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Kiss Of The Mudman

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Kiss Of The Mudman
Kiss Of The Mudman, Yellow Label/SPV, 2011
John Nitzinger Guitars, Lead & Background Vocals
Bob Spoon, Wayne Six Bass
Randy Chez, David Crocket, Mike Gage Drums
Clark Findley Keyboards & Horns
Ron Cobb Keyboards & Piano
Jeff Ward Piano
Channing Hooper Violin
Deidre, Jerry Long, Josh Davis, Wayne Six, Mike Gage, Mark Waddell Background Vocals
Produziert von: Jeff Ward & John Nitzinger Länge: 61 Min 11 Sek Medium: CD
1. Kiss Of The Mudman8. You Know Me
2. The Devil's Got The Blues9. Let The Living Grow
3. You'd Bitch At A Cloud10. Sarah's Letter
4. The Long Sleep11. Again, Again
5. Rock Your Block Off12. Revenge
6. Calling13. The Beast
7. Bad Day

John Nitzinger war nach seiner Zeit als Songwriter für BLOODROCK ein paar Jahre eine mittelkleine Nummer im amerikanischen Arena-Rock-Zirkus, der legendäre und mittlerweile leider verstorbene Jörg Gülden aka Dr. Gonzo vom "Sounds" sprach anhand der Platte "Live Better Electrically" sogar beinahe penetrant vom "besseren Ted Nugent". Aber es half alles nichts, weder zuhause in Texas noch im restlichen Amerika, geschwiegen von Europa, wurde die Band NITZINGER jemals mehr als ein Insidertipp, es reichte für die üblichen Jobs als Vorband und drei anständige LPs, die verkaufstechnisch allerdings unter ferner liefen endeten. Obwohl auf dem zweiten Album "One Foot In History" mit Bugs Henderson eine zweite Lokalgröße mitmischte, gingen für NITZINGER alsbald die Lichter aus. Mit Henderson entstand zwischendurch noch ein Einmalprojekt namens THUNDER, das man trotz von Sammlern bezahlten Höchstpreisen getrost vergessen darf.
Wir sprachen bisher von den Jahren 1971 bis '76/'77. Das nur, um Ihnen zu vermitteln, dass John Nitzinger im Jahr 2011 ganz sicher kein hoffnungsvoller Newcomer mehr ist. Und noch eine Information: John Nitzinger spielte vor 40 Jahren diesen breitbeinigen Macho-Bluesrock mit orts- und handelsüblichen Funk- und Southern-Einflüssen, den ganze Scharen randalierender Langhaardackel aus der amerikanischen Provinz auch spielten. Boogie, Blues, Hard Rock und sanftes Schielen auf die Single-Charts mittels lauwarmer Country-Rock-Balladen war in den frühen und mittleren Siebzigern wahrhaftig keine Sensation, da musste schon Fleisch am Knochen sein, damit die Kundschaft aus der Reserve kam.
Nach NITZINGER kamen Intermezzi in den Bands PM von Carl Palmer (ja, der von ELP) und dem neuerlich schwer alkoholkranken Alice Cooper auf der schwachen LP "Zipper Catches Skin" von 1982, historisch wichtige Spuren hinterließ Nitzinger in beiden Fällen nicht. Man kann sagen, dass der oft beschworene "Test of time" für den braven John aus Fort Worth nicht besonders gut ausfiel, einen gewissen Nostalgie- und Erinnerungsstatus konnte er sich dennoch bis heute bewahren. Und nun gibt es mit vierjähriger Verspätung und neuem Cover die europäische Veröffentlichung des Albums "Kiss Of The Mudman", das Herr Nitzinger 2007 in Eigenregie und ohne jegliche Resonanz hierzulande - bis auf zwei Engagements beim Sweden Rock Festival - produziert hat.

John Nitzinger hat die letzten vier Jahrzehnte überlebt, das ist die gute Nachricht, denn sein Alkohol- und Drogenkonsum war bis Mitte der Neunziger in gewissen Kreisen immer mal wieder Gesprächsthema. Danach kamen Krebs, Schlaganfall, eine lebensbedrohliche Lungenentzündung und die dadurch seit 2003 vier Jahre dauernde Entstehungsgeschichte von "Kiss Of The Mudman". Ein erstaunliches Durchhaltevermögen für einen so gut wie vergessenen ehemaligen Rockstar aus der Regionalliga. Man vergönnt es dem alten Mann, dass er nun mit SPV/Yellow einen (hoffentlich wieder) potenten Partner in Europa gefunden hat. Es bleibt natürlich die Frage, ob sich "Kiss Of The Mudman" überhaupt lohnt, schließlich sprechen wir von einer klaren Absage an die Zukunft der Rockmusik. Falls es die überhaupt geben sollte.
In Kurzform erklärt ist "Kiss Of The Mudman" eine Fortführung des ursprünglichen NITZINGER-Werks verbunden mit deutlichen Spuren von ALICE COOPER. Diese beiden, logischen, Einflüsse werden zusammengefasst in einer Art Konzeptalbum, das an manchen Stellen textlich an Coopers Seelenstrip "From The Inside" aus dem Jahr 1978 und an die dunklen, leicht wahnsinnigen Psychospielchen des einstmaligen Horror-Königs erinnert, am Ende aber doch 'nur' zeigt, welche Furchen das Leben schlagen kann - vor allem, wenn es das Leben eines Musikers ist. John Nitzinger arbeitet auf diesem Album seine Lebensgeschichte und seine Albträume auf, mal mehr, mal weniger autobiographisch. Gut, dass die Texte abgedruckt sind.
Musikalisch ist "Kiss Of The Mudman" eine Berg- und Talfahrt. Der eröffnende Titelsong arbeitet mit den aus der fernen Vergangenheit bekannten Trademarks, also Heavyblues mit etwas funky Groove, feiste Gitarre, satt blubberndes Keyboard und viel Druck. Noch deutlich mehr Funk kommt anfangs im folgenden The Devil's Got The Blues zum Vorschein. Man erinnere sich, Nitzinger hatte schon immer eine Affinität zu Bands wie den COMMODORES, nur damals hieß das Ding noch völlig harmlos Are You With Me, vom Teufel war keine Rede. Diesmal sagt Nitzinger "My name is Lucifer, but you can call me Sir", und haut dann ein ganz schneidiges Solo raus. So weit, so konventionell. Doch dann weicht das Album vom erwarteten Weg ab und wird erst windelweich (You'd Bitch At A Cloud, das gleichwohl irgendwie nach THIN LIZZY klingt) und dann geradezu elegisch schön im fast neunminütigen The Long Sleep. Solche wundervollen und progressiven Töne macht kein normaler Bluesrocker, da muss einer schon mit Carl Palmer gearbeitet haben, PINK FLOYD und DREAM THEATER kennen und einen Drum-Computer bedienen können. Für einen beinharten Rocker geht derlei eher nicht, der Louisiana Cock Fight (Nitzingers wohl bekanntestes Lied) wird hier nicht zelebriert, aber es ist wirklich schöne Musik aus der vorvorgestrigen Vergangenheit mit einem Hauch Gegenwart.
Calling und Bad Day sind ebenfalls Hybriden aus Rock und Anspruch, Rock Your Block Off und Revenge bedienen den Haare schwingenden Altfan, You Know Me sudelt in der Schmalzkiste, Sarah's Letter macht einen Schaudern, und so vergeht eine Stunde Musik, die man so von John Nitzinger nicht auf dem Schirm hatte. Heavyrock, Blues, Schnulzen, alles wäre möglich gewesen, aber "Kiss Of The Mudman" ist alles zusammen und dazu noch mit Hirnschmalz vermischt. Das sollte Jörg Gülden noch hören können, dann wäre der Vergleich mit Nugent schnell vom Tisch.

Ist diese CD nun ein Tipp oder nicht? Ja, ist sie, weil ein alter Sack deutlich mehr als das von ihm erwartbare Quantum abgeliefert hat. Nein, ist sie nicht, weil die Produktion einfach zu hausgemacht ist und gerade in den anspruchsvollen Teilen an deutliche Grenzen stößt. Das ist Fluch und Segen der heutigen Technik, einerseits ist fast alles machbar, andererseits hört es der mit analoger Technik aufgewachsene Musikfreund, wenn über einen langen Zeitraum zig Musiker bei unzähligen Aufnahmesessions zu einem großen Ganzen zusammengefügt wurden und kein Finanzbudget wie damals in den großen Zeiten vorhanden war. Trotzdem ist "Kiss Of The Mudman" ein erfreuliches und gutes Album.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 24.05.2011

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