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Editorial Juni 2002

Grand Prix D'Eurovision de la Chanson

25.05.2002, Tallinn

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Michalis Rakintzis
Michalis Rakintzis
Afro-Dite
Afro-Dite
Laura
Laura
Maja
Maja
Sergio
Sergio
Sardine Francoise
Sardine Francoise
Ira Losco
Ira Losco
Sestre
Sestre
Maire N
Maire N

Der Grand Prix d'Eurovision de la chanson oder European song contest, wie es nun neudeutsch heißt: Habt ihr ihn gesehen? Nein? Dann habt ihr echt was verpasst, denn bei dieser Veranstaltung gab es eine Menge über die Mechanismen des Musicbusiness zu lernen.

Gut, musikalisch war die Chose wieder einmal die übliche Horrorveranstaltung und genau so aufregend wie die zweitausendsiebenhundertfünfundreißigste Bluesrockscheibe, die meine werten Home Of Rock-Kollegen Woche für Woche als neue Sensation abfeiern.
(Hey! Vorsicht Drachenbändiger!! Wer solcherart lästert, wird mit Status Quo nicht unter 24 Stunden bestraft!)

Doch ging es in Tallinn überhaupt um die Musik?
In den meisten Fällen wohl eher nicht. Vielmehr wurden Strategien für die erfolgreiche Vermarktung von Retortengeschöpfen auf ihre Tauglichkeit als Popstars getestet.
Zypern zum Beispiel versuchte es mit der drittklassigen BACKSTREET BOYS-Kopie ONE, die sinnigerweise als erste ins Rennen gingen. Auch wenn der Beitrag Gimme ganz ordentlich Punkte scheffelte, dürften ONE als einer der ersten Kandidaten für die Untiefen des Vergessens gelten.

Enttäuschend auf ganzer Linie, der Beitrag von JESSICA GARLICK mit Come back, als Vertreterin Großbritanniens. Ein banales Popliedchen ohne Esprit und das dumpfe Gefühl, dass die Sängerin zu ihren Nachnamen ein 'k' gekauft hat, um den ständigen Knoblauch- und Vampirwitzen zu entgehen. Damit schafft man aber Platz 3.

Spaßig, die Griechen, die wohl Spione auf Zypern hatten. Auch MICHALIS RAKINTZIS machte einen auf Boygroup, allerdings in lustigen Future-Warrior-Kostümen. An ihren Song S.A.G.A.P.O. kann ich mich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern.

Eine Menge Leerlauf, dann der Gastgeber Estland mit der schwedischen Sängerin SAHLENE und dem Song Runaway. Da kam erstmals ein Hauch von Format in die Veranstaltung. Eine nette, Dancefloor-kompatible Popnummer, eine hübsche Sängerin... immerhin unter Ausnutzung des Heimvorteils auch Platz 3.

Israel versuchten es mit einem an NICOLEs Ein bisschen Frieden angelehnten Schmachtfetzen, vorgetragen von SARIT HADAT und dem innovativen Titel Light a candle.
An sich keine schlechte Strategie, wenn ein kriegführendes Land eine Friedensbotschafterin ins Rennen schickt und extra darauf hinweist, dass die Dame auch arabisch, die Sprache des Feindes, spricht. Geholfen hat es nichts und ganz am Rande bemerkt: Kein Liedchen dieser Welt konnte bisher eine Gewehrkugel aufhalten.

Bei unseren eidgenössischen Nachbarn ist wohl gerade Titanic in die Kinos gekommen. FRANCINE JORDI lächelte zwar ganz goldig und war niedlich anzusehen, wie die junge Uschi Glas, bemerkte unser kommentierender Kompetenzbolzen Peter Urban, von dem ich noch ein paar Bonmots im Laufe des Artikels einflechten möchte. Dans le jardin war auch ein ganz akzeptables Liedchen, doch in bester CELINE DION-Manier, jaulte und quiekte FRANCINE, dass sich ihre Stimme nur so überschlug. Und kein Eisberg in Sicht, der dem Elend ein schnelles Ende bereitete...

Nachdem die Esten eine schwedische Sängerin abgeworben hatten, holten sich die Schweden drei dunkelhäutige Tänzerinnen ins Grand-Prix-Aufgebot, tauften sie originellerweise AFRO-DITE, zeigten ihnen ein paar SILVER CONVENTION-Videos aus den Siebzigern, und schickten sie mit einem Discosong aus der gleichen Epoche als haushoher Favorit ins Verderben. Würden doch nur alle für kreativen Diebstahl so eindrucksvoll abgewatscht.

LAURA aus Finnland sah aus wie eine Mischung aus Angela Merkel und der ROXETTE-Sängerin, grunzte dazu Addicted to you wie ANASTACIA ins Mikro, und wie bei fast allen Beiträgen hoppelten unsägliche Tänzer(innen) um sie herum, die sich den Zutritt als überflüssige Backgroundheuler ergaunert hatten. Furchtbar, aber durchaus mit Hitpotential in grausamen Zeiten wie diesen.

Dass es auch anders geht, bewies dann MAJA aus Bosnien-Herzegowina mit Na jastuke za dvoje. Endlich ein Titel in der Muttersprache, ungekünstelt in Gesang und Performance erweckte MAJA als eine der großen Ausnahmen den Eindruck, dass hier wenigstens eine Künstlerin am Start war, die ihr eigenes Ding durchzieht. Ich könnte wetten, MAJA hat zu Hause eine Band mit 'langhaarigen Bombenlegern' am Start, die in den lokalen Clubs ihrer Heimat ein heißer Liveact sind.

'Der Rock 'n' Roll überwintert in Belgien.' (Peter Urban). Okay, SERGIO sah aus wie ein UDO DIRKSCHNEIDER-Verschnitt, und das soulige Sister fetzte ganz gut und brachte etwas Schwung in den Laden. Ein kleiner Lichtblick, in der Endabrechnung natürlich chancenlos.

Ebenfalls durchaus mit Qualitäten die Französin SARDINE FRANCOIS mit dem balladesken Chanson Il faut du temps. Nicht wirklich originell, aber immerhin ganz okay und erfreulicherweise mit eine Platzierung im vorderen Drittel. Zu mehr hätte es nur gereicht, wenn sie irgendeinen Zirkus auf der Bühne veranstaltet hätte.

Wirklich stark dagegen B. BENGISU & SAPHIRE mit Leykalar soldu kabie aus der Türkei. Die hatten begriffen, dass Sinn und Zweck dieser Veranstaltung die Präsentation der eigenen Kultur ist und eine orientalisch angehauchte Nummer im Angebot. Damit gingen sie bei der Abstimmung mit fliegenden Fahnen unter, weil es dem weitestgehend gleichgeschalteten, inkompetenten Stimmvieh in Europa wohl einfach zu exotisch war.

IRA LOSCO aus Malta brachte mit ihrer Bühnengarderobe, einem extravaganten, luftigen Hosenanzug Exotik ins Spiel. Ihr Titel Seventh wonder machte auch einen recht ordentlichen Eindruck, entpuppte sich aber bei näherem Hinhören als etwas flotteres, aber trotzdem dreistes Plagiat von CINDY LAUPERs Time after time.
Auch wenn sie das Rennen um Platz 1 lange Zeit offen hielt, am Ende war ihr Auftritt zu brav um ganz nach vorne zu kommen. Schade.

Mut oder Wahnsinn? SLOWENIEN ließ drei Transvestiten ran. SESTRE präsentierten ihr Samo ljubezan in roten Glitzerfummeln und die Nachbarn aus dem ehemaligen Jugoslawien werden bis auf unbestimmte Zeit was zum Witzeln haben.

Dann Spanien. Hoppla, nein es war Lettland, mit dem Song I wanna, der spanischer war als der spanische Beitrag selber.
Eigentlich dachte ich Latino-Pop sei out. Ist er vermutlich auch, denn den Sieg verdankte MAIRE N einem raffinierten Trick. Sie begann die Nummer in Männerklamotten, die sie sich nach und nach vom Leib reißen ließ, bis sie schließlich im kleinen Roten viel Bein zeigte. Sex sells, oder bringt zumindest auch beim Grand Prix die nötigen Punkte.
Dass der Litauer AIVARES im bunten Ringelpulli und Schlägermütze mit Happy you da das Nachsehen hatte, dürfte niemand wundern.

Und der deutsche Beitrag? Den hab ich übersprungen, weil CORINNA MAY in dem Jeder-blamiert-sich-so-gut-er-kann-Wettbewerb eine Sonderrolle zukam.
Unsere Antwort auf JOE COCKER bot eine 'phantastische Performance' (Peter Urban). Logisch Peter, und Deutschland wird mit Alibikickern wie Ziege, Bierhoff und Hamann Wald... äh Weltmeister.
Mal ehrlich: CORINNA MAY stand auf der Bühne wie ein stehengelassenes Fragezeichen, hatte seltsame Zuckungen in der Mikrophonhand und führte ihren Auftritt auf der Grundfläche einer Briefmarke aus.
Einwand: Mensch, die ist doch blind!
Der Konter: Ja, und? Ein Jeff Healey ist das auch und fegt wie ein Irrer über die Bühne. Seien wir doch ehrlich. Wir waren dieses Jahr so doof, auf die Siegelsche Mitleidmasche im dritten Anlauf reinzufallen. Eine - ich scheue mich das Wort Künstlerin zu verwenden - wie CORINNA MAY würde innerhalb von Sekunden von jeder Bühne gebombt werden, wäre sie nicht blind. Komm, Corinna, tu uns einen Gefallen. Lass einfach das Singen und mach etwas, das du wirklich kannst: Imitiere JOE COCKER zum Vollplayback. Die Optik kommt beinahe hin und das Schwanken und Torkeln hast du auch schon perfekt drauf. Jedenfalls waren die 17 Punkte genau 17 zu viel und Platz 21 eine Frechheit gegenüber den dahinter gelisteten Beiträgen.

Ach ja, da war noch unser Kommentator Peter Urban. Der konnte gar nicht fassen, dass CORINNA MAY in einem sehr starken Jahrgang (äh... wo denn?) so Schiffbruch erlitt. Immer wieder die Frage: Was ist da falsch gelaufen? Nicht viel, Peter. Wie ich schon sagte... 17 Mitleidspunkte.

Doch wirklich peinlich wurde es erst, als Axel 'Quoten-Ossi' Bulthaupt die deutsche Wertung nach Tallinn übermittelte. Der gröhlende 'Ohne Holland fahrn wir zu WM'-Mob auf der Hamburger Reeperbahn war wirklich das Hinterletzte.
Da war er wieder... der hässliche Deutsche. Sorry Leute, das ist nicht witzig.
Ich lache dann allerdings, wenn Rudis Rumpelkicker sich völlig zurecht nach der Vorrunde auf die Heimreise machen. Und ich bin wirklich gespannt, wie ihr dann mit dem Echo aus den Niederlanden umgehen könnt.

Was lernen wir jetzt aus dem Abend? Nichts wirklich Neues. Die Strategie, die momentan am ehesten funktioniert, und das sieht man auch wieder an den aktuellen Charts: Nimm ein halbwegs ansehnliches Wesen, zeig nackte Haut (untersteh dich, Corinna!), jag ein paar Hupfdohlen dazu auf die Bühne und fertig ist die Nummer 1.

Leute, der Grand Prix könnte wirklich eine ganz nette Sache sein, wenn man sich wieder auf seine Ursprünge besinnt (Die Restredaktion empfiehlt hier: Lest mal Martins sonstige Reviews...). Macht die Muttersprache zur Auflage und schickt wieder Kandidaten ins Rennen, die auch etwas von der eigenen Kultur rüberbringen, wie es die Türkei uns vormachte. Bringt uns den Barden aus der Bretagne, den Latin-Lover aus Katalonien, den Piper von Skye, die Balalaika-Gruppe vom Baikalsee und die Blackmetal-Band aus Bergen. Verschont uns mit Letten, die wie Spanier klingen und ähnlichem Gedöns. Wir haben in Europa so viele spannende regional unterschiedliche Musikstile. Pflegt und fördert die, anstatt alles auf chartsorientierten Mainstream zu trimmen oder uns Letten als Spanier zu verkaufen.

...und doch gab es am Ende noch einen Sieger. Estland! Die baltische Republik verstand es, sich in den eingespielten Filmchen sehr ansprechend zu präsentieren und viele Sympathiepunkte bei mir zu sammeln. Ich muss mich gleich mal schlau machen, ob die Esten auch noch hundefreundlich sind, dann wäre das ein potentielles Urlaubsziel.

So, und nachdem ich mir die Nacht mit dem Unfug um die Ohren geschlagen habe, hab ich hab mir jetzt redlich etwas gute Musik verdient.... Oder?
(Das wissen wir nicht, denn wer sich solche Unappetitlichkeiten freiwillig antut, gehört doch eigentlich bestraft - sagt die Redaktion)

Martin Schneider, (Impressum, Artikelliste), 27.05.2002

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