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Musik aus dem Odenwald

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Sireena Records
Grüne Kraft
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www.amazon.de

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Musik aus dem Odenwald
Musik aus dem Odenwald, Sireena Records/Grüner Zweig, 2003/1977
Länge: 75 Min 58 Sek Medium: CD
1. ZEITENWENDEIch liebe die Liebe
2. ZEITENWENDEWenn der Sommer kommt
3. PAULE DÜSENFINGER & SEINE HEISSEN DINGERAbenddämmerung
4. TURWANLetter to Hermione
5. MARKTPLÄTZCHENThe lonesome boatman
6. PAULE DÜSENFINGER & SEINE HEISSEN DINGERZogen einst fünf wilde Schwäne
7. UREICHELBeutlins Wanderlied
8. PAULE DÜSENFINGER & SEINE HEISSEN DINGERVom Frankenschlag nach Michelau
9. MEISCHEN ZIRPEFEINEs führt über den Main
10.TURWANRain
11. ZEITENWENDESo wie die Blume blüht
12. ZEITENWENDEIch gehe heut in ein anderes Land
13. ZEITENWENDEEs ist lang lang her
14. EMYLEmma Myldenberger
15. UREICHELCrocodiles
16. DRECK SPECK FINGER WEGÖffnet all eure Herzen
17. HARTMUTPierre der rote Coquillard
18. MARKTPLÄTZCHENOboenstück
19. ODENWALD EXPRESSGet it
20. ODENWALD EXPRESSSüße 16 Jahre alt

Als Jahrgang 1964 habe ich verständlicherweise recht wenig von der Musik der Siebziger aus erster Hand mitbekommen. Mein Interesse für Musik erwachte erst so 1977/78. Ich hörte Radio und irgendwie war damals die Rundfunklandschaft sehr viel offener für unterschiedliche Klänge, als sie es heute war. Tagsüber liefen die Hits der BAY CITY ROLLERS, SMOKIE und SWEET, aber wenn die Nacht sich langsam herab senkte, dann gingen Bands wie RAINBOW, UFO oder die SCORPIONS über den Äther, BLACK SABBATH, URIAH HEEP, STATUS QUO und NAZARETH. Die spannendste Sendung war der Plattentest auf SDR3 (später S3), denn da bekam man das ganze breite Spektrum der Musik abseits der Single-Charts präsentiert.

Damals war auch die sogenannte Liedermacherszene ein Schwerpunktthema. Ich lernte Wader, Hirsch, Danzer, Ambros, Degenhardt und wie sie alle hießen kennen. Die Texte waren wichtiger als die Musik, sie hatten politische Aussagekraft und Relevanz, eine völlig andere Welt.

Womit wir uns langsam der "Musik aus dem Odenwald" annähern. Nein, die wurde damals auch nicht im Radio gespielt, entstammt aber dieser alternativen Musikszene, die ihre Wurzeln in den Folkprotestsongs der späten Sechziger hat. Eine Szene, die sich auf Dylan und Baez beruft, die von Woodstock und Vietnam geprägt wurde, aber schnell erkannte, dass vor der eigenen Haustüre genug Themen und Probleme harrten.

Die 68er Studentenrevolten, der kalte Krieg, APO, Marsch durch die Instanzen, AKWs, Hausbesetztungen... Idealisten, die Träume hatten und den Gang der Geschichte mitgestalten wollten. Protest und Widerstand gegen die starre, festgefahrene, von oben verordnete Politik.

Heute hat man fast den Eindruck, als hätte es diese Menschen nie gegeben, als wären sie und ihre Vorstellungen vom Hauch der Geschichte gnadenlos hinweg gefegt worden, doch sie legten den Grundstein für die Friedensbewegung der Achtziger und bereiteten den Weg für eine Partei wie die Grünen.

"Musik aus dem Odenwald" ist eine Facette aus dieser Zeit und dieser Szene, die mehr mit dem Bauch als mit dem Kopf verstanden werden kann und die für nicht direkt Beteiligte in der Retrospektive schwer zu erfassen ist.

Im Herbst 1977 veranstaltete 'Die Grüne Kraft', ein alternativer Heidelberger Verlag, der seit Anfang der Siebziger auch Konzerte organisierte, in Weinheim im Odenwald ein Happening einheimischer Künstler aus Musik, Literatur und bildenden Künsten. Musiker trafen sich und bildeten für ein Konzert neun Gruppen. Sechzig Songs wurden an diesem Abend gespielt und aufgenommen, von denen 13 Stücke im Jahr 1978 als Jubiläumsausgabe Nr. 50 der Undergroundzeitschrift 'Grüner Zweig' veröffentlicht wurden.

Die Tausenderauflage der LP war schnell vergriffen. Es folgte eine Neuauflage als Musikcasette und je mehr Zeit ins Land ging, um so mehr wurde "Musik aus dem Odenwald" zum Kult- und Sammelobjekt, vor allem bei Krautrock-Liebhabern im In- und Ausland.

Zum 25-jährigen Jubiläum der LP-Veröffentlichung erscheint nun eine liebevoll aufgemachte Digi-Pack-CD mit sieben Bonus-Tracks und einem ausführlichen Booklet mit vielen Fotos, Berichten zum Konzert und Album, und ganz interessant, einer Übersicht, was aus den beteiligten Künstlern wurde.

Ich möchte mir nicht anmaßen, ein musikalisches Urteil über dieses Album abzugeben. Dieses obskure Sammelsurium an Volksliedern, subtilen Protestsongs und einigen wenigen rockigen Akzenten ist trotz der Mitwirkung von Mitgliedern von ELSTER SILBERFLUG meilenweit von meinen sonstigen musikalischen Hörgewohnheiten entfernt. Zogen einst fünf wilde Schwäne und Es führt über den Main stehen einträchtig neben Kompositionen von Bowie, Lennon/McCartney und Chuck Berry, sogar Bilbo Beutlins Wanderlied aus dem Herr der Ringe findet man hier.

In erster Linie ist dieses Album ein historisches Dokument einer bestimmten Szene, einer bestimmten Zeit und eines besonderen Lebensgefühls. Für 'Insider' und Dabeigewesene sicherlich eine lohnende Anschaffung um in Erinnerungen zu schwelgen.

Martin Schneider, (Impressum, Artikelliste), 11.10.2003

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