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Mavis Staples

Live

Hope At The Hideout
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Live - Hope At The Hideout
Live - Hope At The Hideout, ANTI-, 2008
Mavis Staples Vocals
Rick Holmstrom Guitar
Jeff Turmes Bass
Stephen Hodges Drums
Yvonne Staples, Donny Gerrard, Chavonne Morris Background Vocals
Länge: 67 Min 10 Sek Medium: CD
1. For What It's Worth8. Freedom Highway
2. Eyes On The Prize9. We Shall Not Be Moved
3. Down In Mississippi10. Circle Intro (Encore)
4. Wade In The Water11. Will The Circle Be Unbroken (Encore)
5. Waiting For My Child12. On My Way (Encore)
6. This Little Light13. I'll Take You There (Encore)
7. Why Am I Treated So Bad

Mavis Staples Peter Urban, der Musiker (BAD NEWS REUNION) und Musikjournalist der vormaligen Kritikbibel "Sounds" schrieb 1977 anlässlich eines neuen Albums der STAPLE SINGERS über Mavis Staples, der jüngsten der drei Schwestern um Papa Pops, diesen schönen Satz: "… vor allem weil es bewies [das 72er Album "Be Altitude: Respect Yourself"; Red.], dass Mavis Staples außer Aretha, Gladys Knight und Millie Jackson keine Konkurrenz unter den Soulsängerinnen besitzt." Urban moderiert übrigens seit Jahren auch den unsäglichen "Eurovision Song Contest" mit Fachwissen und der ihm eigenen Ironie.
An dieser Stelle beendet Home of Rock für diesmal den Geschichtsunterricht, denn wer die bisher gefallenen Namen nicht kennt, soll sich das Herumgeeiere anderer Magazine antun, deren Reviews im Fall von Mavis Staples' neuer CD "Live - Hope At The Hideout" nicht selten mit den Worten "Ich kenne das Lebenswerk von Mavis Staples zwar nicht, aber…" beginnen und mit "Rock ist das nicht, aber wer auch mal Blues und Soul hören will, darf das gerne testen" enden werden. Wir wollen uns der Mavis Staples des Jahres 2008 ein wenig anders nähern, nämlich unter dem Gesichtspunkt der Spiritualität, Intensität, Aussagekraft und Lebensfreude einer Musik, die noch viel älter als die agile Lady ist.

Mavis Staples war nie ein einfacher Brocken für den reaktionären Teil der amerikanischen Bevölkerung, sie war und ist nicht nur Aktivistin in der Tradition eines Martin Luther King, sie ist mit ihren Liedern auch Sprachrohr einer globalen, nicht organisierten Menschenrechtsbewegung, die unter völliger Nichtberücksichtigung von Hautfarbe, Geschlecht und sonstigen Kriegsgründen letztendlich nur eine Botschaft hat: Bringt euch nicht gegenseitig um, ihr Idioten!
Keine schlechte Message, vor allem wenn man eine Stimme hat, die so klingt, als ob man im Fall von Widerspruch stante pede eine mächtig schwere Bratpfanne um die Ohren gefeuert bekommt. Nun weiß man nicht ob Mavis Staples kochen kann, gut vorstellbar ist es, aber die bis heute schöne Frau dringt in stimmliche Bereiche vor, die ZZ TOPs Dusty Hill erschauern lassen dürften und mit Sicherheit von den alten und meist längst verschiedenen Soul-Brüdern & Schwestern mit einem vielstimmigen Chor von Wolke 7 bejubelt werden. Dem Hörer bereitet diese Live-CD jedenfalls eine Gänsehaut nach der anderen.

Der Club Hideout in Chicago ist kein großer, entsprechend intim und direkt kommen Frau Staples und Band von der Bühne, "to bring you some joy, some happiness, inspiration and some positive vibrations".
Leicht funky, schwer soulig, vor allem beseelt swingend startet das Konzert mit For What It's Worth, der alten Nummer von Stephen Stills, die in den Sechzigern ein Hit für die Staple Family war. Nur seltsam, dass der Song überhaupt nicht angestaubt klingt, im Gegenteil sogar überaus frisch und lebendig. Das liegt zum einen am famosen Gitarristen Rick Holmstrom, zum anderen an der Art des Vortrags und vor allem an der Größe des Songs.
Dieser Rick Holmstrom ist übrigens ein beachtenswerter Gitarrist. Deutlich zu jung, um an der Stax-Ära beteiligt gewesen zu sein, aber mit einem unglaublichen Gefühl für eben jene Töne. Steve Cropper ist sicherlich kein Fremdwort für Holmstrom (Cropper hat Mavis' erstes Soloalbum 1969 produziert). Immer wieder kommt auch der liebevolle Hang zu Link Wray und Scotty Moore (das war der Gitarrist von Elvis, falls es gerade entfallen sein sollte) und viele andere Altmeister zum Vorschein. Eine riesige Vorstellung, die der blonde Mann auf dieser CD bietet. Seine Soloaktivitäten kann man bei MySpace hören.

Zurück zu Mavis Staples. Es passiert zu viel bei diesem Konzert, als dass man alles notieren könnte. Neben herrlich lustigen Ansagen und einer unbändigen Lust am Groove kommen weder Soul noch Gospel noch Sister Rhythm & Brother Blues zu kurz, es ist eine herrlich stimmungsvolle Party, die Mavis Staples, die Band und das Publikum hier feiern.
Miss Mavis hat gegenüber den Gospel- und Soul-Puristen aus den Oldie-Shows einen enormen Vorteil, sie hat nicht nur mit den Größen der so genannten "Black Music" gearbeitet, sie hat auch mit Leuten wie Prince, dem Blues-Label Alligator und zuletzt mit Ry Cooder an ihrer Musik gefeilt. Natürlich gab es in den späten Siebzigern und in den 80ern geschmackliche Verirrungen, aber ihre Offenheit als Künstlerin hat sie in die Jetztzeit transportiert. Da können die Lieder bei ihren Konzerten noch so alt sein, es ist das pure Leben. Entsprechend kommt ein Spiritual wie Wade In The Water wie ein R&B-Jungbrunnen brummend und kochend daher, und Keep Your Eyes On The Prize bohrt so tief, dass Springsteen mit seiner Version als anämischer Langweiler dasteht.
Es gibt keine Berührungsängste, alles was nach Groove riecht, wird von Staples hüftschwenkend besungen, nein, es wird mit gewaltiger Stimme zelebriert. Ob es der abgrundtiefe Blues Down In Mississippi des 1967 gestorbenen J.B. Lenoir ist, oder der anfassende Gospelsong Waiting For My Child, man muss hier von einem echten AUFTRITT sprechen. Mavis Staples ist eine Grande Dame, wie es nur noch wenige gibt. Solche Menschen sind sich übrigens nicht zu schade, so dreckig wie es eigentlich nur Mississippiwasser sein kann zu shouten, oder gar Schoten zu erzählen, die ganz und gar nicht ladylike sind. Sie sind sich auch nicht zu schade, die Bühne zu verlassen und von irgendwo aus dem Zuschauerraum ohne Mikrophon zu singen. Man hört diese Wunderstimme auch ohne Strom durch alle Wände.
Swamp-Groove, für den John Fogerty übrigens Schlange stehen würde, Ry Cooders Version des Traditionals This Little Light (Of Mine), acht Minuten Talking Blues mit einer klaren Botschaft und einem erstaunlichen Gitarrensolo in Why Am I Treated So Bad, der rockige Marsch über den Freedom Highway, den Mavis auch mal brüllend verkünden muss und vom großartigen Backgroundchor unterstützen lässt, und schließlich das bewegende We Shall Not Be Moved, über das mancher schon bei Pete Seeger Tränen vergossen hat. "Black and white together, we shall not be moved".

Im Zugabenteil gibt es eine staubtrockene Erklärung zum nachfolgenden Song Will The Circle Be Unbroken, bei der Mavis sich und die Leute überhaupt nicht zum Lachen bringt. Der Song selbst kommt zwangsläufig ähnlich unlustig, als Hörer hängt man nachher nur schnaufend in den Seilen. Mavis brüllt "Say yeah!", das Volk folgt, die oben erwähnte Bratpfanne droht, es ist dem Menschen am heimischen CD-Player heiß, wie war nur das an diesem 23. Juni 2008 im Hideout zu Chicago?
Ganz am Schluss gibt es den fröhlichen Mitsing-Song I'll Take You There, bei dem Mavis, der Chor, Rick Holmstrom und das Publikum wenig bis nichts anderes tun als den Refrain zu wiederholen, aber es rockt unbeschreiblich.

"Hope At The Hideout" ist ein Manifest, ein Statement für echte Musik, vor allem aber eine dieser Heart & Soul Schallplatten, die am Ende übrig bleiben werden, wenn man über die letzten 100 noch zu hörenden Scheiben mit dem Boandlkramer verhandeln muss. Tipp: Der Boandlkramer (bayrisch für "Gevatter Tod") ist bestechlich!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 04.10.2008

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