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Bravo, Saint Bob, Sie haben es wieder geschafft. 20 Jahre nach Live Aid gab es Live 8 und die Welt ist begeistert. Aber sowas von begeistert.
Wir sind jetzt alle auf dem "Long Walk To Justice" und Armut und Hunger sind sozusagen bereits einen Tag nach diesen weltbewegenden Konzerten Geschichte. Bob sei Dank.
Der Trick an der Sache ist folgender: Anders als 1985, als Geldof den Menschen mittels Spendenaufruf noch direkt an den Geldbeutel ging, geht es diesmal subtiler, andererseits aber eben auch wesentlich direkter zu. Er greift den G8-Länderpräsidenten (das sind die der sieben führenden Industrienationen plus Russland) in die Tasche und die werden seit gestern zitternd und voller Angst auf ihre Zusammenkunft am 6. Juli in Schottland warten, denn so viele weltweite Phon haben sich noch nie gegen sie erhoben.
Der Slogan "Gitarren statt Knarren" wurde Wirklichkeit und Sozialdemokratie-Verräterkanzler Schröder wird sich das Büßerhemd überziehen und vehement für den Schuldenerlass der Afrikaner kämpfen. Ganz so, wie er sich vorbildlich um die deutschen Hartz IV-Empfänger gekümmert hat. Bush wird Schulen überall auf dem schwarzen Kontinent bauen und persönlich über die Kompetenz der Lehrer wachen, und Putin, dem man seine Menschenliebe ohnehin jederzeit ansieht, wird 3 Millionen kleine afrikanische Kinder adoptieren und mit Borschtsuppe auf Rädern (zur Not auch auf Panzerketten) versorgen.
Holy Bob wird das schaffen, ganz sicher, denn immerhin hat er es auch geschafft, die seit Jahrzehnten bis aufs Blut zerstrittenen PINK FLOYD für dieses Event wiederzuvereinen. Völker, hört die Signale! Breath, Money (sic), Wish You Were Here und Comfortably Numb klangen großartig und sicher wurde weltweit ein Strom von Freudentränen vergossen.
2 Millionen Menschen waren wohl bei den Konzerten vor Ort und es gab sogar einen Dresscode: Weiße Armbänder als Zeichen der Solidarität! Bravo und Applaus. Nein, das war schon großartig, den leicht verwirrten Brian Wilson Good Vibrations quietschen zu hören. Die perfekte Welle der Ergriffenheit überkam uns spätestens bei Nelson Mandela und seinem Statement und Paul McCartney rockte gradezu phantastisch durch Helter Skelter.
Doch wir wollen uns gar nicht auf die Musik kaprizieren, schließlich waren die besten Musiker des Planeten werktätig (A-ha) und an denen Kritik üben zu wollen wäre Blasphemie. Oder: wie den tauben Pete Townshend wieder hörend zu machen. Die wunderhübsche Joss Stone sang Some Kind Of Wonderful - barfuss und im kurzen Kleidchen, besser lässt sich doch die Erdverbundenheit der Grönemeyer-Gutmenschen dieser Welt nicht darstellen. Alleine die Anwesenheit einer Madonna, sorry, eines Bono unterstreicht die Wichtigkeit der Veranstaltung.
Hach ja, wenn Brad Pitt und David Beckham der Armut den Kampf ansagen, schwindet jeder Zweifel am möglichen Misserfolg.
Paris Hilton im Circus Maximus zu Rom. Daumen hoch und lasst die Löwen rein! Via AOL hatte man die Chance, das Spektakel im Internet mitzuverfolgen, in Germany übertrug Phönix exklusiv und ohne jeden Kommentar gut 12 Stunden lang live (oder was die für live hielten) und insgesamt hatte die Veranstaltung etwa die politische Durchschlagskraft einer durchschnittlichen Love Parade. Wer räumt wohl den Dreck von 200.000 vor der Siegessäule in Berlin weg? Und den von 1 Million in Philadelphia?
Zu sagen, die Idee hinter dem Projekt war dumm, wäre schwachsinnig. Selbstverständlich müssen Menschen mit Stimme diese erheben und der Ungerechtigkeit die Stirn bieten. Selbstverständlich ist es die verdammte Pflicht eines jeden einzelnen Erdenbewohners, sich dem Sturm der Entrüstung anzuschließen. Nur: Live 8 ist ganz einfach das Zeichen einer entpolitisierten Gegenwartsgesellschaft, in der die Jugend so lethargisch wie feierwütig ist, wie die älteren Semester verklärt-romantisch an Love, Peace und Investmentfonds glauben. Crosby, Stills und Nash passen da doch wunderbar, oder? Dass afrikanische Künstler im Line-Up beinahe vergessen wurden, stellt sicher nur eine kleine organisatorische Panne dar, immerhin war ja Sting dabei und der rettet neben den Regenwäldern alles was sich ihm in den Weg stellt.
Wenn beim G8-Gipfel in Edinburgh auch nur eine einzige umsetzbare Entscheidung im Sinne von Live 8 getroffen wird, werde ich an genau dieser Stelle bei Sponge-Bob Geldof um Vergebung bitten (was dem sicherlich völlig egal ist). Aber außer lauwarmen Willensäußerungen und väterlich nickenden Regierungschefs werden wir nichts erleben. Wetten?
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