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Big Bang Theory

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Big Bang Theory
Big Bang Theory, Frontiers Records, 2005
Tommy Shaw Guitars & Vocals
James Young Guitars & Vocals
Lawrence Gowan Keyboards & Vocals
Todd Sucherman Drums, Percussion & Background Vocals
Ricky Phillips Bass & Background Vocals
Chuck Panozzo Bass (Locomotive Breath)
Produziert von: Gary Loizzo & Styx Länge: 56 Min 01 Sek Medium: CD
1. I Am The Walrus (The Beatles)8. Summer In The City (Lovin' Spoonful)
2. I Can See For Miles (The Who)9. Manic Depression (Jimi Hendrix)
3. Can't Find My Way Home (Blind Faith)10. Talkin' About The Good Times (The Pretty Things)
4. It Don't Make Sense (You Can't Make Peace) (Willie Dixon)11. Locomotive Breath (Jethro Tull)
5. I Don't Need No Doctor (Humble Pie)12. Find The Cost Of Freedom (Crosby Stills Nash & Young)
6. One Way Out (Allman Brothers)13. Wishing Well (Free)
7. A Salty Dog (Procul Harum)14. Blue Collar Man @ 2120 (Styx)

Ich mag nicht über CDs schreiben, bei denen sämtliche Meinungen der ebenfalls schreibenden Kollegen identisch sind. Das ist ja sooo fad. Fällt denen denn nichts anderes ein, als eine neue CD von STYX, also gerade und ausgerechnet von STYX, kritiklos abzunicken? Habt Ihr alle Boat On The River vergessen oder kommen Euch tatsächlich immer noch die Tränen der Rührung bei dieser übelsten aller Schmonzetten? Eine solche Kapelle gehört per se direkt in die Pfanne gehauen. Vor allem, wenn sie im Jahr 2005 zu allem Überfluss eine komplette CD mit Coverversionen uralter Hits einspielt. "Kreativer Engpass" heißt sowas! Ausgelutschte Rock-Opis vergehen sich an ihren eigenen Jugenderinnerungen und können das gesamte Machwerk binnen 24 Stunden einspielen, weil sie nie austreten müssen wegen ihrer desolaten Prostata. Jawohl, so schaut's aus, meine Damen und Herren.

Gut, wenn man ehrlich ist, dann war das Vorgängerwerk "Cyclorama" auch schon ein ziemlich kerniger Rock-Brocken und überhaupt nicht harzig (ist schon gut, übelster Klamauk, aber der erste Leser, der uns sagt/schreibt, wie hoch der Brocken im Harz bei durchschnittlichen 17° Außentemperatur am 07. Juni 2005 sein wird, erhält von uns als Wiedergutmachung eine "Best of Home of Rock" CD direkt aus dem Rock'n'Roll-Altersheim).
Und ja, seit die älteren Herren von STYX vor gut 5 Jahren mit den ebenfalls älteren Herren von REO SPEEDWAGON bei einem höchst erfolgreichen Comeback des so genannten Classic Rock in den U.S.A. live abgeräumt haben, sind Totalausfälle wie "Brave New World" von '99 vergessen. Aber deswegen gleich eine CD mit dem Opener I Am The Walrus aufnehmen?

Zwei Dinge fallen bereits bei der äußerlichen Betrachtung der CD auf: Bis auf Locomotive Breath, Wishing Well, Manic Depression und Summer In The City wurde auf die ganz totgenudelten Gassenhauer verzichtet und zweitens sind 9 der 13 Songs ursprünglich von britischen Bands (Nummer 14 ist ein Remake von Blue Collar Man vom eigenen '78er Album "Pieces Of Eight"). So sah das Kräfteverhältnis Ende der 60er, Anfang der 70er aus.
Glücklicherweise sind STYX keine beliebige Oldie-Coverband aus der Bahnhofskneipe um die Ecke, deswegen kann man sich auch die genannten Werbespotjinglevorlagen bedenken- und schmerzlos ohral einführen. Es ist sogar so, dass beispielsweise Locomotive Breath hier tausendmal lebendiger klingt, als es von Flötenfiffi Anderson heutzutage abgehandelt wird. Gleiches gilt für den seelenlosen Paul Rodgers, der sich Wishing Well in der neuen Fassung anhören sollte, bevor er sich für viel Geld als Mercury-Epigone verkauft.
Darüber, ob man Jimi Hendrix heute noch kopieren muss, darf man geteilter Meinung sein. Meine persönliche Meinung: Lasst den Obelisken stehen wo er steht und versucht nicht, ihn zu verrücken oder in gleicher Höhe nachzubauen. Aber gut, eine musikalisch/technisch über jeden Zweifel erhabene Band wie STYX begeht kein Sakrileg mit so einem, immerhin halbwegs erfolgreichen Testballon. Ganz hervorragend gelungen ist vor allem der Gesang.

Mit zwei Songs hätten sich STYX jeglichen Respekt auf immer und ewig verspielen können. Mir war auch überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, die Erfinder von Mr. Roboto ausgerechnet I Don't Need No Doctor und One Way Out nachspielen hören zu müssen. Ersteres von HUMBLE PIE mit Steve Marriott, dem größten kleinen Shouter aller Zeiten, zu einem meiner (und vieler anderer) All-Time-Faves gerockt und zweites von den ALLMAN BROTHERS (!!!) geklaut. Wie, bitteschön, soll das funktionieren?
Bestens funktioniert es. Die Gesangsleistung bei I Don't Need No Doctor nötigt allen erdenklichen Respekt ab, dazu fetzt die Band wie die leibhaftigen PIE und es klingt auch noch taufrisch. Großartig - um nicht zu sagen: Sensationell.
Und One Way Out? Ein Traum! Sapperlot, Tommy Shaw und James Young geben sich die Gitarren dermaßen in die Hand, dass man es im wahrsten Sinne des Wortes sliden hört...
(Zweite Chance für alle Heimleser aufgrund bösartiger Wortverbiegungen unsererseits: Auf welchem Album war One Way Out im Original? Schickt uns die Antwort und werdet mit einer HoR-CD bestraft)

Ebenfalls eine tiefe Verbeugung gibt es für die Adaptionen von I Am The Walrus von den BEATLES (herrlich dramatisch) und I Can See For Miles von THE WHO. Natürlich kann kein Drummer Keith Moon kopieren (obwohl Todd Sucherman einen hervorragenden Job abliefert), dafür sind Gesang und Gitarrenarbeit so extraordinär, dass man sich vor Staunen schier verschluckt.
Astreinen Blues können die Pomp-Poprocker auch. Mit Leichtigkeit wird Willie Dixon's It Don't Make Sense weg-, anschließend PROCUL HARUM (die ich nie mochte) in die Tasche gesteckt und die ewig überbewerteten BLIND FAITH bekommen die bisher schönste Fassung ihres Can't Find My Way Home nachgeschickt.

Wie großartig STYX, befreit von Chart-Zwängen früherer Zeiten, im Jahr 2005 sind, kann man auf "Big Bang Theory" ausgiebig nachhören. Auch wenn es sich "nur" um ein Coveralbum handelt, die Sorgfalt und Liebe, mit der an die großen Originale herangegangen wurde, die Sensibilität im Umgang mit Klassikern und vor allem die traumhafte Musikalität der Band, lässt jeden Zweifler verstummen und den albernen Kritikaster in Grund und Boden stampfen. STYX dürfen das, STYX dürfen von nun an fast alles. Bloß bitte nie mehr Boat On The River und vielleicht eine längere Version von Find The Cost Of Freedom. Danke.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 08.05.2005

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