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| My World, Truth & Soul, 2009 |
| Lee Fields |
Vocals |
| Sean Solomon |
Guitar |
| Leon Michels |
Bass, Guitar, Keyboards, Saxophone, Horn Arrangements, String Arrangements |
| Thomas Brenneck |
Guitar, Bass |
| Quincy Bright |
Bass |
| Nick Movshon |
Bass, Drums |
| Toby Pazner |
Keyboards, Vibraphone |
| Homer Steinweiss |
Drums |
| Yoshi Takemasa |
Percussion, Conga |
| Johnny Griggs |
Conga |
| Aaron J. Johnson |
Trombone |
| Michael Leonhart |
Trumpet, Mellophone |
| Entcho Todorov, Garo Yellin, Alex Kadvan, Garo Yellin, Rachel Garb, Rico Reese, Amy Adams |
Strings |
| The Del-Larks |
Backing Vocals |
| Produziert von: Jeff Silverman & Leon Michels |
Länge: 39 Min 33 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Do You Love Me (Like You Say You Do) | 7. My World |
| 2. Love Comes And Goes | 8. Ladies |
| 3. Honey Dove | 9. These Moments |
| 4. Money I$ King | 10. The Only One Loving You |
| 5. My World Is Empty | 11. Last Ride |
| 6. Expressions Theme | |
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Die erste Februarwoche des Jahres 2010 war eine in zweierlei Hinsicht denkwürdige Woche für den Musikbeschreiber aus München. Das heißt, eigentlich war diese Woche nicht nur für diesen einen Vogel bemerkenswert, die Wahrheit ist, dass wir alle die Ankunft eines Stars live im Fernsehen verfolgen konnten, und das kommt ja nun wirklich nicht alle paar Tage vor. Tatort: Der erste Teil der von Stefan Raab konzipierten Kandidatensuche für den Eurovision Song Contest. Nun kann man über Raab denken was man will, auch in unserer Redaktion ist er durchaus nicht bei allen beliebt, ich halte ihn für den cleversten, besten und intelligentesten Unterhaltungsmacher des Landes. Dass er ein Händchen für Hits hat ist allerdings unbestritten, von Hier kommt die Maus über das von Guildo Horn so herrlich grenzwertig hingeschwitzte Guildo hat euch lieb zu Wadde hadde dudde da? und danach der Karrierestarthilfe für Max Mutzke und Stefanie Heinzmann hat er ausschließlich allerhöchste Qualität verfasst und produziert.
Nun soll er also für die ARD den Karren aus dem Dreck ziehen und beim längst zur Farce gewordenen Eurovision Song Contest wenigstens eine achtbare Platzierung hinter den zahllosen Ländern des früheren Ostblocks erringen.
Raab bittet also zum Casting und holt sich folgende Kandidaten zur ersten Ausscheidungsrunde: Ausgebildete und/oder von der Natur mit Gesangstalent gesegnete Frauen und Männer. Musiklehrer und Halbprofis. Fertige Persönlichkeiten. Menschen mit einem Wortschatz von mehr als 74 Silben. Querdenker und Individualisten. Leute mit Geschmack und Musikverstand.
Man sieht, das unterscheidet sich deutlich von den entsetzlichen Flachpfeifen bei Dieter Bohlens DSDS, die man sich wirklich nur zwecks Sozialstudien und in kleinen Dosen anschauen kann.
Wie in Castingshows üblich gibt es auch bei "Unser Star für Oslo" eine Jury (ohne Stimmrecht, dafür mit der manipulativen Kraft des Wortes ausgestattet), die diesmal neben Raab aus Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen bestand, wobei die Catterfeld im Gegensatz zum blasiert dreinblickenden Möchtegern-Kulturschnösel Westernhagen erfreulich authentisch wirkte. Allerdings bezeichnete Westernhagen Plattenfirmen als blind und taub, was ihn beinahe wieder zu dem Rock'n'Roller von früher machte. Es gab keine Kandidatenbeschimpfung, keine Vorführung von debilen Tanzbären/innen, keine Tränen und keine Vollidioten mit bepissten Hosen, dafür gab es durchweg staunenswerte Darbietungen von Liedern, die zwar größtenteils bekannt, aber weitab vom Hitparadenschwachsinn der letzten Jahre waren.
Und dann kam ganz zum Schluss der opulent inszenierten Show eine junge Frau aus Hannover namens Lena Meyer-Landrut und sang, nein, performte das Lied My Same, das man von der britischen Sängerin Adele nicht kannte (wegen Frau Meyer-Landrut steht deren prachtvolles Album "19" seit vorgestern in meinem Plattenschrank).
Was soll man zu einem solchen Auftritt sagen? Sämtliche Kandidaten davor waren gut bis sehr gut, es gab perfekte Vorträge (eine schöne Frau aus Köln sang wie vom Blatt) und hochemotionale Darbietungen, darunter ein junger Typ namens Michael Kraus, der Loving You von Paolo Nutini hammermäßig brachte, und eine Würzburger Gesangswuchtbrumme armenischer Herkunft mit schon etlichen Plattenveröffentlichungen, aber gegen Lenas My Same hatte niemand auch nur den Hauch einer Chance. Die bezaubernde Schwarzhaarige mit den roten Lippen und der unbekümmerten Art ließ einen einfach nur vom Sofa aufspringen und begeistert mittanzen. Zugegeben, das sieht bei einem knapp 100 Kilo schweren Kerl von 193 Zentimetern durchaus zweifelhaft aus, aber bei solchen Explosionen geht es nicht anders, da ist man von den Socken wie vor Jahrzehnten beim ersten gesehenen BLONDIE-Video; es war eine beim großen Bruder meines besten Freundes im Studio vorgeführte, nie im TV gezeigte Promo-Aufnahme von X-Offender. In den vielen Jahren seither konnten viele Künstler begeistern, aber eine so naiv-erwachsene Vorstellung mitsamt ernstzunehmender Musik und Ausstrahlung hat zuletzt höchstens noch Claudia Koreck hinbekommen.
Wenn Lena Meyer-Landrut will, wird sie ein großer Star. Sie wird aber nur wollen, wenn man ihr die passenden Songs und ein angenehmes Umfeld gibt, ansonsten wird sie studieren, beruflichen Erfolg haben und vielleicht unter der Dusche singen, denn als man ihr vor der Show nahe legte, doch ein bekannteres Lied vorzutragen, hat sie dies mit den Worten "dann scheide ich eben aus" abgelehnt. In ihrem Fall ist das nicht dummdreist sondern zu Recht selbstbewusst und vor allem so herrlich unangepasst, dass sich am 2. Februar 2010 neben einem etwas älteren Musikbeschreiber auch ein paar Millionen andere Fernsehgucker in das hübsche Mädchen, das eigentlich längst eine taffe Frau ist, verliebt haben.
Aber das war erst die eine Denkwürdigkeit der ersten Februarwoche 2010. Die andere passierte zwei Tage später, am 4. Februar, in einem dieser Nerd-Cafés in der Münchner Innenstadt, in denen es den Latte Macchiato in 23 verschiedenen Geschmacksrichtungen gibt, das Publikum grundsätzlich eine extracoole Sonnebrille trägt und die Bedienungen mit so überwältigender Inkompetenz und Arroganz agieren, dass man das versammelte Pack am liebsten mit dem nackten Arsch voraus in den nächsten Schneehaufen stecken würde. Warum man dort hingeht? Weil man ein Date mit der Assistent Creative Managerin einer Agentur hat, den angedienten Job aber angesichts eines gebotenen Stundenlohns von € 4,85 leider nicht annehmen kann. Der Milchkaffee war allerdings prima und am Zeitungsständer hing die letzte "Titanic" aus, was nach dem sinnfreien Businesstalk doch zum Verweilen einlud. Und dann lief plötzlich nach Sade und noch belangloserer Lounge-Musik ein Lied, in dem ein offenkundig schwarzer Sänger zu einer klassischen Sixties-Orgel und lässigen Scat-Gitarre die Worte "Money is King" skandiert. Aufgemerkt und den Barmanager befragt, wer das denn sei. Ratlosigkeit, bemitleidende Blicke und den Satz "wir sind doch nicht das Wunschkonzert geerntet, sehr leise und bedrohlich geworden und via ganz bösem Blick den Clown ans schmale CD-Regal beordert, lustlose Antwort "Lee Fields heißt der Typ" bekommen, Name notiert, bezahlt (7,80 für zwei Latte - also knapp zwei Arbeitsstunden für die Agentur der Assistant Creative Managerin), zum letzten verbliebenen Qualitätsplattenladen der Stadt gefahren, nach Lee Fields gefragt und zu den Worten "woher kennst denn DU den, der macht Musik und nicht DEINEN Krach?" die CD "My World" für 13 Euro gekauft. Ja, der gemeine Hardrocker wird leider allzu oft unterschätzt.
Wer ist Lee Fields? Ein auf Bildern altersloser Mann aus North Carolina, der gemäß dem vorgeschriebenen Soulsänger-Karriereplan als Kind und Jugendlicher in der Kirche sang, ansonsten den Größen des Sixties-Soul nacheiferte und 1969 seine erste und danach viele weitere Singles auf seinem eigenen Label veröffentlichte und nie nennenswerten kommerziellen Erfolg hatte. Dafür wurde er früh als Kämpfer für die Rechte der schwarzen Amerikaner auffällig. Erst 1979 kam es zu einer ersten LP, der Singles-Compilation "Let's Talk It Over", die leider nicht mehr im Handel erhältlich ist. Ein Freund aus Italien konnte kurzfristig immerhin mit dem Song Wanna Dance von diesem Album aushelfen, er hat die Single vor Jahren in der Jukebox von Mamas Eisdiele gefunden… Zu hören ist knackiger (Disco-) Funk mit viel Bass, satten Bläsersätzen und einem Lee Fields, der hier im Gegensatz zum neuen Album klar macht, warum er vor 40 Jahren "Little James Brown" genannt wurde. Der Typ hatte mächtig Feuer. "My World" hat auch Feuer, ist aber insgesamt ganz anders.
Nach "Let's Talk It Over" war im wahrsten Sinne des Wortes Funkstille, erst nach 13 Jahren, dann aber in relativ schneller Folge, kamen in den Neunzigern fünf CDs plus das 2002 veröffentlichte Album "Problems" auf den Markt. Heute sind die allesamt nur teuer bis irrwitzig teuer zu bekommen, Lee Fields hat offensichtlich ein Vermarktungsproblem, oder schlicht kein Interesse seinen Backkatalog an den Kunden außerhalb seines Wirkungskreises in den Clubs der Südstaaten zu bekommen. Das ist schade, denn drei oder gar vierstellige Beträge gibt niemand aus, falls er nicht Sammler mit ausreichend Knete ist.
Seit 2004 arbeitet Fields mit Jeff Silverman und Leon Michels beziehungsweise deren Label Truth & Soul zusammen. Die stellten ihm die Band THE EXPRESSIONS zur Seite und modernisierten den Sound des nur gemäß Identity Card gealterten Soul-Veteranen. Aber wie modernisiert man Soul, Funk und (schwarzen) Rhythm & Blues? Es gibt nur eine Möglichkeit: Man lässt ihn wieder so klingen, wie er es in den Anfangstagen getan hat, kratzt die in den letzten 30 Jahren abgelagerten Fett- und Staubschichten ab und fügt behutsam die Erkenntnisse der letzten 10 Jahre hinzu. Diese Erkenntnisse besagen, dass alles was irgendwie vintage und retro klingt gut ist, wenn es von Könnern gemacht wird. Fields, Silverman, Michels und die beteiligten Musiker SIND Könner.
Man stößt bei der Recherche schnell auf Namen wie Sharon Jones, ein Soul-Naturwunder, und deren Begleitband THE DAP-KINGS, die wiederum mit der tragischen Amy Winehouse grandiose Musik machten. Man stößt weiters auf Namen wie THE BUDOS BAND und ANTIBALAS - und damit sind wir im zeitgenössischen New-York-Funk jeglicher Couleur. Deep Funk, Afro Beat, Northern Soul, nennt es bitte wie ihr wollt.
Die Zusammenfassung vorweg: "My World" ist so durch und durch altmodisch, dass man es gar nicht bemerkt. Das dürfte das Holz sein, aus dem Klassiker geschnitzt sind. Und dies, wo direkt der Einstieg die schwächste Nummer des gesamten Albums ist. Das ist dann doch etwas dröger Soul mit einer sanften Lounge-Tönung und ein wenig zu stromlinienförmig geratenen Bläsersätzen, allerdings einer scharfen Orgel. Lee Fields selbst positioniert sich ab der ersten Sekunde dort, wo er gemäß Selbstverständnis hingehört: In die lange Reihe der großen Soul-Shouter, zwar eindeutig und freiwillig hinter James Brown, aber durchaus auf Augenhöhe mit Legenden wie Al Green, Otis Redding, Sam Cooke, Curtis Mayfield, Marvin Gaye und wie sie alle heißen, und auf jeden Fall deutlich vor den urbanen Neo-Soulbrüdern, die seit den kommerziellen Erfolgen von Amy Winehouse oder Duffy aus allen Ritzen kommen. Recht hat er, der Herr Fields, denn so viel Seele und Sex wie er transportiert, haben die Jungspunde natürlich nicht zu bieten. Selbst der "Master of Schwül and Womanizing", Marvin Gaye, müsste sich, wäre er noch am Leben, mächtig ins Zeug legen, dem Schmachten und Flehen Fields in Nummern wie My World Is Empty oder Ladies folgen zu können. Das sind Frauenanhimmlertexte allerhöchsten Kalibers von dem alten Trickser und Schwerenöter. Dazu musikalisch derart fachmännisch unterlegt von der vielköpfigen Band, dass man nur den Hut ziehen kann.
Herber und kämpferisch kommt Money I$ King, Gitarre und Orgel steigen anfangs wie weiland CCR ins Geschehen ein, der Gesang changiert leicht in Richtung Erroll Brown von HOT CHOCOLATE (You Sexy Thing), doch letztlich baut sich eine beinahe bedrohliche Wand aus wirbelnden Streichern, subtil bis subversiv trötenden Hörnern und einem beschwörend skandierenden Fields. Ähnlich funktioniert der Titelsong, Fields hat das Zeug zum Demagogen, er kann mit seiner Stimme die Massen animieren, wenn er nicht gerade der Weiblichkeit frönt. Dann ist er zuckersüß ohne dem Hörer das Ohr zu verkleben, singt hart an der Grenze zur Genialität (The Only One Loving You) und pusht alle Beteiligten weit über das was man landläufig Ballade nennt. So funktioniert Soul seit Urzeiten, allerdings haben ihm die Jahrzehnte die meisten Kanten abgeschliffen und, zumindest im Mainstream, zu einem zahnlosen Crooner-Gesäusel werden lassen. Lee Fields gibt dem Soul die Schärfe und den Bezug wieder, sei der nun sexuell oder politisch motiviert, ohne jedoch in primitive Disco- oder gar Hip-Hop Gefilde abzudriften. "My World" ist schlicht geschmackvoll und von höchstem Nährwert, nicht umsonst wirft sich Fields bei seinen Live-Predigten vorzugsweise in feinen Zwirn.
Für die Band gibt es drei Instrumentals, Expression Theme, These Moments und Last Ride, bei denen klar wird, dass es sich um Deluxe-Musikanten handelt, die keineswegs Zirkusnummern brauchen um ihre Stärke zu beweisen. In der Reduktion und Zurückhaltung liegt die Größe.
Seit "My World" vor gut sechs Monaten veröffentlicht wurde, hat Lee Fields eine wundersame Renaissance erfahren, vor allem bei den Hipstern hat sich ein kleiner Hype entwickelt, der Fields vor einigen Tagen sogar für zwei Konzerte nach Deutschland brachte. Ob dieses Gewusel im Reich der Schönen und Schicken nachhaltig ist bleibt abzuwarten, allerdings kommt die dringende Kaufempfehlung an dieser Stelle von einem lupenreinen Rockmagazin, da dürfen sich also auch lupenreine Rocker angesprochen fühlen. Wir wissen ja, dass ihr alle heimlich nicht nur METALLICA, DREAM THEATER und DEEP PURPLE hört, sondern manchmal mit Tarnkappe in Blödmann-Cafés geht um Caffè Latte mit Vanillesirup zu schlürfen. Ich hab euch doch ganz genau gesehen ;-)
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