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Dark Matter
Dark Matter, GEP/InsideOut Music, 2004
Paul Cook Drums, Percussion
Michael Holmes Guitars
John Jowitt Bass, Backing Vocals
Peter Nicholls Lead Vocals
Martin Orford Keyboards, Bass Pedals, Backing Vocals
Produziert von: Michael Holmes Länge: 51 Min 37 Sek Medium: CD
1. Sacred Sound (11:40)Pt. II. The Wrong Host
2. Red Dust Shadow (5:53)Pt. III. Nocturne
3. You Never Will (4:54)Pt. IV. Frame And Form
4. Born Brilliant (5:20)Pt. V. Mortal Procession
5. Harvest Of Souls (24:30)Pt. VI. Ghosts Of Day
Pt. I. First Of The Last

Nach einer kreativen Pause von 4 Jahren konnte man doch recht gespannt sein, ob die britischen Alt-Neoprogger IQ das Korsett des Mainstreams abgelegt haben, um wieder ihre wahren kompositorischen Stärken musikalisch umzusetzen.

Die zahlreichen Anhänger dieser Ausnahmeband werden mit dem neuesten Werk sicherlich wieder sehr befriedigt sein. "Dark Matter" glänzt mit vielen lieb gewonnenen Details, wie tolle Harmonien und einem unheimlich dichten bzw. transparenten Soundgewand.
Gleich der erste 11 Minuten-Track Sacred Sound verlockt mit einem wunderbaren entspannten Intro, bevor es sich in brodelnden Orgelintonationen und den Drums im hektischen Takt ertränkt.
Der ausdrucksvolle Gesang bestärkt den Eindruck, dass sich Peter Nicholls Stimme im Laufe der Jahre mehr gefestigt hat. Auch Gitarrist Michael Holmes lässt immer wieder Assoziationen zu Herrn Rothery's Stil zu. Diese sehr melodiöse, fast schon süßliche Spielweise ist nun einmal das wichtige Merkmal des Neoprog.
Paul Cooks Schlagzeug ertönt sauber bzw. ausgewogen mit bestechender Klarheit aus den Boxen. Es ist schon beachtlich, wie er es immer wieder schafft, das Gerüst für die kunstvollen Kompositionen zu legen ohne dabei aufdringlich zu wirken. Die Zeiten der "klingenden Schuhkartons" gehören zweifellos endgültig der Vergangenheit an.
Der Mittelteil (von Sacred Sound) verbreitet mystische Atmosphäre indem sich Orfords Synthies mit der Gitarre ein harmonisches Stelldichein geben. Dieses pathetische Stimmungsbild entlädt sich in einem Orgelinferno, das beim Zuhörer sofort Erinnerungen an "Awaken" von YES heraufbeschwört.
Dramaturgisch sehr interessant wurde die Schlusssequenz arrangiert. Die wunderbar intonierte Gitarre bildet zusammen mit dem flächigen Synthieteppich die Bridge zu einem bündigen Ende.
Dieser Song kann maßgeblich Sucht nach mehr auslösen!

Red Dust Shadow betört nach einem obligatorischen Akustik-Intro mit dem melancholischen Gesang von Nicholls. Er ist für mich der Einzige der sich mit einem Peter Gabriel technisch vergleichen dürfte.
Der Songaufbau ist ziemlich bedeutungsschwanger und bewegt sich in dem Fahrwasser der letzten MARILLION-Outputs. Das schwebende Mellotron ist hierbei das bestimmende Trademark.
Mit You Never Will folgt ein recht kurzer Rocksong der von seiner eingängigen Melodie und John Jowitts Bassfundament lebt. Das sakrale Intermezzo im Mittelteil ufert in überschäumende Synthiekaskaden aus. Sehr gut gemacht aber ansonsten eigentlich belanglos.

Bei dem folgenden Born Brilliant lassen sich die FLOYDschen Inspirationen nicht von der Hand weisen. Welcome To The Machine wird als Intro schamlos zitiert. Selbst die Gitarren-Tabs könnten aus David Gilmours Feder entstammen.
Es stellt aber keinen Makel dar, der Track besitzt trotzdem sehr viel Atmosphäre. Es finden sich klare Strukturen mit kopflastigen Refrains, lässt es aber nie an verspielten Breaks fehlen.

Das Schluss-Epos Harvest Of Souls, mit stolzen 24 Minuten Spielzeit, zählt zweifelsohne zu den besten Kompositionen die IQ in den letzten Jahren zuwege gebracht haben. Dieses Teil verleiht dem Longplayer mit Bestimmtheit den Klassikerstatus.
Der Song hat nicht nur musikalisch einiges zu bieten, sondern setzt sich in den Lyrics mit einen aktuellen brennenden Thema auseinander. Irak-Krieg, die USA bzw. die Bush-Regierung und ihre verhasste Hauptrolle im derzeitigen Welt"zerr"bild.
Textlich wird der "American Way Of Life" recht zynisch, augenzwinkernd und mit einer gehörigen Portion Ironie abgehandelt. Unterteilt in sechs Kapitel, eröffnet sich die Geschichte wie ein Roman in hingebungsvoller Prosa. Peter versteht es vorzüglich auch zwischen den "Zeilen" zu texten. Folgendes Textbeispiel zeigt das wunderbare lyrische Spiel mit den Worten:
"Der Himmel leuchtet über Amerika,
die Welt ist verloren aber sie liebt Amerika."
...
"Die Hand Gottes verteidigt Amerika,
und wer würde Amerika nicht verteidigen?"

Sein akustisches Intro mit dem zerbrechlich wirkenden Gesang ist sehr stark an den kompositorischen Vorgaben der 70er Progväter orientiert. Die Einflüsse von GENESIS-Werkschauen wie "Selling England By The Pound" wird man hierbei nicht von der Hand weisen können.
Nachdem sich Michaels Gitarre und Martins Orgel, immer dezent begleitet von der brillanten Rhythmussektion, dazugesellt haben, ziehen sich allmählich dunkle Schatten über die bisherige positive musikalische Stimmung. Es kommt zu extremen instrumentalen Ausbrüchen, wobei man die Apokalypse zu verspüren fürchtet.
Die böse Fratze des Krieges wird hier als rein musikalische Form an den Zuhörer herangetragen. Für mich wirkt es wie ein Star Spangled Banner des 21.Jahrhunderts.
Die überaus bedrohliche Spannung schickt sich danach wieder an, versöhnlich einzuschwenken. Zauberhafte Mellotrontöne durchkreisen die Luft, schwebende Gitarrenklänge erreichen ihre Tiefenwirkung. Peter übt sich noch einmal in lockerer Stimmenakrobatik, die Herrn Gabriel schon sehr nahe kommt. Die anschwellenden Orgelkaskaden und der donnernde Bass bilden die Stufen zum elegischen Gipfel.
Nach diesem Spannungsbogen kristallisiert sich ein Grundthema heraus das wohl jeden GENESIS-Jünger in Verzückung versetzen dürfte. Es sind deutliche Anleihen an Suppers Ready nicht zu überhören und übernehmen somit noch einmal die nötige Schluss-Dramaturgie. Gleichzeitig verbeugen sich die Protagonisten auf diese Weise vor ihren musikalischen Ziehvätern.
Ein grandioses Finale sorgt dann für biologische Prozesse mit einer Ganzkörpergänsehaut. Das göttliche Gitarrensolo ist zweifelsohne das Beste was man in diesem Genre während der letzten Jahre auf die Ohren bekommen hat. Nur leider ist es etwas zu kurz geraden, man hätte die Regler viel später herunterziehen können.
Die Ernte der Seelen ist die perfekte Symbiose aus Lebensfreude, Anklage, Schmerz und Hoffnung. Trotz der düsteren Zwischentöne bringen diese musikalischen Aquarelle die in ihnen liegenden Stimmungen zum Ausdruck.

Die wahre Schönheit und Magie des Albums eröffnet sich wie ein guter Rotwein nach dem dekantieren. Am Horizont erstrahlt die Sonne und weist neue Wege für ein hoffnungserfülltes Leben.
"Dark Matter" ist ein Meisterwerk für die Seele und unbedingt zu empfehlen.
Der Sommer kann kommen.
Rock'n Roll will never die!

Textauszug Harvest Of Souls / Ghosts Of Day:
"And when the eyes of children
see past the ones left standing
then the time has surely come
to understand who we are.
Slowly the fires are burning
bearing their silent witness
and the living past returns
to reap the harvest of souls."

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 09.06.2004

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