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Dopefiend

Relapse

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Relapse
Relapse, Whats Next Records, 2008
Jake Hamilton Vocals, Bass, Guitar
Tony Savarino Lead & Rhythm Guitar
Stephen Hart Drums
Gast:
Brian Hinkley Guitar (Life Revolver)
Produziert von: Jake Hamilton Länge: 43 Min 55 Sek Medium: CD
1. Minds Eye7. Never Find A Cure
2. Dreams8. Seasons Of Her
3. Mindreader9. An Illusion
4. Fate Dealer10. Inner Self
5. Falling Faster11. Life Revolver
6. All The Time12. Evil

Das ist mal wieder ein Album, das den Horizont vieler schreibender Musikhörer sprengt. Viel mehr als "Siebziger", "retro", "LED ZEPPELIN" und "CREAM" dürfte man in manchen Kritiken nicht zu lesen bekommen.
Kurzerhand davon abgesehen, dass CREAM im Dezember 1968 ihr Abschiedskonzert gaben, also kurz nach der Gründung von ZEPPELIN, und so gut wie jede Musik heutzutage den Aufkleber "Retro" verdient (ja, sogar die "Neuerer" von den BLACK CROWES, hahaha), sei angemerkt, dass die Band DOPEFIEND mit dem von Projektleiter Jake Hamilton komponierten "Relapse" eines der intelligentesten Werke der Jetztzeit eingespielt hat.

DOPEFIEND ist ein Trio mit einem beängstigenden Namen, denn als dopefiend bezeichnet man einen schwer angeschlagenen H- oder Crack-Süchtigen. Die zumeist recht metaphorischen Texte erledigen den Rest, um sich gewisse Sorgen um die Herren Savarino, Hart und Hamilton machen zu können. Andererseits klingt speziell Jake Hamiltons Stimme nicht nach Cold Turkey, allerdings auch nicht nach einem ganz großen Schreihals. Und ja, wer es unbedingt braucht, darf LED ZEPPELIN als Referenz heranziehen. Aber wenn schon das große Geschrei vom Früher ertönt, sollte man auch noch Bands wie BLUE ÖYSTER CULT oder die Briten BUDGIE ins Spiel bringen, die haben nämlich auch kluge Musik gemacht, und sind stilistisch kaum weniger weit von DOPEFIEND entfernt als das Luftschiff.
Tja, was nun, Mister Kritiker? Ist halt schlecht, wenn man kaum Informationen aus CD, Waschzettel und Internet beziehen kann, da steht man schnell mit heruntergelassener Hose da und muss sich in Allgemeinplätze flüchten. Aber lasst uns mal über die Musik auf "Relapse" sprechen.

Klar zu sein scheint, dass die Produktion bewusst im fluoreszierenden Soundgewand der frühen bis mittleren Seventies gehalten ist, also warm, druckvoll und leicht neblig, gleichzeitig ist speziell am Schlagzeugsound abzuhören, dass mit moderner Technik gearbeitet wurde. Mutmaßen darf man, dass die Band ihren Auftritt im Netz ebenso bewusst schmal und verwirrend gestaltet hat, womöglich möchte man die Phantasie des Hörers fordern. Gut gelungen, man kommt auf eine Menge interessanter Gedanken beim Genuss von "Relapse". Zum Beispiel auf den, dass es sich vielleicht gar nicht um rückwärtsgewandten Hard Rock, sondern um lupenreinen Progressivrock handelt. Hat nicht Neil Peart von RUSH ganz ähnliche Figuren wie Stephen Hart getrommelt? Oder donnert das bisweilen wie Carmine Appice in seiner Zeit bei CACTUS? Und warum intoniert der vermeintlich schmalbrüstige Hamilton bei All The Time um Tony Savarinos bluesiges Dauersolo herum wie Plants kleiner Bruder? Fragen über Fragen.
Savarino ist ein sehr interessanter Session-Gitarrist (nebenbei Lehrer). Einerseits baut er mächtige Riffberge auf, andererseits soliert er in der feinen Tradition von … oder … (Namen bitte wahlweise nach eigenem Geschmack eintragen), kann aber auch eine zünftige Slide bedienen. Er ist präsent, aber nicht aufdringlich, was ihn so sympathisch wie Patrick Klein von THE LIZARDS macht.
Ach ja, DOPEFIEND kommen aus Boston, woher auch beispielsweise AEROSMITH kommen, deren Album "Toys In The Attic" man sich nach "Relapse" gut anhören kann. Natürlich nur wegen der Sweet Emotion. "Buckle up brother it's time to fly - got a crystal rocket and I wanna get high", singt Hamilton im eröffnenden Minds Eye, weitere Fragen und Antworten sind wohl überflüssig.
Das bohrende Falling Faster kommt beinahe wie ein Vorläufer des Industrial Metal daher, swingt aber und besteht aus echten Instrumenten, was bei Industrial natürlich absurd ist. Es ist die Kunst an"Relapse", dass die Band kaum zu fassen ist, dennoch höchst eingängige Melodien parat hat, ohne jemals banal zu werden. Da jubiliert die Gitarre in Never Find A Cure wie weiland Ronnie Montrose, gleich danach bluest es akustisch, dann stapft man scheinbar durch ein "Physical Graffiti" um im Anschluss in einen psychedelischen Wirbel zu geraten, und ist zunehmend verwirrt UND begeistert.

Wenn man ausnahmsweise nicht nur auf puren Partyspaß aus ist, muss Rockmusik exakt so funktionieren wie "Relapse" es tut: verstörend, aufwühlend, provozierend, laut und leise, gefährlich und glücklich machend. DOPEFIEND ist ein großer Wurf gelungen, bei dem es vollkommen egal ist, nach welchem Jahrzehnt er klingt. Brillant, allerdings wohl eine einmalige Angelegenheit ohne große Aussicht auf Fortsetzung.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 19.10.2008

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