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Reckoning & Dead Set

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Reckoning
Dead Set
Reckoning & Dead Set, Rhino Records, 2006 (1981)
Jerry Garcia Guitars, Vocals
Bob Weir Guitars, Vocals
Phil Lesh Bass, Vocals
Bill Kreuzman Drums, Percussion
Mickey Hart Drums, Percussions
Brent Mydland Keyboards, Vocals
"Reckoning": 
1. Dire WolfCD 2 - Bonus Tracks:
2. The Race Is On1. To Lay Me Down (Studio Rehearsal)
3. Oh Babe It Ain't No Lie2. Iko Iko
4. It Must Have Been The Roses3. Heaven Help The Fool
5. Dark Hollow4. El Paso
6. China Doll5. Sage & Spirit
7. Been All Around This World6. Little Sadie
8. Monkey And The Engineer7. It Must Have Been The Roses
9. Jack-A-Roe8. Dark Hollow
10. Deep Elem Blues9. Jack-A-Roe
11. Cassidy10. Cassidy
12. To Lay Me Down11. China Doll
13. Rosalie McFall12. Monkey And The Engineer
14. On The Road Again13. Oh Babe It Ain't No Lie
15. Bird Song14. Ripple
16. Ripple15. Tom Dooley
16. Deep Elem Blues
Produziert von: Dan Healy, Betty Cantor-Jackson & Jerry Garcia Länge: 157 Min 02 Sek Medium: Do-CD
"Dead Set": 
1. Samson And Delilah14. Greatest Story Ever Told
2. Friend Of The Devil15. Brokedown Palace
3. New Minglewood BluesCD 2 - Bonus Tracks:
4. Deal1. Let It Grow
5. Candyman2. Sugaree
6. Little Red Rooster3. C.C. Rider
7. Loser4. Row Jimmy
8. Passenger5. Lazy Lightnin'
9. Feel Like A Stranger6. Supplication
10. Franklin's Tower7. High Time
11. Rhythm Devils8. Jack Straw
12. Space9. Shakedown Street
13. Fire On The Mountain10. Not Fade Away
Produziert von: Dan Healy, Betty Cantor-Jackson & Jerry Garcia Länge: 154 Min 18 Sek Medium: Do-CD

Spätestens mit "Go To Heaven" hatten sich GRATEFUL DEAD aus der Gilde wichtiger Plattenproduzenten und Songwriter verabschiedet. Ein orientierungsloser Haufen angejahrter Freaks, dem augenscheinlich nichts mehr einfiel, der aber strategisch clever über die Jahre eine mächtige Live-Reputation aufgebaut hatte und unglaubliche Menschenmassen anzog.
Man darf nicht mutmaßen, dass GRATEFUL DEAD live immer und ausschließlich famos waren. Im Gegenteil, die Menge der desaströsen Konzerte war enorm. Allerdings konnten sie an guten Abenden eben genau jene Magie erzeugen, die Legenden erschafft. Und sie schafften es auch, zwei Live-Doppel-LPs zusammenzuschneiden, die den Ruf als Konzertweltmacht manifestierten (wenigstens bei denen, die selten oder nie die Gelegenheit hatten die Band selbst zu sehen).

15 Konzerte in San Francisco (Warfield Theater) und 8 in New York (Radio City Music Hall) standen im September und Oktober 1980 auf dem Programm. Anlass war der 15. Bandgeburtstag und natürlich waren sämtliche Gigs restlos ausverkauft.
Als Besonderheit starteten DEAD jedes Konzert mit einem Akustik-Set. Das ist insofern eine Besonderheit, da die Band dies seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatte - "Workingman's Dead" und "American Beauty", die beiden (fast) nie mehr übertroffenen Unplugged-Meisterwerke, stammen aus dem Jahr 1970.
Angeblich sollen die ersten Versuche, nach so langer Zeit wieder akustisch zu spielen, reichlich desperat ausgefallen sein. "Reckoning", das im April '81 veröffentlichte Doppelalbum, lässt davon nichts erahnen, im Gegenteil, GRATEFUL DEAD hatten eine so anrührend schöne Sammlung gefühlvollster nicht-elektrischer Musik am Start, dass dieses Album zweifellos als richtungsweisender Meilenstein für spätere Serien ähnlicher Werke gelten muss.
Bereits der Vinylsound war phantastisch, im heutigen HDCD-Standard ist "Reckoning" unschlagbar grandios. Die Nähe und Intimität erscheint fast beängstigend, jedes noch so verhaltene Zupfen auf einer Gitarre, jede Percussion-Feinheit, jeder Tupfer auf dem Klavier und vor allem jede Gesangslinie scheint gradewegs auf dem heimischen Wohnzimmerteppich stattzufinden. Überdies war auch noch die Songauswahl (für das Album, die einzelnen Konzerte waren teilweise weniger spektakulär) perfekt und selbst für DEAD-Verhältnisse ungewöhnlich. Bis ins Jahr 1962 (Deep Elem Blues) griff man ins eigene Archiv zurück. Angefangen von Dire Wolf, schon immer mein Lieblingslied von "Workingman's Dead", bis Ripple von "American Beauty" (die beiden einzigen Nummern dieser LPs) präsentierte sich die Band so schwungvoll und konzentriert wie maximal entspannt und groovend. Völlig belanglos, dass es sich um einen Zusammenschnitt, also "best of 23 nights", handelt.

Grundsätzlich wäre man mit dieser CD vollkommen bedient, vor allem da sie entgegen der CD-Erstauflage wieder die komplette Doppel-LP birgt und auch noch das lästige Aufstehen und Umdrehen entfällt. Rhino Records wären aber nicht Rhino Records, wenn nicht noch ein Nachschlag mit inbegriffen wäre. 16 weitere Songs sind auf der zweiten CD dieses wunderschönen Digipacks enthalten. Davon To Lay Me Down als Studioaufnahme und Tom Dooley sowie noch mal Deep Elem Blues von einem Auftritt in 1978 (warum eigentlich?). Der Rest stammt aus den besagten 23 Konzerten, davon alleine acht vom 23. Oktober in New York. Es gibt zwar etliche Überschneidungen mit CD 1, aber das spielt keine Rolle. Man muss sich nur dem Flow und der Intensität hingeben, dann könnte auch noch ein dritter oder vierter Set folgen und man würde ihm nicht überdrüssig.

Es gilt, was für alle bisherigen Wiederveröffentlichungen von GRATEFUL DEAD gilt: Deadheads und manische Bootlegsammler kann man höchstens mit dem Klang dieser CDs und den dazu geschenkten Titeln überraschen. Will man aber neue Hörer gewinnen, müssen die a.) diese HDCD-Ausgaben besitzen und b.) in allererster Linie "Reckoning" erwerben. Gleich danach "Dead Set", denn...

... die Band hatte sich stromlos wunderschön warmgespielt und wechselte anschließend Abend für Abend zu den elektrifizierten Instrumenten. Die zugehörige Doppel-LP erschien knapp fünf Monate nach "Reckoning" und machte GRATEFUL DEAD für den Rezensenten damals zum endgültigen Top-Act.
Hatte man bei der alten "Reckoning" immer das wohlige Gefühl, ein wundervolles Konzert in Gänze gehört zu haben (gelungene Täuschung), schien beim Groovemonster "Dead Set" die Doppel-LP einfach zu wenig zu sein. Insgeheim wünschte man sich mehr, noch viele Stunden solcher Töne. 25 Jahre später haben wir nun die Vollbedienung. "Dead Set" als Doppel-CD, über 150 Minuten GRATEFUL DEAD, und zwar ganz genau so, wie man (*) sich das immer gewünscht hatte.
*: "Man" ist derjenige, der die Band zwar mochte, aber angesichts mancher viertelstündiger Soundcheck-Jams ("ist es schon Lied oder noch der Stimmgabel-Blues?") erschöpft schnaufend aufgab und lieber zu bekömmlichen 5-Minuten-Songs anderer Bands griff.
Sicher schrie damals mancher Fan böse Dinge von kommerziellem Ausverkauf und Anbiederung an ein Massenpublikum, aber das war natürlich Unfug. Kommerziell waren G.D. per se durch ihr riesiges Publikum und "angebiedert" hatten sie sich schon über Jahre - auch wenn das bei den letzten Studioalben gründlich in die Hose ging. Mit "Dead Set" ist schlichterdings gelungen, was die Band immer wollte: Ein authentisches Livezeugnis in brillantem Sound bei gutem Zustand der Musiker und mit allen "Hits". Der Plan ist aufgegangen, auch wenn, man muss es noch mal sagen, es sich nicht um ein Konzert sondern um viele handelt und natürlich dadurch für den Dauer-DEAD-Hörer die Kontinuität eines einzelnen Auftritts verloren ging. Dem Normalrocker hingegen dürfte ein gelungenes Garcia-Solo vom 26. Oktober in Deal lieber sein als ein missratenes vom 28., auch wenn der Rest der LP-Seite erst zwei Tage später aufgenommen wurde.

Nun ist und war "Dead Set" beileibe keine Aneinanderreihung hingehudelter Wegwerfmelodien. Es sind gerade genug Jams, Soli, Ausflüge in andere Sphären enthalten. Aber Songlängen zwischen zweieinhalb (Space) und maximal siebeneinhalb Minuten (Friend Of The Devil) sind gewissermaßen die Kompaktausgabe dieser Band. Da rockt der New Minglewood Blues kurz und knapp in 5 Minuten direkt auf den Punkt, Little Red Rooster besticht in vierminütiger Exaktheit, Samson verführt seine Delilah zu einem Fünfminutenquickie und so weiter. Klar kann Mydland seinen Fingern freien Lauf lassen und Feel Like A Stranger richtig spacig gestalten (live war Mydland unbestritten, sein sonstiger Einfluss auf die Band ist m.E. eher kritisch zu sehen), klar darf das Schlagwerk für ungebremsten Rhythm Devils-Langzeitgroove sorgen, aber Franklin's Tower wird nicht in Höhen von 12 und mehr Minuten gebaut (man vergleiche mit diversen "Dick's Picks" Aufnahmen), hier wird Funktionsarchitektur betrieben und das Dach bereits bei Minute 5 aufgesetzt. Sogar der Stolper-Reggae Fire On The Mountain funktioniert hier wie eine Aromatherapie, bevor die Greatest Story Ever Told dem schwitzigen Rock & Roll huldigt. Man möchte nach all den Perlen die Faust in die Luft schmeißen und Bravo und Zugabe schreien.

Die Zugabe kommt denn auch in Form der Bonus CD. Im Gegensatz zu "Reckoning" gibt es keine Titelüberschneidungen, dafür erwartungsgemäß die etwas ausuferndere Seite der DEAD. Die 10-Minuten-Grenze wird öfter erreicht, Garcia versteigt sich auch ein paar Mal (was zum Kuckuck will er in Let It Grow beweisen?), dennoch dokumentiert die CD die zielgerichtete Spielweise der Band während dieser Wochen in New York und San Francisco. So viel pure Musik war bei diesem Kollektiv selten. Sie waren so gut beieinander, dass sogar die Travolta-Folternummer Shakedown Street zu einem Ereignis wurde.

Mit diesem fünfstündigen Doppelpack hat man die essentielle GRATEFUL DEAD Liveversorgung, "Europe '72" hin oder her. Nie waren sie besser, nie klangen diese Platten besser.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 02.06.2006

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