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Evil Twin

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Evil Twin
Evil Twin, Retrowrek Records, 2008
Bernie Tormé Guitars & Vocals, Sitar
John McCoy Bass & various drones
Robin Guy Drums & Percussion
Gäste:
Dee Snider Vocals (Punko Rocco)
Kuljit Bhamra Tabla (Evil Twin & Johnny Sitar)
Colin Towns Keyboards (Evil Twin & One Of These Days)
Jimi, Eric & Simon Backing Vocals (Punko Rocco)
Produziert von: Bernie Tormé & John McCoy Länge: 48 Min 58 Sek Medium: CD
1. Punko Rocco6. Johnny Sitar
2. Bullet In The Brain7. Holy Roller
3. Evil Twin8. Wheel Of Fortune
4. You Can't Hold Me9. Perfumed Garden
5. One Of These Days10. The Humours Of Mr. McCoy

Nein. An dieser Stelle wird es keine Abhandlung über die früheren Bands der Herren Bernie Tormé, John McCoy und Robin Guy geben. Warum auch? Wer nicht mindestens die beiden erstgenannten Menschen kennt, wird sich schwerlich für Partypunk'n'rollhardrock oder Blues'n'boogieguitarheroheavylärm interessieren. Der wird auch nicht zucken, wenn er erfährt, dass Dee Snider beim überaus feinsinnigen CD-Opener Punko Rocco sein zartes Stimmchen erhebt. Schon gar keine Reaktion wird es geben, wenn man einwirft, dass "Evil Twin" schon die zweite Produktion des heftigen Trios ist, schließlich hat man schon "Bitter & Twisted" im letzten Jahr ignoriert oder gar nicht mitbekommen. Unterm Strich macht es also keinen Sinn, über GMT überhaupt Worte verliert - außer man steht auf Partypunk'n'rollhardrockblues'n'boogieguitarheroheavylärm* und hat nebenbei noch einen Nerv für britisch/irischen Altrockerhumor. Haben wir solche Leser? Höh, so viele gleich? Na dann…

Zuerst sei gesagt, dass Bernie Tormé nicht singen kann. Das macht aber nichts, denn so gut wie kein hochklassiger Gitarrist kann wirklich singen, nur haben die meisten nicht den Mut, es trotzdem zu tun. Also knödelt sich Tormé durch die Schulstunde *PP'N'RHRB'N'BGHHL und macht dabei einen so lässigen Eindruck wie kaum ein anderer. Jaha, Mut zur Lücke, Mut zum Krawall, Bernie ist erst seit knapp 40 Jahren im Geschäft, der Mann hat noch Zeit zur stimmlichen Entwicklung.
"Evil Twin" klingt nicht wie das Produkt zweier Veteranen, ganz im Gegenteil, so viel Holterdipolter-Vorwärtsdrang können die meisten Newcomer nicht vorweisen, zu viele Konventionen werden von den Jungspunden gemacht, zu angepasst kommen selbst die ach so wilden Punks heutzutage daher - und langweilen unterm Strich. Ganz anders die agilen Senioren mit dem deutlich jüngeren Schlagzeuger, der übrigens mal bei den fragwürdig beleumundeten RACHEL STAMP zugange war. Die scheißen sich um gar nichts mehr, lassen einfach alles raus was ihnen gerade einfällt, und verbreiten trotz all dem Spektakel eine entspannte Jam-Stimmung, die man im Hard Rock nicht so oft erlebt, außer bei den letzten Soloplatten von Ian Gillan vielleicht; bei dem natürlich meilenweit gepflegter und bedächtiger. Mist, jetzt ist es doch gesagt, wo McCoy und Tormé die Jahre zwischen 1978/79 und '82 verbracht haben, und nebenbei die drei besten Platten der Band GILLAN mitverantworteten.
Noch einer war seinerzeit für diese Formation wichtig, Keyboarder Colin Towns. Überrascht es jemanden, dass der auf "Evil Twin" auch auftaucht? Man kann sich gut vorstellen, dass die Herrschaften in Tormés schickem Studio-Landsitz in der Grafschaft Kent eine Menge Vergnügen hatten.

Der schon erwähnte Opener Punko Rocco haut nicht nur erbarmungslos aufs Auge, er hat auch eine ganz typische Tormé-Gitarrenlinie zu bieten. Das ist nicht neu, aber nach den vielen Jahren ein willkommenes Déjà-vu.
Die erste Abwechslung bringt der Titelsong mit einem Tabla-Intro. Ansonsten sleazt die Nummer dahin und lädt zum heimischen Chorgesang ein. Vollfetter Sound, den Kollege Towns mit Tönen veredelt, die er wohl seit GILLAN-Zeiten abgespeichert hat.
Der Klang dieser CD ist übrigens bemerkenswert. Sehr direkt, sehr ehrlich, eher nicht dem Zeitalter des Digitalwahns entsprechend. Und dennoch gibt es von "Evil Twin" eine ungeschnittene audiophile Version, wenn auch nur in einer Auflage von 100 Stück, die gemäß Tormés Aussage nicht nur die Kommentare der Musiker bei den Jams, sondern auch weniger Limiter und Kompression beinhaltet. Wie der Meister richtig sagt, bedeutet das zwar weniger Lautstärke, dafür mehr Klangtiefe und Transparenz, außerdem haben wir nicht umsonst unsere sauteuren Anlagen im Musikzimmer, die man bis kurz vor Erdbebenwarnung aufdrehen kann. Tormé führt zu Recht METALLICAs "Death Magnetic" als Negativbeispiel für völlig überdrehte Digitallautstärke an. "Evil Twin" ist trotz aller Ungehobeltheit die perfekte Antithese zu diesem Mastering-Overkill, auch schon auf der "normalen" CD. Dennoch ist die limitierte Edition mehr als eine Überlegung wert, sie ist nämlich nicht überteuert. Schnell auf die GMT Homepage gucken und vielleicht noch eines der edlen Teile ergattern.
Manchmal kommen GMT wie eine Pub Rock Band der Siebziger daher, härter natürlich, und rumpeln wie bei einem Liveauftritt lustvoll ins Bein (You Can't Hold Me), dann wird unheilvoll gedröhnt wie in One Of These Days, nebenbei noch ein wenig Bassdampfhammer mitgeliefert, und gleich danach sensibel Jonny Sitar mit ebendiesem Instrument plus einem grandiosen Gitarrensolo dargebracht. Geile Musik!
Einfacher wird's dann wieder mit Holy Roller. Straighter Riffrock, typisches Solo, großartiger Mitsingchorus, dennoch nur der Übergang zum manisch rockenden Wheel Of Fortune. Derlei Getöse wird niemals aussterben, auch wenn wir Oldies längst unter der Erde sind, werden junge Menschen wieder darauf hereinfallen und wie ATOMIC ROOSTER auf Speed den Hörer verprügeln (noch ein Hinweis auf John McCoys Vergangenheit).
Selbstverständlich kann Bernie Tormé auch anders. Bluesig. Beginnend mit den Worten "One time bitten, two times shy", also überhaupt nicht an irgendjemand erinnernd, dann aber doch noch ganz kurz vor Hey Joe die Kurve kriegend. Es folgen neun Minuten brillanter Blues in relaxter Atmosphäre bei schwermetallischer Luft. Die Nummer heißt Perfumed Garden, besteht aus Zitaten und "der heißesten Bluesgitarre seit dem Gig vor ein paar Wochen von der geilen Band deren Namen mir leider nicht mehr einfällt", ist unglaublich clever gemacht und passt zum Rausschmeißer The Humours Of Mr. McCoy.

"Evil Twin" ist die Version Hard Rock, die die Käufer der aktuellen Megaseller kalt lassen dürfte. Das ist schade, denn all diese Leute haben weder von den Roots noch von der Seele des Rock & Roll Ahnung. Für den Rest ist GMT ein mordsmäßiger Spaß.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 05.12.2008

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