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Bitte komme niemand mit pseudoromantischen Aussagen wie: "Mein Leben ist geprägt von Musik" oder "Ich kann ohne Musik nicht leben". Das ist Humbug, man kann ohne Musik so gut leben wie ohne Fleisch auf dem Teller. Und genau deswegen stellt sich die Frage, weil Fleisch auf dem Teller für viele Menschen überhaupt nicht mehr selbstverständlich ist - Musik ebenfalls. Gehen wir doch einfach ein paar aktuelle Nachrichtenthemen durch, und dann beantworten wir uns die Frage in der Überschrift nach reiflicher Überlegung selbst.
Im August finden in China die Olympischen Spiele statt. Die chinesische Regierung hat neben gut 70 anderen Gesetzen anlässlich dieses Ereignisses auch verfügt, dass während der Spiele Wanderarbeiter, Bettler und Menschen mit geistigen Behinderungen in Peking unerwünscht sind. An was erinnert uns das?
Der derzeitige beinahe weltweite Protest am kulturellen und menschlichen Massenmord an den Tibetern ist wünschenswert, kommt aber um etliche Jahrzehnte zu spät. Wir alle haben zugesehen, als das gleiche menschenverachtende System seine eigenen Leute auf dem - Achtung: Hohn! - "Platz des himmlischen Friedens" mit Panzern überrollt hat. Das ist noch keine 20 Jahre her, aber heute preisen westliche Wirtschaftsführer wie der VW-Vorstandsvorsitzende Winterkorn China als Wunderland (… des Kapitalismus) und korrupte Sportpolitiker verbieten Sportlern freie Meinungsäußerung. Wie heuchlerisch muss man sein, um in einem solchen Land Wettläufe, Handballspiele und Bodenturnen zu veranstalten? Wie kann die Welt schweigen, wenn sich despotische Machthaber an sämtlichen Grundrechten vergreifen? Fernsehbilder werden zeitversetzt gesendet, damit unliebsame Ereignisse herausgeschnitten werden können, Journalisten werden an objektiver Berichterstattung gehindert, das Internet wird zensiert, 8.000 Menschen werden jährlich hingerichtet, chinesische Funktionäre belügen die Weltöffentlichkeit dreister als es der irakische Propagandaminister Mohammed Said el Sahhaf ("Die Invasoren begehen massenhaft Selbstmord") jemals tun konnte.
Der Soundtrack zum olympischen Kommerzoverkill in einem Verbrecherstaat kann nur sein: Ein bisschen Frieden.
43 Milliarden Euro haben die Deutschen zu zahlen. Und zwar aus ihren Steuergeldern. Das sind die vorläufigen Beträge, die deutsche Banken bei der derzeitigen Bankenkrise verloren haben. Meine Damen und Herren, bitte verinnerlichen Sie sich Begriffe wie "Subprime-Markt", "Asset-backed Commercial Paper" und "Conduit", dann verstehen Sie vielleicht, wie mit 14 Millionen Euro pro Jahr entlohnte Bankchefs wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank die Übersicht über ihre Geschäfte verloren haben. Noch vor wenigen Jahrzehnten wären Banker für solcherlei Deals stante pede in die örtliche Justizvollzugsanstalt eingewiesen worden, heute rufen sie in Krisenzeiten nach dem Staat - dem sie vorher über Jahre via Arbeitsplatzabbau und (teilweise legalisierter) Steuerhinterziehung Schaden zugefügt haben.
43 Milliarden! Das macht bei 39 Millionen Erwerbstätigen pro Nase etwa 1.100 Euro, die demnächst von der Lohnsteuerkasse direkt in den Fonds für Not leidende Banken umgeleitet werden. Wir singen dazu: "Ich hab ein Loch in meiner Tasche und das kann man nicht mehr nähen. Steck ich mal Geld in meine Tasche hab ich es nie wieder gesehen."
Nachträglich Dank an Herrn Westernhagen für seine seherischen Fähigkeiten im Jahr 1981.
Apropos Moral. Eher bizarr ist der Fall des ziemlich alten, sehr reichen und noch mächtigeren Briten Max Mosley. Der Chef der Formel 1 bucht gerne Damen aus dem Rotlichtmilieu und lässt sich in einem etwas schärferen Ton von ihnen züchtigen. Nun ja, sein Privatvergnügen, genau wie die dabei aufgenommenen Videos zur späteren Verlustierung. Dass der Sohn des Gründers der englischen Faschistenpartei für diese Rollenspielchen allerdings auf Nazisymbolik, KZ-Uniformen und deutsch gebrüllte Befehle zurückgreift, gibt der Sache einen widerwärtigen Beigeschmack. Vermutlich ist sein größter Wunsch, dass Leni Riefenstahl eines seiner Filmchen dreht. Die ist aber längst tot, genau wie Herrn Mosleys Restverstand. Aufmarschmusik: Bück dich von RAMMSTEIN.
Der Leser will noch immer Musik? Nehmen wir Rock Island Line von Leadbelly, Train Train von BLACKFOOT oder Train To Nowhere von SAVOY BROWN? Egal, das "Leuchtturmprojekt" Transrapid ist gescheitert.
Kaum jemand mehr wird sich an einen gewissen Edmund "Äh" Stoiber erinnern, der in einem Anflug von Größenwahn seinem Ziehvater Franz Josef Strauß, einem der größten Halunken der deutschen Nachkriegspolitgeschichte, nacheifern wollte und sich mit 35 Kilometern Magnetschwebebahn ein Denkmal zu setzen gedachte. Mit 350 Stundenkilometern von München-Mitte zum etwas auswärts gelegenen Franz-Josef-Strauß-Flughafen war der Plan. Dumm nur, dass Siemens und ThyssenKrupp sich unwesentlich *hust* verkalkuliert hatten und die Kosten für 30 Minuten Zeitersparnis pro Fahrt von 1,8 auf, schwupps, 3,4 Milliarden Euro angestiegen sind. Da wollte dann Äh-Stoibers Nachfolger Beckstein nicht mehr mitspielen und der Fall war erledigt. Und überhaupt, was will man in Bayern mit einem Leuchtturmprojekt, wo es da doch gar keine Schiffe gibt.
Einwände von Verbrauchern, dass doch die 40-minütige Fahrt mit der S-Bahn nur ¼ der vom Transrapid benötigten Energie benötigen würde und überdies die Fahrzeit in dieser S-Bahn exakt für den Sportteil der Tageszeitung ausreichen würde, wurden von der Landesregierung übrigens nicht berücksichtigt.
Interessant an dieser Episode ist, dass vor 31 Jahren ein ganz ähnliches Projekt in Bayern gescheitert ist, allerdings nicht an den Kosten, sondern am Widerstand der Bevölkerung im schwäbischen Donau-Ries. Die wollten nämlich keine 55 Kilometer lange Teststrecke für einen Geisterzug, sondern ihre wundervolle Heimat behalten. Der Unterschied zwischen damals und heute ist: 1977 hat Demokratie noch funktioniert, die Menschen konnten sich mit ihrer Meinung und ihrem Willen durchsetzen. Heute scheitern Projekte nur noch an unfassbar dämlichen Konzernmanagern und noch elend mehr dümmeren Politikern.
Es bleibt nur der Ghost Train From Georgia von GRINDERSWITCH zur Untermalung.
Wo wir grade bei dumm und dümmer sind. Abitur in 12 Jahren. Jahaaa, das ist eine gute Idee, weil die jungen Menschen dann ein ganzes Jahr früher ins Berufsleben eintreten und mehr Vorsorge für uns Alte treffen können.
"Du lernst nicht für die Schule sondern fürs Leben", hieß es früher mal. Ein grauenhafter Spruch, der uns in den Siebzigern in Rage brachte, aber heute findet man einen ganz neuen Sinn darin. Die Ansage ist: Mach dein Abi, Praktikum, Studium so schnell du nur irgend kannst, es wird dich keiner nach deinen wirklichen Fähigkeiten fragen, weil dein Chef ein ganz genau so großer Lebenstrottel ist.
Unterrichtspläne werden, so nennt man das, verdichtet und entrümpelt, Stunden werden gekürzt, in Bayern vorzugsweise bei den Fremdsprachen (Deutsch gehört dazu). In vielen Bundesländern, speziell den östlichen, ist das G8 längst eingeführt, aber positive Erkenntnisse fehlen noch. Im Gegenteil, es mehren sich Stimmen, die besagen, dass beileibe nicht jeder 23jährige Hochschulabsolvent für eine Führungsposition geschaffen ist. Aber was wissen wir schon. Wir singen lieber Fool For The City von FOGHAT.
Brauchen wir mehr als die acht hier genannten Lieder in unserer kleinen Jukebox? Müssen wir, als Onlinemagazin, überhaupt noch über Musik reden, oder interessiert es nur ein paar selbstvergessene Zausel, die seit ca. 1968 nichts anderes tun als verstaubte Rillen zu analysieren? Warum streiten um den kleinen Markt der Onliner so viele Konkurrenten, darunter ganz vorzügliche Schreiber und eisenharte Musikfans, aber leider auch jede Menge Nullen, Doppelnullen und Möchtegerne. Die Antwort ist: Keine Ahnung. Wer von einer neuen medialen Zukunft salbadert und so visionär ist, sich Jahre alter Ideen zu bemächtigen, wer gleichzeitig versucht anderen zu schaden - und damit der ganzen kleinen Szene schadet, für den gibt es auch noch ein Lied: "I say, Hey! You! Get off of my cloud."
Wir als Home of Rock werden weiterhin tun was wir können, nämlich über Musik berichten, den einen und anderen Zwischenton einstreuen und die Sache ansonsten gelassen grinsend bei einem Bier, einer Selbstgedrehten und lauter Musik betrachten. Und zwar unter brutalstmöglicher Vermeidung von Interpunktionsfehlern und Inkompetenz und gleichzeitigem Boykott sensationeller Angebote des Bankberaters, chinesischer Produkte und der Spionageläden Lidl, Schlecker, Edeka, Plus.
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