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A Different Kind Of Truth

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A Different Kind Of Truth
A Different Kind Of Truth, Universal Music, 2012
David Lee Roth Vocals
Edward Van Halen Guitars
Wolfgang Van Halen Bass
Alex Van Halen Drums
Produziert von: John Shanks & Van Halen Länge: 50 Min 05 Sek Medium: CD
1. Tattoo8. Honeybabysweetiedoll
2. She's The Woman9. The Trouble With Never
3. You And Your Blues10. Outta Space
4. China Town11. Stay Frosty
5. Blood And Fire12. Big River
6. Bullethead13. Beats Workin'
7. As Is

Na gut, es musste also wirklich sein. Die offensichtlich lebenslangen Kindsköpfe Eddie und Dave haben noch mal ein gemeinsames Album als VAN HALEN eingespielt. Eines immerhin haben sie in den 28 Jahren seit ihrer letzten Scheibe abgelegt: die albernen Frisuren. Aber der Rest? Der ist wie einst im heißen Sommer 1978, was nicht zuletzt daran liegt, dass ein guter Teil von "A Different Kind Of Truth" aus uraltem, nie verwendeten Material besteht, das nun entstaubt und neu aufgenommen mehr oder weniger nahtlos an das Debut, "VH II" oder "Women And Children First" anschließt. Innovativ ist das nicht, aber bei "Sonic Boom" von KISS hat die Masche auch funktioniert und wenn man sich schon alte Säcke anhören muss, dann bitte lieber mit gutem alten anstatt miesem neuen Zeug.

Apropos mies. "A Different Kind Of Truth" ist mies produziert. Stumpf, breit, matschig, viel zu laut und untauglich auf 70er getrimmt. Aber nicht mal das kann einem den Spaß an der Sache nehmen, denn das kleine fiese Teil rockt wie die Hölle. Klar, David Lee Roth ist längst kein "Diamond Dave" mehr, eher der unbelehrbare Gute-Laune-Brüllkasper von nebenan, und Michael Anthony fehlt als Zweitstimme beträchtlich, aber der dritte Van Halen, Wolfgang, ersetzt ihn zumindest am Bass gleichwertig. Edward irrlichtert wie seit der Erfindung des Tapping daher, tremoliert sich schamlos durch die eigene Geschichte und lässt ein paar Riffberge zerbersten, dass es eine Pracht ist. Alex tritt derweil wie gewohnt ein paar Basstrommeln in Grund und Boden. Kurz: VAN HALEN ist VAN HALEN ist VAN HALEN.
Hoch anrechnen muss man den Recken, dass sie nicht krampfhaft versucht haben, in alter Tradition einen Hit zu konzipieren. Kein You Really Got Me, (Oh) Pretty Woman, kein Dancing In The Street und schon gar kein Jump, die neue und andere Wahrheit besteht aus grundsolidem, manchmal beinahe biederem Hard Rock (Tattoo, You And Your Blues), der trotzdem alle V.H.-Trademarks aufbietet - inklusive der einen und anderen Killer-Harmonie. Davon abgesehen kann man bei Tretern wie She's The Woman auch mit bösester Absicht keine Abnutzungserscheinungen der Protagonisten feststellen, das knallt so gut wie in der lange vergangenen Jugendzeit, nur ein klein wenig seriöser. Ein paar "Sparifankerl" hat sich Edward natürlich trotzdem herausgenommen, in As Is macht er auf ganz jung und Honeybabysweetiedoll ist seine Gitarrenkakophonie des 21. Jahrhunderts. Das ist zwar überflüssig, böse kann man aber deswegen nicht sein, denn: Edward Van Halen kann das. Genau wie Roth trotz nicht mehr taufrischer Stimme immer noch den Glamour in VAN HALENs Hard Rock bringt, selbst wenn er nur mit Bassstimme sprechsingt, und Alex sich vergeblich an Bonhams brachialer Leichtigkeit versucht.
Die alten Nummern stammen tatsächlich aus dem Jahr 1977, also von vor dem ersten Album, und sind Demo- und Bootlegjägern vermutlich bekannt. So auch Stay Frosty, die Alternative zum Ice Cream Man, das somit nicht zu einer lauwarmen Neuauflage des Monsterboogie von '78 wird, sondern die nur ganz wenig schwächere Bruderversion ist. Genau wie es Big River damals gut und gerne anstatt beispielsweise Feel Your Love Tonight oder On Fire auf die erste LP schaffen hätte können. Aber egal, dreieinhalb Jahrzehnte später ist es ja soweit.

"A Different Kind Of Truth" ist 'Big Rock', wie ihn heute nicht mehr viele Bands ohne peinlich zu sein zustande bringen. Dass ausgerechnet VAN HALEN mit David Lee Roth ein solches Album ohne jeden Fremdschähmfaktor auf den Markt wirft, ist die eigentliche Überraschung. Eine sehr gelungene dazu.
Ach ja, eines ist noch zu sagen. Wer VAN HALEN 2012 mit der Formation mit Sammy Hagar vergleicht, hat leider überhaupt nichts verstanden. Der Gesangsgott Hagar hatte zehn kommerziell unmäßig erfolgreiche Jahre mit V.H., aber da wurden ganz andere Töne angeschlagen als vorher mit Roth. "A Different Kind Of Truth" ist die komplette Rückbesinnung auf die Anfangstage, de facto sogar ohne jeden Versuch eines Radio-Hits. Hagars CHICKENFOOT (bekanntlich mit Michael Anthony am Bass) ist mit Sicherheit ein langlebigeres Projekt als diese Retro-Halen, aber für den Moment haben Eddie und Dave die besseren Songs am Start, auch wenn sie alt sind. Die größeren Hallen füllen sie in Amerika sowieso. Es ist eben die andere Seite der Wahrheit.

PS: Man darf gerne auf die "Deluxe Edition" zurückgreifen, denn die Extra-DVD bringt, wenn auch in nur 15 Minuten Länge, ganz starken Akustik-Rock'n'Roll von einer im Moment sympathisch geerdeten Band.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 16.02.2012

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