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Facemelter

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Facemelter
Facemelter, Frontiers Records, 2010
Dave Meniketti Lead Vocals, Lead Guitars
Phil Kennemore Bass, Vocals
John Nymann Guitar, Vocals
Mike Vanderhule Drums & Percussion, Vocals
Produziert von: Dave Meniketti Länge: 61 Min 02 Sek Medium: CD
1. Prelude, On With The Show8. If You Want Me
2. On With The Show9. Hot Shot
3. How Long10. Blind Patriot
4. Shine On11. Don't Bring Me Down
5. I Want Your Money12. Gonna Go Blind
6. Wild Child13. One Life
7. I'm Coming Home14. Losing My Mind

Offensichtlich war Dave Meniketti endlich gelangweilt vom immergleichen Best-Of-Programm, das er mit seinen Y&T seit etwa einem Jahrzehnt bei Festivals und kleineren Tourneen abspult, also setzte man sich auf den Hosenboden und schrieb neue Lieder. Diese neuen Lieder sind wohl neu, strömen aber durch die Bank den Odem der frühen Jahre von Y&T aus. Das ist nicht zu verwechseln mit den frühen Jahren von YESTERDAY & TODAY, denn auf den beiden LPs unter diesem Namen war noch eine überragende Hard Rock Band mit Wurzeln im Blues und Boogie der frühen Siebziger zu hören, erst nach der Umbenennung und den Alben "Earthshaker" und "Black Tiger" war es Heavy Metal - jedenfalls nannte man diesen vom Blues befreiten Hard Rock damals noch Heavy Metal. Halbwegs erfolgreich war das zwar, aber Y&T wurden zeit ihrer Karriere ständig von anderen rechts überholt und kommerziell übertrumpft, da halfen auch die verzweifelten Mainstream-Versuche ab ca. Mitte der 80er nicht, Y&T war immer nur die Vorgruppe.
In der Post-Grunge Ära ging es Meniketti wie so vielen anderen Veteranen, er wurde nicht mal mehr ignoriert, und so verkam Y&T zu einer weiteren verblassten 80er-Legende. Seine Solo-CDs sumpften in faden Blues-Gefilden umher und irgendwann war schließlich auch das Y&T-Archiv geplündert und auf Kompilationen wie "UnEarthed" oder als Bonus Track auf den Wiederveröffentlichungen der alten Platten auf den Markt geworfen.
Meniketti ist jetzt 56 Jahre alt und muss wohl noch eine Weile von seinem Beruf leben, denn ob von den gut vier Millionen in knapp 35 Jahren verkauften Alben noch genügend Tantiemen für den Ruhestand übrig sind, ist fraglich. Auch wenn "Facemelter" ganz sicher nicht die Verkaufszahlen eines "In Rock We Trust" erreichen wird (man bedenke, dass auch davon "nur" knapp 500.000 abgesetzt werden konnten; es war die bestverkaufte LP der Kalifornier), steht die neue Platte der gesetzten Herren unter dem von Aloysius Paulus Maria "Louis" van Gaal hierzulande popularisierten Leitspruch "Tod oder Gladiolen". Geht "Facemelter" in die Hose, darf Y&T künftig bestenfalls bei Oldie-Festivals auftreten, funktioniert die Sache, gibt es eine neue Chance, endlich auch wieder jüngere Fans in den Konzerten und Downloadshops begrüßen zu können. Meniketti hatte also bei der Entwicklung von "Facemelter" keine Zeit für Experimente, er musste schlicht ein richtig gutes Album schreiben.

Von den alten Y&T ist außer Meniketti natürlich nur noch Bassist Phil Kennemore mit im Spiel, aber John Nymann (Gitarre) und Mike Vanderhule (Schlagzeug) sind inzwischen auch schon so lange dabei, dass man von einer richtigen Band sprechen kann, nicht von einem Soloprojekt mit Mietmusikern. Schade ist, dass Schlagzeuger Leonard Haze nicht mehr zur Verfügung steht, der gehört nämlich in die Top 10 der Hard-Rock-Drummer - und spielt momentan für lokale Coverbands aus der Bay Area. Mike Vanderhule trommelt selbstverständlich solide, druckvoll und perfekt, aber Haze ist bzw. war der spektakulärere Typ. Oder auch nicht, denn Vanderhule spielte 2009 beim "Bang Your Head" Festival mit gebrochener Hand. Egal nun, "Facemelter" will gelobt werden.

Als vor einigen Tagen Ronnie James Dio starb, endete eine Ära - 35 Jahre lang war Dio ein Fixpunkt vieler Rockerleben. Eine Ära, die mit ELF begann, über RAINBOW zu BLACK SABBATH und einer hochanständigen Solokarriere führte, bis zum Ende mit HEAVEN & HELL. Dave Meniketti wusste wie wir alle nicht, wie es um Ronald James Padavona stand, er hat trotzdem beinahe eine Tribute-CD gemacht. "Facemelter" hat viel von diesem heute nicht mehr üblichen Gefühl des "Kommt mit auf die Reise ins Rock'n'Roll Land". Jene 40 (auf LP) oder heute 60 Minuten, die im besten Fall Menschen glücklich machen können. Auch wenn es anmaßend klingt, "Facemelter" hat immer wieder Momente, die an die ganz großen Alben wie "Long Live Rock'n'Roll", "Heaven And Hell" oder "Holy Diver" erinnern.
Meniketti singt nicht mehr wie früher, das Alter hat zugeschlagen. Meniketti singt besser denn je. Manchmal ist noch immer ein bisschen Sammy Hagar in seiner deutlich tiefergelegten Stimme, und in Verbindung mit dem bei PURPLE entlehnten Blind Patriot tobt einem perfekter Heavy Rock entgegen. How Long stampft voller Genuss in den Spuren von Monumenten wie SABBATHs Lady Evil oder RAINBOWs Stargazer, sogar mit ähnlich heftigem Gewitter an Bass und Schlagzeug wie bei den Großvätern. Der Sound auf "Facemelter" ist übrigens bemerkenswert rau und naturbelassen. Das kommt hymnischen Midtempo-Nummern wie Shine On perfekt entgegen und bereitet dem älteren Hörer ein Déjà-vu. Der Junghörer darf vielleicht erstmals Hard Rock erleben, wie er in seiner großen Zeit geklungen hat, und keinen auf Bits reduzierten Einheitskrawall aus dem IT-Labor. Spätestens bei I Want Your Money brechen alle Dämme und man wippt begeistert mit. "Facemelter" packt einen am Schlafittchen, das hat es bei Y&T lange nicht mehr gegeben.
Zugeben muss man, dass es auch durchschnittliche Songs gibt. Wild Child, I'm Coming Home und If You Want Me gehören dazu, aber selbst die stehen deutlich über dem Niveau vergleichbarer (gerne skandinavischer) Bands, die seit Jahren behaupten, das Fähnlein des Melodic Hard Rock hochzuhalten. Von Tütensuppenrockern wie WINGER muss man gar nicht sprechen.
Im Mittelteil von "Facemelter" schleichen sich in der Tat einige Hänger ein, aber mit Hot Shot und Blind Patriot folgen sogleich zwei Knaller allererster Güte. Meniketti gibt stimmlich wieder Vollgas und sein Gitarrenspiel ist so grandios, dass man es kaum bemerkt - soll heißen: Der Mann reiht Riff an Riff an Solo wie kaum ein anderer, aber er nervt niemals. Seine Leadgitarre führt, erspart dem Fan aber jeden unnötigen Manierismus und vor allem die bei Gitarrengöttern so beliebten Angeberposen. Menikettis Freund und Mentor Ronnie Montrose pflegte in seinen frühen Jahren einen ähnlich unaufdringlichen Stil.

Y&T ist mit "Facemelter" eine exzellente Platte gelungen, die kommerziell gesehen natürlich 25 bis 30 Jahre zu spät kommt, aber nichtsdestotrotz einem Genre seinen Stolz wiedergibt, das seit Jahren fast nur noch von der Erinnerung lebt. Außerdem beweist "Facemelter", dass auch Rockmusiker über 50 noch heiß und gut sein können. Nur schade, dass es auch in diesem Jahr wieder keine richtige Tour durch Deutschland geben wird, man beschränkt sich auf einen Gig in Köln am 15.06.2010 und vier im Oktober, leider allesamt in einem eigentlich viel zu kleinen Rahmen für die so glanzvoll wiedererstarkte Band aus Santa Clara, Kalifornien.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 02.05.2010


 
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