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Back Where It All Begins - Live At The Rock And Roll Hall Of Fame + Museum

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Back Where It All Begins - Live At The Rock And Roll Hall Of Fame + Museum
Back Where It All Begins - Live At The Rock And Roll Hall Of Fame + Museum, Eagle Vision, 2005
Dickey Betts Guitars & Vocals
Danny Toler Guitars
Frankie Lombardi Drums, Percussion & Vocals
Michael Kach Hammond Organ, Piano & Vocals
Pedro Arevalo Bass
Länge: ca. 152 Min (DVD) & 60 Min 09 Sek (CD) Medium: DVD & CD
DVD:
1. Opening7. Back Where It All Begins
2. Statesboro Blues8. Come On In My Kitchen
3. Blue Sky9. Seven Turns
4. Change My Way Of Living10. In Memory Of Elizabeth Reed
5. Get Away11. No One To Run With
6. Ramblin' Man12. Jessica
CD:
1. Southbound (Soundcheck Version)4. Donna Marie
2. Blue Sky (Soundcheck Version)5. Jessica
3. In Memory Of Elizabeth Reed

Rock & Roll in der Hall of Fame, Werke alter Meister in der Pinakothek, frühindustrielle Erfindungen lange verstorbener Techniker im Museum, Dinosaurier im Paläontologischen Institut, Lenin im Mausoleum, Gina Wild im Hörbuch. Das mag zwar alles äußerst lehrreich sein, größtenteils sogar lebenswichtig (wenn man nicht nur auf die SAT1-News angewiesen sein will), aber eines haben all diese Dinge gemeinsam: Sie sind tot, Geschichte, Schaustücke, nicht zum Anfassen (was vor allem im Falle Gina Wild bedauerlich ist), Relikte aus vergangenen Zeiten.
Dickey Betts, der Haudegen der ALLMAN BROTHERS BAND, die ihn vor Jahren endgültig rausgeschmissen hat, ist jetzt auch im Museum bzw. der "Rock And Roll Hall Of Fame" angekommen. Und die zugehörige Konzertdokumentation aus einem aseptischen, wenngleich architektonisch sicherlich wertvollen Glaspalast in Cleveland riecht leider nach Mottenpulver und leichter Verwesung.

Betts hat den Namen seiner alten Band GREAT SOUTHERN reaktiviert und spielt dennoch nur Songs der ALLMAN BROTHERS, was angesichts der zwei wunderschönen Platten mit GREAT SOUTHERN schade ist. Andererseits bezeugt es die grundsätzliche (Lebens-) Lüge des 63-jährigen Gitarrengenies, denn so ziemlich alles auf dieser DVD/CD ist mit dicken Fragezeichen zu betrachten. Angefangen beim Titel "Back Where It All Begins" (falls Betts Mitte der Sechziger tatsächlich plante in die Hall of Fame zu kommen, muss Rocker seine Einstellung zu seinen Helden überdenken, schließlich unterstellt man denen i.d.R. ganz andere Motive für ihr Tun), über die verlogen-schönfärberischen Interviews, die zwischen vielen genuschelten "you know" einzig die Freude über die Einfuhr in den Musiker-Walhall relativ ehrlich bekunden, bis hin zur Bandbesetzung, die, außer dem hier noch vertretenen Dan Toler, aus relativ jungen Musikern besteht - mitnichten also ein echtes Great Southern-Revival. Dan Toler, dem man den Spitznamen Dangerous Dan anheftete, erschreckt allerdings niemanden mehr, außer man ist allergisch gegen Vibrato-Orgien, seltsame Fender-Sounds und gelegentlich schräg gespielte Töne. Der Bassist ist gut, gleiches gilt für den Keyboarder und Sänger Mike Kach - warum es allerdings unbedingt ein Gregg-Allman-Klon sein musste? -, nicht jedoch für Drummer Frankie Lombardi, der ständig hinterherhinkt oder unmotiviert dreinschlägt, von Groove ist wenig zu spüren. Unterm Strich reicht es für eine ganz ordentliche ABB-Coverband, für mehr aber definitiv nicht.

Nun ist es so, dass neue Ergüsse einiger weniger Southern Rock Heroen heutzutage mehr oder weniger kritiklos hingenommen werden. Manche Menschen, die vor 25 Jahren damals neue Platten der ALLMAN BROTHERS in Bausch und Bogen verteufelt haben - und bis heute die Größe mancher Songs darauf nicht anerkennen wollen -, nehmen inzwischen jede Zuckung eines früheren oder irgendwie verwandten Mitglieds als Göttergabe hin, derweil sie bis zum Sanktnimmerleinstag auf eine Tour in hiesigen Gefilden warten und sogar Auftritte eines nervtötenden Langweilers wie Derek Trucks abfeiern. Ob inzwischen wirklich gute Bands zu Hunderten den Bach hinabschwimmen, ist ihnen egal. Gehet hin in Frieden und nehmt vielleicht mal die Watte aus den Ohren. Betrübliche Situation, denn so werden wir gezwungen, manchen Superstar der Vergangenheit bis zum bitteren Ende zu sehen/hören, und dürfen ihn nicht in der wunderbaren Erinnerung von früher behalten.
So weit ist es mit Betts glücklicherweise noch nicht ganz, er ist noch einigermaßen lebendig, wenn man auch ein wenig an seinem Gesamtzustand zweifeln kann, denn er bedankt sich beim Soundcheck in der leeren Halle mit einem emphatischen "Thank you all". Und damit zurück zu dieser DVD.

Man hätte dem alten Drogisten beinahe nicht mehr zugetraut, dass er noch so flink über die Saiten flitzen kann. Zwar gelingt nicht mehr jedes Kunststück, aber er zieht den Hals dann doch immer wieder routiniert aus der Schlinge und bezaubert größtenteils mit seinen traumhaften Harmonien. So gerät beispielsweise Jessica einmal mehr zu einem echten Rührstück - Tränen in Hörers Augen inklusive. Chapeau auch Richtung Dan Toler, der hier konzentriert zu Werke geht. Einen Tritt allerdings für den Drummer und seinen misslungenen Übergang im Mittelteil. Außerdem war Joe Turnbull bei REBEL STORM der inspiriertere Pianist. Aber trotzdem, Jessica, Ramblin' Man, Blue Sky, Seven Turns oder Change My Way Of Living (hahaha, außerdem sind die Backing Vocals grausam) sind einfach grandiose Songs, die mit einem Dickey Betts an der Gitarre immer grandios sein werden - so er nicht wie Johnny Winter erbarmungswürdig verfällt. Sein Gesang klingt teilweise bereits verdächtig danach. Dafür knödelt Mike Kach so enervierend, als wäre er Gregg Allmans persönlicher Stimmimitator.

Eine echte Zukunftshoffnung ist Dickeys Sohn Duane (mein Gott), der das Vermächtnis der Elizabeth Reed wirklich würdevoll verwaltet und bei den als Bonus beigefügten Soundcheck-Sessions von Southbound und Blue Sky dem ollen Toler astrein den Arsch abspielt und seinen Daddy nebenbei zu Höchstleistungen antreibt. Wenn er künftig noch seinen maximal stupiden Gesichtsausdruck in den Griff bekommt... Außerdem sitzt bei Southbound ein anderer Drummer auf dem Stuhl und degradiert Lombardi trotz einiger Holprigkeiten zum Stehtrommler - schon groovt es.
Diese beiden Songs sind in gleicher Fassung auch auf der inkludierten CD enthalten, dazu noch In Memory Of..., Jessica und die einzige neue Nummer des gesamten Sets, Donna Marie vom frustrierenden 2001er Album "Let's Get Together". Hier allerdings beinahe ein echtes Highlight mit seinen Latin-Einflüssen. Wer mittendrin allerdings "Rrrrrrr" plärrt, um dem ganzen einen echten SANTANA-Touch zu geben... auch wieder so eine halbgare Verlogenheit dieser Produktion und des gesamten Betts-Spätwerks.

Tja, braucht man nun diese DVD? Nicht wirklich, aber ganz ohne wird man auch nicht auskommen. Dickey Betts war einmal einer der ganz ganz großen Musiker, heute ist er wenigstens noch ein guter Selbstdarsteller, der allzu große Peinlichkeiten vermeidet. Er behauptet zwar im Interview, jede Menge neuer Songs zu schreiben, aber zu hören ist davon nichts. Goodbye Kreativität, welcome im Museum. Wer's braucht, bitte. Man könnte sich aber auch wichtigeren Dingen zuwenden.

PS: LYNYRD SKYNYRD sind auch in die Hall of Fame aufgenommen worden. Es graut einem.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 04.12.2005

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