HoR Logo kl CD-Review:

Warner E. Hodges

Centerline

Logo Home-of-Rock

Centerline
Centerline, Jerkin' Crocus Records, 2008
Warner E. Hodges Guitar & Lead Vocals, B-3 Organ
Dan Baird Guitar, Acoustic Guitar, Background Vocals
Al Collins Bass
Fenner Castner Drums, Background Vocals
Gast:
Stacie Collins Triangel
Produziert von: Warner E. Hodges & Dan Baird Länge: 43 Min 39 Sek Medium: CD
1. Gimme, Gimme6. Time Marches On
2. Whole Lotta Fun7. How It's Gonna Be
3. Branded Man8. Air That I Breathe
4. Hell To Pay9. She's Tuff
5. I Love You, Baby10. Harvest Moon

Wer "Centerline" verstanden hat, hat einige Antworten auf die Fragen, die Dan Bairds letzte CD aufgeworfen hat. Zum Beispiel weiß er, warum Warner E. Hodges jetzt bei Dan Baird & Homemade Sin spielt. Er weiß auch, warum Bairds neue Scheibe vielleicht einen Touch zu verhalten geraten ist. Außerdem kennt er den Grund für Hodges' Kultstatus bei Fans und Kollegen - und zuletzt ist der Grund für dieses wahnsinnig blöde Dauergrinsen in des Hörers Gesicht endlich klar geworden.

Fangen wir mit der leichtesten Antwort an. Der Hörer grinst, weil er befriedigt ist, glücklich nachgerade, wie nach dem weltbesten Sex des Universums. Rock & Roller wissen wie der beste Sex klingen muss: laut und ungehobelt und nicht zu kurz, aber auch auf keinen Fall zu lang.
Warner E. Hodges, bereits mit 22 Jahren in der vollkommen unzivilisierten Kapelle JASON AND THE SCORCHERS verhaltensauffällig geworden, spielt jetzt bei HOMEMADE SIN, weil er nach Rick Richards und Ken McMahan der einzig perfekte Gitarrenpartner für Dan Baird ist, die anderen möglichen Kandidaten haben lebenslange Verträge in ihrer Dinosaurierband namens AC AND THE THE STONES. Außerdem bezeichnet Warner seinen Kumpel Dan als direkten Artgenossen der Herren Malcolm Young und Keith Richards. Das wirft zwar die Anschlussfrage auf, wer denn nun der krassere Riffschrubber ist, Warner oder Dan, erklärt aber die gar fürchterliche Zügellosigkeit beider auf der CD "Centerline".
Und zuletzt sei konstatiert, dass sowohl die diversen Gitarrenschweinigeleien der zwei Helden als auch der gemeinsam verfasste Song Whole Lotta Fun zwar durchaus auf "Homemade Sin" gepasst hätten, aber Baird entweder überaus generös war, oder seinen eigenen Sündern Keith Christopher und Mauro Magellan für diesmal Exerzitien auferlegt hat - nun ja, so gut das bei diesen verderbten Typen eben geht, die würden ja selbst im Kloster der Schweigenden Mönche noch Krawall machen. Vielleicht wollte Baird Whole Lotta Fun auch nicht ins eigene Programm aufnehmen, um dem Vorwurf des Selbstplagiats zu entgehen. Wir werden beizeiten nachfragen.

Nach JASON AND THE SCORCHERS und dem selbstverständlich barbarisch ungehobeltem 2005er-Projekt DISCIPLES OF LOUD sind "Centerline" und "Homemade Sin" die Stationen #4 und 5 in Hodges' Rock'n'Roll-Karriere, die in zwar nicht steinreich gemacht hat, aber zu einem, den man ohne jeden Widerspruch als absolut authentisch bezeichnen kann. Wer genauer hinhört, wird auch erkennen, dass man es bei dem Mann mit einem sensationellen Gitarristen zu tun hat, aber das nur nebenbei, schließlich geht es nicht um ausgefeilten Artrock sondern um, ach ja, ungehobelten Ruckzuck-Haudrauf-Rock'n'Roll. Und den ziehen wir uns jetzt rein.

Auf Americana-Geschrammel verzichtet unser Mann, die Telecaster hängt durchgehend auf Kniehöhe und kreischt bis auf die sporadisch eingeworfenen Countrysongs (darunter Merle Haggards 67er Chartbreaker Branded Man) ausschließlich Rock & Roll, was natürlich nicht dem derzeitigen Stand der Technik entspricht, dafür aber ein erprobtes Mittel gegen Winterdepression ist. Ein Boogiestampfer wie Gimme, Gimme vertreibt garantiert jeden Frust. Hilfreich ist dabei nicht nur Dans Anwesenheit, ganz entscheidenden Anteil haben die Rhythmiker Al Collins und Fenner Castner am Bass bzw. Schlagzeug. Speziell Castner, einer aus dem erweiterten Umfeld der SCORCHERS und bekennender Verehrer von Keith Moon und John Bonham, lässt ein beträchtliches Pfund herabsausen. Da steht einer bereit, der Mauro Magellan durchaus vertreten könnte, falls der zufällig mit seinen CRASHERS beschäftigt sein sollte, oder gar Schnupfen hat.
Mittenmang fönt einem bei I Love You, Baby plötzlich eine verschärfte Harp das gepflegte Resthaar und man wird auf Stacie Collins aufmerksam. Deren Album "The Lucky Spot" werden wir demnächst analysieren (natürlich ist auch diese Scheibe von Dan produziert), auf "Centerline" hat sie nur zwei kleine Auftritte, die aber mehr als neugierig machen. Ihr Gatte (?) Al brummt derweil einen grundsoliden Bass, der öfter mal ein paar richtige Bocksprünge macht. Man muss bei dieser Art Musik aufpassen, schnell wird Rock & Roll der alten Schule nämlich langweilig weil zu simpel. Diese Gefahr besteht bei Hodges nicht, immer wenn's fast wie Hausmusik klingt, kommt einer aus seinem Eckchen geschossen und präsentiert ein Leckerli, sei es Warner oder Dan mit einem giftigen Solo oder eben Collins mit einer Druckerhöhung. Genau an solchen Kleinigkeiten lässt sich die hohe Qualität von "Centerline" festmachen, so etwas können nicht besonders viele Bands.
Die oben bereits erwähnte Baid/Hodges-Koproduktion Whole Lotta Fun entspricht ihrem Namen vollkommen und könnte tatsächlich jedem Baird-Album entsprungen sein. Es ist kaum festzustellen, von wem nun das Solo ist, wohl eher von Dan, beide gehen so vollkommen aufeinander ein - und schrubben quasi identisch nebeneinander her, dass ganz selige Zeiten auferstehen. Außerdem singt Warner exakt in Dans Duktus. Ja, auf die Auftritte der beiden darf man sich freuen (falls man sie nicht schon erlebt hat, wie gewisse Herrschaften in der Schweiz im letzten Jahr).

Als Songwritingpartner taucht auch Todd Austin dreimal auf. Der war bei den DISCIPLES OF LOUD als Gitarrist mit dabei und sollte mehr aus seinem Talent machen. Speziell Air That I Breathe hat Shuffle-Potential ohne Ende. Außerdem gibt es einen kräftigen, fast modern tönenden Drücker von Tommy Womack, How It's Gonna Be, der ebenfalls neugierig macht. Womack (nicht verwandt mit den allseits bekannten Soul-Womacks) ist ein ganz besonders skurriler Vertreter des Nashville-Undergrounds, macht seit gut 20 Jahren Musik und schreibt Bücher. Antesten!
She's Tuff kennt man vom ersten Album der FABULOUS THUNDERBIRDS und ist nicht mit deren Tuff Enuff zu verwechseln. Gute Livenummer, auf dem Album der schwächste, weil konventionellste Track. Die Schwäche wird aber sogleich von der alten SCORCHERS-Nummer Harvest Moon behoben. Eindeutig ist Hodges Shuffle die bessere Herangehensweise an die Nummer, wenngleich natürlich Herr Ringenberg die passendere Stimme hat.

"Centerline" ist das Rock'n'Country'n'Boogie Highlight des Jahres 2008. Schade nur, dass der Vertrieb der CD hierzulande so schrecklich geräuschlos stattfindet. Immerhin die einschlägigen Mailorder haben sie inzwischen im Programm - und wir bedanken uns beim Boogie-Maniac Robert Hugel aus der Schweiz für den Einblick in die mutmaßlich größte Boogie-Jukebox jenseits der Tobleroneberge.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 12.01.2009

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:


 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum