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Matt Roehr

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Out Of The Great Depression

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Edel
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All Music Guide (englisch)

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Out Of The Great Depression
Out Of The Great Depression, earBOOKS/Edel, 2010
Matt Roehr Guitar, Vocals
Stephan Weiler Grand Piano, B3, Rhodes, Wurlitzer, Clavinet
Gláucio Ayala Drums, Percussions
Marcelo Linhares Bass
Gäste:
Charlie Huhn Vocals, Background Vocals
Mike Smith Pedal Steel Guitar
Kurt Finchum Trumpet
Doug Robinson Trombone
Jerry Donato Saxophone
Produziert von: Matt Roehr Länge: 59 Min 00 Sek Medium: CD
1. Yard House Nights9. The Hook
2. You Ain't Me10. There Ain't Nobody
3. Perfect Days11. Dead Cat Bounce
4. Come Down Hard12. Pretty Things
5. Fuel Into The Fire13. Practice What You Preach
6. Canción De La Esperanza14. Canción Para Una Belleza
7. Come On In15. TGIF
8. Bet On Tomorrow

Was war das für ein E-Mail-Krieg vor knapp zwei Jahren, als ausgerechnet ich Matt Roehrs Album "UHAD2BTHERE!" prima fand. "Heuchler" und "Verräter" flogen durch die Datenleitungen, doch es war gut, denn es war der Beweis, dass man gelesen wird und vor allem, dass noch Leben ist im Rockfan an sich.
Nun, "UHAD2BTHERE!" ist noch immer ein astreines Live-Album, "Barra Da Tijuca" aus 2007 bleibt ein nicht ganz ausgereiftes Debut und Rechtfertigungen für musikalische und sonstige Vorlieben wird es an dieser Stelle nicht geben, denn meine politische Ausrichtung ist die gleiche wie vor 25 Jahren, mit dem Unterschied, dass die Toleranzschwelle deutlich höher ist als einst - man wünscht im höheren Alter mehr Idioten zur Hölle. Ich mag den Roehr, der sich früher mit ö schrieb und Mitglied der zeitlebens von mir ignorierten Band BÖHSE ONKELZ war. Basta. (M)Eine dezidierte Meinung zu seinem ehemaligen Kollegen Stephan Weidner kann man schließlich bei uns auch lesen.

Matt Roehr ist nach seinen beiden Indie-Veröffentlichungen zurück im Schoß der Großindustrie, "Out Of The Great Depression" wird von der mächtigen Firma Edel vertrieben und erscheint als so genanntes earBOOK, was nichts anderes als ein schick gestyltes Album im Sonderformat mit 52 Seiten Texten, Bildern und nettem Klimbim ist. Für alle Nicht-MP3-Freaks ist das ein Hingucker und Kaufgrund, denn auch wenn Edel die earBOOKS als brandneue Erfindung verkauft, es wird einfach nur die gute alte Tradition des Albums neu belebt. Gut gemacht und unbedingt zur Nachahmung empfohlen. Derzeit gibt es ähnliches als Werkschau von u. a. THIN LIZZY, STATUS QUO, THE JAM, THE POLICE, Chris Rea und einigen anderen, meist als Mehrfach-CD plus Buch mit über 100 Seiten.
In solchen Kreisen ist Matt Roehr also angekommen, da kann man schon staunen, denn für einen 1962 geborenen Mittelstandsbuben mit zweifelhafter (aber einträglicher) Vergangenheit ist das nicht die Regel. Mal hören, ob das Ohrenbuch "Out Of The Great Depression" den erstaunlichen Entwcklungsweg des Matt Roehr weitergeht.

Zuerst: Das Wort "Depression" verursacht echte Angst, es ist eines der (wenigen) Worte, die man bitte niemals unbedacht einsetzen sollte, denn Depression ist die wohl heimtückischste Krankheit überhaupt. Der Albumtitel ist beklemmend, denn trotz der positiven Aussage "Out Of The…" assoziiert man, dass jemand vorher unter einer Depression gelitten hat. Nicht dem ärgsten Feind wünscht man derlei. So hat Roehr den Albumtitel sicher nicht gemeint, möglicherweise aber als Metapher auf "The Great Depression", also die Weltwirtschaftskrise und ihre Folgen in den Jahren nach dem 24. Oktober 1929, oder gar auf die Zustände seit der aktuellen Finanz- und Weltwirtschaftskrise, die so vielen Millionen Menschen Angst macht. Für eine persönliche Aussage ist das Album ist viel zu gutgelaunt, andernfalls würde es sich um eine manische Depression handeln, also extremen Verhaltens- und Gemütsschwankungen zwischen Hyperaktivität/Euphorie und völliger Lethargie. Nein, ich mag diesen Albumtitel nicht. Aber die Musik…

… gehört zum Feinsten intelligent und vielschichtig gemachter Rockmusik seit längerer Zeit. Eine First-Class-Produktion, die bewährte Band plus Bläsersatz minus Percussionmann und diesmal zum allergrößten Teil bis ins letzte Detail ausarrangierte Songs führen zu einem Hochglanzprodukt, das bisweilen schon beinahe zu poliert klingt. Dreck fasst Matt Roehr bei dieser CD nur noch auf den mit bemerkenswertem Aufwand produzierten Bildern und Videos an. Im Filmchen zu Fuel Into The Fire knallt er einem glatzköpfigen Proll eine Flasche über die Billardkugel und gewinnt dadurch eine traumschöne Frau. Das ist verdammt viel Easy-Rider-Romantik, spricht aber genau das richtige Publikum an, nämlich das der Jahrgänge 1965 plus minus zehn. Roadmovie und amerikanischer Sound ist übrigens das Thema von "Out Of The Great Depression" - und erinnert damit in verblüffender Weise an das leider untergegangene Album "…'Till I Run Out Of Road" von Ferdy Doernberg aus dem Jahr 2006. Nur die Fröhlichkeit und die Produktionsqualität unterscheidet die beiden Werke.
Erwähnenswert ist natürlich, dass Roehr diesmal selbst singt - und Charlie Huhn tatsächlich überflüssig macht. Der Mann ist wirklich für positive Überraschungen gut. Weiter auffällig ist, dass die Gitarrenoverdubs im Vergleich zu "Barra Da Tijuca" weitgehend reduziert sind, dafür viel Akustikgitarre als Rhythmusinstrument eingesetzt wird, ab und an eine Zwölfsaitige und sogar eine Pedal Steel zu hören ist und vor allem, dass Stephan Weiler an den Tastenistrumenten deutlich mehr Platz eingeräumt wird als bisher. Speziell seine Hammond-Ausflüge haben zuweilen mächtig Wucht. Weiler war bekanntlich auch schon bei den ONKELZ vor allem live zu hören, aber eben nie so. Die Frage, warum sich Musiker in den Dienst einer derart unstrittig unguten Band stellen können, stellt sich - oder eben nicht, denn es gibt Klassemusiker, die für Geld sogar die Bouzouki bei Costa Cordalis zupfen. Bewertet man die Leistung Weilers heute, beispielsweise anhand von Songs wie Bet On Tomorrow (großartige Rhodes und B3), wäre es schlicht idiotisch, ihm sein Tun von damals vorzuwerfen. Zum langsam mitlesen sei es nochmals gesagt: Ich mag leicht konfuse Anarchisten wie Bommi Baumann, aber mir sind auch zu normalen Menschen gewordene "Jugendstraftäter" willkommen.

Nehmen wir uns nun die Musik von "Out Of The Great Depression" vor, wahllos angefangen bei Practice What You Preach. Im Kopfhörer ist links eine Posaune zu hören, rechts eine einhändig gespielte Hammond, dann erfolgt eine regelrechte Funk-Explosion mit Slap-Bass und bei Halbzeit einsetzender Gitarre aus der Rick-James-Funkadelic-Abteilung. Practice… gehört wie das folgende Canción Para Una Belleza zu den musikalischen Highlights des Albums, letzteres dient aber wohl mehr als Leistungsschau.
Witzig und ebenfalls funkig ist You Ain't Me, für das THE WHO Pate gestanden haben MÜSSEN. Sensationelle Gitarre zu scharfen Bläsern, wirbelndem Drumming und eben jenem Bass-Spiel, für das "The Ox" berühmt wurde. Perfect Days folgt dieser sonnigen Grundstimmung mit gehörig Pfeffer und Come Down Hard schlägt den Bogen zu den BEATLES.
Funky, staubig und dennoch fluffig, so kommt "Out Of The Great Depression" insgesamt daher, geht von Anfang bis Ende so ins Ohr, dass man die zwei, drei "schwächeren" Nummern gar nicht mehr realisiert, denn auch die haben entweder ein nettes Gitarrensolo (da hört man doch immer mal wieder Peter Green, oder bin ich senil?), eine schöne Keyboardeinlage, Bläserdruck oder einfach eine eingängige Hookline zu bieten, sind also zwar unwichtiger als die Highlights, aber im Kontext überhaupt nicht störend. Zwei potentielle Hits gibt es mit den bereits erwähnten Come Down Hard, das die schöne Textzeile "What would be if Jesus came around tonight" beinhaltet, und Fuel Into The Fire. Ersteres bietet nach dem eher verhaltenen Einstieg eine in ihrer Schlichtheit als grandios zu bezeichnende Leadgitarre und Fuel… ist das opulent arrangierte Americana-Highway-Märchen schlechthin. Auch ohne Video, wenngleich das natürlich die Story erzählt und alle Uschi-Obermaier-Fans beglückt.
Weitere Schmankerl: Come On In, das spannende Instrumental Bet On Tomorrow und The Hook.

In den (vielen) besten Momenten ist "Out Of The Great Depression" ein echter Musikorgasmus und stimulierend für so gut wie jeden Rockmusikhörer ohne Hang zu modernen Tönen. Vergleiche mit amerikanischen Highway-Helden kann man sich ersparen, denn die sind allesamt nicht in der Lage, so flexibel zwischen Roots, Rock, Blues und Latin zu changieren. Vielleicht muss man ja doch Ausländer sein, um so eine Platte einzuspielen.
An dieser Stelle ein Versprechen: Beim nächsten Album von Matt Roehr wird mit keiner Silbe mehr auf seine Vergangenheit eingegangen! Der Mann ist inzwischen so weit davon entfernt, dass sich das Thema erledigt hat. Für diesmal gilt, dass "Out Of The Great Depression" eine beinahe überwältigende CD geworden ist. Beinahe? Ja, denn ein klein wenig mehr Dreck unter den (Studio-)Fingernägeln hätte nicht geschadet. Eine dicke Empfehlung gibt es aber allemal.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 26.03.2010

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