern das handfeste Zupacken und Arbeiten nicht mit dem Austausch von Emails verwechseln. Im übertragenen Sinne: Dem Onlineredakteur muss beim verfassen seiner Artikel der Schweiß von der Stirn tropfen, ganz so, als ob er gerade in einer Konzerthalle stünde und nach einer Zugabe brüllt. Rock ist körperlich spürbar, Worte sollten das wenigstens annähernd sein.
Dass ein Musik-Onlinemagazin (oder wahlweise ein Internetradiosender) keine Reichtümer einbringt, dürfte klar sein. Dass man als Schreiber für ein etabliertes Magazin allerdings reichhaltig entlohnt wird, sei es in Form von Review-CDs, Konzerttickets oder einfach der Möglichkeit, mit dem einen und anderen Musiker zu reden, ist auch bekannt. Doch neben dem musikalischen Vergnügen ist im Hintergrund eine maßlose Menge an administrativen und technischen Dingen zu erledigen, für die es fleißige, intelligente und, leider, leidensfähige Kollegen braucht. Arbeiten müssen aufgeteilt werden, man muss sich aufeinander verlassen können. Aber: Die Verantwortlichkeiten müssen klar geregelt sein. Damit kurz zurück ins wirkliche Leben.
Mangels Einkommensmöglichkeiten mit einem Onlinemagazin müssen die meisten Schreiber arbeiten, falls sie nicht ein monatliches Almosen von staatlicher Stelle bekommen. Wenn dann noch unvorhergesehene Dinge wie beispielsweise ein beruflich bedingter Umzug oder eine längere Krankheit passieren, müssen die Prioritäten zwangsweise für eine gewisse Zeitspanne verschoben werden, das heißt, dass sich der betroffene Redakteur aus welchen Gründen auch immer für die Zeit x nicht um sein liebstes Baby kümmern kann. Glücklich ist das Magazin, in dem in diesem Moment andere die Aufgaben übernehmen. An dieser Stelle gleiten wir wieder in die Virtualität ab.
Manche Menschen wittern bei der Übernahme neuer Aufgaben ihre große Chance. Das ist im bezahlten Job so, genau wie es im "second life" ist. Je nach Wichtigkeit des vorübergehend auf Eis gelegten Kollegen ist die Menge der von anderen erledigten Arbeiten unterschiedlich, aber der zurückkehrende Mann wird natürlich seine Stelle wieder einnehmen wollen. Man kann es vielleicht mit einem Mutterschaftsurlaub vergleichen, bei dem die Planstelle selbstverständlich freigehalten werden muss. Was wird wohl eine junge Mutter denken, wenn sie mit den Worten "bitte geh wieder dorthin, wo du hergekommen bist" im Büro begrüßt wird? Auge in Auge wird das niemand sagen, per Mail (also virtuell) passiert das viel leichter. Noch viel leichter folgen auf solche Unverschämtheiten Reaktionen, die die Situation in sensationeller Geschwindigkeit eskalieren lassen. Ein Wort gibt das nächste, plötzlich sind die Gräben unüberbrückbar, die Wege müssen sich trennen, weil man sich nicht mehr vertrauen kann. So kam es im Home of Rock zu einer virtuellen Trennung.
Die Realität sieht dann so aus, dass sich Schreiber und/oder Techniker verabschieden. Unangenehm könnte es werden, wenn viele (vor allem wichtige) Mitarbeiter gehen. In aller Regel ist das nicht tödlich, weil die Welt klein und niemand unersetzbar ist. Es kann aber auch unappetitlich werden, speziell wenn grundsätzliche Dinge wie Copyrightschutz oder Benutzbarkeit wesentlicher technischer Werkzeuge unterlaufen und sabotiert werden. Von den unschönen (virtuellen) Schlammschlachten nicht gesprochen. Eher bemitleidenswert ist allerdings, wenn sich ehemalige Kollegen bloßstellen und als "Strafe" für das verlassene Magazin einen deckungsgleichen Spiegel unter anderem Namen ins Netz stellen. Dass es sich dabei rein faktisch um Diebstahl (von ganz anderen Leuten ersonnenen "Erfindungen") handelt, sei nur am Rande erwähnt. Betroffen macht es allerdings, denn schließlich wollte man ja mit dem neuen Magazin "in die Zukunft schauen und nicht alte Zöpfe pflegen". Aua.
In der Konsequenz müssen sich alle beteiligten Magazinmacher fragen, was denn nun eigentlich schief gelaufen ist. Für das Home of Rock bedeutet dies, dass es auch im achten Jahr selbstverständlich weitergehen wird, allerdings unter anderen Vorzeichen und mit einigen neuen Mitarbeitern. Zum Beispiel müssen rechtliche Angelegenheiten neu geregelt werden, bis hin zu rechtsgültigen Verträgen, die punktgenau festhalten, wer was wie und warum macht bzw. machen muss oder darf. Nicht abgesprochene Aktionen sind unmöglich, Wissen ist zu verteilen, das Vier-Augen-Prinzip ist unbedingt einzuhalten, schädigendes Verhalten kann nicht toleriert werden, die Unternehmensgrundsätze sind unumstößlich. All in the name of Rock & Roll.
Auch wenn das nach Schrecken erregender Marktwirtschaft klingt, als vorgebliche Demokratie verstandene Anarchie funktioniert nicht, wenn man ein gemeinsames Ziel hat, das anders als die Satzung einer Kegelrunde mehr im Sinn hat als pure Gaudi.
Den ausgeschiedenen Stammredakteuren und Gastautoren des Home of Rock wünschen wir an dieser Stelle alles Gute und bedanken uns aufrichtig für die tolle Arbeit in den letzten Jahren. Die meisten von Euch wissen ganz genau, dass es nur ein wirkliches Home of Rock gibt, in dem nicht virtuell geblendet wird, sondern das man kreativ mitgestalten kann, wenn man dies möchte und sich nicht nur befähigt sieht, sondern es auch ist. Einer der Grundsätze des Home of Rock war und bleibt nämlich: Qualität und fachliche Kompetenz sind wichtiger als optische Unzulänglichkeiten.
Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

|