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Evolution

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Evolution
Evolution, Eigenvertrieb, 2008
Chick Churchill Keyboards
Joe Gooch Guitar, Vocals
Ric Lee Drums
Leo Lyons Bass
Produziert von: Ten Years After Länge: 55 Min 21 Sek Medium: CD
1. I Think It's Gonna Rain All Night6. I Never Saw It Coming
2. She Keeps Walking7. Slip Slide Away
3. Why'd They Call It Falling8. Tail Lights
4. She Needed A Rock9. Angry Words
5. My Imagination10. That's Alright

Die Männer von TEN YEARS AFTER haben etwas geschafft, das in den letzten Jahren so gut wie keiner Veteranenkapelle gelungen ist: Sie sind im Hier und Jetzt angekommen und haben keinen Klotz mehr am Bein. Sie bespielen unermüdlich mittlere Clubs, leben gut davon und haben Spaß. Sie haben ein neues Album aufgenommen - und das macht uns Spaß.

Der Titel der CD mag dem einen oder anderen dreist vorkommen, wer erwartet schließlich nach 41 Jahren im Business noch eine "Evolution", aber genau dies ist Chick Churchill, Joe Gooch, Ric Lee und Leo Lyons widerfahren, sie haben sich endgültig gehäutet und weiterentwickelt, kein Schatten liegt mehr über der Band, das Thema Alvin Lee ist endgültig vom Tisch. Nun müssen nur noch die Fans fordern, dass TYA live auf ein paar alte Kamellen verzichten und zum Beispiel I'm Going Home ausschließlich als Abspann vom Band laufen lassen, dann ist Ric Lees Aussage "… wir sind ja nun hoffentlich wirklich noch eine Band für die Zukunft! Das versuchen wir auch rüberzubringen, wir wollen nicht irgendwo in der Vergangenheit festkleben" aus unserem 2005er Interview Wahrheit geworden.
"Evolution" ist schon Wahrheit. Vermutlich die ehrlichst mögliche Wahrheit über TEN YEARS AFTER im Jahr 2008. Fakt ist, dass die Band mit Joe Gooch einen 1977 geborenen Klassegitarristen hat, der, wie die meisten Klassegitarristen, nebenbei auch singt. Nicht schlecht, aber natürlich nicht wie Bob Seger. Doch das war bei den Bands der "British Blues Explosion" ohnehin nie das große Thema, es ging um die Musik, das Feeling, und kaum eine Band hat das für eine relativ kurze Zeit so exemplarisch dargestellt wie eben TEN YEARS AFTER. Der (kreative) Niedergang mitsamt den unseligen Streitereien mit und um Alvin Lee war nicht so drastisch wie beispielsweise bei Stan Webb und seinen CHICKEN SHACK, aber spätestens seit den eher geriatrischen Tourneen in den Neunzigern waren TYA eine Oldie-Band für die Ewiggestrigen und Nostalgiker, manchmal auch für Biker, die sich Love Like A Man live geben wollten, weil ihnen ansonsten die Eier dafür fehlten. Kerle mit Rückgrat wünschen sich bitteschön für die kommenden Auftritte einen kurzen und knackigen Auftritt von 60 Minuten mit ausschließlich dem Material dieser CD, dann haben sie sich die Choo Choo Mama als Zugabe verdient.
Es ist natürlich unsinnig, TYA als neue Band anzupreisen, aber "Evolution" hat das Zeug für mehr als ein weiteres neues Album einer Legende.

I Think It's Gonna Rain All Night ist ein warmer Regen zum Einstieg. Man sieht schier den Dampf aufsteigen, wenn Goochs Gitarre um sich selbst kreist und ein kleines aber effektives Solo spielt, Churchill seine klassische Hammond wie Donner und Blitz funken lässt und Lyons' Bart lustig wippt, während er seine bekannt flinken Bassläufe abfeuert. So "zusammen" hat man die Band Jahrzehnte nicht gehört. So gut drauf war man als Hörer bei TYA ebenfalls ewig nicht mehr. Das ist klassischer Rock, ohne Muff und Mief, dafür auf der Überholspur.
Die verlässt auch She Keeps Walking nicht, auch wenn's vordergründig etwas bluesiger wird. Gooch stürzt sich in ein brennendes Solo und dann beginnt im Chorus ein satter Shuffle. Die Lokomotive ist nicht mehr neu, aber sie schiebt den Zug immer noch locker über die Berge.
Das Songwriting teilen sich größtenteils Lyons und Gooch, Lee und Churchill stoßen bei Bedarf dazu, was "Evolution" abwechslungsreich macht und alle persönlichen Vorlieben berücksichtigt. Selbst ein eher verhaltenes Stück wie Why'd They Call It Falling wird zu einem Schmankerl, weil Joe seine Gitarre wie ein Southern Rocker singen lässt. Früher wäre derlei unvorstellbar gewesen, aber das Früher hat man hinter sich gelassen. Wenn nur andere Althelden auch so mutig wären…
Was in den ersten Nummern nur latent bemerkbar war, wird bei She Needed A Rock manifest. TEN YEARS AFTER respektive Joe Gooch haben eine Neigung zu Ohrwürmern à la WHITESNAKE/M3/Micky Moody/Bernie Marsden. Auch Joes Stimme passt, er kann so lässig singen wie die beiden letztgenannten. Man höre Slip Slide Away, das in genau dieser Form problemlos auf so gut wie jeden Schlangenbiss passen würde. Natürlich nicht auf die überdrehten Coverdale-Inkarnationen seit dem Verlust der beiden M's.

Um es klarzustellen, auch "Evolution" hat seine nicht so spannenden Momente, aber beinahe jeder Song, vielleicht außer I Never Saw It Coming, kriegt irgendwann doch die Kurve und hat eine Steigerung oder wenigstens dezentes Country-Flair zu bieten (Tail Lights). Wenn dafür ausnahmsweise nicht die Gitarre oder der immer fröhliche Bass-Leo verantwortlich sind, übernimmt Ric Lee die Rolle des Antreibers. Lee wurde schon immer unterschätzt, dabei ist er einer der markantesten Drummer seiner Generation.
Für die Blues-Fraktion gibt es den Achteinhalbminüter Angry Words. Beinahe wirkt so viel Tradition wie ein Fremdkörper auf "Evolution", aber die unaufdringliche Saitenakrobatik und das brillante Klavierspiel machen den Verzicht auf noch eine Überraschung wett.
Zum Schluss gibt's einen flotten Rocker, der auch das Fazit dieser CD ist: That's Alright!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 08.11.2008

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