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Jazz Italian Trio & "Canzoni di Confine" String Orchestra

Johnny Neel And The Italian Experience

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Johnny Neel And The Italian Experience
Johnny Neel And The Italian Experience, Artesuono Produzioni Musicali, 2004
Johnny Neel Hammond Organ, Piano, Vocals
W.I.N.D.:
Fabio Drusin Bass & Vocals
Jimi Barbiani Electric & Slide Guitars
Sandro Bencich Drums
Jazz Italian Trio:
Achille Succi Alto Sax, Clarinet, Bass Clarinet
Giovanni Maier Double Bass
U.T. Gandhi Drums
"Canzoni di Confine" String Orchestra:
Davide Bertoni, Lucia Clonfero, Nicola Mansutti & Marinella Pavan Violin
Elisa D'Agostini Viola
Martina Bertoni Cello
Fabio Serafini Double Bass
Valter Sivilotti String Arrangments
Produziert von: Stefano Amerio Länge: 77 Min 30 Sek Medium: CD
Johnny Neel & W.I.N.D.:6. Stay Widit' (9:01)
1. Trieste Wind (14:36)7. Sounds Of Rome (8:40)
2. Why Me? (10:24)Johnny Neel & "Canzoni di Confine" String Orchestra:
3. Nobody Cares (6:17)8. What Am I (4:24)
Johnny Neel & Jazz Italian Trio:Johnny Neel Piano Solo:
4. Jazz Suite (12:31) - Out Of Cage; Lost Into The World; Finding The Love9. Captured Wanderings (4:17)
5. Leanin' On The Swing (7:01)

Johnny Neel ist seit einigen Jahren offenbar in einem Kreativitätsrausch. Neben seinen eigenen CDs "Late Night Breakfast" und "Gun Metal Blue" betätigt er sich als Songwriter für andere Acts, nimmt mit den Italienern W.I.N.D. auf, lässt sich von denen auch live begleiten, spielt gemäß seiner Homepage zwischendurch mit dem Bluesharp-Haudegen Smoky Greenwell eine handvoll Klassiker ein und daneben hat er auch noch Zeit für eine "Italian Experience".
Jeder Italienfan weiß, wie schön eine solche Erfahrung sein kann - vorausgesetzt man treibt sich an den richtigen Orten herum, also möglichst weit von Touristenstränden entfernt.

Am 2. und 3. Dezember 2002 hatte er ein wenig Muße und nahm im Studio von Soundgenius Stefano Amerio geschwind knappe 80 Minuten Musik auf.
Zwei Tage. Geschwind. Das klingt nach Schnellschuss und Unausgegorenem. Seine kongenialen Partner W.I.N.D. bezeichnen das Ergebnis als "long trip into the art of improvisation". Die Betonung liegt auf dem Wort "art", gemeint ist Kunst. Johnny Neel ist Künstler, seine wechselnden Begleiter auf diesem Album sind ebenfalls Künstler und das Ergebnis ist Kunst im reinsten Wortsinn: "Der Begriff Kunst bezeichnet heute im engeren Sinne die Elemente der menschlichen Kultur, die nicht primär durch ihre Zweckmäßigkeit, sondern durch ihre begriffene Ästhetik Wert für den Menschen entfalten..." (aus "Etymologie und Wortbedeutung", Wikipedia).
Nun ist ganz sicher kaum einem Menschen gegeben, jede Form von Kunst zu begreifen - mir persönlich auf keinen Fall, ganz im Gegenteil, grade in der Kunstform Musik sind meine Toleranzgrenzen deutlich eng gesteckt. Da Kunst aber auch etwas mit Kunstfertigkeit, also handwerklichem Können zu tun hat, nehme ich mir an dieser Stelle heraus, über Musik zu schreiben, die ansonsten von journalistischen Größen wie beispielsweise Ralf Dombrowski (sehr empfehlenswert ist sein Buch über John Coltrane) analysiert wird. Denn mir geht es keineswegs um eine Analyse, sondern einzig um meine persönliche Wahrnehmung und den Versuch, auf den ersten Blick schwer verdauliche Töne dem einen oder anderen Leser nahe zu bringen.

37 Minuten dieser CD sind dem Jazz gewidmet. Johnny Neel improvisiert zusammen mit dem JAZZ ITALIAN TRIO in vier Stücken/Jams über verschiedenen Stilen und auf den ersten, zweiten und dritten Hörversuch muss ein "normaler" Rockmusikhörer verwirrt auf diese vordergründige Kakophonie reagieren.
Die zwölfminütige Trilogie Jazz Suite ist nachgerade ein Musterbeispiel für hochintellektuelle Jazzmusik, die normalerweise einem elitären Rollkragenpulloverpublikum vorbehalten bleibt. Sortiert man aber nach und nach die Instrumente - darunter geniale Saxophon- und Klarinettensoli - und reiht sie virtuell in einen rockmusikalischen Kontext, wird man erkennen, dass der Schritt von Jazz (auch in dieser atemberaubend avantgardistischen Form) zu Rock & Roll gar nicht so groß ist. Vor allem nicht, wenn die Musik - trotz aller solistischen Ausritte - von einem Pianisten wie Johnny Neel zusammengehalten wird, der zwischen minutenlangen, oft kaum nachvollziehbaren Fingerübungen, immer wieder mit beruhigend "konventionellen" Noten dem ungeübten Hörer den Eindruck von "ich verstehe es ja doch" vermittelt.
Neel denkt und spielt längst nicht mehr in Schubladen wie Rock, Jazz oder Blues, er verschmilzt die Genres, philosophiert über Klassik während die Band irgendwo zwischen Miles Davis und Charlie Parker changiert, er swingt, groovt und singt dabei, als säße er in einem sehr sehr dunklen Jazzkeller in New Orleans.

Dass Jazz nicht nur - und im Sinne von Johnny Neel überhaupt keine - todernste Musik für vergeistigte Bildungsbürger ist, sondern tierisch Spaß machen kann, beweißt das Quartett in dieser guten halben Stunde hinlänglich.
Tipp für Neueinsteiger: Mit Stay Widit' beginnen, dann langsam mit Leanin' On The Swing steigern und erst am Schluss in den tosenden Strudel der Jazz Suite springen. Dann klappt's auch mit dem Verständnis.

Den Abschluss der CD bilden zwei weitere sehr spezielle Stücke. Zuerst intoniert Neel zusammen mit einem Streichorchester seinen Song What Am I (möglicherweise einigen Lesern aus der Live-CD "Comin' Atcha..." bekannt). Bitte, man möge das Wort Streichorchester nicht mit Schreckensvorstellungen a la Helmut Lotti oder André Rieu in Verbindung bringen! What Am I ist nicht mehr und nicht weniger als die perfekte Symbiose aus Song und klassischer Instrumentierung plus bewegendem Gesang. Wunderschön. Genau wie das finale Solo Captured Wanderings.

Aber es gibt auch ein Leben vor Jazz und Klassik! Die ersten dreißig Minuten des Albums bestreitet Neel nämlich mit der Band W.I.N.D. und hier wird gerockt. Trieste Wind und Why Me sind in gleicher Fassung auf dem aktuellen W.I.N.D. Highlight "Groovin' Trip" enthalten, der dritte Jam, Nobody Cares, ist exklusiv auf dieser CD.
Es macht wenig Sinn, die Worte von vor wenigen Wochen an dieser Stelle noch mal zu wiederholen. Jimi, Fabio, Sandro und Johnny entfachen ein Bluesrock-Feuerwerk, das bezüglich Power, Virtuosität und Feeling seit Jahren keinen Konkurrenten gesehen hat. Die Intensität dieser Konstellation (natürlich in Verbindung mit dem mir gegebenen Verständnis für diese Musik) treibt mir bei jedem Durchlauf wieder Tränen in die Augen. Herrgott, Jimi, dieses Solo in Why Me? ist wirklich das Größte in vielen Jahren. Ich höre die CD oft.

Damen und Herren, Rocker und Jazzer, Kunst kommt zwar u.a. von Können, aber Ihr müsst auch WOLLEN. Die einschlägigen deutschen Mailorder haben die CD nicht in ihre Kataloge aufgenommen, bezeichnenderweise scheint die Schlucht zwischen Anspruchs- und Kommerzdenken selbst in der kleinsten Nische noch zu groß sein, Ihr müsst Euch dieses bestaunenswerte Album also direkt in Italien bestellen. Ich garantiere: Jeder Käufer wird seine eigene "Italian Experience" machen!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 07.01.2005

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