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Was ist nur passiert? Mir geht es gar nicht gut. Habe ich nach den über dreißig Jahren als STONES-Fan nun doch einen schweren Dachschaden erlitten?
Entgegen meiner Vermutungen die ich im Konzertreview Köln 2006 geäußert habe: Die Stones rollen in diesem Jahr noch einmal quer durch Europa; dreimal werden sie in Deutschland auftreten.
"Und, wo ist denn da das Problem, mein Junge?"
"Na ja, zum ersten Mal nach all den Jahren als quasi 'höriger' Fan will bei mir keinerlei Vorfreude aufkeimen. Selbst nach dem Genuss von einigen Bierchen nicht."
"Trotz Bier? Ungewöhnlich, absurd, undenkbar! Du bist doch nicht etwa schwer krank?"
"Es sind eben die vielen Zweifel, die mich langsam aber sicher einkreisen und die mich sehr, sehr nachdenklich machen."
Von wegen "That's Rock'n'Roll" - "Rock Is Dead", stellte Jim Morrison mit zwei Promille im Blut schon vor fast vierzig Jahren grölend fest.
Fangen wir doch schlicht und einfach bei den Ticketpreisen an, ich wollte mich ja eigentlich nie mehr dazu äußern, doch diesmal wurde meine Schmerz- und Toleranzgrenze deutlich überschritten. Fakt ist: Es wird in Deutschland nur noch voll bestuhlte Konzerte geben. Warum eigentlich? Sind wir denn alle miteinander innerhalb eines einzigen Jahres so sehr gealtert? Nein, natürlich nicht, man will schlicht und einfach noch mehr Umsatz machen! Hätte man einfach, wie in den vergangenen Jahren, einen "Front of Stage"-Bereich eingerichtet und abgetrennt, wären wieder einmal mächtige Lücken zwischen diesen teuren und den (etwas) preiswerteren hinteren Stehplätzen entstanden. Das hätte natürlich Umsatzeinbußen zur Folge gehabt.
"Nein, nein, so machen wir das nicht mehr! Stellen wir einfach Stühle in Reih und Glied auf und verkaufen auf diese Weise beinahe 50.000 "Front of Stage"-Plätze auf einen Streich, die natürlich, wie soll es denn anders gehen Ladies and Gentlemen, ihren Preis haben!"
Schauen wir uns die "Saalplanbuchung" (was für'n dämlicher Begriff) in der LTU-Arena, Düsseldorf, bei Eventim einmal genauer an, wir finden hier vier Preiskategorien: I-84,90 €, II-106,90 €, III-146,90 €, und IV-190,90 €. Die Kategorie I ist sicher nichts für euch, ganz weit hinten, streichholzgroße Stones, dazu ist der Sound gerade in diesen Bereichen bekanntlich nicht immer der Beste (Soundüberlagerungen). Den Block A2 sowie A4 könnt ihr abschreiben, diese Tickets sind ausverkauft, dabei sicher die begehrtesten und gleichzeitig augenscheinlich mit einem Preis von 106,90 € recht günstigen Plätze an der Keith Richards- bzw. Ron Wood-Seite, ganz nahe vor der Main-Stage.
Eine ungewöhnliche Preisstaffelung. Aber nur auf den ersten Blick, diese Karten wurden nämlich beinahe alle an Mitglieder des exklusiven, offiziellen Rolling Stones-Fanclub verkauft. Wieder einmal richtig Extraknete für die Fanclub-Membership. Unverschämtheit! Die restlichen verfügbaren Plätze in der Arena sind einfach nur sauteuer. Für einen einigermaßen günstigen Platz im Innenraum sind 146,90 € fällig, oder legt besser gleich 190,90 € auf den Tisch. Obere (!) Tribünenplätze kosten wie die vorderen zwei begehrten Blocks 106,90 €. Einfach nur eine üble Abzocke, die gar die Grenzen der Ethik übersteigt. Verarschung!
Ich finde es traurig, dass sich viele der seit Jahrzehnten treuen Fans einfach kein Ticket mehr leisten können. Doch wen kümmert das schon? Dann kommen halt andere, zahlungskräftigere Besucher, denn gerade auf diese spezielle Personengruppe zielt man schon seit Jahren. Ein Beispiel: Habt ihr euch eigentlich schon einmal gefragt, warum bei den kleinen Clubshows der Licks-Tour 2002/03 hier und da etliche Plätze frei waren? Nun, das waren eben die reservierten Plätze, Werbegeschenke für das Managergesindel der jeweiligen Sponsoren. Diese sind natürlich nicht zum Konzert erschienen - denn man hat ja schließlich wichtige Termine - oder aber diese Ignoranten sind 15 Minuten nach dem ersten Keith-Riff mit ihrer Luxuskarosse davongedüst. Draußen vor der Halle ein anderes, sehr trauriges Bild: Etliche enttäuschte Fans, natürlich ohne Ticket. Diese armen Schweine hätten ihr letztes Hemd für den Einlass gegeben!
Womit wir auch schon übergangslos bei Punkt 2 meiner Überlegungen und Befürchtungen wären: Dieses gruselige Publikum! Ich beobachte dieses Phänomen nun schon seit einigen Jahren. Komische Gestalten tauchen bei den Konzerten auf und es werden von Tour zu Tour immer mehr, ganze Horden versammeln sich. Voodoo - Schreckensinsel der Zombies? Nein, nein, schlimmer noch. Zum einen wären da die zahlungskräftigen Yuppies mit geglätteter Frisur nebst ihren tiefbraun lackierten Begleiterinnen mit Fönfehler, schlicht verhüllt im knappen rosafarbigen Spaghettishirt, dies natürlich verziert mit (gefälschter) Stoneszunge. Ihr erkennt diese Spezies allerdings auch ohne auf die Klamotten zu schauen sofort. Langweilen sich während des gesamten Konzertes, applaudieren und klatschen plötzlich und ohne jeden hörbaren oder ersichtlichen Grund, gehen während der beiden Keith-Songs pinkeln und flippen dann bei Satisfaction aber so richtig fett aus! Dazu dann noch einen Smirnoff-Ice. Mann, "that's Rock'n'Roll!!" Die können feiern, da macht man doch gerne mit. Die Stones sind eben hipp, muss man doch mal gesehen haben.
Zum anderen wären da die sogenannten VIPs wie Siegel, Moshammer (nee, nee, der nicht mehr), Frau Glas (auch mit firmeneigener Creme braun lackiert), die megageilen Typen aus "Deutschland sucht den Superstar", die grüne Frau Roth und dann noch... nein, ich höre mit meiner Aufzählung jetzt besser auf, denkt an meinen angeschlagenen Magen, mir wird schlecht. Wenn Mick Jagger während seiner (immer noch grandiosen) Performance durch die Mengen blickt, sollte er eigentlich, wenn er sich auch nur einen Funken an Selbstachtung erhalten hat, sofort die Show wegen der unzumutbaren Arbeitsbedingungen abbrechen. Kein Wunder, dass Keith kaum mehr hingucken will. Doch man sieht diese Gestalten zum Glück ja doch nur sporadisch während des Konzertes, denn zumeist halten sich diese Mumien während der Show ja im abgetrennten VIP-Raum (so um die 600 Euro pro Ticket) auf. Dort werden Cocktails mit naturtrübem Saft gereicht, es gibt exklusive Häppchen zu futtern und nach der Show geht's dann aber richtig los, ja, dann wird für ganze fünfzig Minuten so richtig die Sau rausgelassen. Vielleicht schaut der Mick ja auch noch mal kurz vorbei. Nein, ich kann euch beruhigen, der kommt sicher nicht, denn auch ihm ist jetzt ganz sicher speiübel.
Was zur Hölle haben diese Knalltüten bei MEINEN Rolling Stones verloren? Wer oder was gibt ihnen die Ehre? Haben die diese Band überhaupt verdient? Natürlich nicht! Fragt mal die Hardcore-Fans, vor allem die aus den neuen Bundesländern (sorry, blöde Bezeichnung). Für viele gehören die Stones solange sie überhaupt denken können zu ihrem Leben, oder besser, die Stones gehören für sie zu den Grundbedürfnisse ihres Überlebens. Gerade die Jungs und Mädels aus der ehemaligen DDR haben mit ihrem Fandasein damals viel riskiert, nicht zuletzt ihre Freiheit. Diese echten Fans werden nun von Tour zu Tour einfach durch eine stetig wachsende Anzahl von Knalltüten ausgetauscht, denn die haben eben die vielen Euros im Portemonnaie. Was zählt schon ein armer Fan? What can a poor boy do?
Kommen wir zum letzten Punkt, tut mir leid, es muss sein: Die musikalische Qualität der letzten Tournee.
"Das Geheimnis unserer Musik ist das Zusammenspiel von zwei Gitarren" (Keith Richards). Sprechen wir also von dem Gitarrenspiel, denn dieses hat schwer gelitten. Das teilweise wirklich grauenhafte Spiel von Ron Wood zog sich wie ein roter Faden durch die Gigs, es wurde im Verlauf der gesamten Konzertreihe einfach nicht besser. Schnarrende Saiten, falsche Noten bei fast allen seinen Soli. Bei Keith Richards ist mir eine gewisse Müdigkeit und Gleichgültigkeit aufgefallen, die Qualität seines Spiels schwankte stark, doch oft - und ich habe sehr viele Konzerte zumindest gehört - war auch von seinen geliebten Riffs nur noch ein Brummen übrig geblieben, dazu massig verpasste Einsätze. Auch ich bin ein Freund der so oft beschworenen Ecken und Kanten bei den Livekonzerten der Stones. Ich war z.B. nie ein großer Freund der Shows von 1989/90, da klang mir alles viel zu glattgebügelt und gleichförmig. Mir gefielen selbst die teilweise musikalisch doch sehr grenzwertigen Konzerte von 1981/82. Das war noch Rock'n'Roll! Die Pannen gehörten einfach dazu. Zeitsprung: Das vermurkste Gimme Shelter-Intro von Keith im Jahre 1999 im Wembley Stadium, der dazu passende, flehende Blick von Jagger herauf in den Himmel nach dem Motto "Was ist denn nun wieder los? Warum gerade bei diesem Song?" Rau, hart, oft genial schlampig auch die Konzerte aus den Siebzigern. Einzigartig, unwiederholbar, lebendige und spannende Musik, die Musik der Stones eben. Heutzutage stimmt bei beinahe allen Konzerten etwas nicht. Was wirklich los ist, kann auch ich nicht sagen. Ein Ron Wood verlernt nicht einfach so von heute auf morgen das Gitarrespielen und auch Keith Richards wird nicht einfach ohne jeden Grund so gleichgültig. Ich persönlich vermute schlicht und einfach: Die "Bandchemie" auf der Bühne stimmt nicht mehr! Deprimierend, aber vielleicht ist genau das der Preis dieser Mega-Events. Fehlende CD-Umsätze in der Musikbranche müssen halt durch endlos wirkende Konzertreihen aufgefangen werden.
Ich habe den Stones immer ein würdiges Bandende zum richtigen Zeitpunkt gewünscht. Keine Ahnung wann dies sein sollte und dann schließlich sein wird. Wer weiß, vielleicht raffen sich Keith & Co. in ein paar Jahren ja noch mal auf...
Eines ist mir allerdings wichtig: Sie dürfen einfach nicht ihr eigenes Denkmal umstoßen. Wenn ich mir allerdings meinen gerade verfassten Artikel von Anfang an anschaue, haben die Abrissarbeiten an der größten Statue der Rockgeschichte bereits begonnen. Und ihr wundert euch, dass ich mich scheiße fühle. Es wird mir mein Fanherz brechen!
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