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Tishamingo

Wear N' Tear

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Wear N' Tear
Wear N' Tear, Magnatude Records, 2005
Cameron Williams Guitars, Vocals
Jess Franklin Guitars, Vocals, Lap Steel, Organ, Piano
Stephen Spivey Bass, Backing Vocals
Richard Proctor Drums & Percussion
Gäste:
Jason Fuller Piano (Legend Of George Nelson)
Tony Giordano Organ, Fender Rhodes (Rome)
Produziert von: David Barbe & Tishamingo Länge: 53 Min 24 Sek Medium: CD
1. Wastin' Time7. Smoked Mullet
2. Hillbilly Wine8. Willin' To Die
3. Poison Whiskey9. Legend Of George Nelson
4. Magic10. Worn Out Soles
5. Rome11. Ain't Got No Time
6. Billy12. Reprise

Solche Bands dürfen einem in Europa eigentlich leid tun. Irgendwo springen zwar ein paar Hundert Fans dieser Musik herum, aber die sind allesamt so verfangen in ihren GRATEFUL DEAD-, ALLMAN BOTHERS- und Warren Haynes-Tapetrader-Verästelungen, daß sie oft erst Jahrzehnte nach dem Ableben einer Band (oder schlimmer: eines Musikers) ziemlich spannende neue Kapellen zur Kenntnis nehmen. Oder ist Totsein eventuell gar Grundvoraussetzung zur Aufnahme in den Club der wichtigen Bands?
In diesem Zusammenhang gewinnt der Begriff "totschweigen" eine völlig neue Bedeutung. Denn eigentlich wäre die Musik einer Band wie TISHAMINGO ansonsten durchaus massenkompatibel.
Sind also gar die Fans schuld am kommerziellen Mißerfolg mancher Musiken?
Das ginge nun wirklich zu weit. Aber eigentlich sollte man diesen Gedanken ruhig mal weiterspinnen. Wer laut schreit ist erfolgreich, wer nicht schreit wird nie erkannt und wer verschwiegen wird, kann noch so gut sein, er wird immer nur ein Geheimtip bleiben. Gut, dann decken wir also über TISHAMINGO auch das Mäntelchen des Schweigens und erwähnen nicht, daß...

Weil es aber doch unser Job ist, so laut wie möglich zu schreien, tun wir das hiermit.
TISHAMINGO sind kein "dirty Rock & Roll" oder ähnlicher Krach - ungeachtet dessen der Reviewer Krach & Rock'n'Roll seit Jahrzehnten durchaus liebt. Die in Athens, Georgia beheimatete Band zückt eher das feinere Messerchen und filetiert den Rock säuberlich, rollt aber dennoch in ihren besten Momenten beachtlich dahin.
Ach ja, die Schublade brauchen wir noch. File this record under "Southern-Jam-Rock"! Die Plattenfirma sagt zwar "new wave of Southern rockers" und spricht von einem "strong Southern Rock flavour", aber ich kann beim besten Willen keinen strengen Geruch feststellen. Das Ding riecht wie alle meine CDs.

In Amerika haben sich TISHAMINGO in den letzten gut zwei Jahren einen Platz in der Liga unterhalb solcher Jam-Größen wie WIDESPREAD PANIC erspielt. Da passen sie auf den ersten Blick auch ganz gut hin, denn gejammt wird auf diesem Album - ihr zweites übrigens - eine ganze Menge. Und noch eins fällt (natürlich) auf: In dieser formidablen Verfassung werden wir Dickey Betts nie mehr erleben! Jess Franklin reproduziert das alte Feeling des greisen Gottes in einigen Momenten - speziell beim begnadeten Opener Wastin' Time, bei Hillbilly Wine und bei Billy - beinahe beängstigend perfekt.
In die ganz tiefe Kiste der ALLMANs-Historie greift man glücklicherweise nicht, genau wie man modernistische Warren Haynes-Frickeleien (aus welchen Gründen auch immer...) außen vor läßt. Dafür kommt eine durchaus erfrischende Version von LYNYRD SKYNYRDs Poison Whiskey zum Vortrag. Ach so, das meinen die mit dem Geruch...

Danach, und wir sind erst beim dritten Song der CD gewesen, geht die Rock & Roll-Inspiration irgendwie flöten. Live mögen Nummern wie Magic und Rome durchaus Feuer entfachen können, auf CD erscheint es doch eher wie zwanghafte Fingerübung. Ein bißchen Latin, ein Spritzer Keyboard-Schwulst... nein, das überzeugt nicht. Auch die behäbigen, wenngleich wirklich schönen, zweistimmigen Gitarren plus Hammondunterstützung auf Billy haben ein Problem: Sie heben nie wirklich richtig ab. Wo man bei den ALLMAN BROTHERS oder WIDESPREAD PANIC auf einen Flug durch blauen Himmel mit wunderschönen Cumuluswolken geht, landen TISHAMINGO nach einem kurzen Hopser wieder auf dem Boden der Tatsachen. Also ehrlich, dafür hat man Jam Rock nicht erfunden. Oder?

Erst in den sechs Minuten von Smoked Mullet kommt man wieder ins grooven. Dafür rockt es nicht so recht...
Was beim simplen Up-Tempo-Countrysong Legend Of George Nelson auch gar nicht nötig ist. Publikumsfang in konservativen Kreisen. Das vom Blues Worn Out Soles auch gut bedient ist. Die Band geht nie an die Grenzen des für den Normal-Amerikaner erträglichen. Ähnlich wie die (von mir durchaus geschätzten) NORTH MISSISSIPPI ALLSTARS oder BLUES TRAVELLER drängeln sich TISHAMINGO irgendwie in die Lücke des Konsens, treten niemandem auf die Füße und sind mitsamt ihrer Hippie-Jam-Irgendwas Attitüde doch letztendlich viel zu brav, viel zu sehr auf den Mainstream bedacht - den es eigentlich in dieser Musikrichtung nicht geben sollte/kann - um wirklich Aufsehen zu erregen.
Der Ausbruch beim abschließenden Ain't Got Time kommt zu spät, um meine Einschätzung dieser fraglos schönen und guten Platte noch in ein "Sehr gut" zu wandeln.

Eine Tour dieser Band würde viel zur Aufklärung beitragen. Auch wenn die oben genannten Fans der vorzugsweise toten Musikerfraktion vielleicht fernbleiben - die Tourneen von STRING CHEESE INCIDENT und STOCKHOLM SYNDROME haben diese These im letzten Jahr eindrucksvoll beschämend bewiesen - könnte der "harsche" Kritiker dieser CD eines deutlich Besseren belehrt werden. Die Band kann viel mehr als sie auf dieser CD zeigt.
Ob TISHAMINGO allerdings an die Intensität der genannten Bands oder gar an THE SAVOY TRUFFLE herankommen... Time will tell.

P.S.: Wo der Name der Band herkommt dürfte klar sein, für solch banale Erklärungen fühlen wir uns nicht zuständig. Geht doch selber ins Kino.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 07.02.2005

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