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It's me again! Der Mahner der handgemachten Musik. Der Zeterer gegen Verdummung der ohralen Art. Der Bewahrer des guten Geschmacks im Rock & Roll.
Warum schon wieder? Weil es mich nervt!
PopKomm - Pop geh:
Blödes Wortspiel, aber in diesen Tagen war es mal wieder so weit. Populäre Musik wurde im Rahmen einer Messe ausgestellt. Klingt komisch. Klingt irgendwie nach Graceland und verstaubten Goldenen Schallplatten aus anderen (besseren?) Zeiten.
Dabei ist der Sinn und Zweck der PopKomm ein ganz anderer. Trends sollen erkannt, Infos und Erfahrungen ausgetauscht, Musik soll gehört werden.
Wie bei allen Messen und Kongressen steht aber leider oft reine Selbstdarstellung und -beweihräucherung an oberster Stelle.
Das haben viele Firmen inzwischen erkannt und sind gar nicht mehr anwesend. Dieses Jahr sogar erstmals ein Major Label. Viele Indies tun es sich ohnehin gar nicht mehr an.
Was müssen wir alles für Parolen von klugen Menschen hören. Von der Quote für deutschsprachige Musik im Radio ist die Rede. Von Musik, die die Bosse auch selber konsumieren wollen. Von Zielgruppen, die gar keine sind und für die deswegen künftig keine Musik mehr produziert werden soll. Sogar das Wort von "musikalischen Minderleistern" machte die Runde (sind Minderleister alle Bands, die weniger als 100.000 CDs verkaufen?).
Ich will mal ein paar Gedanken dazu kund tun.
Brauchen wir eine Quote für Musik aus Deutschland in den Medien?
Nein! Diesen Käse haben singende Sozialarbeiter schon vor Jahren erzählt. Wir brauchen 1. Gute Musik aus Deutschland und 2. Programmmacher im Radio und Fernsehen, die diese auch spielen. Eine zwangsweise Verabreichung deutschen Liedgutes hebt mitnichten das Niveau. Die Bohlens dieses Landes werden schon genug gedudelt.
Hilfreich wäre auch eine selektivere Medienlandschaft, die jenseits des (von wem auch immer festgelegten) Massengeschmacks echtes Programm macht und keine vorkonfektionierten Klone aussendet.
Was ist die Zielgruppe?
Es ist nicht die Altersgruppe der 14 - 25jährigen. Auch nicht die Abteilung 25 bis 49. Und genau so wenig die noch ältere Generation. Warum? Weil jeder Mensch für sich eine Zielgruppe ist. Mit diesem Zielgruppendenken versuchen bestimmte Kreise nur, 14jährigen die neueste Boygroup zu verkaufen, den erfolgreichen und dynamischen 30jährigen gibt man Madonna und den wenigen noch zurechnungsfähigen Oldies schmeißt man alle paar Jahre eine neue Scheibe von Bob Springsteen-Oldfield zum Fraß vor.
Schön blöd! Ich kenne Teenies, die rennen sich die Hacken ab, um die neue Springsteen CD auch ja am Erscheinungstag zu holen. Und ich kenne einen alten Sack (ahem, ich meine mich, mit Verlaub), der standhaft behauptet, dass die No Angels und Pur gute Popmusik produzieren.
Nein, ich kaufe mir diese Kapellen natürlich nicht. Aber ich drehe auch nicht mit Würgegefühlen das Radio ab, wenn so was gespielt wird. Bei einigen peinlichen "Deutschrockern" hingegen...
Ja, ich respektiere auch Madonna, obwohl ich nicht zur Generation Golf gehöre.
Eines soll klar werden: An einer ganzen Generation "Zielgruppe" wurde mindestens ein Jahrzehnt lang vorbei produziert. Sie wurde schlicht ausgeklammert. Meine Generation nämlich. Ich rede nicht vom Alter, ich rede von der musikalischen Neigung. Handgemachter Rock findet seit Jahren nur noch im Untergrund statt. Und wenn einer dieser alten Helden mal wieder zufällig irgendwo auftaucht, hört man Stimmen wie "Ach, die Band gibt es auch noch?".
Na klar gibt es die noch. Es gibt ein Leben neben den Rolling Stones, Phil Collins und den anderen Dinos. Nur wurden diese Künstler von den Companys vergessen, an den Rand gedrängt, gefeuert, nicht mehr unterstützt.
Warum wundert es die Firmen heute, dass die entsprechende Klientel immer weniger Platten kauft? Es sind nicht alle solche Verrückten wie wir, die jeden obskuren Mailorderkatalog, jedes Winz-Label nach Veröffentlichungen der ehemals populären (da ist es wieder das Zauberwort) Bands durchwühlt.
Macht also bitte nicht mit irgend einer anderen - von Marketingstrategen festgelegten - Zielgruppe einen ähnlichen Mist. Gebt Ihr den Kids von heute keine vernünftige Musik mehr, dann werden diese Kids als (erfolgreiche, dynamische?) Erwachsene in 15 Jahren keine Musik mehr kaufen, weil es sie nicht mehr interessiert!
Thema Trends.
Ach ja, wie viele Trends hatten wir in den letzten Jahren? Und was ist übrig geblieben? Jeweils eine gute handvoll Künstler, die den Test der Zeit überstanden haben.
Seit ca. Mitte der 70er, also seit Punk, wurde so ziemlich jeder Versuch, anders zu sein, als neuer Mega-Trend gehypt. 12 Monate später war das Thema beerdigt und man wandte sich der nächsten Sensation zu. Das ging verblüffender weise auch zwei Jahrzehnt lang einigermaßen gut.
Seit 2 Jahren hören wir aber jedes Quartal neue Schreckensmeldungen über eingebrochene Umsätze, Rückgänge im 10%-Schritt, Verluste wegen böser Raubkopierer.
Meine Herren, schon mal über mangelnde Qualität der Produkte nachgedacht?
Jeder angekündigte Trend, jeder kommende Superstar der letzten 2 Jahre entpuppte sich letztendlich als Windei. Obwohl ganz sicher durchaus gute Musik darunter war. Mit künstlich aufgeblähtem Hype tut man weder der Musik, noch den Künstlern Gutes.
Viel besser wäre doch konsequente Aufbauarbeit, langfristige Förderung, Platzierung des Produktes in den Medien jenseits des 3-Minuten-Alles-so-schön-bunt-hier-Vehikels VivTV.
Und dann wundern sich manche der Chefs, dass Uralt-Rocker wie Dylan plötzlich wieder in den Charts auftauchen. Na, welch Überraschung.
Gebt den Leuten mehr andere gute Musik an die Hand, dann müssen sie sich nicht auf die 2, 3 relevanten Releases im Jahr stürzen und würden vielleicht statt dessen sogar 5 oder 6 oder 7 CDs kaufen. Und vielleicht nicht die x-te Compilation von Pink Floyd und die 99te "Best Of" von Deep Purple, sondern den einen oder anderen spannenden Newcomer.
Und wenn der dann nicht unbedingt wie Neil Young's kleiner Bruder klingt und trotzdem wie die Neuerfindung der Musik angekündigt wird, könnte sogar ein langfristiger Erfolg daraus werden.
Overkill.
Den gibt es in 3 Versionen.
A.) Immer dann, wenn ein Superstar (ob noch amtierend oder ehemalig ist egal) eine neue Scheibe an den Start bringt. Monate lang sieht man Bruce Jovi Madonna Michael von jeder Plakatwand, in jeder Zeitung (incl. den Musikfachblättern Stern, Spiegel und Focus), bei den relevanten Rock-Shows wie "Wetten Dass" und der J.B.K.-Show, in der Heavy-Rotation jedes öffentlich rechtlichen Radiosenders und natürlich bei besagten Videokanälen. So lang, bis die Scheibe genügend oft verkauft ist und auch der letzte Trottel völlig genervt ist.
Oder B.) wenn die Industrie mal wieder einen vielversprechenden Act placieren will. Dann quält uns die, eigentlich begabte, Anastacia so lang in jeder verfügbaren Sendung (bis hin zu Raab), bis man resigniert und zumindest die Single kauft, damit endlich Ruhe ist. Super natürlich, wenn grade eine Fußball-WM stattfindet, dann kriegt man den Protagonisten gleich noch besser unter.
Variante C.: Eine Band hat mit ihrem Stil (neu oder nicht neu ist egal) Erfolg. Die Plattenfirmen nehmen binnen 3 Monaten ca. 92 ähnlich klingende Bands ins Programm. Und dann mag bald kein Mensch mehr solche Musik hören. Soul sucks... HipHop sucks... Grunge sucks... Nu Metal sucks...
Wir haben natürlich auch noch die Szenegurus. Die bestimmen, was grade In oder Out ist. Es wird gesagt, dass Hard Rock/Reggae/Blues derart vom Fenster weg ist, dass man doch bitte die entsprechenden Bands auf der Sondermülldeponie endlagern soll.
Gute Idee ist das. Nur wird vergessen, dass diese Musik seit 20 oder 30 Jahren oder gar länger einen festen Hörerkreis hat. Die werden kurzfristig durch einen Hype mal mehr und anschließend wieder weniger.
Bedient man die Stammhörer nicht mehr mit Nachschub, werden sie ihre alten Scheiben weiterhin hören. Sie werden aber ganz sicher nicht auf den grade vorbeikommenden Trend-Zug aufspringen.
Abschließend gefragt.
Bei der diesjährigen PopKomm war auch Kulturstaatsminister Nida-Rümelin als Referent anwesend.
Fein, wenn höchste Kreise sich die Anliegen der Popkultur aneignen.
Aber halt! Läuft da vielleicht etwas schief? Hat der Herr Minister nicht im Fernsehen vor einiger Zeit gesagt, mit Rock und Pop hätte er wenig bis gar nichts am Hut? Kann es sein, dass der Mann von Rock & Roll keinerlei Ahnung hat? Muss Pop, Rock, Jugendkultur überhaupt Chefsache sein? Muss (musikalische) Rebellion, wie immer sie auch klingt, staatlich beaufsichtigt/gefördert/reglementiert sein? Muss Mick Jagger zum Sir geadelt werden?
Mir erscheint so etwas wie der Versuch, sich für künftige, noch härtere Zeiten, politischen Rückhalt zu verschaffen. Kommt nächstes Jahr der Bundeswirtschaftsminister? Ist Hans Eichel Rocker? Bangt Friedrich Merz head? Oder wackelt der vor lauter Debilität so mit dem Kopf?
Give the people what they want! Ihre Musik nämlich und keine wirtschafts-intellektuell verbrämten Politiker und Manager.
Dann wird langfristig passieren, was in gesunden Strukturen immer passieren wird: Qualität setzt sich durch!
Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 20.08.2002
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