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Editorial

Braucht Deutschland den Superstar?

Nein!

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Quellen:
http://www.rtl.de (im Januar 2003)
http://www.bmg.de (im Januar 2003)
SZ, Abendzeitung, TZ, Bild (Ausgaben im Januar 2003)
Radio Bayern 2, diverse Fernsehsendungen
Unser Disclaimer
Updates:
24.1.2003 - SZ: Thomas Stein wird bald wieder den Sessel des Chefs der BMG Ariola Deutschland einnehmen, da die Erdteil-HQs aufgelöst werden.

Das Fernsehen gebiert schlimme Auswüchse. Im Kampf um die Quote lassen sich junge Menschen einsperren und 24 Stunden pro Tag von Kameras beobachten, andere gehen für Wochen ins Girls Camp oder auf eine einsame Insel und spielen Robinson und und und.

Zehntausend glauben, sie hätten das Zeug zum Superstar. Die Casting-Show mit den ganz "besonderen" Bewerbern, übertragen am 4.1.2003 abends, habe ich mir aus Neugierde angetan und gelacht, wie lange nicht mehr. Und den Kopf geschüttelt, bis mir schwindlig geworden ist.
Die "Darbietungen" haben zum Teil an Körperverletzung gegrenzt und hätte ich sie alle ertragen müssen, Alpträume wären mir sicher gewesen.
Wenn man in der Jury sitzt und dies alles über sich ergehen lassen muss, ich will's mir nicht vorstellen. Die Schlimmsten sind allerdings schon früh vor Ende ihres Auftritts gestoppt worden, was jeder einigermaßen musikalisch Begabte problemlos nachvollziehen kann. Einige haben sicher gedacht "ich mach' mir einen Spaß". Aber wenn man dann vor der vierköpfigen Jury steht und wirklich etwas bieten muss, ist's mit dem Spaß vorbei.
Man kann kaum glauben, dass die geistigen Fähigkeiten dieser "besonderen" Bewerber nicht ausreichen um zu erkennen, dass sie nicht singen können, bzw. die Stimme für Popmusik absolut nicht geeignet ist. Und schon gar nicht, wenn dann unterschiedliche Musikstile verlangt werden. Aber es ist so.

Respekt vor den nach dem Casting übriggebliebenen Zehn. Allesamt gute Stimmen (sicher auch die nächsten X, die als Reserve bereitstehen), auch wenn mir nicht alle wirklich gut gefallen. Was ist der Sinn des Ganzen? Unterhaltung? Wegen Unterhaltung produziert kein Privatsender eine Show. Es reduziert sich auch hier ausschließlich auf Geld und Quote. Wobei dies auf das gleiche hinausläuft.

Megalomanie, Größenwahn, oder ist es Verzweiflung? Letzteres auf Seiten der Musikindustrie. Superstar, was für eine Anmaßung. Wenn ein "Künstler" 100 Millionen CDs verkauft hat, dann kann man ihn als Superstar bezeichnen. In diesem Fall ist "Superstar" Sinnbild für eine Sprache, die nur noch aus Superlativen besteht.

Steigerung von XXL: Mega-XXL oder Super-XXL oder Super-Mega-XXL? Tausende von Köpfen rauchen, um diese Frage zu beantworten.
Deutschland sucht den Superstar - wo es dann auf die Realität zurechtgestutzt nur einen wirklichen Titel für diese Show-Serie gibt: Wir suchen das belastungs- und musikalisch wandlungsfähigste Talent, das bereit ist, alles über sich ergehen zu lassen.

Zehn junge Künstler machen ein "Spiel" mit in der Hoffnung, wirklich zum Star zu werden. Wo es steil aufwärts geht, geht es auch genauso steil wieder herunter. Zumindest in den Bergen und allemal im Business. Der gemeinsam gesungene Song "We have a dream", der nicht mal so schlecht ist, zumindest nicht weh tut, hat Platin mit steigender Tendenz, ist natürlich Nummer Eins in den Single Charts. Nichts für echte Rocker. Eine nicht uninteressante Frage ist, wie lange sich diese Masche ausschlachten lassen wird.

Ich denke, nicht lange. Die jungen Leute haben nicht die Zeit, um wirklich mit den Aufgaben zu wachsen und, was mir als das Wichtigste erscheint, einen eigenen Stil zu entwickeln. Der Erwartungsdruck ist ungeheuer groß und ein Ausspruch Dieter Bohlens charakterisiert klar wo es lang geht: "Du darfst nicht das singen, was dir gefällt, du musst das singen, was den Hörern gefällt." Wenn ich das in Gedanken durchspiele, dann bedeutet das, dass niemand mehr richtig neue Songs schreibt, womöglich seiner Musik innovative Elemente hinzufügt. Denn Neues wird von der Masse ja erst mal abgelehnt, ist kein Geschäft. Ich muss also meine eigenen Ideen in die Schublade zurücksperren und hoffen, dass ich vielleicht irgendwann die Chance bekomme, sie doch noch einzubringen. Der Traum jedes Musikers, der mit überdurchschnittlichem Talent gesegnet ist.
Die Musikindustrie macht uns seit Jahren vor wie das geht. Keine Investitionen in (kommende) musikalische Persönlichkeiten die Jahre brauchen bis sich durch ihre Musik die Investitionen bezahlt machen. Früher gab es einmal den Begriff "Talentpflege", dieser scheint seit Jahren aus der deutschen Sprache verschwunden zu sein. Oder wird zum reinen Lippenbekenntnis ohne Inhalt. Mit Riesenaufwand werden heute Retortengruppen geschaffen und deren Produkte unter das Volk gebracht - die Namen kennt ihr.

Dies sind andererseits die Marktlücken für all' die kleinen Labels, Importeure, Eigenvertriebe der Bands, die sich auf Grund der Vertriebsstruktur sehr schwer tun, richtige Stückzahlen an den Fan zu bringen. Dass das Internet dies immer mehr erleichtert, ist sicher auch ein Grund für den Rückgang der Verkaufszahlen bei den Majors, die vielen Rockmusikfans schon lange nicht mehr die Musik anbieten, die diese gerne kaufen würden. Nicht nur das Kopieren der Verkaufshits (auf CD-R oder per illegalem Download) ist Schuld an der Misere, die ist zu einem guten Teil hausgemacht.

Irritiert bin ich immer wieder mal über die Aussagen der Jury. Es wird gesagt "jeder Ton getroffen". Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Wenn ich der Meinung bin, dass es nicht stimmt, dann spule ich das Video zurück, um mir den Song noch einmal anzuhören. Und meistens ist mein Eindruck richtig, nämlich dass deutlich falsche Töne zu hören sind. Okay, die Jury kann kein Video zurückspielen und das Publikum macht einen Heidenlärm. Die Vier werden aber als kompetente Sachverständige hingestellt und von einer "Kapazität" muss ich schon erwarten können, dass Unsicherheiten gehört werden.
Was denke ich da? Haben die Mitglieder der Jury die "falschen" Töne nicht gehört? Der Beispiele sind viele. Eine Interpretation kann sicher so beeindruckend sein, dass ein paar Unsicherheiten in der Intonisation den insgesamt guten Eindruck nicht negativ beeinflussen. Aber warum wird dies dann einmal dazu gesagt und einmal weggelassen? Bin ich wieder mal zu streng und muss berücksichtigen, dass es sehr schwer ist, beim Wechsel von hohen zu mittleren Tönen 100%ig korrekt zu singen, und die Fehler bei nicht fertig ausgebildeten Stimmen mehr oder weniger dazugehören?

Wäre ich ein Anhänger von Verschwörungstheorien, hier fiele mir schon einiges ein. Nun, einen Teil meiner Naivität aus frühen Tagen habe ich mir bewahrt, glaube immer noch an Ehrlichkeit und Fairness und wittere nicht ständig Lügen. Darum stelle ich einfach ein paar Fragen. Vielleicht werden sie ja beantwortet (durch das, was dann in den kommenden Monaten geschehen wird?).

  • Auf den Seiten http://www.rtl.de ist diese Talentschau zwar einer der Hauptpunkte, aber die Vertriebsfirma der CD habe ich nicht gefunden.
  • Auf den Seiten http://www.bmg.de der BMG Ariola Music Group, die die CD vertreibt (und über eine Tochter auch hat produzieren lassen) muss ich schon die Suchmaschine bemühen, um mit dem Titel der CD fündig zu werden. Wahrscheinlich bin ich zu naiv und verstehe nicht, warum mit der aktuellen Nummer Eins der deutschen Charts keine Eigenwerbung betrieben wird.
  • Nur für diejenigen, denen es nicht bewusst ist: RTL (Mehrheit) und BMG sind unter dem Dach der Bertelsmann AG. Da wäre es doch naheliegend, den kommerziellen Erfolg (mir sind 8,4 Millionen Zuschauer im Gedächtnis) gemeinsam werblich zu nutzen.
    Das Jurymitglied Thomas Stein wird als Plattenboss bezeichnet. Umgangssprachlich mag dies stimmen, aber korrekt müsste es schon heißen "Chef der Bertelsmann Music Group Europe", also schon sehr weit oben. Und dieser wichtige Mann hat nichts Wichtigeres zu tun, als seine Zeit mit diesem Talentschuppen zu verbringen?
  • Es geht um viel Geld, um Investitionen. Oder nicht? Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, um so mehr denke ich, dass es nicht um Investitionen in die Zukunft der Musikindustrie geht, sondern dass das primäre Ziel der schnelle Euro ist.
    Ein Teil der Kosten kommt über die Werbung wieder herein. Wenn die Presse Recht hat, dann verdient der Sender alleine schon an den Anrufen der Zuschauer (45 Cent/Anruf). Zur Sendung vom 18. Januar schreibt die SZ von etwa Zehn, die AZ von über Zwölf Millionen Zuschauern. Zahlen über die Anzahl der Anrufe habe ich noch nicht gesehen, aber auch nicht ernsthaft gesucht.
  • Wenn es um die Investition in die Künstler ginge, dann fällt mir dazu ein: Kann ich es tatsächlich anrufenden Zuschauern überlassen, ob ich Gewinn oder Verlust mache? Jedermann kann so oft anrufen, wie er/sie/es will und durch die Telefonnummer für wen auch immer stimmen (das kann übrigens auch mein PC mit dem entsprechenden Programm, das ich auch schreiben könnte).
    Mmmhhh, da kommen selbst mir Zweifel - und der Neue Markt ist eine todsichere Geldanlage.

Dieses Spektakel könnte bei Möchtegernen, die die Augen offen halten, bewirken, dass sie auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Es kann dem Zuschauer zeigen, welch brutal harter Job die Musikbranche ist. Die Künstler sind zum Erfolg verurteilt, nur ganz wenige Etablierte können sich einen nicht ganz so guten Verkauf leisten. Wäre der Veranstalter eine gemeinnützige Stiftung, die das Allgemeinwohl zum Ziel hat, dann hätte ich ja Hoffnung (kleiner Scherz am Rande).

Wenn an einem Tag gleich alle drei Münchner Boulevard-Blätter auf der ersten Seite eine Überschrift mit einem der Teilnehmer des Talentschuppens haben, dann bedeutet das, dass die Anteilnahme innerhalb der Bevölkerung schon gewaltig ist. Und die Bedeutung der Show ist für die Presse gewaltig. Die Fans der Ausgeschiedenen verstehen die Welt nicht mehr. Wie kann das passieren, wo sie doch die Telefonnummer getippt haben, bis die Fingerspitzen wund waren. Es scheint hoch herzugehen zwischen den Fankreisen.

Um einen Star heute bis nach ganz oben durchzudrücken bedarf es Summen, die wir im Leben nicht verdienen. Oder eines Aufsehens, wie es jetzt durch diese Serie hervorgerufen wird. Die BMG kann sich gemütlich zurücklehnen und abwarten, wer am Ende übrig bleibt.
Wir werden es ja bald erleben, wenn die CD mit allen Zehn, von Dieter Bohlen produziert, auf den Markt kommen wird; spätestens am Montag nach der letzten Sendung. Diese müssen dann alle kaufen, auch wenn nur einer oder zwei der Interpreten gesucht sind. (Nur zur Klarstellung: Ich muss nicht.) Das Scheibchen wird dann an die Spitze der Charts stürmen, schon vor Auslieferung auf Grund der Vorbestellungen.

Mit den Dreien, die am meisten Erfolg versprechen, kann man dann weitere CDs produzieren, die ganz sicher(?) zum Verkaufserfolg werden. Mich erinnert das an die Markteinführung eines neuen PKWs. Erst kommt das Basismodell, dann das Coupé, das Cabrio und die Offroad-Version. Durchgeplant vom ersten bis zum letzten Moment.

Und für die CDs, die dann von diesem/n "Star/s" gekauft werden, werden dann viele von kleinen Stars, die jahrelang für ihren Erfolg geschuftet haben, nicht gekauft. Die Budgets der CD-Käufer für neue CDs werden deswegen nicht größer, also bleiben die Kleinen auf der Strecke. Wer keine Mega-Show gewonnen hat, kann doch nichts Gescheites sein. Q.e.d..

Ich möchte meine Illusionen, dass Können und permanente Leistung letztendlich den Erfolg bringen, nicht total begraben, denn den Weg zum Erfolg, wie uns hier gezeigt, kann niemand gut heißen, der sich ernsthaft mit Musik beschäftigt. Aber meine Meinung zählt nicht und > 12 Millionen können nicht irren.

Dieser Artikel erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Wollte er, dann würde er niemals fertig werden, denn die Dinge sind ja noch im Fluß. Dinge, die mir wichtig erscheinen, werde ich links im Updateblock unterbringen. Sollte mir ein Fehler unterlaufen sein oder ich etwas wirklich Wichtiges vergessen habe, bin ich für Hinweise dankbar. Aber bitte vergesst nicht: Dies sind meine Gedanken und Schlüsse, die mir (nachdem ich in der SZ über eine Teilnehmerin mit einer ausserordentlich guten Stimme, Judith, die freiwillig ausgestiegen ist, gelesen und ich mich mit diesem Phänomen beschäftigt habe), in den Sinn gekommen sind.

Werner Saumweber, (Impressum, Artikelliste), 22.01.2003

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