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Editorial:
Verfolgungswahn |
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Das ist eine wirklich böse Geschichte, nicht nur für den direkt Betroffenen, sondern auch für dessen soziales und geschäftliches Umfeld. Diese Krankheit scheint in jüngster Zeit zunehmend Verbreitung im Musikbusiness, vor allem in den Büros der Plattenfirmen zu finden. Ja, die Umsätze im Tonträgermarkt sind ganz gewaltig rückläufig und das beschert dem einen oder anderen Verantwortlichen schon schlaflose Nächte. Schuld sind natürlich immer die anderen. Es ist ja auch wirklich nicht mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar, dass die bisher äußerst großzügig investierende Kundschaft im Schatten der aktuellen Wirtschaftsflaute und der durch den Teuro geschröpften Kassen auf einmal ihr Geld nicht mehr in CDs anlegen will. Was soll das? Wer braucht schon eine warme Mahlzeit und ein Dach über dem Kopf, wenn er stattdessen die neuste CD seines Lieblingskünstlers auflegen kann? Schuld sind in erster Linie die bösen Schwarzbrenner. Das lässt sich ja auch ganz einfach mit den steigenden Umsatzzahlen von beschreibbaren Datenträgern belegen. Diesem Problem kann man ja aber mit einem Kopierschutz Herr werden. Wenn man CDs nicht mehr kopieren kann, dann werden wieder mehr Originale verkauft. Groß ist das Entsetzen, als man feststellen muss, dass diese Milchmädchenrechnung nicht aufgeht. Au, verrecke! Man hat ja auch einen ganz wichtigen Punkt übersehen. Nicht etwa, dass Teile der Kundschaft von nun an kopiergeschützte CDs boykottieren, weil diese Dinger nicht mehr in jedem Abspielgerät laufen, sondern die bösen Pressefuzzies! Das sind ja die Allerschlimmsten. Die bekommen die CDs ja schon ein paar Tage früher als der gemeine Schwarzbrenner und überfluten den Markt schon vor der offiziellen Veröffentlichung mit abertausenden Raubkopien. Wir erinnern uns an die Eingangsdefinition: Wahnhafte, das heißt real unbegründete Vorstellung, von Feinden umgeben zu sein und verfolgt (geschädigt) zu werden. Nun nimmt das Ganze reichlich groteske Züge an. Allein in den letzten sechs Monaten sind doch einge wirklich bizarre Promo-CDs auf meinem Schreibtisch zur Besprechung gelandet.
Irgendwo ist einfach die Grenze der Besonnenheit erreicht. Wie war das gleich? Verfolgungswahn: Wahnhafte, das heißt real unbegründete Vorstellung, von Feinden umgeben zu sein und verfolgt (geschädigt) zu werden. Mein Selbstverständnis als Musikkritiker ist, dass ich Partner der Plattenfirmen bin, und umgekehrt. Einige Companies scheinen dies allerdings mittlerweile etwas anders zu sehen. Für sie ist die schreibende Zunft wohl Teil der Achse des Bösen, die nichts besseres zu tun hat, als Raubkopien in Umlauf zu setzen. Ich will nicht einmal ausschließen, dass es durchaus schwarze Schafe gibt, doch ich verwehre mich gegen die pauschale Kriminalisierung eines kompletten Berufsstandes. Begriffe wie 'Kollektivschuld' und 'Sippenhaft' dachte ich, gehören längst der Geschichte an. Scheinbar liege ich damit jedoch falsch. Ich sehe meine Aufgabe darin, ein neues Produkt einer Plattenfirma einer fairen, subjektiven Besprechung zu unterziehen und letztendlich mit meiner Beurteilung Euch, unseren Lesern, eine Entscheidungshilfe beim Plattenkauf zu geben. In gewisser Weise mache ich damit natürlich Werbung für ein Produkt, informiere über dessen Existenz und werde damit zum Multiplikator. In erster Linie mache ich das aus Spaß und aus Liebe zur Musik. Ich sehe mich aber beim besten Willen nicht in der Lage dem seriös nachzukommen, wenn die Musterexemplare der Plattenfirmen verstümmelt oder unbrauchbar gemacht werden. Stellt euch vor, dem Testesser, der für die Einstufung eines Restaurants im Guide Michelin zuständig ist, wird das Essen bewusst versalzen. Hier wird einfach die Basis einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit einseitig aufgekündigt. Nur weil seitens der Industrie der Verdacht besteht, dass der eine oder andere Schreiberling eine Raubkopie in Umlauf bringen könnte, werden alle bestraft, in dem sie unbrauchbare Musterexemplare erhalten. Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen und man nimmt ganz bewusst in Kauf, die Mehrzahl der seriös arbeitenden Partner der Presse mit zu sanktioniern. Was ist das Ende vom Lied. Ich werde nicht pauschalisieren, deswegen habe ich auch Ross und Reiter in diesem Artikel beim Namen genannt. Allerdings weigere ich mich schlicht und ergreifend verstümmelte oder unbrauchbar gemachte CDs in Zukunft zu besprechen. Der Leidtragende ist wieder einmal der Künstler. Besonders hart trifft das natürlich die Home Of Rock-relevanten Bands, die praktisch nicht im TV und Rundfunk promotet werden. Wenn diese Produkte nun auch in der Presse ignoriert werden, dann bin ich mir sicher, wird das die Albenverkäufe dieser Bands in astronomische Höhen schrauben. Was kommt dann als nächstes? Wird man bei Konzerten zukünftig nach dem dritten Song der Halle verwiesen, weil man nun genug gesehen hat? Bekommt man als Pressevertreter zukünftig Störgeräusche zugespielt oder gar die Augen verbunden? Liebe Plattenfirmen, kommt mal wieder auf den Teppich. Wir wollen euch nichts Böses! Wir sind Partner mit annähernd gleichen Zielen. Ihr wollt Musik verkaufen, wir wollen dazu beitragen, dass unsere Leser die Musik kaufen, die ihnen gefällt. Natürlich sind die Zeiten schwer und der Markt ist gewaltig eingebrochen. Aber gerade in solch schweren Zeiten sollte man nach starken Partnern suchen und Hand in Hand arbeiten, anstatt sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Ich möchte diesen Artikel jedoch nicht beschließen, ohne allen Plattenfirmen und Promotern von ganzem Herzen für das Vertrauen zu danken, die sich bisher nicht von dem hysterischen Verfolgungswahn haben anstecken lassen. IHR seid die Zukunft des Rock 'n' Roll!
Martin Schneider, (Impressum,
Artikelliste), 02.08.2003
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