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| Freak'N'Roll ... Into The Fog, Eagle Records, 2006 |
| Chris Robinson |
Vocals, Harmonica, Acoustic Guitar |
| Rich Robinson |
Guitar, Vocals |
| Marc Ford |
Guitar, Vocals |
| Steve Gorman |
Drums, Percussion |
| Ed Hawrysch |
Keyboards |
| Sven Pipien |
Bass |
| Mona Lisa Young & Charity White |
Backing Vocals |
| Left Coast Horns: |
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| David Ellis |
Tenor Sax |
| Gavin Distasi |
Trumpet |
| Joshi Marshall |
Alto Sax |
| Marty Wehner |
Trombone |
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Länge: 134 Min 05 Sek |
Medium: Do-CD |
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| CD 1: | |
| 1. (Only) Halfway To Everywhere | 6. Jealous Again |
| 2. Sting Me | 7. Space Captain |
| 3. No Speak No Slave | 8. My Morning Song |
| 4. Soul Singing | 9. Sunday Night Buttermil Walz |
| 5. Welcome To The Goodtimes | |
| CD 2: | |
| 1. Cursed Diamond | 6. Hard To Handle |
| 2. She Talks To Angels | 7. Let Me Share The Ride |
| 3. Wiser Time | 8. Mellow Down Easy |
| 4. Non Fiction | 9. Remedy |
| 5. Seeing Things | 10. The Night They Drove Ol' Dixie Down |
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Mein Gott, ist diese Band alt. So alt, dass sich der noch viel ältere Vorsänger Chris Robinson offenbar nicht immer daran erinnern kann, wo er gerade sein Drittgebiss abgelegt hat - macht nix, dann klingt die Aussprache halt etwas, ähm, verwaschen. Vielleicht beisst er sich aber auch nur versehentlich in seinen über Jahrhunderte gewachsenen Bart und... ach, man mag es sich nicht vorstellen.
Chris Robinson ist jetzt biblische 40. Zugegeben, auch Steve Marriott klang nie wirklich jung, das traurige Ergebnis ist bekannt, aber trotzdem, bzw. gerade deswegen, muss der aufgeklärte junge Mensch doch nicht jeden Mist nachmachen. Oder?
Die schon seit einigen Monaten veröffentlichte DVD gleichen Namens und Inhalts macht den Genuss der musikalischen Darbietung optisch so zunichte, dass die Anfang Dezember erscheinende Doppel-CD für Ästheten zweifelsfrei die bessere Wahl ist. Welcher gläubige Agnostiker möchte sich schon zweieinhalb Stunden einen zauseligen Spät-Jesus in Großaufnahme anschauen. Nichts gegen lange Haare, aber im Wind sollten sie schon noch flattern können.
Als 1990 die erste - von Ebenfalls-Zausel Rick Rubin produzierte - CD erschien, hatte jeder Rockfan das dringende Gefühl, hier sei eine Rockband ganz kurz vor der (Musik-)Weltrevolution. Knapp zwei Jahre später war die Revolte zwar in "parlamentarische" Bahnen gemündet, aber "The Southern Harmony And Musical Companion" zeigte nochmals den hoch erhobenen Mittelfinger und für ein zünftiges "Mit Verlaub, liebe Musikindustrie, Sie sind ein Arschloch!" mitsamt Monster-Rock & Roll der ganz schmutzigen Sorte reichte es mit Reserve für noch viel mehr. Es gab keine Band, die so tief (nicht knietief, über alle Ohren tief) im bluesig-souligen Abgeh-Hardrock der ganz frühen Siebziger steckte, keine andere Kapelle knallte den Boogie so in HUMBLE PIE-Manier ins Auditorium und schon gar keine andere Band konnte so viele Platten absetzen. Man kann heute noch herzlich über den Rausschmiss bei einer Tour im Vorprogramm von ZZ TOP lachen, der durch die konsequente Kommerzverweigerung der Robinson-Brüder provoziert wurde. Die BLACK CROWES haben von ihren beiden ersten CDs 11 Millionen Stück verkauft...
Auf besagter Tour haben sie sich zwar mit Budweiser angelegt, privat dem Zeug offenbar aber über alle Maßen zugesprochen und dazu die eine und andere verbotene Substanz konsumiert. Anders sind die nächsten Jahre der Bandhistorie nicht zu erklären. Umbesetzungen, bedauerliche CDs, todlangweilige Konzerte (jeder Derrick ist dem Auftritt im Rockpalast 1996 vorzuziehen) und äußerst wirre Statements der Oberkrähe durchzogen die Neunziger. Manche Drogen machen eben apathisch und die CROWES hatten den Mittelweg zwischen Rausch, Rock und Jam überhaupt noch nicht gefunden. Erst 1999 erfolgte mit "By Your Side" die Rückbesinnung auf knochentrockenen Sound, allerdings konnten die Songs ihre heftig rockenden Versprechen langfristig nicht halten und lösten sich mangels Substanz all zu schnell im Nebel des Vergessens auf.
Möglicherweise brachte der faltige ex-ZEPPELIN Jimmy Page den Chaoten etwas Disziplin bei, denn seit der 2000 veröffentlichten (im Dezember '99 aufgenommenen) gemeinsamen Live-CD ging es mit den BLACK CROWES respektive ihren Mitgliedern langsam wieder etwas bergauf. Natürlich herrschte weiterhin Wirrwarr und Streit, bekanntlich inklusive zwischenzeitlichem Split, aber schon 2001 zeigte sich mit "Lions" ein stringentes, wenngleich musikalisch nicht immer überzeugendes Konzept. Endgültig weg vom Haudrauf-Rock'n'Roll, hin zum Jam-Rock mit teilweise immer noch genügend Schmackes. Die Millionenseller waren zwar passe, aber so baute sich die Band eine noch viel treuere Gefolgschaft auf: die der Hippies, Jam-Freunde, Deadheads und ALLMAN BROTHERS-Jünger.
Diese Klientel ist mehr für Sammelleidenschaft denn für Abenteuerlust bekannt, demzufolge gibt es aus den letzten eineinhalb Jahren inzwischen Säcke so genannter "Instant Live Recordings", Bootlegs sowieso, reguläre Liveaufnahmen sind jedoch bis auf die indifferente "Live" von 2002 bisher Mangelware. Da kommt "Freak'N'Roll ... Into The Fog" in der Tat gerade recht. Und Überraschung: die geläuterten (?) Unglücksvögel klingen heute mehr denn je nach, you name it, genau, HUMBLE PIE. Der oben genannte Nebel des Vergessens sollte dieses Werk nicht verschlingen. Get it, Rocker!
San Francisco, Fillmore, Chris Robinson (formerly known as Steve "Cocker" Marriott) und die ebenso stimmgewaltige Anwesenheit von Mona Lisa Young und Charity White (hießen 1973 bei PIE noch Venetta Fields und Clydie King bzw. THE BLACKBERRIES und bei Joe Cockers Irrsinnstrip "Mad Dogs & Englishmen" von 1970 u.a. Rita Coolidge, was alleine jeweils eine Geschichte über 25 Seiten wäre) sind die äußerlichen Anzeichen für eine geistige Verwandtschaft. Dass diese Doppel-CD die Essenz von 5 Nächten ist, weißt auf die genetische Zugehörigkeit zur Familie GRATEFUL DEAD und ALLMAN BROTHERS hin.
Was drin steckt, entzündet über große Teile dieser gut 130 Minuten Flächenbrände auf der Haut des Hörers. Nicht ganz so verheerend wie weiland die Briten um den größten Sänger aller Zeiten (welcher nicht Joe Cocker ist), dafür sorgen einige arg strapaziöse Jams, aber leicht und locker ausreichend für Groovebrandblasen fünften Grades. Nicht behandelbar, absolut entstellend für den Rest des Lebens.
Allerspätestens bei Jealous Again robbt man auf den Knien, so down, down, down and dirty schrauben sich Rich Robinson und Marc Ford mit ihren Gitarren ins Hirn. Von den Gesangsorgien vorläufig noch abgesehen.
"Freak'N'Roll" ist mitnichten Hochgeschwindigkeits-Rhythm & Blues wie vor über 15 Jahren, es wird viel subtiler an die Sache herangegangen, auch akzentuierter, was u.a. ein Verdienst der famosen LEFT COAST HORNS mit ihren Blaskannen ist. Aber der Druck, die Power, die Intensität ist identisch. Nie hörte man vor allem die nicht aus den beiden Erstlingen stammenden Nummern erregender.
Klingt (Only) Halfway To Everywhere noch wie ein verschärfter Aufgalopp für Band und Bläser, derweil sich die beiden Soulgöttinnen schon in der Kabine warmgeröhrt hatten, fallen mit Sting Me alle Schranken und das Rock'n'Soul Universum stürzt über dem Publikum zusammen. Aufstehen, Haare, und im messerscharfen Takt mitgewippt! Der Stich tut weh, die Lust erwacht, nur das Fillmore-Publikum bleibt verblüffend zurückhaltend - s.o., sind halt alte Hippies.
Im sechsten, siebten Hördurchgang hat man endlich Zeit, sich die einzelnen Instrumente näher anzuhören, vorher ist man zu überwältigt vom Sog der heutigen BLACK CROWES. Rich und Marc sind sowieso gesetzt und sollten gewissen anderen heute noch aktiven Steinen und Brüdern Nachhilfeunterricht geben (No Speak No Slave ist Formationsflug in Vollendung), lauscht man aber intensiver Steve Gorman und Ed Hawrysch (Harsch) an Schlagwerk und Tasten, bleibt dem Gourmet der Mund offen. Hoppla, da ist etwas zusammengewachsen. Von Chris und den Nachtigallen vorläufig noch abgesehen.
Einem verhältnismäßigen Studio-Langweiler wie Soul Singing ("Lions") wird Tiefe und Ausschweifung gegeben, und der Space Captain, nun ja, "Mad Dogs..." eben. Lieber Herr Robinson, werden Sie bitte nie wie Herr Cocker. Danke. Und damit zur Gesangsleistung auf dieser erfreulichen Liedgutsammlung: Phänomenal, einzigartig, großartig, oftmals genial. Und dies trotz Haaren zwischen den nicht vorhandenen Zähnen. Dazu die vollkommen outstanding voices der beiden Ladies und fertig ist die wahrscheinlich beste Vokal-Aufnahme der letzten Jahre. Wer nun wissen will, wer diese Mona Lisa Young und Charity White sind, schaut einfach im All Music Guide nach und wird anhand der Meriten der Damen keine weiteren Fragen mehr haben.
Doch kein Nebel ohne Niederschlag. Fast eine Viertelstunde My Morning Sun ist trotz furiosem Finale viel zu lang um den Spannungsbogen halten zu können und ab dem Sunday Morning Buttermilk Waltz, natürlich vom schwachen "Amorica", mutieren die bisher angriffslustigen Räuber zu Nebelkrähen und verfliegen sich zunehmend im Jam. Fraglos wird auch in der nächsten guten halben Stunde Hochklassiges geboten, aber der (Rock-) Faden scheint verloren. Zu akustisch und letztendlich zu filigran improvisieren sich die BLACK CROWES durch die Songs, wobei Improvisation natürlich eher klein geschrieben ist, die wissen schon recht genau was sie tun, aber das kennt man ja von den vergangenen und noch aktiven Helden (GOV'T MULE) dieser Zunft auch.
Einzeln betrachtet sind Nummern wie Cursed Diamond (auch auf "Amorica") oder She Talks To Angels ("Shake Your Money Maker", mit einem schönen Gruß an Gregg Allman & Co.) in stromlosen Versionen begnadet, aber in Verbindung mit Wiser Time oder gar einer substantiellen 10-Minuten-Nullnummer wie Non Fiction (beide wieder elektrifiziert und ebenfalls von "Amorica") wird die Angelegenheit doch etwas zähflüssig und vor allem zu entspannt. Letzteres nervt überdies mit unsinnigen Jazz-Impros gehörig.
Doch die CROWES nehmen wieder Fahrt auf und ziehen sich an den eigenen Federn aus dem Schlamassel. Mit Seeing Things zuerst langsam und vorsichtig, aber vor Soul schier platzend (auch hier gibt es nur den Vergleich mit den epochalen Aufnahmen von "Mad Dogs & Englishmen"), dann im funkigen Segelflug mit halsbrecherischen Boogie-Sturzangriffen und von den alarmierenden Hörnern von Jericho flankiert im alles überragenden Hard To Handle, und schließlich mit dem Blues'n'Boogie-Querfeldeinritt Let Me Share The Ride mitsamt New Orleans-Gebläse. Danach macht sich allerdings wieder das Alter bemerkbar und Mellow Down Easy schleppt sich trotz der heftigen Gitarren etwas zu behäbig dahin. Das haben ZZ TOP vor Jahrzehnten bösartiger hingekriegt. Sei verziehen, denn Remedy bläst endgültig jedes Räucherstäbchen aus und hardrockt mächtig vor sich hin. Die Sache ist nicht mehr zu vermasseln, auch wenn The Night They Drove Ol' Dixie Down natürlich niemals mehr übertroffen werden kann, seitdem THE BAND einen Für-Immer-Klassiker daraus gemacht haben. Jam-Freaks wissen natürlich, dass alle anderen Genrebands den Song auch gespielt haben, scheint also ein Sachzwang für die CROWES zu sein.
In vielen Jahren wird man sicher die auf dann ca. 15 CDs verteilten Aufnahmen der gesamten 5 Nächte im Fillmore zu San Francisco erwerben können und dann zeigt sich, ob man im Sommer 2005 etwas verpasst hat, oder ob die Essenz auf dieser Doppel-CD völlig ausreichend ist. Einstweilen hat man mit "Freak'N'Roll ... Into The Fog" eine fast perfekte CD der mit Sicherheit perfektesten Besetzung der BLACK CROWES. Und das ist nicht anderes als eine klare Kaufempfehlung.
Wenn nun Chris Robinson noch zum Friseur gehen würde...
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