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The Lizards

är·chē·ol·´ō·gy

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Archeology
är·chē·ol·´ō·gy, Hyperspace Records, 2008
Mike DiMeo Vocals & Keyboards
Bobby Rondinelli Drums
Patrick Klein Guitars & Vocals
Randy Pratt Bass & Harp
Gäste:
Scott Treibitz Additional Keyboards (Juke It & The Wizard)
Rachel Stavich Background Vocals (Thunderbox)
Marge Raymond & Steve Augeri Background Vocals (The Wizard)
Produziert von: Patrick Klein Länge: 36 Min 01 Sek Medium: CD
1. Fire And Water5. Thunderbox
2. Head First6. Tramp
3. I'm Mad7. The Wizard
4. Juke It8. One More Heartache

THE LIZARDS hatten bisher immer ein Problem: Sie konnten sich nie vom Ruf eine pure Retro-Band zu sein befreien. Da scheint es eine eher kontraproduktive Idee zu sein, ein Album mit dem wirklich genialen Röck-Döts-Diakritikum "är·chē·ol·´ō·gy" ("Archeology") aufzunehmen und darauf acht Songs aus der frühen und mittleren Steinzeit der harten Rockmusik zu versammeln. Jetzt sind THE LIZARDS für einen Moment eine Retro-Coverband - und werden sich einen feuchten Kehricht um blöde Kommentare scheren, schließlich gibt ihnen die Anerkennung der letzten sieben Jahre Recht. Doch was ist es für ein Erfolg, wenn man mehr als ein halbes Jahrzehnt vor allem im Vorprogramm von mehr oder weniger abgehalfterten Legenden auftritt und mit seinen CDs vorwiegend Altrocker anspricht, weil das jüngere Publikum solche Musik gar nicht mehr kennt. Und was muss sich ein Musiker wie Bobby Rondinelli denken, wenn er, der mit ganz großen Bands in den ganz großen Arenen gespielt hat, wie in den Anfangszeiten in fragwürdigen Bussen zu fragwürdigen Clubs transportiert wird, um bestenfalls ein paar hundert Ewiggestrige zu unterhalten. Wir wissen es nicht, doch die Unverdrossenheit dieser Band macht Mut, vielleicht kommt er doch zurück, der große alte Rock, den wir (Mit-)Vierziger nicht nur erlebt haben, sondern auch unwiderruflich von ihm geprägt wurden.

"Archeology" (der Einfachheit halber) hat eine einzige erwartbare Nummer auf der Liste, auch wenn mit John Lee Hooker, HUMBLE PIE und URIAH HEEP später noch drei weitere prominente Namen ins Spiel gebracht werden. Fire And Water ist nicht nur dem überwältigenden Mike DiMeo auf die Stimme geschneidert, es ist eben auch ein Song der wohl am meisten unterbewerteten Grundsatzband der Rockgeschichte. Bereits in den 70ern waren FREE Vorbild für Legionen Kapellen, heute schmückt sich jeder dritte Klamaukgitarrist mit dem Namen Paul Kossoff, und versucht so drogensüchtig wie irgend möglich dreinzuschauen (die beiden anderen Möchtegerns nehmen Hendrix oder Cobain als trauriges Vorbild). THE LIZARDS rammen mit ihrer Version von Fire And Water zum Beginn von "är·chē·ol·´ō·gy" einen gewaltigen Pflock ins Erdreich, was natürlich nicht zuletzt an Rondinellis Bums liegt. Die Glanzpunkte setzt allerdings in der Tat Mike DiMeo, der bei den Buntmetallern RIOT nie wirklich zeigen konnte was in ihm steckt. Natürlich lehnt er sich wie viele andere vor ihm an Paul Rodgers' Vorgabe an, aber so überzeugend konnte noch keiner das Anforderungsprofil erfüllen. Daneben verblassen Pat Klein und Randy Pratt an Gitarre und Bass beinahe, aber erstens läuft diese CD oft genug, um auch die kleinsten Details irgendwann zu hören, und zweitens bekommen die beiden im Verlauf noch genügend Möglichkeiten sich zu exponieren.
Um zuerst bei den großen Namen auf dieser CD zu bleiben überspringen wir Track #2 und gehen direkt zu John Lee Hookers I'm Mad. Eine reichlich unbekannte Nummer aus den frühen 50ern, die ausschließlich auf einigen obskuren Compilation-CDs vertreten ist und später von Hooker in I'm Mad Again umgearbeitet wurde. Ähnlich ungehobelt kommt die Neuauflage, natürlich ungleich härter und im heute üblichen Heavy-Blues Soundgewitter. Patrick Klein gibt ein kleines Solo, zum Glück ohne mutwillig den Gitarrenhelden herauszukehren, Pratt spielt den Part einer Rhythmusgitarre. Man fühlt sich angenehm an die frühen LED ZEPPELIN erinnert, als die bei ihren ersten beiden LPs noch an der Nabelschnur von Willie Dixon & Brüder hingen. Und wieder ist es DiMeo, der unglaublich einfühlsam und mit enormer Power diesmal wie der Übersänger des Luftschiffs klingt. Witzig, dass der im Originaltext erwähnte Al Capone hier durch Cassius Clay ersetzt wird.
The Wizard von URIAH HEEP kennt natürlich jeder und so ganz erfüllt sich in diesem Fall der wissenschaftliche Anspruch des Albums nicht, trotzdem kommt die Fassung gut und der Gesang klingt wie… genau. Man kann über DiMeo wirklich den Kopf schütteln.
Vierter und letzter bekannter Name ist HUMBLE PIE. Dass ausgerechnet Thunderbox von der gleichnamigen 74er LP ausgewählt wurde, spricht für das fundierte Wissen der LIZARDS. Die damals von der Kritik (und leider auch vom Publikum) verschmähte Platte gehört in die Kategorie "Vergessene Perlen" und hatte mit dem Titelsong und Groovin' With Jesus wenigstens zwei Nummern für die Ewigkeit. Pat Klein legt den beinahe unnachahmlichen Gitarrengroove Marriotts vor, eine gewisse Rachel Stavich intoniert zwar nicht so intensiv wie seinerzeit Venetta Fields und Carlena Williams und dennoch Haare aufstellend im Hintergrund, Randy Pratt übernimmt den Part an der Harmonica und DiMeo, haha, kann nicht so shouten wie Steve Marriott. Beinahe ist man erleichtert, dass er nicht alles kann. Trotzdem: Thunderbox ist ein Wahnsinn und man freut sich ehrlich über diese Wahl.

Die andere Hälfte von "är·chē·ol·´ō·gy" ist tatsächlich Archäologie in Reinform. "Head First" war 1978 das dritte Album der britischen Band THE BABYS um John Waite (später bei BAD ENGLISH und solo erfolgreich), konnte auch ganz ordentlich in die Charts einsteigen und der Titelsong war ein kleiner Singlehit, wirklich präsent ist die Band in den Köpfen der Fans allerdings schon lange nicht mehr. Zum wiederholten Male also Dank an THE LIZARDS für die Ausgrabung dieses glänzenden Früh-AOR-Rockers, der bis heute Maßstäbe setzen kann. THE LIZARDS können also nicht nur in den Untiefen des Heavy-Blues gründeln, sie können auch Radiorock abliefern. Randy Pratt drückt einen dicken Bass und Mike "das Chamäleon" DiMeo singt Kandidaten wie Wait oder Lou Gramm durch die Tür.
Mit Juke It wird es vollends archivarisch. Die Nummer stammt von der einzigen LP der Band BOOMERANG, die von Keyboarder Mark Stein nach seinem Abgang bei VANILLA FUDGE gegründet wurde. Mit eben jenen sind THE LIZARDS ausgiebig auf Tour gewesen, möglicherweise kam die Inspiration zu diesem ungewöhnlichen Stück von einer dieser Reisen. Es ist natürlich ein klassisches Werk aus den frühen Siebzigern, deutlich geprägt von Steins alter Band, aber auch von Kollegen wie LED ZEPPELIN oder CACTUS. Die von DiMeo gespielte Hammond rockt übrigens höllisch.
Nicht ganz so unbekannt, aber auch nicht wirklich populär waren STRAY DOG aus Texas. Deren Gitarrist William Garrett "Snuffy" Walden konnte problemlos mit Billy Gibbons von ZZ TOP mithalten, konnte aber auch als temporärer Ersatz für den indisponierten Paul Kossoff bei der LP "Heartbreaker" von FREE eingesetzt werden. Später tauchte er immer wieder bei Eric Burdon auf und ist inzwischen längst ein hoch dekorierter Film- und Fernsehkomponist. Tramp ist eine typische Nummer des Jahres 1973. Im Grunde war der Zug für den schweren Bluesrock dieser Sorte da schon abgefahren, die Bands traten auf der Stelle und so richtig kommt Tramp auch nicht in Schwung. Wäre nicht Klein mit ein paar ganz wundervollen Kabinettstückchen, könnte man den fünf Minuten nicht besonders viel abgewinnen.
Zum Abschluss noch ein Song aus dem erweiterten Umfeld von ZEPPELIN und BAD COMPANY. DETECTIVE waren für zwei Jahre und Studioplatten bei Jimmy Pages Swan Song Records unter Vertrag und scheiterten 1978 mit ihrem Mix aus poppigem Hard Rock und progressiven Mainstream-Klängen. THE LIZARDS bauen One More Heartache zu einem straighten Stampfer um, der viel mehr an LED ZEPPELIN als an DETECTIVE erinnert - und das ist gut so. Erwähnenswert ist Rondinellis großer Schlagzeugsound und natürlich DiMeo, aber das hatten wir schon.

Trotz aller Vorbehalte gegen Projekte dieser Art haben THE LIZARDS eine imposante CD eingespielt, die die Band selbstverständlich nicht in die Moderne transportiert, aber aufgrund der hochinteressanten Titel viel mehr als ein weiteres Coveralbum darstellt. Das ist schon eine prima Band, mit grandiosen Musikern und einem vollständig erfüllten Bildungsauftrag. Eigentlich wartet man jetzt schon auf eine Fortsetzung, genügend Schätzchen aus den unendlichen Tiefen der Rockgeschichte gäbe es noch neu zu entdecken.

P.S.: Die CD wird erst in den nächsten Tagen via CD Baby erhältlich sein. Also nicht gleich aufgeben, sondern auf Wiedervorlage legen und jeden zweiten Tag nachschauen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 03.09.2008

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